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Zum Euro die Drachme bzw. den Geuro hinzu

“Ökonomen schlagen ‘Geuro’ für Griechenrettung vor” und zumindest Sebastian Jost von Welt-Online überschüttet deshalb einen Banker mit Lob (für eine etwas ausgewogenere Darstellung siehe z. B. Joseph Cotterill):

Thomas Mayer ist seit Jahren einer der profiliertesten Ökonomen in Deutschland. Weil der Chefvolkswirt der Deutschen Bank die Euro-Krise so erklären kann, dass auch Laien sie verstehen. Weil er Risiken für den Steuerzahler beim Namen nennt. Und weil er auch mal um die Ecke denkt.

Das hat er bei der Währungskonferenz der “Welt”-Gruppe und der Stiftung Familienunternehmen einmal mehr bewiesen. Da zerbrechen sich Politiker und Wissenschaftler seit Monaten den Kopf darüber, ob Griechenland im Euro bleiben kann oder ob das Land die Drachme wieder einführen wird.

Nun zeigen Mayer und seine Ökonomen-Kollegen von der Deutschen Bank einen dritten Weg auf: In Griechenland könnte künftig mit zwei Währungen zugleich bezahlt werden – mit dem Euro und einer ganz neuen Form des eigenen Geldes.

Ist das wirklich eine so innovative Idee? Ich schrieb bereits letztes Jahr ‘Zum Euro die Mark hinzu’ und war damit auch nicht der erste. Dabei steckt der Teufel ohnehin im Detail. So ist die Ergänzung des Euro mit Drachme oder Geuro schwieriger als in Deutschland mit Mark oder teutonischem Teuro. Insbesondere die griechischen Schulden werden dann noch unbezahlbarer als ohnehin schon und es drohen viel Bankenpleiten und/oder ein Banken-Run, wenn z. B. die Einlagen in Euro auch auf Geuro umgestellt werden sollen. Hier versteckt sich dann wohl auch das eigentliche Anliegen des ‘Banksters’, dass doch bitte einmal mehr alle Banken und privaten Forderungen mit öffentlichen Mitteln gerettet werden sollen. Davon halte ich nichts, sondern rate ohne jedes eigene Interesse zu einer Umstellung wie in ‘Vom Euro zur Drachme’ beschrieben, wo ich auch schon annahm, dass die Euro-Scheine weiter gültig bleiben. Touristen und andere Käufer in Griechenland sollten dann die Wahl haben, ob sie mit Geuro oder zum aktuellen Tageskurs in Euro bezahlen, während Griechenland souverän hinsichtlich des Geuro ist.

Was lernen wir insgesamt daraus? Erstens sind Banker, Journalisten und Politiker (wenn ich z. B. an die sonntägliche Jauch-Sendung mit den Herren Sarrazin und Steinbrück zurückdenke) nicht die besseren Wissenschaftler oder gar kreative Ideengeber. Da werden schon eher in Blogs oder sogar bei Twitter neue Ideen und gute Argumente ausgetauscht. Die Ansichten von Politikern sind allein deshalb interessant, weil sie vielleicht irgendwann danach handeln (oder auch nicht). Zweitens ist den Banken, anderen Finanzinstitutionen und ihrem Rat weiterhin nicht zu trauen. Sie haben andere Interessen als Staaten, der Rest der Wirtschaft und die normale Bevölkerung. Man darf nicht vergessen, dass sie die Finanzkrise verursacht haben und auch an der europäischen Schulden- und Währungskrise alles andere als unschuldig sind, aber bislang kaum reformiert und rereguliert wurden. Drittens sind weder der ewige unveränderte Erhalt des Euro noch völliges Chaos in Griechenland alternativlos. Es gibt bessere Wege, beispielsweise zum Euro die Drachme bzw. den Geuro hinzu.

Zwölf Argumente für den Euro und ihre Zurückweisung

Karsten stellte vor einer Woche dankenswerterweise in diesem Kommentar die folgenden zwölf Argumente für den Euro zusammen, die ich jeweils kritisch hinterfragen werde:

