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Anmerkungen zur Tyrannei der Arithmetik

Stephan Ewald hat den interessanten Beitrag “Die Tyrannei der Arithmetik” geschrieben, zu dem ich hier ein paar Anmerkungen machen möchte, zumal ich an einer Stelle direkt dazu aufgefordert wurde.

(Ich finde es ein bisserl übertrieben neben PK [Paul Krugman] in Klammern erwähnt zu werden :~)

Beim nächsten Mal kann ich es auch gerne umdrehen und den Nobelpreisträger in Klammern erwähnen.

Dann wird Paul McCulley zitiert:

Let’s start with a simple tautology for any individual country: Household Financial Balance + Business Financial Balance + Government Financial Balance + Foreign Financial Balance = 0
Again, double-entry bookkeeping: the only way one of the four sectors can run a deficit or surplus is for one or more of the other three sectors to run the opposite. This assertion doesn’t, of course, tell us anything about causation. Nor does it tell us about the composition or the sustainability of the starting positions for global stocks of debt and assets. It’s simply the tyranny of arithmetic for the flows of funds.

So weit ist es korrekt (nur beim Vorzeichen der Auslandsposition muss man aufpassen, da es um die Kapitalbildung oder Verschuldung des Auslands geht):

Die obige Gleichung ist eine schlichte Buchhaltungs-Identität und muss per definitionem gelten.

Wie können wir dann aber daraus etwas über die Welt und die richtige Politik lernen? Dazu bedienen sich die Herren Ewald und McCulley eines Tricks:

Wie Paul McCulley sagt[,] hilft sie [die Buchhaltungsidentität] uns nur dann weiter[,] wenn wir die Dynamik in den verschiedenen Sektoren betrachten. Er macht das an dem Beispiel USA. Der Privatsektor (Haushalte und Firmen) produziert Überschüsse. Die US Haushalte müssen ihre Rekordverschuldung reduzieren. Die US Firmen horten ihre Rekordprofite. Der Auslandssektor – Schwellenländer wie Deutschland – arbeitet hart um US$ Überschüsse zu erwirtschaften. Die Kehrseite der Medaille ist das Defizit des US Staatssektor[.]

Das scheint mir noch eine reine Beschreibung zu sein. Doch jetzt kommt’s:

Was passiert[,] wenn der Staatssektor diese Dynamik in den beiden anderen Sektoren ignoriert bzw. negiert? Er also auch geringere Defizite oder sogar Überschüsse erzielen will. Das Resultat dieser Wirtschaftspolitik kann man in Spanien besichtigen. Die spanische Ausgangslage war ein bisschen anders als in den USA. Der Privatsektor hochverschuldet und der Auslandssektor erzielte Überschüsse von bis zu 10% des spanischen BIP. Aber der spanische Staatssektor produzierte Überschüsse. In Ermangelung einer eigenen Währung konnte der Staatssektor auf den Kollaps nicht a’la USA reagieren und Spanien stolperte von der Großen Rezession in die Große Depression.

Das mag ja sogar stimmen, folgt aber mitnichten aus der Buchhaltungsidentität. Die Sektoren müssen insgesamt zum Ausgleich kommen. Es ist keine definitorische, sondern eine theoretische bzw. empirische und sogar normative Frage, ob der Staat mit Defiziten zu reagieren hat, wenn Haushalte und Unternehmen Überschüsse erwirtschaften. So ist es in einer Krise nicht zwingend, dass der Privatsektor Überschüsse erwirtschaftet. Gerade die Banken wären schwer verschuldet, würden sie nicht vom Staat gerettet. Der Staat könnte auch hohe Steuern einnehmen oder regulatorisch jeden Sektor für sich zum Ausgleich bringen.

Was sind denn nun die Gegenargumente der Austeritäts-Befürworter? Im Prinzip lauert mehr oder weniger versteckt hinter jedem Gegenargument die Theorie von der Ricardian Equivalence.

Die Ricardo-Äquivalenz finde ich aus verschiedenen Gründen nicht überzeugend, was ich bei anderer Gelegenheit einmal ausführen werde. Aber ist sie wirklich das einzige Argument für Austerität (zumal sie noch nicht einmal wirklich dafür spricht)? Mir scheinen noch mindestens zwei andere Gründe wichtig: Erstens kann das Staatsdefizit selbst als Problem empfunden werden. Zweitens möchte kein Euro-Land für das Defizit von anderen aufkommen müssen.

