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Würde Adam Smith heute einen Lehrstuhl erhalten?

Kürzlich war ich bei der Feier eines berühmten Emeritus. Dieser war ganz geknickt, weil ihm ein Kollege gesagt hatte, dass er mit seinen Veröffentlichungen heute nicht einmal mehr zu einem Berufungsvortrag eingeladen, geschweige denn berufen würde. Entsprechend schreibt
Sebastian Thieme in “Die missverstandene Pluralität” (eigentlich einer Kritik von u. a. meinem Beitrag ‘Memorandum von Ulrich Thielemann’, auf die ich vielleicht demnächst näher eingehe):

Doch mit diesem interdisziplinären Vorgehen besäßen z. B. Adam Smith, Max Weber oder Alfred Müller-Armack heute kaum mehr eine Chance, in den Wirtschaftswissenschaften Fuß zu fassen, zu forschen, zu habilitieren oder gar zum Professor berufen zu werden. Die etablierten Fachvertreter würden ihnen den ökonomischen Sachverstand absprechen und sie fragen «ob man überhaupt zu dem betreffenden Fach gehört und gehören will». Als Konsequenz müssten Adam Smith, Max Weber oder Alfred Müller-Armack heute in andere Disziplinen emigrieren.

Was lässt sich darauf entgegnen?

Erstens war Adam Smith gar kein Professor für Wirtschaftswissenschaften, die es in der Form noch gar nicht gab bzw. die als eigenes Fach überhaupt erst von ihm begründet wurden, sondern er war zuerst Professor für Logik und dann für Moralphilosophie.

Zweitens würde jemand, der heute genau dasselbe schreibt wie Adam Smith und andere Geistesgrößen früher, mit Recht keinen Lehrstuhl erhalten, da er ein Plagiator wäre.

Drittens haben sich auch die Methoden, Erkenntnisse und Publikationsformen weiterentwickelt, so dass entsprechende Geistesgrößen heute anders forschen und publizieren würden. Das war übrigens mein Trost an den Emeritus: Zu seiner Zeit hatte er herausragende Publikationen und sonstige Leistungen, welche ihm zu Recht zahlreiche Rufe einbrachten, und wäre er heute jung, würde er mit seinen Talenten wieder herausragende, allerdings andere, der heutigen Zeit gemäßere Publikationen und Leistungen schaffen, für die er berufen würde.

Viertens hatten es große Geister früher auch nicht unbedingt leichter als heute. Neue Ideen haben es immer schwer, ganz einfach weil sie neu sind. Nun gilt, dass alle genialen Ideen irgendwie neu sind, aber nicht alle neuen Ideen genial. Die meisten Ideen sind nicht wirklich gut bis ziemlich schlecht und das Erkennen der wirklich genialen nimmt minunter Jahrhunderte in Anspruch.

Fünftens ist einfach nicht zu sehen, dass die pauschalen Kritiker der heutigen Ökonomik irgendwelche genialen Leistungen vorzuweisen hätten. Herr Thieme oder auch Herr Thielemann, wo ist denn Ihr Werk, welches Sie mit “The Wealth of Nations” auf eine Stufe stellen könnten? Zeigen Sie es mir, dann setze ich mich sofort für Ihre Berufung ein.

Fazit: Die Zeiten ändern sich, doch geniale Köpfe werden immer gebraucht, einigermaßen talentierte auch, während nicht jeder, der es von sich glaubt, tatsächlich die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. Ein heutiger Adam Smith bekäme nicht nur einen Lehrstuhl, sondern einen Nobelpreis, würde aber von Herrn Thielemann & Co. als “ökonomistisch” und schlimmer beschimpft werden.

Anmerkungen zur NRW-Wahl

Vor acht Tagen war ein ‘Wahltag in Europa’ mit gleich fünf Wahlen. Gestern gab es nur eine (zumindest von der ich weiß), die vielleicht trotzdem interessant ist, zumindest für politisch Interessierte in Deutschland. Das vorläufige amtliche Endergebnis findet sich hier. Zu jeder in den Landtag gewählten Partei (und der aus diesem ausgeschiedenen) lässt sich etwas anmerken:

Die SPD und insbesondere ihre Spitzenkandidatin und Ministerpräsidentin Hannelore Kraft haben die Wahl klar gewonnen. Glückwunsch! Sie verfügen nun zusammen mit ihrem Wunschpartner über eine klare Mehrheit (wenngleich die SPD früher auch schon öfter allein absolute Mehrheiten in ihrem Stammland erzielte). Frau Kraft ist zwar keine politische Lichtgestalt, doch sie war die seriöseste und solideste Spitzenkandidatin. Das gilt übrigens auch im Vergleich zur Riege an Wahlverlierern, die bislang als SPD-Kanzlerkandidaten gehandelt werden.

