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Demokratie per Los statt Wahl

Joshua Davis erinnert mich mit “How Selecting Voters Randomly Can Lead to Better Elections” an eine Idee, die ich schon lange favorisiere und die mir eigentlich noch besser gefällt als Volksentscheide, obwohl sich beides gar nicht ausschließt: Repräsentative Demokratie kann nicht nur durch Wahlen, sondern auch per Losentscheid realisiert werden. Im antiken Athen war das ein wichtiges Element, welches sich heute nur noch rudimentär in der Judikative findet (in angelsächsischen Ländern übrigens stärker als bei uns). Dabei ließe sich dieses demokratische Element auch heute und selbst in sehr großen Staaten oder ganzen EU gut umsetzen.

Zugleich könnte eine aus allen Bürgern ausgeloste Kammern an Repräsentanten bei der Realisation der Gewaltenteilung helfen. In der Demokratie geht alle Gewalt vom Volke aus. Wie soll man da die Gewalten teilen? Unser System, bei dem das Parlament vom Volk gewählt wird und dann selbst die Regierung wählt, ist da offensichtlich sehr unvollkommen. Würde hingegen die Exekutive oder eine die Regierung wählende Exekutivkammer vom Volke gewählt, während die Legislative aus z. B. 500 ausgelösten Bürgern besteht, gäbe es echte Gewaltenteilung. Zugleich könnte man zur ursprünglichen Bedeutung von Gesetzen zurückkehren, die auf lange Dauer gemacht werden, während die Regierung mit kurzfristigen Erlassen im gesetzlich vorgegebenen Rahmen arbeiten kann.

Was sind weitere Vorteile einer solchen ausgelosten Kammer von Volksrepräsentanten? Sie stellen keine abgehobene politische Klasse dar, sondern kommen direkt aus dem Volk und werden nach z. B. vier Jahren (oder 1.000 Tagen, wenn alle zwei Tage ein Repräsentant ausgetauscht wird) wieder normale Bürger (wenn sich Einzelne nicht als politische Talente erweisen, die gegebenenfalls in die Exekutivkammer wechseln). Während ihrer Amtszeit können sie sich jedoch viel intensiver mit den politischen Problemen und auch verantwortlichen Personen beschäftigen, als das Wählern (oder auch repräsentativ Befragten, auch die sich viele politische Entscheidungen zu stützen scheinen) überhaupt möglich und für diese angesichts von ‘Drei Arten von Kollektivgutproblemen’ sinnvoll ist.

Die 500 weisesten Frauen und Männer würden vielleicht mit mehr Sachverstand entscheiden als 500 zufällig ausgewählte, doch erstens lassen sich die Weisesten kaum eindeutig bestimmen bzw. würde das zu politischen Machtspielen führen und zweitens sind deren Interessen wie auch die von Berufspolitikern nicht repräsentativ für die der gesamten Bevölkerung. Dagegen repräsentieren die Ausgelosten alle Bürger der Grundgesamtheit, auch den hohen Anteil heutiger Nichtwähler. Denn zumindest wenn das Amt hinreichend gut vergütet wird, wird es kaum jemand ablehnen, auch diejenigen nicht, die sich bislang wenig bis gar nicht für Politik interessieren. Eine hohe Vergütung zusammen mit geheimen Abstimmungen dämmt auch Korruption ein.

Kollektive aus liberaler und ökonomischer Sicht

Gestern hatte ich eine wichtige Diskussionen mit Karsten zu Kollektiven etc. in den Kommentaren zu ‘Straubhaar will Demokratie und Souveränität abschaffen’. Diese Diskussion möchte ich hier nicht nachzeichnen, dazu sei auf die Kommentare verwiesen, sondern mit einem generellen Missverständnis aufräumen, was Liberale und Ökonomen angeht. Liberale treten normativ vor allem für individuelle Freiheit ein. Das enthält weder eine beschreibende Aussage zu Kollektiven, etwa dass es sie gar nicht gäbe, noch eine direkt normative, z. B. dass sie schlecht seien. Es folgt nur indirekt normativ, dass die individuelle Freiheit im Konfliktfall höher zu gewichten ist als Ansprüche von Kollektiven. Religionsfreiheit beinhaltet beispielsweise das Recht, sich seine Religion und auch Religionsgemeinschaft aussuchen, diese aber auch wieder verlassen zu dürfen. Dies zu verbieten oder gar mit dem Tode zu bedrohen, wie es zuletzt Kuwait getan hat, ist illiberal. Innerhalb von Religionsgemeinschaften kann es hingegen nahezu beliebig absurde Glaubensbekenntnisse, Hierarchien und Gemeinschaftsrituale geben. Liberale haben also gar nichts gegen Kollektive, solange sie nicht auf grundlegenden individuellen Freiheitsrechten herumtrampeln.