Jetzt müsste ich noch eine Jeremiade über den Euro schreiben wegen der Qualifizierung von Paul McCulley “mit eigener FIAT Währung”. Aber der Beitrag ist sowieso schon so lang da reiche ich den Stab an den Wirtschaftsphilosophen weiter in der Hoffnung auf einen Beitrag dazu von ihm.

Eigentlich ist der Analyse wenig hinzuzufügen. Man könnte noch den jeweiligen Zentralbanksaldo als fünfte Position einführen (oder das auch zum Staatssektor zählen, wie es Herr Ewald bei “VWL für Piraten: die Schuldenbremse” tat). Dann zeigt sich, dass Euro-Länder über diese Position nicht frei verfügen bzw. keine eigene Geldpolitik betreiben können. Außerdem sind sie jeweils bei ihren Defiziten beschränkt, da ihnen tatsächlich die Euro ausgehen können. Schließlich gibt es noch die Hoffnung, dass von anderen Euro-Ländern Transferzahlungen geleistet werden, was aber diese anderen Länder, insbesondere Deutschland, nicht wollen. So trägt der Euro zu realen ökonomischen Problemen und politischem Streit bei statt zu Prosperität und Völkerverständigung.

Viele Kommentatoren hier führen gerne eine Systemdebatte. Zum Beispiel Carlos mit seinen Hinweisen, dass der Kapitalismus ganz von alleine an die Wand fährt. Ich habe nichts gegen Systemdebatten und finde persönlich das System des Finanzkapitalismus auch suboptimal um es milde zu formulieren. Trotzdem sollte man meiner Meinung nach unterscheiden. Man kann eine Debatte über Probleme wie Austerität JA oder NEIN im Rahmen der Systemlogik führen. Das habe ich hier versucht. Und man kann eine Meta-Debatte über die Systemlogik als solche führen. Das ist aber eben eine andere Debatte.

Seit wann ist die Arithmetik eine kapitalistische Systemeigenschaft? Dass das gegenwärtige Finanzsystem und dessen Regulierung katastrophal sind, geben auch Ökonomen wie ich sofort zu, doch das kam hier doch gar nicht vor. Die Buchhaltungsidentität bliebe auch im Sozialismus erhalten, selbst wenn die Unternehmen alle verstaatlicht würden. Sogar wenn man Geld und Kredit abschaffen würde, würde die Buchhaltungsidentität trivialerweise erfüllt. Dieser Tyrannei entgeht also keiner.

Formen des Anarchismus

Frank Lübberding weist in diesem Kommentar auf seine “FAZ.NET-Frühkritik: Maybrit Illner: Kommunismus oder Naturalwirtschaft?” hin. Ich muss zugeben, (wieder) nicht alles nachvollziehen zu können. Vor allem verstehe ich nicht, wie David Graeber wiederholt als “Anarchist” vorgestellt werden kann, um dann “Demokratie” als Lösung für die gegenwärtigen Probleme rund um den Euro und in Griechenland vorzuschlagen. Nach meinem Verständnis ist Anarchie die Ablehnung von Herrschaft und insbesondere dem Staat, während Demokratie eine staatliche Herrschaftsform ist. Wie passt das zusammen?

Es gibt verschiedene Varianten des Anarchismus. Wikipedia unterscheidet z. B. kollektivistischen, kommunistischen und individualistischen Anarchismus. Daneben kann es auch noch rechte Spielarten des Anarchismus geben, wenngleich diese auch kollektivistisch sind (Großfamilien, Volks- oder Religionsgemeisnchaften organisieren sich selbst, ohne staatliche Strukturen). Bei den beiden erstgenannten, linken Varianten hat mir noch nie ganz eingeleuchtet, wie die kollektive bzw. kommunistische Gesellschaft herrschafts- und staatsfrei organisisert werden soll. Wer stellt dann z. B. einen Plan auf und setzt ihn durch oder verteilt um, wenn es weder Staat noch Staatsgewalt gibt? Handeln hingegen alle Betroffenen freiwillig solidarisch, sind wir bereits bei einer Form des individualistischen Anarchismus, die mir als Liberalem am nächsten steht.

Radikale Libertäre lehnen den Staat wegen seiner Freiheitsbeschränkungen ganz ab und sind damit individualistische Anarchisten, während Märkte zumindest prinzipiell auch ohne Staat funktionieren können. Sicherheitsleistungen sollen dann auch am Markt gekauft werden, womit jedoch aus meiner Sicht die Naivität dieses Ansatzes besonders deutlich wird: Warum sollen Sicherheitsfirmen ihre Dienste verkaufen, wenn sie die Machtmittel haben, um andere auch zu Abgaben ohne Gegenleistung (bis auf den Verzicht, angedrohte Übel anzutun) zu zwingen? Damit entsteht endogen eine Art schutzgelderpressende Mafia bzw. ein primitiver Staat. Dagegen ist ein liberaler Rechtsstaat mit Gewaltenteilung etc. einfach die bessere Alternative, zumal er neben der inneren und äußeren Sicherheit auch noch andere Kollektivgüter bereitstellen kann.

