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Anmerkungen zur Tyrannei der Arithmetik

Stephan Ewald hat den interessanten Beitrag “Die Tyrannei der Arithmetik” geschrieben, zu dem ich hier ein paar Anmerkungen machen möchte, zumal ich an einer Stelle direkt dazu aufgefordert wurde.

(Ich finde es ein bisserl übertrieben neben PK [Paul Krugman] in Klammern erwähnt zu werden :~)

Beim nächsten Mal kann ich es auch gerne umdrehen und den Nobelpreisträger in Klammern erwähnen.

Dann wird Paul McCulley zitiert:

Let’s start with a simple tautology for any individual country: Household Financial Balance + Business Financial Balance + Government Financial Balance + Foreign Financial Balance = 0
Again, double-entry bookkeeping: the only way one of the four sectors can run a deficit or surplus is for one or more of the other three sectors to run the opposite. This assertion doesn’t, of course, tell us anything about causation. Nor does it tell us about the composition or the sustainability of the starting positions for global stocks of debt and assets. It’s simply the tyranny of arithmetic for the flows of funds.

So weit ist es korrekt (nur beim Vorzeichen der Auslandsposition muss man aufpassen, da es um die Kapitalbildung oder Verschuldung des Auslands geht):

Die obige Gleichung ist eine schlichte Buchhaltungs-Identität und muss per definitionem gelten.

Wie können wir dann aber daraus etwas über die Welt und die richtige Politik lernen? Dazu bedienen sich die Herren Ewald und McCulley eines Tricks:

Wie Paul McCulley sagt[,] hilft sie [die Buchhaltungsidentität] uns nur dann weiter[,] wenn wir die Dynamik in den verschiedenen Sektoren betrachten. Er macht das an dem Beispiel USA. Der Privatsektor (Haushalte und Firmen) produziert Überschüsse. Die US Haushalte müssen ihre Rekordverschuldung reduzieren. Die US Firmen horten ihre Rekordprofite. Der Auslandssektor – Schwellenländer wie Deutschland – arbeitet hart um US$ Überschüsse zu erwirtschaften. Die Kehrseite der Medaille ist das Defizit des US Staatssektor[.]

Das scheint mir noch eine reine Beschreibung zu sein. Doch jetzt kommt’s:

Was passiert[,] wenn der Staatssektor diese Dynamik in den beiden anderen Sektoren ignoriert bzw. negiert? Er also auch geringere Defizite oder sogar Überschüsse erzielen will. Das Resultat dieser Wirtschaftspolitik kann man in Spanien besichtigen. Die spanische Ausgangslage war ein bisschen anders als in den USA. Der Privatsektor hochverschuldet und der Auslandssektor erzielte Überschüsse von bis zu 10% des spanischen BIP. Aber der spanische Staatssektor produzierte Überschüsse. In Ermangelung einer eigenen Währung konnte der Staatssektor auf den Kollaps nicht a’la USA reagieren und Spanien stolperte von der Großen Rezession in die Große Depression.

Das mag ja sogar stimmen, folgt aber mitnichten aus der Buchhaltungsidentität. Die Sektoren müssen insgesamt zum Ausgleich kommen. Es ist keine definitorische, sondern eine theoretische bzw. empirische und sogar normative Frage, ob der Staat mit Defiziten zu reagieren hat, wenn Haushalte und Unternehmen Überschüsse erwirtschaften. So ist es in einer Krise nicht zwingend, dass der Privatsektor Überschüsse erwirtschaftet. Gerade die Banken wären schwer verschuldet, würden sie nicht vom Staat gerettet. Der Staat könnte auch hohe Steuern einnehmen oder regulatorisch jeden Sektor für sich zum Ausgleich bringen.

Was sind denn nun die Gegenargumente der Austeritäts-Befürworter? Im Prinzip lauert mehr oder weniger versteckt hinter jedem Gegenargument die Theorie von der Ricardian Equivalence.

Die Ricardo-Äquivalenz finde ich aus verschiedenen Gründen nicht überzeugend, was ich bei anderer Gelegenheit einmal ausführen werde. Aber ist sie wirklich das einzige Argument für Austerität (zumal sie noch nicht einmal wirklich dafür spricht)? Mir scheinen noch mindestens zwei andere Gründe wichtig: Erstens kann das Staatsdefizit selbst als Problem empfunden werden. Zweitens möchte kein Euro-Land für das Defizit von anderen aufkommen müssen.

