Unter dem Motto “Mein K©pf gehört mir” hat das Handelsblatt eine Kampagne gegen die Piratenpartei und für Urheberrechte gestartet (siehe “Hundert Kreative provozieren die Netzpiraten”). Allerdings ist das geistige Niveau dieses Plädoyers für geistiges Eigentum recht niedrig, siehe z. B. diese detaillierte Kritik von Thomas Knüwer oder auch diesen Kommentar von Dirk Elsner.
Völlig unhaltbar ist z. B. die Gleichsetzung von Wert und Preis. Die Luft zum Atmen ist viel mehr wert als alle Diamanten dieser Erde, doch ihr Preis liegt bei null und die Welt wäre viel schlechter, wenn dies anders wäre. Wirtschaft dient dazu, optimal mit Knappheiten umzugehen, nicht diese künstlich zu schaffen. Ideen, die in der Welt sind, können (nahezu) kostenlos kopiert werden und sind nicht rival im Konsum. Deshalb handelt es sich um Kollektivgüter, wenn nicht Ausschluss rechtlich oder technisch geschaffen wird, der jedoch für sich genommen ineffizient ist (vgl. ‘Kollektiv- und andere Güter’).
Der einzig mögliche vernünftige Grund für einen solchen Ausschluss und damit z. B. Urheber-, Verwertungs- und Patentrechte ist das Faktum, dass die Produktion neuer Ideen bzw. allgemeiner immaterieller Güter mit Aufwand verbunden ist. Allerdings sind solche rechtlichen Beschränkungen längst nicht die einzige Möglichkeit zur Wissensproduktion und häufig sind sie sogar ein Hemmschuh dagegen. So werden viele geistigen Erzeugnisse einfach so, aus Spaß an der Freude, aus Konsumgründen oder aus Sendungsbewusstsein erstellt. Ich verdiene z. B. nichts an diesem Blog und er hat keinen Einfluss auf meine Besoldung, höchstens langfristig einen negativen, wenn ich seinetwegen wissenschaftlich weniger produktiv sein sollte. Für meine wissenschaftlichen Artikel werde ich vom Staat bezahlt. Ähnliches gilt für die scheinheiligen Tatort-Autoren (siehe ihren offenen Brief), denen nicht kostenlos Zuschauende etwas vorenthalten, sondern die umgekehrt von den öffentlich-rechtlichen Sendern aus dem zwangsweisen Gebührenaufkommen auch von Nichtzuschauern (siehe ‘Üble Rundfunkabgabe ist beschlossen’) bezahlt werden. Sehr häufig ist auch eine Kuppelproduktion, bei der eine Leistung (z. B. Lehre) bezahlt wird und eine andere ohne zusätzliche Bezahlung nebenbei erbracht wird (z. B. Forschung, die ich ohne Gehaltseinbußen einstellen könnte). In anderen Fällen finanziert Werbung den Inhalt, der beiden zusammen die geldwerte Aufmerksamkeit verschafft. Der Wert von Patenten ergibt sich in der Regel daraus, dass die patentierten Ideen in verkäufliche Produkte eingebunden werden. Der direkte Patenthandel findet dagegen gar nicht mit Endkunden statt, sondern zwischen vergleichbaren Produzenten.
Ob Schutzrechte für immaterielle Güter sinnvoll sind, ist mithin weniger eine moralische als eine empirische Frage. Wenn sie die Wissensproduktion mehr lähmen als anregen, spricht das klar gegen sie bzw. zumindest für eine andere Ausgestaltung (umgekehrt gehört jedem Kreativen natürlich sein Kopf, in dem Ideen auch zurückgehalten werden könnten, wenn sie nicht meistens auch ohne Bezahlung hinaus in die Welt drängen würden). Grundlegende Urheberrechte, wie sie gerade in der Wissenschaft üblich sind, sind wohl mehr nützlich als schädlich. Das gilt z. B. für korrektes Zitieren fremder Werke und Ideen, wobei letztere auch Allgemeingut werden können, dessen Urheber nicht mehr benannt werden muss oder sogar gar nicht mehr bekannt ist. Bei Verwertungsrechten sieht die Sache oft schon anders aus. Verlage oder Plattenlabels sind in der Regel nicht selbst kreativ tätig, sondern bieten Dienstleistungen zwischen kreativen Produzenten und Konsumenten an, die bei deren direkter Interaktion, z. B. über das Internet, an Wert verlieren. Dass das Handelsblatt dagegen kämpft, ist nachvollziehbar, doch im Interesse der Urheber oder gar Konsumenten ist dieser Kampf vermutlich nicht (so sollen die Urheber häufig viel mehr Rechte abtreten, als sie wollen).
Wie sähe ein faires und vor allem effizientes Urheberrecht aus? Vermutlich gibt es darauf keine eindeutige und für alle Zeiten gültige Antwort. Neue Technologien wie der Buchdruck, die bespielbare Leerkassette oder das Internet verändern die Situation. Ziel sollte eine weitestgehende Nutzung(smöglichkeit) der vorhandenen geistigen Güter bei Anreizen zur (auch qualitativ hochstehenden) Neuproduktion sein. Insbesondere Einschränkungen für kreative Produzenten sind dabei schädlich. Dagegen ist das reine Kopieren durch kommerzielle Anbieter eher zu untersagen, wobei die Grenze fließend verlaufen kann (wann eine Idee hinreichend neu ist). Die private Nutzung ist weitestgehend zu erlauben. Wer z. B. etwas aus dem Internet herunterlädt, ist kein Krimineller (der Anbieter im Internet dagegen unter Umständen schon, wenn er sich kreative Leistungen anderer ohne deren Einverständnis angeeignet hat). Schließlich tragen lange Schutzzeiten wenig zur kreativen Produktion bei und nachträgliche Verlängerungen dieser Zeiten überhaupt nichts. Zeitlich differenzierte Verwertungsmodelle machen hingegen Sinn, wie sie sich an den Märkten auch herausbilden, also z. B. Filme zuerst teuer im Kino, dann auf DVD und im Bezahlfernsehen, danach für die Zuschauer kostenlos auf werbe- oder gebührenfinanzierten Kanälen, am Ende völlig frei im Internet.