Anmerkungen zur NRW-Wahl

Vor acht Tagen war ein ‘Wahltag in Europa’ mit gleich fünf Wahlen. Gestern gab es nur eine (zumindest von der ich weiß), die vielleicht trotzdem interessant ist, zumindest für politisch Interessierte in Deutschland. Das vorläufige amtliche Endergebnis findet sich hier. Zu jeder in den Landtag gewählten Partei (und der aus diesem ausgeschiedenen) lässt sich etwas anmerken:

Die SPD und insbesondere ihre Spitzenkandidatin und Ministerpräsidentin Hannelore Kraft haben die Wahl klar gewonnen. Glückwunsch! Sie verfügen nun zusammen mit ihrem Wunschpartner über eine klare Mehrheit (wenngleich die SPD früher auch schon öfter allein absolute Mehrheiten in ihrem Stammland erzielte). Frau Kraft ist zwar keine politische Lichtgestalt, doch sie war die seriöseste und solideste Spitzenkandidatin. Das gilt übrigens auch im Vergleich zur Riege an Wahlverlierern, die bislang als SPD-Kanzlerkandidaten gehandelt werden.

Die CDU und insbesondere ihr Spitzenkandidat und Bundesumweltminister Norbert Röttgen haben das mit Abstand schlechteste Ergebnis aller Zeiten in diesem Bundesland eingefahren, was insbesondere auf das dilletantische Verhalten von Herrn Röttgen, aber auch das Fehlen jeder positiven Wahlaussage zurückzuführen ist. Selbst wenn man stark gegen neue Schulden ist, reicht das als Regierungsprogramm nicht. Vor allem ist aber völlig unverständlich, weshalb Herr Röttgen sich erst von den CDU-Mitglieder gegen einen echten Landespolitiker zum Landesvorsitzenden und dann zum Spitzenkandidaten wählen liess, um dann öffentlich zu erklären, nur als Ministerpräsident nach Düsseldorf kommen zu wollen. Mit seinem desaströsen Ergebnis hätten ihn ohnehin niemand als Oppositionsführer gewollt, doch bei einer ernsthafteren Kandidatur bzw. einem anderen Kandidaten wäre das Ergebnis auch nicht so desaströs geworden. Das Beste für die CDU ist wohl, dass sie auch diesen vermeintlichen Hoffnungsträger losgeworden ist. Demnächst ist auch mit einem neuen Bundesumweltminister zu rechnen.

Die Grünen waren wohl am Ende selbst am meisten überrascht, bei dieser Wahl kaum verloren zu haben. Dabei hatten sie den letzten Landtag mit Blick auf gute Umfragewerte aufgelöst. Das zeigt, wie schnell sich Umfragen ändern können und wie unzuverlässig sie zur Vorhersage von tatsächlichen Wahlergebnissen sind. Von der nun stabilen Regierungsmehrheit profitieren die Grünen natürlich, doch erstens war diese unsicher und zweitens sind sie relativ zur SPD deutlich schwächer geworden.

Die FDP und insbesondere ihr Spitzenkandidat Christian Lindner, der kein halbes Jahr zuvor als Generalsekretär der FDP einfach hinschmiss, sind die Überraschungssieger dieser Wahl. Aber sind sie vielleicht immer noch die ‘Freunde Dauernder Pyrrhussiege’, denen sie nur einen weiteren hinzufügten? Statt aus dem Landtag zu fliegen, was viele erwartetet hatten, gewannen sie noch Stimmanteile hinzu. Allerdings haben sie nun keinerlei Einfluss mehr auf das Regierungshandeln, wie es bei der vorherigen Minderheitsregierung noch der Fall war. “Lieber neue Wahlen als neue Schulden” hat effektiv auch nichts erreicht (außer neuen Schulden für die Partei selbst). Wie ich schon bei der CDU anmerkte, scheint mir diese Fixierung auf Schulden nicht nur inhaltlich falsch, sondern vor allem auch zu dünn, zumal für gleich zwei Oppositionsparteien. Der größte Vorteil der FDP war vermutlich die Schwäche der CDU. Meine “Zehn Punkte zur Rettung der FDP” bedürfen auch noch der Umsetzung, wovon dieser Wahlerfolg wohl eher ablenkte.