Jetzt müsste ich noch eine Jeremiade über den Euro schreiben wegen der Qualifizierung von Paul McCulley “mit eigener FIAT Währung”. Aber der Beitrag ist sowieso schon so lang da reiche ich den Stab an den Wirtschaftsphilosophen weiter in der Hoffnung auf einen Beitrag dazu von ihm.

Eigentlich ist der Analyse wenig hinzuzufügen. Man könnte noch den jeweiligen Zentralbanksaldo als fünfte Position einführen (oder das auch zum Staatssektor zählen, wie es Herr Ewald bei “VWL für Piraten: die Schuldenbremse” tat). Dann zeigt sich, dass Euro-Länder über diese Position nicht frei verfügen bzw. keine eigene Geldpolitik betreiben können. Außerdem sind sie jeweils bei ihren Defiziten beschränkt, da ihnen tatsächlich die Euro ausgehen können. Schließlich gibt es noch die Hoffnung, dass von anderen Euro-Ländern Transferzahlungen geleistet werden, was aber diese anderen Länder, insbesondere Deutschland, nicht wollen. So trägt der Euro zu realen ökonomischen Problemen und politischem Streit bei statt zu Prosperität und Völkerverständigung.

Viele Kommentatoren hier führen gerne eine Systemdebatte. Zum Beispiel Carlos mit seinen Hinweisen, dass der Kapitalismus ganz von alleine an die Wand fährt. Ich habe nichts gegen Systemdebatten und finde persönlich das System des Finanzkapitalismus auch suboptimal um es milde zu formulieren. Trotzdem sollte man meiner Meinung nach unterscheiden. Man kann eine Debatte über Probleme wie Austerität JA oder NEIN im Rahmen der Systemlogik führen. Das habe ich hier versucht. Und man kann eine Meta-Debatte über die Systemlogik als solche führen. Das ist aber eben eine andere Debatte.

Seit wann ist die Arithmetik eine kapitalistische Systemeigenschaft? Dass das gegenwärtige Finanzsystem und dessen Regulierung katastrophal sind, geben auch Ökonomen wie ich sofort zu, doch das kam hier doch gar nicht vor. Die Buchhaltungsidentität bliebe auch im Sozialismus erhalten, selbst wenn die Unternehmen alle verstaatlicht würden. Sogar wenn man Geld und Kredit abschaffen würde, würde die Buchhaltungsidentität trivialerweise erfüllt. Dieser Tyrannei entgeht also keiner.

Ist die Austeritätsdebatte unnötig bis schädlich?

Dirk Elsner alias Blick Log erläutert “Warum mich die Austerität-Debatte wirklich nervt”. Sie nervt mich übrigens auch, wenngleich aus anderen Gründen. Herr Elsner schreibt:

Deutschland steht seit Monaten unter Dauerbeschuss namhafter nationaler und internationaler Ökonomen. Im Kern steht ein von Uwe Jean Heuser in der ZEIT gut zusammengefasster “Glaubenskrieg” um die Frage, wie man die aktuelle Wirtschaftskrise überwinden kann: mit noch mehr Geld oder mit konsequentem Sparen.

Ja, darum geht es in der Debatte. Was nervt ihn nun daran?

Die Kritik an Deutschlands “Spardiktat” fällt dagegen vergleichsweise undifferenziert aus (wobei ich einräume, längst nicht alle Texte dazu zu kennen). Meist fordern die Experten einfach nur erhöhte Staatsausgaben über Konjunkturprogramme bzw. fiskalische Impulse und eine expansive und inflationsfördernde Geldpolitik. Ob diese wirklich zum Erfolg führen kann, bleibt offen.

Worauf bezieht sich “dagegen vergleichsweise undifferenziert”? Argumentieren die Befürworter der Austerität differenzierter oder bezieht sich der Vergleich auf einen journalistischen Überblicksartikel, der differenzierter sein soll als die ganze Debatte, über die er einen Überblick gibt?

Vor allem US-Ökonomen, wie Paul Krugman, argumentieren ermüdend monothematisch und vermitteln den Eindruck es reiche, wenn Staaten sich “Gesundprassen” und den amerikanischen Weg höherer Staatsausgaben folgen. Warum solche früher sehr umstrittenen Forderungen die Wirtschaftsleistung nun dauerhaft auf die Sprünge helfen sollen, ist mir nicht klar.