Die CDU und insbesondere ihr Spitzenkandidat und Bundesumweltminister Norbert Röttgen haben das mit Abstand schlechteste Ergebnis aller Zeiten in diesem Bundesland eingefahren, was insbesondere auf das dilletantische Verhalten von Herrn Röttgen, aber auch das Fehlen jeder positiven Wahlaussage zurückzuführen ist. Selbst wenn man stark gegen neue Schulden ist, reicht das als Regierungsprogramm nicht. Vor allem ist aber völlig unverständlich, weshalb Herr Röttgen sich erst von den CDU-Mitglieder gegen einen echten Landespolitiker zum Landesvorsitzenden und dann zum Spitzenkandidaten wählen liess, um dann öffentlich zu erklären, nur als Ministerpräsident nach Düsseldorf kommen zu wollen. Mit seinem desaströsen Ergebnis hätten ihn ohnehin niemand als Oppositionsführer gewollt, doch bei einer ernsthafteren Kandidatur bzw. einem anderen Kandidaten wäre das Ergebnis auch nicht so desaströs geworden. Das Beste für die CDU ist wohl, dass sie auch diesen vermeintlichen Hoffnungsträger losgeworden ist. Demnächst ist auch mit einem neuen Bundesumweltminister zu rechnen.

Die Grünen waren wohl am Ende selbst am meisten überrascht, bei dieser Wahl kaum verloren zu haben. Dabei hatten sie den letzten Landtag mit Blick auf gute Umfragewerte aufgelöst. Das zeigt, wie schnell sich Umfragen ändern können und wie unzuverlässig sie zur Vorhersage von tatsächlichen Wahlergebnissen sind. Von der nun stabilen Regierungsmehrheit profitieren die Grünen natürlich, doch erstens war diese unsicher und zweitens sind sie relativ zur SPD deutlich schwächer geworden.

Die FDP und insbesondere ihr Spitzenkandidat Christian Lindner, der kein halbes Jahr zuvor als Generalsekretär der FDP einfach hinschmiss, sind die Überraschungssieger dieser Wahl. Aber sind sie vielleicht immer noch die ‘Freunde Dauernder Pyrrhussiege’, denen sie nur einen weiteren hinzufügten? Statt aus dem Landtag zu fliegen, was viele erwartetet hatten, gewannen sie noch Stimmanteile hinzu. Allerdings haben sie nun keinerlei Einfluss mehr auf das Regierungshandeln, wie es bei der vorherigen Minderheitsregierung noch der Fall war. “Lieber neue Wahlen als neue Schulden” hat effektiv auch nichts erreicht (außer neuen Schulden für die Partei selbst). Wie ich schon bei der CDU anmerkte, scheint mir diese Fixierung auf Schulden nicht nur inhaltlich falsch, sondern vor allem auch zu dünn, zumal für gleich zwei Oppositionsparteien. Der größte Vorteil der FDP war vermutlich die Schwäche der CDU. Meine “Zehn Punkte zur Rettung der FDP” bedürfen auch noch der Umsetzung, wovon dieser Wahlerfolg wohl eher ablenkte.

Die Piraten gewannen mehr Prozentpunkte hinzu als SPD oder FDP und zogen so in den vierten Landtag ein. Eine wirkliche Überraschung war das nicht mehr. Regierungsverantwortung wird von ihnen auch nicht erwartet. Doch die Partei insgesamt wird spätestens zur Bundestagswahl ein substanzielleres Programm vorlegen müssen, um nicht als reine Protest- und Spaßpartei unterzugehen.