Wie ist das Verhältnis von Ökonomen zu Kollektiven? Zumindest das vorherrschende ökonomische Paradigma vertritt sowohl einen normativen als auch methodologischen Individualismus. Nicht zuletzt wegen des normativen Individualismus sind viele Ökonomen zugleich Liberale, wobei es auch andere Ausprägungen geben kann. So ist der Utilitarismus auch eine sehr ökonomische Position, bei dem es nicht unmittelbar auf die individuelle Freiheit, sondern vor allem auf den individuellen Nutzen ankommt, dessen Summe maximiert werden soll. Der Bezug auf die Summe hat bereits ein kollektives Element, doch Kollektiven wird kein eigener Nutzen zugeordnet, sondern nur den ihnen angehörenden Individuen. Wenn die Kollektive diesen Nutzen der einzelnen Menschen erhöhen, sind sie nach dieser Auffassung gut, bei Nutzenreduktion schlecht und zu verändern oder abzuschaffen.

Methodologischer Individualismus bedeutet ebenfalls nicht, dass die Existenz von Kollektiven geleugnet würde, was ziemlich absurd wäre, sondern dass kollektives Verhalten konsequent auf individuelles zurückgeführt wird. Im wortwörtlichen Sinne können ein Staat, ein Unternehmen oder eine Familie nicht handeln, sondern es sind immer Individuen, allerdings gelegentlich viele oder einzelne stellvertretend für ein Kollektiv oder auch im (falschen) Glauben, als Teil eines Kollektivs so handeln zu müssen. Das ist vielleicht eine recht einfache Auffassung von sozialen Beziehungen und kollektiven Eigenschaften. Gerade in der Soziologie gibt es auch andere Ansätze, doch für die ökonomischen Fragestellungen genügt sie. Ökonomen analysieren nicht Individuen und Kollektive an sich und all deren Eigenschaften, sondern insbesondere deren zielgerichtetes Handeln angesichts von Knappheitsproblemen und damit verbundene Anreizstrukturen.

Der methodologische Individualismus führt zu interessanten Erkenntnissen, wobei die besonderen Probleme kollektiver Entscheidungen im Gegensatz zu individuellen vielleicht bereits in dem Ansatz angelegt sind. Trotzdem hat das Behaupten solcher Probleme empirischen Gehalt. Theoretisch könnten Kollektive, die z. B. nach der Mehrheitsregel entscheiden oder ein ausgezeichnetes Mitglied entscheiden lassen, bessere Entscheidungen treffen als durchschnittliche Individuen. Faktisch ist das wegen Anreiz- und Informationsproblemen selten der Fall. Insbesondere intelligente Individuen dürften zumindest für sich selbst regelmäßig bessere Entscheidungen treffen, während recht unintelligente und irrationale Personen schlechter abschneiden könnten. In jedem Fall lassen sich Kollektiventscheidungen nicht immer vermeiden, insbesondere bei echten Kollektivgütern, so dass über möglichst gute Entscheidungsverfahren nachzudenken lohnt, wobei in jeder Hinsicht optimale Lösungen nicht in jedem Fall möglich sind, wie z. B. Arrows Unmöglichkeitstheorem zeigt.

Another Response to The Lumpy Economist

I am glad to answer (again) to Rüdiger Bachmann alias The Lumpy Economist and his post “The Wirtschaftsphilosoph Responds”, this time at both our blogs simultaneously and thus for the first time in English.

In fact, we do not need dissertations at all. Let the academic market via reputation and publication decide these things. I am of course aware that there is potential for market failure, but by and large the US (and now international) Economics job market system works. People there take professorships without even having finished a dissertation.

I think we are talking about different markets and experiences here. For the best universities and academics I do agree. Formal degrees are neither necessary nor sufficient for excellent scholars. Nevertheless, degrees can be valuable signals of scholarship that is not evident. On average, someone with a doctorate from a good university is better than someone without and the same holds for a habilitation. I have seen several searches for professors in which only the lack of a habilitation or any equivalent prevented the hiring of an academically very poor candidate. The same is true for the doctorate at universities of applied sciences without which many more practitioners without any academic credentials would be appointed. Also in the USA outside of the small circle of top universities the requirement of a PhD for professors is sensible. Good would-be professors can quite easily write a dissertation or even hand in their articles as a cumulative one such that I always wonder why applicants have not already done so if they are really so good.