Die Piraten gewannen mehr Prozentpunkte hinzu als SPD oder FDP und zogen so in den vierten Landtag ein. Eine wirkliche Überraschung war das nicht mehr. Regierungsverantwortung wird von ihnen auch nicht erwartet. Doch die Partei insgesamt wird spätestens zur Bundestagswahl ein substanzielleres Programm vorlegen müssen, um nicht als reine Protest- und Spaßpartei unterzugehen.

Die Linke ist noch zu nennen, die aus dem Landtag flog und prozentual noch viel mehr verlor als die CDU (allerdings in Prozentpunkten von vornherein weniger hatte, als die CDU einbüßte). Ganz unabhängig von den politischen Inhalten scheint mir das Ergebnis angesichts der schlechten politischen Leistungen im letzten Landtag gerechtfertigt, wo man anfangs leichtfertig eine (geringe) Chance auf Regierungsverantwortung ausschlug und dann auch keine seriöse Oppositionsarbeit leistete. Dass das nun gleich das Ende der Partei in den alten Bundesländern bedeuten muss, würde ich bezweifeln, doch Oskar Lafontaine gibt sich alle Mühe, auch dieser Partei wie zuvor der SPD nach Kräften zu schaden.

Nicht nur Arbeit schafft Werte

Vor zwei Wochen hatte ich bei Twitter eine Diskussion mit Armin Willburger, der eigentlich sehr liberal eingestellt ist und trotzdem der Arbeitswertlehre anzuhängen scheint. Gemäß dieser schafft nur Arbeit Werte (siehe bereits ‘Lafontaine zum Liberalismus’). Karl Marx hat sie am stärksten vertreten, doch auch andere klassische Ökonomen wie Adam Smith waren zumindest partielle bzw. inkonsistente Anhänger (da sie zugleich die Bedeutung anderer Produktionsfaktoren sahen). Die heutzutage gerne geschmähte Neoklassik hat dann gründlich damit aufgeräumt. Deshalb ist bei den vielen Kritikern der Neoklassik stets zu fragen, ob sie tatsächlich über sie hinausgehen oder hinter ihre wichtigen Erkenntnisse zurückfallen. Der Glaube an die Arbeitswertlehre ist ein solcher Rückfall.

Im Grunde geht es darum, ob alle Güter einen objektiven Wert haben, der eben aus dem Arbeitswert besteht, z. B. gemessen in zu ihrer Herstellung nötigen Arbeitsstunden, die man dann noch nach Intensität oder Qualifikation, die selbst durch Arbeit gewonnen wurde, differenzieren kann. Schon hier kann man erkennen, dass das Unsinn ist. Dinge haben keinen objektiven Wert und wurden oft auch nicht durch Arbeit geschaffen, selbst wenn sie wertvoll sind. Manna kann z. B. einfach vom Himmel fallen und nahrhafter sein als mühsam hergestelltes Brot. Alle Bodenschätze und der Boden selbst wurden nicht mit Arbeit hergestellt. Ihre Nutzbarmachung ist oft mit Arbeit verbunden, die jedoch meistens nur einen kleinen Wert der gewonnen Rohstoffe oder Grundnahrungsmittel ausmacht. Gute Ideen haben einen Wert, der völlig unabhängig vom Arbeitseinsatz zu ihrer Gewinnung ist, also ob sie z. B. geträumt oder durch lebenslange Bemühungen gewonnen wurden. Die Übernahme von Risiken und der Konsumverzicht zur Kapitalbildung sind wertvoll. Insbesondere Realkapital wie z. B. eine Maschine hat einen Wert und ist ein wertvoller Produktionsfaktor neben dem Faktor menschlicher Arbeit.

Hier unterliegen nun die Vertreter der Arbeitswertlehre einem entscheidenden Fehlschluss, wenn sie darauf verweisen, dass die Maschine doch selbst durch Arbeit entstanden wäre. Das ist zwar partiell richtig (andere Faktoren zu ihrer Fertigung waren Rohstoffe aus dem Boden, meist andere Maschinen und Ideen), aber die fertige Maschine ist eben nicht mehr Teil des Produktionsfaktors Arbeit, sondern Kapital. Wenn die Arbeit der Maschinenhersteller vollständig bezahlt wurde, gehört sie eindeutig dem Käufer der Maschine, für den sie dann arbeitet und menschliche Arbeit ersetzt. Die Entlohnung dieser Maschinenarbeit ist dementsprechend keine Ausbeutung menschlicher Arbeiter, sei es der früheren Maschinenhersteller oder der gegenwärtigen Maschinenbediener, sondern gerechtfertigt und nötig angesichts ihrer realen Wertschöpfung. Entsprechendes gilt z. B. auch für die Miete eines Hauses, welches Nutzen stiftet, ohne aktuell viel Arbeit zu erfordern, aber auch für Humankapital, das die Arbeitsproduktivität erhöht, was jedoch auch für angeborene Talente gilt, für die niemand arbeiten musste.