Die Linke ist noch zu nennen, die aus dem Landtag flog und prozentual noch viel mehr verlor als die CDU (allerdings in Prozentpunkten von vornherein weniger hatte, als die CDU einbüßte). Ganz unabhängig von den politischen Inhalten scheint mir das Ergebnis angesichts der schlechten politischen Leistungen im letzten Landtag gerechtfertigt, wo man anfangs leichtfertig eine (geringe) Chance auf Regierungsverantwortung ausschlug und dann auch keine seriöse Oppositionsarbeit leistete. Dass das nun gleich das Ende der Partei in den alten Bundesländern bedeuten muss, würde ich bezweifeln, doch Oskar Lafontaine gibt sich alle Mühe, auch dieser Partei wie zuvor der SPD nach Kräften zu schaden.

Kollektive aus liberaler und ökonomischer Sicht

Gestern hatte ich eine wichtige Diskussionen mit Karsten zu Kollektiven etc. in den Kommentaren zu ‘Straubhaar will Demokratie und Souveränität abschaffen’. Diese Diskussion möchte ich hier nicht nachzeichnen, dazu sei auf die Kommentare verwiesen, sondern mit einem generellen Missverständnis aufräumen, was Liberale und Ökonomen angeht. Liberale treten normativ vor allem für individuelle Freiheit ein. Das enthält weder eine beschreibende Aussage zu Kollektiven, etwa dass es sie gar nicht gäbe, noch eine direkt normative, z. B. dass sie schlecht seien. Es folgt nur indirekt normativ, dass die individuelle Freiheit im Konfliktfall höher zu gewichten ist als Ansprüche von Kollektiven. Religionsfreiheit beinhaltet beispielsweise das Recht, sich seine Religion und auch Religionsgemeinschaft aussuchen, diese aber auch wieder verlassen zu dürfen. Dies zu verbieten oder gar mit dem Tode zu bedrohen, wie es zuletzt Kuwait getan hat, ist illiberal. Innerhalb von Religionsgemeinschaften kann es hingegen nahezu beliebig absurde Glaubensbekenntnisse, Hierarchien und Gemeinschaftsrituale geben. Liberale haben also gar nichts gegen Kollektive, solange sie nicht auf grundlegenden individuellen Freiheitsrechten herumtrampeln.

Wie ist das Verhältnis von Ökonomen zu Kollektiven? Zumindest das vorherrschende ökonomische Paradigma vertritt sowohl einen normativen als auch methodologischen Individualismus. Nicht zuletzt wegen des normativen Individualismus sind viele Ökonomen zugleich Liberale, wobei es auch andere Ausprägungen geben kann. So ist der Utilitarismus auch eine sehr ökonomische Position, bei dem es nicht unmittelbar auf die individuelle Freiheit, sondern vor allem auf den individuellen Nutzen ankommt, dessen Summe maximiert werden soll. Der Bezug auf die Summe hat bereits ein kollektives Element, doch Kollektiven wird kein eigener Nutzen zugeordnet, sondern nur den ihnen angehörenden Individuen. Wenn die Kollektive diesen Nutzen der einzelnen Menschen erhöhen, sind sie nach dieser Auffassung gut, bei Nutzenreduktion schlecht und zu verändern oder abzuschaffen.

Methodologischer Individualismus bedeutet ebenfalls nicht, dass die Existenz von Kollektiven geleugnet würde, was ziemlich absurd wäre, sondern dass kollektives Verhalten konsequent auf individuelles zurückgeführt wird. Im wortwörtlichen Sinne können ein Staat, ein Unternehmen oder eine Familie nicht handeln, sondern es sind immer Individuen, allerdings gelegentlich viele oder einzelne stellvertretend für ein Kollektiv oder auch im (falschen) Glauben, als Teil eines Kollektivs so handeln zu müssen. Das ist vielleicht eine recht einfache Auffassung von sozialen Beziehungen und kollektiven Eigenschaften. Gerade in der Soziologie gibt es auch andere Ansätze, doch für die ökonomischen Fragestellungen genügt sie. Ökonomen analysieren nicht Individuen und Kollektive an sich und all deren Eigenschaften, sondern insbesondere deren zielgerichtetes Handeln angesichts von Knappheitsproblemen und damit verbundene Anreizstrukturen.