What did I mean by “ist gar nicht klar, dass vergleichbare, nur dann offensichtlich schlechtere Bedingungen als an US-Spitzenhochschulen wirklich die bessere Wettbewerbsstrategie sind als ein Nischenplatz mit langer Tradition und eigenen Liebhabern“? I was talking about an important general point that is not only relevant for universities but also commercial companies or economic systems. Often there is not just one best strategy everyone should try to copy. Firstly, there could be different equilibria. Several of them could be equally good. Even if one is the absolutely best one, the second one could be only slightly worse such that the switching costs would be higher than any gain from switching. Secondly, one equilibrium does not mean that all players must have the same optimal strategy. Even if strategy A is clearly the best one, the best answer to it could be strategy B, while all players playing strategy A could be detrimental to all of them or all others but the first mover. For the second mover a niche strategy could be much better. This is especially true for German universities that (should) know that they cannot beat the best American universities and what happens to the losers in the USA that are in a much worse position and shape than any German university is.

First, there is the idea of insurance – maybe by making a scientific career too risky we select the wrong people in there (we could lose brilliant, but risk-averse people), but even if we do not, providing insurance is welfare-improving. So having a system that tells people at the end of their twenties, whether they have a shot, versus a system that tells it to them at the end of their thirties or mid-forties is different in that respect.

This is a strong argument but the price for the proposed insurance could be too high. Yes, too much risk in academia (for the young academics, not tenured professors) is a problem because it lowers welfare and may attract the wrong kind of people. However, who decides on which evidence who is hired for life in his or her twenties and who will never be hired whatever (s)he may perform thereafter? I think such decisions would be quite poor. Instead, it should be as clear as possible what is expected to get tenure. Then everybody who wants to try it should have a chance.

Secondly, in society we have – for good reasons – other provisions that prevent us from making ourselves unfree. For example, any German labor court would void any labor contract that binds an employee for the rest of his life to an employer (although committing to stay no matter what may be the bilateral optimal thing to do). Right now the state government of NRW has com[m]itted to “feed” me for the rest of my life, but I have no such obligation to the NRW government to work for them (I am sure this would be unconstitutional). Of course, we can debate whether the Privatdozenten case is such a case (and I am also sure that there are many Privatdozenten that are happy and treated well), but I do not think it takes too much of a liberal paternalism to see that some of these contracts are close to exploitation that maybe we should young (and maybe a little naive and enthusiastic) researchers protect from.

I am not sure what Rüdiger Bachmann is talking about here. It is correct that labour contracts binding employees for life are forbidden. Consequently, there exist no such contracts, neither at German universities nor anywhere else. There is no contract at all for a Privatdozent as such. This is a title, not a job, and one gets it after a successful habilitation and not by signing any contract. The real problem for Privatdozenten is that the title entails no money such that they either need some private funds (there comes the name from) or a job, either at the university or outside. The follow-up problem for Privatdozenten is that there are so few good and tenured jobs besides professorships at German universities such that most of them hold short-term and poorly paid appointments. How denying them even those opportunities helps them in any way or why it is even be called “social” I cannot understand. Good for all current Privatdozenten would be guaranteed life-time employment after the habilitation. However, this would destroy the academic prospects and opportunities for many younger academics.

Europäische Identität durch Volksentscheide

Volksentscheide sind ein wichtiges Element direkter Demokratie und können Mängeln (un)repräsentativer Demokratie entgegenwirken. Das ist auf europäischer Ebene angesichts eklatanter Demokratiedefizite besonders wichtig. Zugleich könnten europäische Volksentscheide dazu beitragen, die europäische Identität stärker auszuprägen bzw. überhaupt erst eine solche gemeinsame europäische Identität zu entwicklen und europaweite Diskussionen zu führen. Dazu kommt es allerdings entscheidend auf die Ausgestaltung dieser Volksentscheide an.

Bislang hat es noch keinen europäischen Volksentscheid gegeben und existiert auch keinerlei rechtlicher Rahmen dazu, weshalb sich gegebenenfalls anbietet, mit einer rechtlich unverbindlichen, jedoch politisch wichtigen Volksbefragung zu beginnen. Dabei sind alle europäischen Völker bzw. genauer diejenigen der EU- oder auch Euro-Staaten wie ein Volk zu behandeln. Ein entsprechender Volksentscheid bzw. eine Volksabstimmung wird also durch die Mehrheit der abstimmenden Europäer entschieden. Qualifizierend könnte noch eine Mehrheit der abstimmenden Völker bzw. Staaten verlangt werden. Für eine wirklich europäische Abstimmung ist jedoch zu vermeiden, dass in jedem einzelnen Staat eine eigene Mehrheit zustimmen muss. Das wäre nicht nur eine viel höhere und bei ernsthaften, kontroversen Themen nahezu unerfüllbare Anforderung, sondern es würde auch die europäische Identität schwächen und stattdessen die nationalen Identitäten stärken. Eine europaweite Diskussion müsste dann gar nicht geführt werden, was bei Mehrheitsentscheidungen durch alle Europäer anders ist.