[1] Es gibt ein großes Risiko, dass es zu diversen “runs” insbesondere auf Banken kommt, wenn der Euro abgeschafft wird. Ökonomen können dieses Herdenverhalten nicht modellieren und die meisten geben das auch zu. Wie, wo und wie heftig und in welcher Reihenfolge hängt auch davon ab wie das Ende des Euros genau abläuft. Fast die gesamte Ökonomik hat die Bankenkrise verschlafen, hat z.B. die Dramatik der schon seit vielen Jahren bekannten griechischen Misere verschlafen und deshalb sagen seriöse Ökonomen inzwischen ganz ehrlich, dass man das Risiko für die Weltwirtschaft, die sich ja noch lange nicht von der Bankenkrise erholt hat, nicht vorhersagen kann. Kommt es nur zu einer kleinen Delle oder zur größten Weltwirtschaftskrise aller Zeiten?
(Natürlich gibt es dieses Risiko auch, wenn der Euro unkontrolliert untergeht. Wenn man also sicher ist, dass er sowieso nicht klappen kann, egal wie sehr die EU sich noch verändert, dann ist das hier kein Argument für die Verteidigung des Euros. Aber wenn das sowieso das unweigerliche Schicksal ist, dann brauchen einen diese ganzen Argumente nicht zu interessieren.)

Ich sehe nicht, dass es sich hier um ein Argument für den Euro handelt. Wenn es den Euro noch nicht gäbe, dann wäre dieses Risiko des Banken- und auch Staatsanleihen-Runs ein starkes Argument gegen seine Einführung. Nun gibt es den Euro, was natürlich die Sachlage und damit die eigentlich relevante Fragestellung ändert. Relevant ist nicht mehr, ob die Einführung des Euro eine gute Idee war, sondern ob seine Auflösung jetzt betrieben oder eher verhindert werden sollte. Mit dieser Ob-Frage hat das vorliegende Argument jedoch wenig zu tun, sondern es geht dabei um das Wie, sei es der Auflösung des Euro oder auch seiner Fortführung.

Ein chaotisches Euro-Ende dürfte tatsächlich, fast schon tautologisch zu Chaos führen. Inzwischen hege ich sogar den Verdacht, dass einige verantwortliche Euro-Befürworter auf einen griechischen Euro-Austritt mit möglichst viel Chaos in Griechenland hinarbeiten, um das dann als abschreckendes Beispiel für andere Euro-Länder hinstellen zu können. Dabei besteht jedoch das Risiko, dass sich das Chaos nicht auf Griechenland beschränken lässt und zu genau dem Euro-Ende führt, vor dem abgeschreckt werden soll.

Bei einem geplanten Euro-Ende oder auch Austritt einzelner Länder kommt es sehr darauf an, wie dieser Plan aussieht. Ein schneller und vor allem überraschender Austritt ließe gar keine Zeit für einen Banken-Run. Warum sollten Griechen danach noch zur Bank rennen, wenn sie dort ohnehin nur noch Drachmen bekommen? Zumindest das muss natürlich garantiert werden, wozu auch die Verbindlichkeiten der Banken in Drachmen umgestellt oder ansonsten insolvente Banken bzw. zumindest deren Einlagen gerettet werden müssen. Das könnte Griechenland mit seiner eigenen Zentralbank bewerkstelligen, aber natürlich auch gründlich verbocken. Ein anderes Problem dabei ist, dass die Überraschung wohl höchstens einmal gelingt, so dass entweder alle Länder zugleich den Euro aufgeben müssten oder Banken-Runs in Portugal, Irland und Spanien drohen, sobald Griechenland auf diesem Wege austritt. Ein probates Mittel dagegen wären Unterstützungsmaßnahmen der EZB in unbeschränkter Höhe, die aber vielleicht politisch nicht durchsetzbar sind. Wenn alle Banken jedem Sparer jeden gewünschten Euro auszahlen, dann ist der Banken-Run nicht wirklich schlimm und endet bald in einem großen Wiedereinzahlen.

Es gibt Alternativszenarien zu einem überraschenden Austritt, die ich befürworten würde, weil sie vorher diskutiert und demokratisch legitimiert werden können sowie gegebenenfalls wiederholbar sind. Wenn Griechenland beispielsweise eine Zweitwährung einführt, können die Euro-Scheine und -Beträge bei der Bank erhalten bleiben. Die Euro könnten auch in einen Korb aller neuen Währungen getauscht werden oder als Währung des schwächsten, also wohl Griechenland, statt des wirtschaftlich stärksten Euro-Mitglieds, Deutschland, fortgeführt werden.

Umgekehrt schützt der Erhalt des Euro doch gar nicht notwendigerweise vor Banken-Runs. Die einzelnen Euro-Länder haben keine monetäre Souveränität mehr, was ein wichtiges Argument gegen den Euro ist. Wenn die EZB oder auch andere Euro-Länder nicht für alle Bank-Einlagen garantieren, ist ein Banken-Run stets eine latente Gefahr. Außerdem besteht das Risiko eines chaotischen oder auch stark abwertenden Euro-Austritts auch genau so lange, wie ein Land der Euro-Zone angehört.