Der methodologische Individualismus führt zu interessanten Erkenntnissen, wobei die besonderen Probleme kollektiver Entscheidungen im Gegensatz zu individuellen vielleicht bereits in dem Ansatz angelegt sind. Trotzdem hat das Behaupten solcher Probleme empirischen Gehalt. Theoretisch könnten Kollektive, die z. B. nach der Mehrheitsregel entscheiden oder ein ausgezeichnetes Mitglied entscheiden lassen, bessere Entscheidungen treffen als durchschnittliche Individuen. Faktisch ist das wegen Anreiz- und Informationsproblemen selten der Fall. Insbesondere intelligente Individuen dürften zumindest für sich selbst regelmäßig bessere Entscheidungen treffen, während recht unintelligente und irrationale Personen schlechter abschneiden könnten. In jedem Fall lassen sich Kollektiventscheidungen nicht immer vermeiden, insbesondere bei echten Kollektivgütern, so dass über möglichst gute Entscheidungsverfahren nachzudenken lohnt, wobei in jeder Hinsicht optimale Lösungen nicht in jedem Fall möglich sind, wie z. B. Arrows Unmöglichkeitstheorem zeigt.

Nicht nur Arbeit schafft Werte

Vor zwei Wochen hatte ich bei Twitter eine Diskussion mit Armin Willburger, der eigentlich sehr liberal eingestellt ist und trotzdem der Arbeitswertlehre anzuhängen scheint. Gemäß dieser schafft nur Arbeit Werte (siehe bereits ‘Lafontaine zum Liberalismus’). Karl Marx hat sie am stärksten vertreten, doch auch andere klassische Ökonomen wie Adam Smith waren zumindest partielle bzw. inkonsistente Anhänger (da sie zugleich die Bedeutung anderer Produktionsfaktoren sahen). Die heutzutage gerne geschmähte Neoklassik hat dann gründlich damit aufgeräumt. Deshalb ist bei den vielen Kritikern der Neoklassik stets zu fragen, ob sie tatsächlich über sie hinausgehen oder hinter ihre wichtigen Erkenntnisse zurückfallen. Der Glaube an die Arbeitswertlehre ist ein solcher Rückfall.

Im Grunde geht es darum, ob alle Güter einen objektiven Wert haben, der eben aus dem Arbeitswert besteht, z. B. gemessen in zu ihrer Herstellung nötigen Arbeitsstunden, die man dann noch nach Intensität oder Qualifikation, die selbst durch Arbeit gewonnen wurde, differenzieren kann. Schon hier kann man erkennen, dass das Unsinn ist. Dinge haben keinen objektiven Wert und wurden oft auch nicht durch Arbeit geschaffen, selbst wenn sie wertvoll sind. Manna kann z. B. einfach vom Himmel fallen und nahrhafter sein als mühsam hergestelltes Brot. Alle Bodenschätze und der Boden selbst wurden nicht mit Arbeit hergestellt. Ihre Nutzbarmachung ist oft mit Arbeit verbunden, die jedoch meistens nur einen kleinen Wert der gewonnen Rohstoffe oder Grundnahrungsmittel ausmacht. Gute Ideen haben einen Wert, der völlig unabhängig vom Arbeitseinsatz zu ihrer Gewinnung ist, also ob sie z. B. geträumt oder durch lebenslange Bemühungen gewonnen wurden. Die Übernahme von Risiken und der Konsumverzicht zur Kapitalbildung sind wertvoll. Insbesondere Realkapital wie z. B. eine Maschine hat einen Wert und ist ein wertvoller Produktionsfaktor neben dem Faktor menschlicher Arbeit.

Hier unterliegen nun die Vertreter der Arbeitswertlehre einem entscheidenden Fehlschluss, wenn sie darauf verweisen, dass die Maschine doch selbst durch Arbeit entstanden wäre. Das ist zwar partiell richtig (andere Faktoren zu ihrer Fertigung waren Rohstoffe aus dem Boden, meist andere Maschinen und Ideen), aber die fertige Maschine ist eben nicht mehr Teil des Produktionsfaktors Arbeit, sondern Kapital. Wenn die Arbeit der Maschinenhersteller vollständig bezahlt wurde, gehört sie eindeutig dem Käufer der Maschine, für den sie dann arbeitet und menschliche Arbeit ersetzt. Die Entlohnung dieser Maschinenarbeit ist dementsprechend keine Ausbeutung menschlicher Arbeiter, sei es der früheren Maschinenhersteller oder der gegenwärtigen Maschinenbediener, sondern gerechtfertigt und nötig angesichts ihrer realen Wertschöpfung. Entsprechendes gilt z. B. auch für die Miete eines Hauses, welches Nutzen stiftet, ohne aktuell viel Arbeit zu erfordern, aber auch für Humankapital, das die Arbeitsproduktivität erhöht, was jedoch auch für angeborene Talente gilt, für die niemand arbeiten musste.