Vermutlich sollte Herr Krugman (oder auch Stephan Ewald) seine Thesen besser erläutern, statt sie immer nur zu wiederholen und alle Kritiker oder auch nur nicht restlos Überzeugten als Volldeppen abzutun. Doch kann man wirklich behaupten, dass die Austeritätsbefürworter besser argumentieren?

Bis 2008 war gerade die nachfrageorientierte Konjunkturpolitik unter Ökonomen hochgradig umstritten. Warum soll ich Krugman jetzt glauben? Weil er einen Nobelpreis erhalten hat und eine regelmäßig Kolumne für die New York Times schreibt?

Deshalb nicht, obgleich die Austeritätsbefürworter meines Wissens nach keinen Nobelpreisträger in ihren Reihen haben. Der Nobelpreis macht vorgebrachte Argumente nicht besser, ist aber doch ein Signal dafür, dass hier vielleicht jemand etwas zu sagen hat. Wenn man ein Argument nicht gleich versteht, muss es nicht immer an der mangelnden Qualität des Arguments liegen.

Für mich sind dies genau so wenig Belege, dass Krugman richtig liegt, wie bemühte Statistiken, die anhand von Beispielen den Nutzen oder Schaden der jeweiligen Positionen nachweisen wollen.

Das wird wenigstens gleichmäßig gegen beide Richtungen angeführt. Statistiken für sich genommen beweisen gar nichts, das glauben höchstens Journalisten, die weder die Statistiken noch die Argumente verstehen.

Apropos Efffekte: Hat schon irgend jemand einen positiven konjunkturellen Effekt durch die seit Jahren durchgehaltene expansive Geld- und Niedrigzinspolitik für die Eurozone ausgemacht.

Das könnte man auch für die Austeritätspolitik fragen. Im Übrigen mache ich einen solchen Effekt für die Niedrigzinspolitik aus, nämlich in Deutschland, wo wir inzwischen nominale Zins von null sowie real negative Zinsen haben und die Wirtschaft entsprechend brummt. In Griechenland sind dagegen die Zinsen nicht niedrig und ist auch die Geldpolitik nicht expansiv (jedenfalls seit der Krise nicht mehr, während dadurch vorher ein Boom bzw. eine Blase befeuert wurde).

Genauso wenig ist erkennbar, warum die Vergemeinschaftung der Schulden, die etwa der britische Ökonom Simon Tilford fordert, die Investitionsbereitschaft der Unternehmen ankurbeln kann.

Hier deutet sich eine Verschiebung der Debatte an, in der es üblicherweise um die Wirtschaft allgemein bzw. das Bruttosozialprodukt geht. Die Investitionsbereitschaft der Unternehmen mag dazu beitragen, ist aber nur für einen Teil der Konjunktur verantwortlich.

Für mich führen solche Vorschläge eher zu dramatischen Verzerrungen, weil sowohl auf der Makro- als auch auf der Miktroebene Moral Hazard und externe Effekte gefördert statt verhindert werden.

Das trifft zu, doch darum geht es den Gegnern der Austeritätspolitik nicht bzw. das nehmen sie in Kauf. In ganz extremer, aus meiner Sicht falscher Weise führt das Frank Lübberding unter “Merkel-Deutsche und wahre Finnen” vor, wo er es wegen der Kaufkrafteffekte bedauert, dass sehenden Betrügern in Griechenland ihre Blindenrente gestrichen wird.

Und überhaupt habe ich den Eindruck, die Debatte ist viel zu weit entfernt von der Mainstreet, also der realen Wirtschaftspraxis. Genau diese aber sollten sich die Ökonomen mal näher ansehen, denn wenn die Unternehmen nicht mitspielen, dann nützen noch so grandiose und theoretisch elegante Makromodelle nichts.

Warum sollten die Unternehmen nicht mitspielen, wenn sie Aufträge vom Staat oder Konsumenten erhalten?

Es entspricht einem naiven Verständnis, zu glauben, dass allein die Erhöhung der Staatsausgaben oder die Geldpolitik einer Zentralbank dazu führt, dass Unternehmen ihren Investitionsmotor anwerfen. Dergleichen wird kein Unternehmen bei positiven “Animal Spirits” plötzlich auf Schrumpfkurs schalten, wenn der Staat neue Sparmaßnahmen verabschiedet. Sehr wohl schränken sich aber Unternehmen ein, wenn Sparmaßnahmen und die öffentliche Diskussion darüber hohe Unsicherheit über künftige Einnahmen erzeugen.