[2] Die Abwicklung sämtlicher innereuropäischer und sonstiger internationaler Schulden wäre ein langjähriger politischer und juristischer Alptraum, wenn man den Euro abschafft.

Auch das wäre ein starkes Argument gegen die Euro-Einführung gewesen. Wenn der nun bestehende Euro irgendwann später von einzelnen oder allen Ländern abgeschafft wird, wird dieses Problem größer sein, was für eine schnelle Abschaffung spricht. Doch selbst wenn man den Euro um jeden Preis dauerhaft verteidigen will, wird man dieses Problem nicht los, da die Schulden auch in Euro von Ländern wie Griechenland nicht mehr bedient werden können und folglich irgendwie, ohne bestehende Rechtsgrundlage, abgewickelt werden müssen. Was wir da bisher gesehen haben, ist nicht sehr ermutigend. Ein geordneter Euro-Austritt könnte für alle besser sein, wobei an der nötigen politischen Weisheit zu dessen Umsetzung allerdings leider auch gezweifelt werden muss.

[3] Die neue DM würde natürlich sehr stark aufwerten. Man kann nicht vorhersagen wie dramatisch und wie lang. Ist das für die deutsche Exportwirtschaft nur kurz oder auch langfristig ein großer Nachteil?

Die deutsche Exportwirtschaft würde leiden und auf jeden Fall würden die deutschen Exportüberschüsse zurückgehen. Doch das ist in Wirklichkeit ein Vorteil, sowohl für Deutschland als auch seine Handelspartner. Die Überschüsse sind eine Form von Ungleichgewicht, welches reduziert werden sollte. Der Euro verhindert das, weshalb andere Euro-Länder Verschuldungsprobleme haben und Deutschland reale Leistungen ohne entsprechende Gegenleistung erbringt. Mit einer starken DM würde Deutschland mehr importieren und konsumieren. Dass sich die Überschüsse in ihr Gegenteil, also Defizite, verkehren, ist nicht zu erwarten, weil die Stärke der DM an diesen Überschüssen hängt und flexible Wechselkurse für einen Ausgleich sorgen, den der Euro verhindert.

[4] Stabile Wechselkurse bzw. die gleiche Währung machen banalerweise Investitionen weniger riskant. Natürlich dann nicht, wenn man befürchtet, dass eine Währung jederzeit zusammenbrechen kann, but, please, that’s not the point. Das Ziel ist natürlich das Vertrauen in den Euro wiederherzustellen durch eine andere europäische Fiskal- und Währungspolitik.

Die gleiche Währung senkt nicht automatisch das Investitionsrisiko. Erstens gibt es das benannte Risiko, dass die gemeinsame Währung endet. Dann ändern sich die Verhältnisse schlagartig statt graduell, wie es bei flexiblen Wechselkursen der Fall wäre. Außerdem lässt sich dieses Risiko am Markt schlechter absichern, da die Gültigkeit entsprechender Verträge und das finanzielle Überleben von Vertragspartner grundsätzlich unsicher sind. Zweitens sind die Investitionen auch bei Fortbestehen des Euro mit dem erhöhten Risiko von Staats- und Bankenpleiten behaftet, eben weil die einzelnen Staaten ihre Währung nicht mehr selbst kontrollieren. Schließlich gibt es keine “andere europäische Fiskal- und Währungspolitik”, sondern die real existierende, die gegenwärtig vielleicht Investitionen in Deutschland begünstigt, doch solche in Griechenland abschreckt.

[5] Kein seriöser Zeitgenosse bezweifelt, dass die EU eine besondere, neue Art von Gemeinschaft ist. (Gegner geben dies auch meist zu, um dann anschließend über diese Besonderheiten herzuziehen.) Selbstverständlich würde diese Gemeinschaft durch das Scheitern des Euros verändert werden. Hierzu könnte man jetzt leicht ein halbes Dutzend Unterpunkte aufführen, was mit dem Prestige, dem Einfluss in der Welt, dem inneren Selbstverständnis, dem Vertrauen der Bürger, der Vorbildfunktion dieses besonderen Experiments für das friedliche Zusammenleben der gesamte Welt, und und und geschehen könnte. (Dies ist an sich noch zu allgemein um ein echtes Pro-Euro-Argument zu sein. Pro und Kontra entsteht erst, wenn man sich auf eine ernsthafte Diskussion der vielen Unterpunkte einlassen würde. Das lohnt aber erst, wenn es Interesse daran gibt. Wenn wider Erwarten doch Interesse bestünde könnte man diese historische, staatspolitische Seite ausführen.)