Warum hält sich die Arbeitswertlehre zu hartnäckig? Arbeit ist anstrengend, so dass sie eher eine Belohnung zu verdienen scheint als anstrengungslose Leistungen (siehe ‘Leistung und Leistungsgerechtigkeit’). Doch gerade beim Konsumverzicht zur Kapitalbildung kann man fragen, ob es sich nicht auch um eine Art von Anstrengung handelt, wenn auch eine andere. Ähnliches gilt bei der Übernahme von Risiken, die andere nicht übernehmen wollen, auch wenn das manchen Spaß machen mag, was jedoch ebenfalls auf die Arbeit zutrifft. Weiterhin ist Arbeit direkt mit Menschen verbunden, was jedoch auch für Talente und Ideen gilt, dagegen am wenigsten für den Boden und die Bodenschätze. Deren Verteilung ist am ehesten diskussionswürdig, insbesondere wenn sie einfach von Einzelnen angeeignet und nicht z. B. vom Staat als Repräsentant aller gekauft oder fair zugeteilt wurden. Schließlich ist an jedem Produktionsprozess menschliche Arbeit beteiligt, aber eben nicht allein, weshalb ihr ein Teil des Wertes zukommt, jedoch nicht der ganze.

Gedanken zur Saarland-Wahl

Bis heute verstehe ich gleich doppelt nicht, warum diese Wahl im Saarland überhaupt stattfinden musste. Die CDU nahm den Überlauf eines illoyalen FDP-Abgeordneten zu ihr zum Anlass, die Jamaika-Koalition aufzukündigen. Was ist denn das für ein Grund? Wenn Christian Schmitt zur Opposition übergelaufen wäre, hätte das vielleicht noch halbwegs Sinn ergeben, doch so gehört es wohl in die Reihe der Versuche der Union, die FDP zu vernichten und auch in Berlin eine Große Koalition vorzubereiten.

Doch die ohnehin angestrebte Große Koalition von CDU und SPD im Saarland hätte man doch auch gleich ohne Neuwahlen haben können. Hier war es wohl die SPD, die wider Vernunft und Erfahrung glaubte, stärkste Fraktion werden zu können.

Das (vorläufige) amtliche Endergebnis belehrt sie eines Besseren. Die SPD hat 6 Prozentpunkte zugelegt, liegt jedoch mit 30,6 % der Stimmen weiter deutlich hinter der CDU mit 35,2 %. DIE LINKE verliert in ihrer westlichen Hochburg (in gewisser Weise auch einem neuen Bundesland) 5,1 Prozentpunkte auf 16,1 %. Die Piraten sind erstmals angetreten und ziehen gleich mit 7,4 % in den Landtag ein. Meinen Glückwunsch! Die Grünen nehmen mit 5,0 % so gerade die entsprechende Hürde. Auch ihnen meinen Glückwunsch!

Der große Wahlverlierer ist die FDP. Sie verliert 8,0 Prozentpunkte und kommt auf nur noch 1,2 %, wenige Stimmen vor der NPD mit ebenfalls 1,2 % und noch hinter der Familienpartei mit 1,7 % (vielleicht sollte ich mich einmal mit ihr befassen, da Familien natürlich auch wichtig sind). Allerdings fürchte ich, dass die Parteioberen keine Konsequenzen ziehen werden, da eine Niederlage ohnehin erwartet wurde, wenn vielleicht auch nicht so deutlich. Also brauchen sie wohl noch ein bis zwei Niederlagen, bis die Interessen von Partei und Staat mit ihren eigenen übereinstimmen und zumindest der Vorsitzende zurücktritt.

Was fällt mir noch zu der Wahl ein? Das Saarland ist ziemlich klein und eigentümlich, wahrscheinlich sollte man alle Ergebnisse dort nicht überbewerten. Doch zumindest das lässt sich verallgemeinern: Ich nenne mich Wirtschaftsphilosoph, kann es aber auch nicht lassen, mich dauernd mit Politik zu beschäftigen, als wenn sie so spannend und vor allem wichtig wäre, wie sie sich selbst und die Massenmedien sie nehmen.