Natürlich gibt es viele Faktoren für Unternehmensentscheidungen, nicht zuletzt Erwartungen und Vertrauen. Doch ausfallenden Nachfrage hat ganz direkt einen negativen Effekt in der Gegenwart. Gerade weil die meisten Unternehmer keine Makroökonomen sind, interessiert sie vor allem, ob es konkret in ihrer Kasse klingelt.

Maßgeblicher für den Erfolg einer Wirtschaftspolitik ist daher, dass die Unsicherheit über künftigen Entwicklungen wesentlich reduziert wird. Über derartige, für die Praxis sehr wichtige Hinweise der betriebswirtschaftlichen Investitionstheoriebv  liest man unterdessen viel zu selten etwas.

Natürlich wäre gleich und konsistent die richtige Politik am besten. Doch erstens geht es in der Debatte doch genau darum, welche Politik am besten ist. Die Unsicherheit ist vor allem deshalb lähmend, weil auch die falsche Politik gewählt werden könnte. Die sicher falsche Politik wäre aber noch schlimmer als nur ihre Möglichkeit.

Die Frage, wie konkret das Wachstum gefördert werden kann, bleibt bei der Forderung nach keynesianischen Ausgabenprogrammen meist unbeantwortet und wechselt je nach politischer Richtung.

Eigentlich geht es bei Konjunkturprogrammen gar nicht um Wachstums-, sondern eben um Konjunkturpolitik. Beim Wachstum steigt langfristig das wirtschaftliche Potential, bei der Konjunktur schwankt kurz- und mittelfristig dessen Auslastung. Das sollte man unterscheiden, auch wenn einige Makroökonomen (und viele linke Politiker) ständig Konjunkturprogramme fordern, auch im Boom.

Wenn aber eine Politik verfolgt wird, die alle paar Monate die Richtungen ändert und Fachleute stets einen bunten Strauss widersprüchlicher ökonomische Empfehlungen diskutieren, trägt das nicht gerade dazu bei, dass Unternehmen Lust bekommen, in die Zukunft zu investieren.

Wissenschaftler diskutieren eben gerne, zumal man nicht behaupten kann, dass sich schon ein Konsens gebildet hätte und nun sozusagen auf höherem Niveau eine neue Diskussion beginnen könnte. Es ist wichtig, dass Politiker die richtige Entscheidung treffen. Meiner Ansicht nach, was gegebenenfalls noch einmal näher begründet werden müsste, ist die Austeritätspolitik falsch (wie auch das Festhalten am Euro, was ich vielleicht schon zu oft begründet habe). Bei der nötigen Konjunkturpolitik kommt es hingegen sehr auf die Ausgestaltung an, während bei der Geldpolitik wiederum der Euro stört.

Würde Adam Smith heute einen Lehrstuhl erhalten?

Kürzlich war ich bei der Feier eines berühmten Emeritus. Dieser war ganz geknickt, weil ihm ein Kollege gesagt hatte, dass er mit seinen Veröffentlichungen heute nicht einmal mehr zu einem Berufungsvortrag eingeladen, geschweige denn berufen würde. Entsprechend schreibt
Sebastian Thieme in “Die missverstandene Pluralität” (eigentlich einer Kritik von u. a. meinem Beitrag ‘Memorandum von Ulrich Thielemann’, auf die ich vielleicht demnächst näher eingehe):

Doch mit diesem interdisziplinären Vorgehen besäßen z. B. Adam Smith, Max Weber oder Alfred Müller-Armack heute kaum mehr eine Chance, in den Wirtschaftswissenschaften Fuß zu fassen, zu forschen, zu habilitieren oder gar zum Professor berufen zu werden. Die etablierten Fachvertreter würden ihnen den ökonomischen Sachverstand absprechen und sie fragen «ob man überhaupt zu dem betreffenden Fach gehört und gehören will». Als Konsequenz müssten Adam Smith, Max Weber oder Alfred Müller-Armack heute in andere Disziplinen emigrieren.

Was lässt sich darauf entgegnen?

Erstens war Adam Smith gar kein Professor für Wirtschaftswissenschaften, die es in der Form noch gar nicht gab bzw. die als eigenes Fach überhaupt erst von ihm begründet wurden, sondern er war zuerst Professor für Logik und dann für Moralphilosophie.