Auch hier ist zu fragen, ob es sich wirklich um ein Argument für den Euro handelt. Dass der Euro die EU oder sogar das friedliche Zusammenleben in Europa gefährdet, spricht doch klar gegen ihn. Deshalb ist es auch so gefährlich, Europa rhetorisch an den Euro zu koppeln. Reales und politisches Kapital sollten besser in seine glimpfliche Auflösung statt sein Weiterexistieren mit allen schlimmen ökonomischen und dann auch politischen Folgen investiert werden. Sehr hohe Arbeitslosigkeit und eine über Jahre schrumpfende Wirtschaft nur wegen des Euro trägt kein Volk auf Dauer mit, während z. B. der gemeinsame Markt der EU die wirtschaftliche Lage für alle Beteiligten verbessert.

Es war wohl der Plan, mit Einführung der Währungsunion eine politische Union quasi zu erzwingen, doch dieser Plan ist gescheitert. Es gibt keine Garantie, dass die europäische Integration fortschreitet und das auch noch notwendigerweise zum Guten. Die jetzige Ausgestaltung des Euro ist offensichtlich dysfunktional und die konkreten politischen Anpassungspläne etwa über striktes Sparen machen die Sache nicht besser. Eine politische Gefahr ist natürlich, dass der eine nötige Schritt zurück, die Euro-Auflösung, weitere, unnötige oder gar schädliche nach sich zieht, die bisherige Integrationsdynamik sich also in ihr Gegenteil verkehrt. Je länger und vehementer jedoch die realen Nachteile des Euro geleugnet und seine vermeintliche Notwendigkeit beschworen werden, desto schwieriger wird es, der europäischen Entwicklung eine andere, positive Richtung zu geben, etwa durch die Aufnahme neuer Mitglieder und reale Investitionen in die Infrastruktur des Kontinents statt in faule Staatsanleihen ohne praktischen Nutzen für die Menschen.

[6] Viele Argumente sind natürlich davon abhängig, ob man grundsätzlich die weitere Integration der EU begrüßt. Wenn ja, dann gilt als ganz zentrales Argument: Da ein föderales Europa angestrebt wird, wird man die jetzige Krise – ähnlich wie vorherige schwere und langanhaltende Krisen- z.B. wg. der common agricultural policy und wegen dem EWS – als notwendigen weiteren Schritt hin zum Ziel sehen. Es ist sehr naiv zu glauben, dass ein föderales Europa ohne solche tiefe Krisen entstehen kann. Die europäischen Nationalstaaten haben bereits viel Souveränität abgegeben; dabei entstand ein großes Demokratiedefizit; weitere Schritte werden mühsam und schmerzhaft und es kann gut sein, dass nicht alle Nationalstaaten den Weg gemeinsam gehen wollen. Aber nur so ist es möglich ein föderales Europa zu schaffen.

Diese Art von Krisenlogik ist falsch. Vielleicht ist eine stärkere Integration nicht ohne Krisen (oder gar Kriege) möglich, doch daraus folgt nicht, dass jede Krise integrationsfördernd ist. Erstens trägt jede Krise das Risiko des Scheiterns in sich. Zweitens treibt eine Krise die Integration nur dann voran, wenn die Integration zur Lösung der Krise beiträgt, statt ihre Ursache zu sein, wie es beim Euro der Fall ist. Drittens ist überhaupt nicht zu sehen, wie das Demokratiedefizit durch den Euro abgebaut werden soll. Im Gegenteil, der Euro gefährdet noch stärker als die Integration Europas deren Demokratie(n). Ein förderales Europa um jeden Preis, nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch, also z. B. mit Halbierung des Lebensstandards und faktischer Aussetzung der Demokratie, kann man doch nicht ernsthaft befürworten.

[7] Abhängig davon wie der Euro untergeht, wäre unter Umständen die EU als Gemeinschaft, wo man für einander einsteht unwiderruflich ideell geschädigt. Das Ideelle und das Symbolische sind bei Kollektiven ganz entscheidend. Verachtung dafür (“nur symbolisch”, “nur eine Idee”, “nur eine Idee”) zeugt von einem tiefgreifend Unverständnis von kollektiven Prozessen.