Wie könnten sich einzelne Nationen dagegen schützen, überstimmt zu werden? Einerseits entspricht es guter demokratischer Tradition, Mehrheitsentscheidungen zu akzeptieren, auch und gerade wenn man gelegentlich überstimmt wird. Andererseits sollten die einzelnen Völker einmal grundsätzlich zustimmen, ihre nationale Souveränität an dieser Stelle einzuschränken, nicht zugunsten von ungewählten Bürokraten und bestenfalls national legitimierten Politikern, sondern für die Mehrheitsentscheidungen aller Europäer, zu denen jeder mit gleicher Stimme beiträgt. Schließlich sollte es in jedem Falle, selbst ohne europäische Volksentscheide, eine Austrittsklausel geben. Wenn ein Land mehrheitlich EU oder Euro verlassen will, kann es daran ohnehin nicht gehindert werden. Das ist jedoch kein Grund für ein Vetorecht bei jeder Sachfrage.

Fünf Schritte gegen die E-Mail-Flut

Tim Harford gibt “Five steps to an organised inbox”. Die kann ich gut gebrauchen, habe ich doch weit über 1.000 E-Mails in meinem allgemeinen Eingangsordner und als Wirtschaftsphilosoph anderswo noch einmal weit über 200.

Step one: take advantage of free disposal.

Wir sollen viel mehr E-Mails einfach löschen, “all that is needed is the ‘will to delete’”. Ja, aber so einfach ist das gar nicht, da in den E-Mails ja interessante Meldungen enthalten sein KÖNNTEN. Viele E-Mails habe ich auch bereits angesehen, aber noch nicht abschließend bearbeitet. Ihre Erledigung durch Zeitablauf ist dann häufig die einfachste Option.

Step two: take a data-driven approach.

Damit ist gemeint, dass man keine Zeit damit verschwenden soll, E-Mails in Ordner zu sortieren. Man kann sie auch in einem großen Ordner, ggf. dem Eingangsordner, suchen. Ich sortiere sie ganz einfach nach Zeit “Eingang 2011″, “Eingang 2012″ bzw. “Ausgang 2011″, “Ausgang 2012″ etc. Leider funktioniert die Suchfunktion in meinem E-Mail-Programm nicht mehr richtig (weil ich zu viele E-Mails habe), so dass ich dann in den großen Ordnern eigentlich nur nach Zeit oder Absenderangabe ordnen kann. Interessant ist auch der empirische Ansatz zur Lösung des Problems: “look at what people do, quantify how effective it is, and let the data speak.” Das sollten wir Ökonomen wohl viel häufiger tun.

Step three: invest wisely.

Die E-Mail-Ordner sind keine gute Investition (an Zeit, Geld kostet das alles nicht). Dagegen lohnt es, sich aus den meisten E-Mail-Newslettern wieder auszutragen (und sich zu Beginn gar nicht erst einzutragen). Herr Harford empfiehlt auch das Blocken von Junk-Versendern, was meine Universität ganz gut von sich aus erledigt (GMX dagegen nicht bzw. wohl nur im kostenpflichtigen Bereich).

Step four: remember that, in extremis, bankruptcy can be your friend.

Mit Bankrott ist gemeint, dass man alle E-Mails einfach löscht und dann selbst eine kurze E-Mail heraussendet, alles gelöscht zu haben, so dass wichtige Dinge bitte noch einmal geschickt werden mögen. Ich würde das allerdings keinem empfehlen, gerade weil es wichtige E-Mails gibt und man seine Kontakte verärgern dürfte (bereits mit der zusätzlichen E-Mails über das eigene Chaos oder auch der Notwendigkeit, dass sie sich deshalb um bereits erledigte Vorgänge noch einmal kümmern müssen). Am ehesten hilft hier vielleicht eine kleine Lüge (die aber moralisch problematisch ist), nämlich die Behauptung, alle E-Mails seien einem technischen Defekt oder auch einem geklauten Rechner zum Opfer gefallen (so ziemlich mein größter Horror in diesem Bereich).

Step five: never forget opportunity cost.

Ja, das ist extrem wichtig, auch wenn es manchen nicht als philosophisch gilt. Die oben beschriebene Möglichkeit, dass in E-Mails wichtige Informationen schlummern könnten, ist dagegen abzuwägen, dass auch sonst überall Interessantes lauert, z. B. im WWW, in einem Buch, dem nächsten Gespräch, beim Nachdenken im eigenen Kopf etc. Wirklich gelöst ist das E-Mail-Problem damit noch nicht, doch seine Relativierung hilft bereits, sich darum weniger zu sorgen, E-Mails länger liegenzulassen und dann irgendwann zu löschen oder für immer in “Eingang 2012″ wegzusortieren.