Zweitens würde jemand, der heute genau dasselbe schreibt wie Adam Smith und andere Geistesgrößen früher, mit Recht keinen Lehrstuhl erhalten, da er ein Plagiator wäre.

Drittens haben sich auch die Methoden, Erkenntnisse und Publikationsformen weiterentwickelt, so dass entsprechende Geistesgrößen heute anders forschen und publizieren würden. Das war übrigens mein Trost an den Emeritus: Zu seiner Zeit hatte er herausragende Publikationen und sonstige Leistungen, welche ihm zu Recht zahlreiche Rufe einbrachten, und wäre er heute jung, würde er mit seinen Talenten wieder herausragende, allerdings andere, der heutigen Zeit gemäßere Publikationen und Leistungen schaffen, für die er berufen würde.

Viertens hatten es große Geister früher auch nicht unbedingt leichter als heute. Neue Ideen haben es immer schwer, ganz einfach weil sie neu sind. Nun gilt, dass alle genialen Ideen irgendwie neu sind, aber nicht alle neuen Ideen genial. Die meisten Ideen sind nicht wirklich gut bis ziemlich schlecht und das Erkennen der wirklich genialen nimmt minunter Jahrhunderte in Anspruch.

Fünftens ist einfach nicht zu sehen, dass die pauschalen Kritiker der heutigen Ökonomik irgendwelche genialen Leistungen vorzuweisen hätten. Herr Thieme oder auch Herr Thielemann, wo ist denn Ihr Werk, welches Sie mit “The Wealth of Nations” auf eine Stufe stellen könnten? Zeigen Sie es mir, dann setze ich mich sofort für Ihre Berufung ein.

Fazit: Die Zeiten ändern sich, doch geniale Köpfe werden immer gebraucht, einigermaßen talentierte auch, während nicht jeder, der es von sich glaubt, tatsächlich die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. Ein heutiger Adam Smith bekäme nicht nur einen Lehrstuhl, sondern einen Nobelpreis, würde aber von Herrn Thielemann & Co. als “ökonomistisch” und schlimmer beschimpft werden.

Antwort auf Thielemanns Replik

Zu meinen Ausführung zum ‘Memorandum von Ulrich Thielemann’ hat dieser eine Replik verfasst. Auf diese möchte ich heute meinerseits eingehen, selbst wenn The Lumpy Economist das bereits getan hat (“Der Wirtschaftsphilosoph kritisiert Thielemann”) und ich seiner lesenswerten Antwort größtenteils zustimme (heute veröffentlichte er außerdem “Thielemann Reveals Himself” als allgemeine Kritik an dessen Positionen). Die folgenden Zitate sind alle aus der Replik von Herrn Thielemann:

Der anonyme Blogger Wirtschaftsphilosoph

Ich schreibe nicht anonym, sondern unter Pseudonym, was ein Unterschied ist.

Ich lasse die zahleichen abschätzigen Bemerkungen, die m.E. ganz unnötig sind und auch nicht im Ansatz argumentativ substantiiert werden, außer Acht und komme gleich zum Punkt.

Okay, ich habe z. T. ad hominem argumentiert, was kein sehr guter Stil ist. Doch Herr Thielemann kann sich darüber nicht wirklich beklagen, da er selbst so vorgeht (was ich bereits wusste, siehe auch seine anderen Repliken).

Er sieht die Gefahr, dass das Memorandum zu einem «Relativismus» führe bzw. dazu, «dass jeder seine eigene Wahrheit hätte.» Dies ist eine ganz erstaunliche Fehlinterpretation. Keiner der von uns angeschriebenen Professoren, und wohl auch keiner der weiteren mehr als 700 Unterzeichner, hat die Stoßrichtung des Memorandums in dieser Weise fehlinterpretiert.

Wenn es tatsächlich eine Fehlinterpretation ist, dann tut es mir leid und bitte ich um Aufklärung, da mir nicht klar ist, wie “paradigmatische Vielfalt” sonst zu interpretieren wäre. Vielleicht liegt das aber auch am unscharfen Paradigma-Begriff, weshalb ich extra den Bezug zu dessen Urheber, Thomas Kuhn, herstellte, worauf Herr Thielemann leider nicht weiter eingeht.

Denn wenn wir sozusagen nicht mehrere Paradigmen ins wirtschaftswissenschaftliche Rennen schicken, können wir nicht wissen, welches das Richtige ist.