Die Schädigung geht meines Erachtens ganz klar von den Euro-Befürwortern aus. Sie verknüpfen unzulässig den Euro mit der EU und der europäischen Idee, die ohne ihn viel überzeugender sind.

[8] Man schafft nicht künstlich Krisen, um etwas zu bewirken. Es ist aber sowohl für Individuen wie für Kollektive bekannt, dass man gerade dadurch seine Identität und Selbstbewusstsein schafft, dass man Krisen meistert. Früher waren es bei Staaten vor allem Kriege, die etwas Neues entstehen ließen. Bei Kollektiven ist das besonders leicht zu verstehen. Man schafft eine gemeinsame Identität indem man etwas gemeinsam bewältigt hat, obwohl man zwischenzeitlich nicht so sicher war, ob es klappt.

Im Grunde ist das eine Wiederholung, zumindest in meiner Erwiderung. Identität schafft nicht die Krisenursache, sondern das dagegen Rettende. Ein leider unrealistisches Szenario, wie die europäischen Völker durch die Euro-Krise zusammenwachsen könnten, ist das gemeinsame Abschütteln ihrer europhilen politischen Eliten. Es gibt durchaus gemeinsame Interessen der Menschen und Völker in Europa, doch die führenden Politiker handeln aus meiner Sicht dagegen und nicht dafür.

[9] Die Menschen in Europa und ganz besonders die Mitglieder der Eliten verhalten sich weitgehend bereits jetzt als europäische Bürger. Die Legitimität der EU beim Eingriff in die Alltagspolitik der Nationalstaaten ist beeindruckend. (Hierzu habe ich viel geschrieben und WP hat kein einziges Mal darauf reagiert.)

Natürlich habe ich bereits mehrfach darauf geantwortet, auch wenn die Antwort einem Euro-Fan nicht gefällt. Die Eingriffe der EU werden von den nationalen Regierungen erst initiiert und dann umgesetzt. Die EU ist im Wesentlichen eine zwischengeschaltete Instanz der nationalen Regierungen, der sie alle unpopulären Entscheidungen, die sie selbst getroffen haben, anlasten können. Zum Teil sind diese Entscheidungen gut, z. B. grundsätzlich hinsichtlich des gemeinsamen Marktes, zum Teil sind sie leider katastrophal, z. B. rund um den Euro und nun den zu dessen Rettung initiierten Fiskalpakt.

[10] Wenn sogar mitten in einer beispiellosen Krise in Griechenland die ganz große Mehrheit für den Euro ist (und für einen Verbleib in der EU sowieso), dann ist das allein schon in Argument dafür, dass alles getan werden sollte diese Währung zu retten.

Was ist denn das für ein Argument? Soll man mehr Euro-Propaganda betreiben, weil viele Menschen auf Propaganda hereinfallen? Außerdem wollen die meisten Griechen den Euro doch nicht bedingungslos oder auch nur in seiner heutigen Form, sondern verbunden mit großen Transfers, zu denen mögliche Transferzahler, insbesondere deutsche, keine Lust haben. Natürlich bekommt man Transferzahlungen lieber in einer harten Währung. Eigener Wohlstand lässt sich hingegen besser mit einer eigenen Währung erarbeiten, während der Euro für Griechenland zu hart ist und mit der Wirtschaft das Leben von Millionen Menschen ruiniert.

[11] Es ist nicht verwunderlich, dass gerade in Griechenland selbst bei den meisten radikalen populistischen Parteien die EU und der Euro weiter positiv gesehen werden. Ökonomen können das qua ihrer eingeschränkten Weltsicht nur so erklären, dass die Griechen rational nachrechnen, dass ihnen das Ganze unterm Strich finanzielle Vorteile bringt. Viel, viel wichtiger für Griechenland ist: Die Mehrheit der Griechen glaubt verständlicherweise nicht an die Fähigkeit ihres Nationalstaates (bzw. ihrer Eliten) sich grundlegend zu reformieren. Eine neue Währung, eine schnelle Abwertung und ein allgemeiner Schuldenschnitt würden dafür sorgen, dass die miserable politische und gesellschaftliche Grundstruktur bestehen bleibt.

Das ist möglich, doch keineswegs sicher. Die Logik, dass Krisen die Identität stärken können, ist doch für Europa noch gar nicht erwiesen, für Nationalstaaten hingegen schon oft. Vielleicht erwächst den Griechen eine verbesserte nationale Identität daraus, dass sie zusammen mit dem Euro ihre alte Elite abschütteln. Ein Protektorat bietet jedenfalls keine verheißungsvolle Zukunft (höchstens der Kampf dagegen) und auch nicht das Verteilen europäischer Transferzahlungen durch die bisherigen korrupten Politiker.