Warum hält sich die Arbeitswertlehre zu hartnäckig? Arbeit ist anstrengend, so dass sie eher eine Belohnung zu verdienen scheint als anstrengungslose Leistungen (siehe ‘Leistung und Leistungsgerechtigkeit’). Doch gerade beim Konsumverzicht zur Kapitalbildung kann man fragen, ob es sich nicht auch um eine Art von Anstrengung handelt, wenn auch eine andere. Ähnliches gilt bei der Übernahme von Risiken, die andere nicht übernehmen wollen, auch wenn das manchen Spaß machen mag, was jedoch ebenfalls auf die Arbeit zutrifft. Weiterhin ist Arbeit direkt mit Menschen verbunden, was jedoch auch für Talente und Ideen gilt, dagegen am wenigsten für den Boden und die Bodenschätze. Deren Verteilung ist am ehesten diskussionswürdig, insbesondere wenn sie einfach von Einzelnen angeeignet und nicht z. B. vom Staat als Repräsentant aller gekauft oder fair zugeteilt wurden. Schließlich ist an jedem Produktionsprozess menschliche Arbeit beteiligt, aber eben nicht allein, weshalb ihr ein Teil des Wertes zukommt, jedoch nicht der ganze.

Medienhype um anonyme Bewerbungen

Die Topnachricht war heute, dass anonyme Bewerbungen gegen Diskriminierung helfen würden (siehe z. B. Süddeutsche.de oder ZEIT ONLINE). Das mag so sein oder auch nicht, belastbare empirische Evidenz liefert dieser zugrundeliegende “Abschlussbericht” jedenfalls nicht. Es wurden überhaupt nur fünf Unternehmen und drei öffentliche Verwaltungen untersucht, die eine Positivselektion hinsichtlich ‘Antidiskriminierungspolitik’ darstellten. Es wurden zwar 8.550 anonymisierte Bewerbungen einbezogen, doch nicht im Zusammenhang ausgewertet. Die Signifikanzen in den neun separaten Analysen von Bewerbungsverfahren hingen oft an einer einzigen Bewerbung. Erfolg wurde als Einladung zu einem Eignungstest oder Vorstellungsgespräch interpretiert, wozu es 1.293 mal kam. Wie sich das auf die 246 Angebote von Arbeits- oder Ausbildungsplätzen auswirkte, wurde jedoch gar nicht mehr analysiert, wie auch der Vergleich mit nichtanonymisierten Bewerbungen recht dürftig ausfiel. Am aussagekräftigsten sind noch die 420 subjektiven Einschätzungen von Bewerbern, die zu 48 % die anonyme Bewerbung bevorzugen (31 % sind für traditionelle Bewerbungen und 22 % ist es egal). Von den beteiligten Personalverantwortlichen liegen positive Aussagen, jedoch keine Zahlen vor.

Insgesamt ist der tatsächliche Effekt anonymer Bewerbungen weiterhin unbekannt. Echte Chancengleichheit ließe sich ohnehin viel einfacher durch Auslosen der Einladungen zu Vorstellungsgesprächen oder sogar der Arbeitsplatzzusagen erreichen, was einem Tilgen aller irrelevanten und relevanten Informationen entspräche und die Absurdität zu weitgehender Forderungen in diese Richtung zeigt. Der z. B. in den USA übliche Verzicht auf Bewerbungsfotos mag für die meisten Stellen sinnvoll sein (ich selbst verschicke kein Foto mehr, welches jedoch leicht im Internet einsehbar ist), doch die meisten Lebensläufe offenbaren ohnehin das Geschlecht und ungefähre Alter. Trotzdem wird der Ruf nach der nächsten zweifelhaften Regulierung nicht lange auf sich warten lassen.