Das verstehe ich auch nicht. Woher wissen wir, welches richtig ist, wenn wir “mehrere Paradigmen ins wirtschaftswissenschaftliche Rennen schicken”? Hier scheint mir eine Verwechslung zwischen Hypothesen und Theorien einerseits, von denen zahlreiche gegeneinander getestet werden können, und Paradigmen andererseits, die in gewisser Weise inkommensurabel sind, vorzuliegen.

Wie kann man nur auf die Idee kommen, «paradigmatische Vielfalt» könne ein Argument innerhalb einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung sein.

Wofür soll sie dann ein Argument sein bzw. was wird überhaupt gefordert?

In dieser geht es, wie Wirtschaftsphilosoph richtig festhält, um «die Suche nach und Etablierung von einem neuen, besseren Paradigma».

Kuhn folgend geht es normalerweise nicht darum. Normalwissenschaft findet innerhalb eines Paradigmas statt. Nur unter besonderen Umständen kann es im Rahmen einer wissenschaftlichen Revolution zu einem neuen Paradigma kommen. Zumindest in der Erstauflage ist Thomas Kuhn auch noch der Ansicht, dass dieser Paradigmenwechsel nicht sonderlich rational vor sich geht.

Aber dann muss diese Suche «nach größerer Erkenntnis» (worin die Zurückweisung falscher Auffassungen einzuschließen ist) doch überhaupt erst einmal zugelassen sein.

Ist sie das nicht? Es kann doch jeder Wissenschaftler erforschen und vertreten, was er will. Zumindest trifft das auf etablierte Wissenschaftler zu, während der wissenschaftliche Nachwuchs sich gegebenenfalls eine passende Stelle suchen muss, da man offensichtlich nicht von jedem zu jedem Thema promoviert werden kann. Denn zur Forschungsfreiheit gehört auch die Freiheit zur Kritik. Herr Thielemann kann das ökonomische Paradigma ablehnen, doch dessen Vertreter können ebenso seine Ansichten verwerfen.

Die Offenheit für neue Erkenntnisse, für Sichtweisen, die vom bisherigen Standard möglicherweise fundamental abweichen und diesen als grundlegend verfehlt zurückweisen, muss im Wissenschaftssystem – in den Wirtschaftswissenschaften – überhaupt erst einmal verankert sein.

Warum muss das so sein? Astronomen müssen auch nicht mehr Astrologen oder Vertretern des Ptolemäischen Weltbildes Platz einräumen. In einem Paradigma kann alles Mögliche erforscht werden. Zu dessen Überwindung kommt es dann dadurch, dass diese normalwissenschaftliche Forschung an Grenzen stößt (weil sie selbst weiter fortschreitet oder in der Realität sich etwas ändert). Fundamentalkritik von außen ist hingegen für eine wissenschaftliche Gemeinschaft recht irrelevant, insbesondere wenn sie keine besseren Erklärungen anzubieten hat.

Die Kritik am «vorherrschenden Paradigma» müsste erst einmal auf einen «fruchtbaren» Boden treffen. Mehr noch: sie müsste sich überhaupt erst einmal im bestehenden Wissenschaftssystem entwickeln können. Dass dies nicht der Fall ist, dies ist die gemeinsame Überzeugung der Unterzeichner des Memorandums.

Die normative Forderung sehe ich als unbegründet an (siehe oben). Der Feststellung des letzten Satzes stimme ich jedoch zu. Das ist nicht der Fall. Doch im Gegensatz zu Herrn Thielemann und den Unterzeichnern des Memorandums finde ich das gut und richtig. Die meisten Unterzeichner sind eindeutig keine Wirtschaftswissenschaftler und müssen sich fragen lassen, was für eine Art von wissenschaftlichem Imperialismus sie da eigentlich betreiben wollen. Die Wirtschaftswissenschaft ist etwas anderes, verwendet andere Methoden und kommt zu anderen Ergebnissen als z. B. Soziologie oder Psychologie, doch was ist schlecht daran?

Doch sollte das wissenschaftliche Gewicht der Unterzeichner dem Kritiker des Memorandums nicht wenigstens ein wenig zu denken geben?