[12] Also egal ob in Griechenland oder in der gesamten EU: der Euro ist ein politisches Projekt und er wird politisch scheitern oder politisch gelingen.

Der Euro ist tatsächlich ein politisches Projekt und schien doch anfangs auch politisch zu gelingen. Mir sind keine rein politischen Probleme beim Euro bekannt. Woran der Euro scheitert, sind seine enormen wirtschaftlichen Unzulänglichkeiten. Die Politik kann nun versuchen, mit enormen Ressourcen gegen die wirtschaftliche Vernunft anzukämpfen, doch langfristig ist das nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch zu teuer. Die klügeren Politiker wissen das vermutlich auch bereits, scheuen aber die Realisation der Austrittskosten, weshalb sie die Sache hinauszögern, bis es gar nicht mehr anders geht oder sich ein passender Anlass findet.

Staatsschulden und Krise

“Der richtige Umgang mit Staatsdefiziten” ist ein sehr lesenswerter Beitrag von Wolfgang Scherf bei Ökonomenstimme. Es wird (graphisch) schön gezeigt, wie in einer konjunkturellen Krise ein ausgeglichenes Staatsbudget kontraproduktiv ist bzw. das Volkseinkommen stark schrumpfen lässt. Neben automatischen Stabilisatoren (z. B. Arbeitslosengeld für die krisenbedingt Arbeitslosen), die bereits notwendig mit einem Budgetdefizit (ggf. in Schattenhaushalten) verbunden sind, ist aktive Stabilitätspolitik z. B. über Konjunkturprogramme nötig, um eine Vollauslastung der Kapazitäten wie außerhalb der Krise zu erreichen. Der simultane Abbau eines strukturellen Staatsdefizits ist gleichzeitig weder sinnvoll noch überhaupt möglich (ohne massive Krisenverschärfung), da er einfach die konjunkturellen Maßnahmen konterkarieren würde. Folglich ist staatlicher Schuldenabbau in einer Wirtschaftskrise überhaupt nicht zu empfehlen. Insbesondere die FDP hat jede Wirtschaftskompetenz eingebüßt, seitdem sie die Forderung nach Steuersenkungen und -vereinfachungen, die sich liberal rechtfertigen ließen, durch eine nach pauschalen Schuldenbremsen und -verboten ersetzte (siehe auch “VWL für Piraten: die Schuldenbremse” von Stephan Ewald). Nun ist Deutschland momentan gar nicht in einer konjunkturellen Krise, doch für südeuropäische Länder ist die ihnen gerade von Deutschland verordnete Austeritätspolitik fatal.

Die Analyse ist keynesianisch, doch gerade für Wirtschaftskrisen, die es in der neoklassischen Modellwelt in der Form gar nicht gibt, scheint mir das angemessen. Eine Staatsschuldenkrise, die etliche europäische Länder zugleich haben, ist etwas anders gelagert. Wenn die Schulden sehr hoch sind, sind private Gläubiger nur noch zu hohen Zinsen bereit, Staatsanleihen zu kaufen, was die Schulden weiter erhöht oder sehr starke Budgetkürzungen verlangt, insbesondere wenn die Zinsen ins Ausland abfließen. Dadurch sinkt das Volkseinkommen, was die Schulden relativ dazu weiter erhöhen kann, wodurch die Zinsen weiter steigen, bis irgendwann niemand mehr freiwillig Geld leiht. Der ‘normale’ Ausweg über die Notenpresse ist den einzelnen Euro-Ländern durch den Euro verbaut, da sie über diesen nicht souverän verfügen können. (Solange die Wirtschaftskrise anhält, würde mehr Geld übrigens nicht zu Inflation führen, da gleichzeitig zu wenig und zu viel Nachfrage nicht möglich ist.) Eine Alternative ist der Staatsbankrott, der jedoch danach die Verschuldungsmöglichkeiten drastisch reduziert. Ansonsten ist, wenn andere Länder und/oder die EZB nicht helfen, der realwirtschaftliche Einbruch sehr groß, wie sich tatsächlich beobachten lässt.

Außerhalb der Krise, also in wirtschaftlich normalen Zeiten oder während eines Booms, sind Staatsschulden anders zu bewerten. Die Abbildungen des Beitrags suggerieren, dass auch dann durch weitere Staatsverschuldung das Volkseinkommen beliebig gesteigert werden könnte, was jedoch nicht der Fall ist. Bei hoher Kapazitätsauslastung gibt es Preiseffekte, also Inflation,  und eine Verdrängung von privaten Investitionen und privatem Konsum durch die staatlichen, defizitfinanzierten Ausgaben (was Neoklassiker immer erwarten, da es auf perfekten Märkten nie eine Krise gibt). Idealerweise würde der Staat dann Budgetüberschüsse bilden, die über den Konjunkturzyklus die Defizite aus Krisenzeiten genau ausgleichen. In der Praxis lässt sich das nicht so genau steuern, zumal Politiker auch im Boom Anreize zu prozyklischem Verhalten haben und die einzelnen Konjunkturphasen nicht immer klar zu erkennen sind (wenn z. B. strukturelle Arbeitslosigkeit kaum von konjunktureller zu unterscheiden ist). Ein gewisser, selbst über den Konjunkturzyklus wachsender Stand an Staatsschulden ist jedoch hinnehmbar, solange die Schulden nicht völlig ungehemmt explodieren.

Schließlich sollten die staatlichen Ausgaben stets möglichst effizient erfolgen. Laut Keynes kann es in einer wirtschaftlichen Depression sogar sinnvoll sein, wenn Arbeiter dafür bezahlt werden, Löcher zu graben und wieder zuzuschütten. Das ist für sich genommen jedoch nie sinnvoll und soll nur die Bedeutung staatlicher Nachfragepolitik unterstreichen. Würden die Arbeiter das Geld fürs Nichtstun bekommen (z. B. als Arbeitslosenhilfe), dann wäre das effizienter, da der Nachfrageeffekt derselbe und das Arbeitsleid geringer wäre. Noch besser ist es, wenn die Arbeiter halbwegs bzw. möglichst produktiv beschäftigt werden. Staatliche Konjunkturprogramme sollten also möglichst sinnvolle Ausgaben umfassen, selbst wenn für sich genommen sinnlose Ausgaben immer noch besser als gar keine sein können. Idealerweise werden ohnehin geplante staatliche Investitionsprojekte durchgeführt bzw. solche Projekte gleich für Krisenzeiten geplant und in Boomzeiten reduziert. Auch Investitionen in Humankapital sind sinnvoll, z. B. neue Studienplätze. Arbeitsbeschaffungsprogramme sollten auch nach dem höchsten Grenznutzen ausgewählt werden, weshalb in der Regel eine geringe Entlastung neuer hochproduktiver Arbeitsplätze von Sozialabgaben oder Steuern besser ist als die Komplettsubventionierung unnötiger Arbeit (wie das Graben und Zuschütten von Löchern). Wenn in Griechenland für Tote Rente und für Sehende Blindenunterstützung gezahlt wurde, so ist die Einstellung solcher Zahlungen dringend nötig, jedoch ebenfalls nachfragewirksam, weshalb andere, sinnvollere Staatsausgaben an ihre Stelle treten sollten.

Begründung meines Rankings für den Wolfson Economics Prize

Stephan Ewald hatte ich bei Twitter zugesagt, mein Ranking der ‘Finalisten beim Wolfson Economics Prize’ zu begründen. Nichts leichter als das, weil es sich quasi von selbst aus der Preisfrage und der Struktur der fünf Antworten ergibt. Zur Erinnerung, die Preisfrage lautete “how best to manage the orderly exit of one o[r] more member states from the European Monetary Union” (siehe hier oder direkt da).

Den Vorschlag von Neil Record habe ich auf den 5. und damit letzten Platz gesetzt, weil er von faktisch zweifelhaften bis falschen Annahmen ausgeht und moralisch Zweifelhaftes oder sogar Selbstwidersprüchliches empfiehlt. Es leuchtet nicht ein, dass kein Land austreten kann, ohne dass der ganze Euro zerbricht, was dann geheim vorbereitet und ganz schnell abgewickelt werden müsste. Geheimhaltung bedeutet, dass auch über das Ende des Euros nicht offen diskutiert und wirklich demokratisch entschieden werden kann, was schon ein Grundübel bei seiner Einführung war. Außerdem ist sie selbstwidersprüchlich, da der Preis und sein Vorschlag öffentlich sind.

Jonathan Tepper liefert gute Gegenargumente gegen Neil Record und alle Euro-Fans, die einen Euro-Austritt für extrem schwierig und gefährlich bis unmöglich halten. Er verweist darauf, dass es Austritte aus und Auflösungen von Währungsunionen schon oft gegebenen hat und diese recht leicht möglich sind, während dahinterliegende Probleme viel schwerwiegender und schwieriger zu lösen sind. In gewisser Weise ist das der beste der fünf Beiträge. Ich habe ihn nur deshalb auf Platz 4 gesetzt, weil er die Preisfrage eher nebenbei erledigt und transzendiert. Das könnte natürlich auch den 1. Platz oder zumindest einen Sonderpreis rechtfertigen.

Roger Bootle macht einen einfachen, jedoch vor allem juristischen Austrittsvorschlag, wonach jedes Land einfach festsetzt, was seine (neue) Währung sein soll. Weil er wirklich die Preisfrage beantwortet, habe ich ihn auf Platz 3 gesetzt.

Den Vorschlag von Catherine Dobbs, alle Euro(forderungen) in einen gewichteten Korb neuer Währungen zu tauschen, finde ich innovativer und interessanter, deshalb Platz 2, auch wenn er recht kompliziert und etwas unrealistisch wirkt.

Der Vorschlag von Jens Nordvig und Nick Firoozye ist im Grunde eine sinnvolle Kombination der beiden vorgenannten Vorschläge, weshalb er intellektuell anspruchsvoller und gegebenenfalls in der Umsetzung vorteilhafter ist. Entsprechend habe ich ihn auf Platz 1 meines persönlichen Rankings gesetzt.

Ich bin gespannt, wie die Finalisten ihre Vorschläge konkretisieren und was dann die Jury entscheidet, die zumindest bei der Vorauswahl kein großes Gewicht auf akademische Standards legte. Ob das die Auswahl verbesserte oder nicht, kann ich mangels Einblick in die übrigen der insgesamt 425 eingegangenen Vorschläge nicht beurteilen.

Finalisten beim Wolfson Economics Prize

Beim ‘Wolfson Economics Prize’ stehen nun entgegen anderslautenden Befürchtungen (“Wolfson’s prize is impossible to win”) fünf Finalisten fest, siehe bei Policy Exchange. Es fällt auf, dass die Vorschläge eher aus einem wirtschaftspraktischen als akademischen Umfeld stammen. Es werden noch fünf weitere Einreichungen benannt (in einer Presseerklärung [hier auf Deutsch], in der auch Abstracts von den Vorschlägen zu finden sind), eine von einem LSE-Professor und eine von einem zehn- bzw. jetzt elfjährigen Jungen (der in Twitter-Kommentaren als “tyrannisch” bezeichnet wurde, nur weil er einen Zwangsumtausch für Griechen von Euro in Drachmen vorgeschlägt). Wie viele Einreichungen es ingesamt gab und wie diese aussahen, konnte ich auf der Seite allerdings nicht finden.

Bislang habe ich nur die Abstracts gelesen (vielleicht gehe ich demnächst auf die einzelnen Beiträge ein, wobei diese von den Autoren noch überarbeitet werden dürfen) und hätte danach die folgende Präferenzfolge für die fünf Finalisten:

1. Jens Nordvig und Nick Firoozye für den Vorschlag, Forderungen nach inländischem Recht in die jeweils neue nationale Währung umzustellen (wie 3.) und solche nach internationalem Recht in einen Korb aller neuen Währungen (entsprechend 2.).

2. Catherine Dobbs schlägt vor, alle Euro(forderungen) in eine gewichtete Verteilung der neuen Währungen umzuwandeln.

3. Roger Bootle will “nach dem Prinzip der Lex monetae, der Währungshoheit, auf Euro” umzustellen, also “jedes Land bestimmt die Währung, die nach seinen Gesetzen gültig ist.”

4. Jonathan Tepper “behauptet, von Währungsausstieg und Abwertung werde oft prognostiziert, sie führen zum Weltuntergang, doch das treffe selten zu.” Der Ausstieg selbst ist leicht und hat historische Vorbilder, die grundlegenden Probleme der Überschuldung und geringen Wirtschaftskraft sind damit aber noch nicht gelöst.

5. Neil Record meint dagegen, “dass der gesamte Euro abgeschafft werden müsste, sollte ein Land die Eurozone verlassen”, weil dann seine Glaubwürdigkeit (dass er auf Dauer besteht und nicht weitere Länder ihn verlassen) dahin ist. Zur Abschaffung seien Geheimpläne nötig, die er gleich öffentlich mitliefert.