Ad hominem würde ich da zurückfragen: Was für ein wissenschaftliches Gewicht? Ich habe es nicht genau ausgezählt, doch vermutlich kann z. B. Herr Bachmann alleine mehr hochrangige wirtschaftswissenschaftliche Publikationen vorweisen als alle Unterzeichner des Memorandums zusammen. In gewisser Weise ist das natürlich gerade der Streitgegenstand, welche Bedeutung fachlich anerkannten Publikationen zukommt. Doch die Vorstellung, dass es in der Wissenschaft allein auf Quantität statt Qualität ankäme, ist absurd. Gerade Herr Thielemann kann doch nicht ernsthaft an Autorität statt die Kraft von Argumenten appellieren wollen.

Und wenn dies [siehe vorletztes Zitat] nicht mehr der Fall ist, dann hat sich eine Wissenschaft «dogmatisch verkapselt», dann ist sie «nur mehr der [akademischen] Form nach eine Wissenschaft». Oder etwa nicht?

Nein, zumindest nach Kuhn ist es eher umgekehrt. Eine ernsthafte und fortgeschrittene Wissenschaft, die ihr vorparadigmatisches Stadium überwunden hat, hat normalerweise und die meiste Zeit genau ein Paradigma, innerhalb dessen Normalwissenschaft betrieben wird. In besonderen Phasen, während wissenschaftlicher Revolutionen, kann es kurzfristig zwei Paradigmen nebeneinander geben, aber auch nicht völlig unverbunden, sondern das neue aus dem alten hervorgehend. Was Herr Thielemann demnach fordert, ist nicht konstitutiv für Wissenschaft, sondern Philosophie, aus der die einzelnen Wissenschaften hervorgingen und in der tatsächlich viele sehr unterschiedliche Konzepte und Schulen dauerhaft nebeneinander existieren.

Eigenartiger Weise gibt Wirtschaftsphilosoph keine klares Bekenntnis zu diesem doch ganz selbstverständlichen Grundsatz ab.

Was ist daran eigenartig, dass ich mich nicht zu etwas bekenne, was ich begründet für falsch halte. Umgekehrt fehlt mir die Begründung von Herrn Thielemann und allen Unterzeichnern des Memorandums für ihr Bekenntnis.

Wenn diese paradigmatische Offenheit nicht mehr vorhanden ist, dann verschließt man sich der Erkenntnis. Kurz gefasst: Man stimmt diesem Grundsatz zu, oder man ist Dogmatiker.

Das ist nun wirklich paradox, dass ausgerechnet diejenigen Dogmatiker sein sollen, die einem Grundsatz = Dogma nicht zustimmen. Ich sehe es umgekehrt, dass das Beharren auf nicht weiter begründeten Grundsätzen dogmatisch ist. Nun ist dieser Grundsatz einer der Offenheit, doch nach meiner Ansicht am falschen Objekt, nämlich dem Paradigma innerhalb einer Wissenschaft. Offenheit für entweder einzelne Erkenntnisse, neue Hypothesen etc. innerhalb einer Wissenschaft mit einem Paradigma oder auch für die Unterschiede zwischen den verschiedenen Wissenschaften ist etwas anderes und aus meiner Sicht sinnvoll. Die Offenheit für eine Vielzahl von Paradigmen innerhalb einer Wissenschaft scheint mir hingegen nicht sinnvoll, insbesondere wenn diese anderen Paradigmen ihrerseits kaum erprobt sind oder einfach aus anderen Wissenschaften stammen und einer eigenständigen Disziplin übergestülpt werden sollen.

Letztlich steht dahinter natürlich die Frage, wie sinnvoll man das gegenwärtige ökonomische Paradigma findet, wobei man über dessen tatsächliche Gestalt ebenfalls diskutieren müsste. Mir scheint es zumindest so, dass viele fachfremde Kritiker der Ökonomik gar nicht wissen, was sie da eigentlich kritisieren bzw. unzutreffende Vorstellungen von der Ökonomik haben, die in der kritisierten Form kaum jemand vertritt und verteidigt.

Da das Memorandum nicht ein Votum für das von mir paradigmatisch vertretene Verständnis einer ethisch-integrierten Ökonomik ist, sondern für paradigmatische Offenheit überhaupt plädiert (dabei allerdings ethische Reflexionen einschließt, ohne freilich deren Status zu benennen, denn diese wäre innerhalb der Wirtschaftswissenschaften zu klären), müsste Wirtschaftsphilosoph alle heterodoxen Position in gleicher Weise beurteilen.

Mir ist nicht klar, in welcher Weise Herr Thielemann sein “Verständnis einer ethisch-integrierten Ökonomik” “paradigmatisch” vertritt oder überhaupt vertreten kann. Was ist hier der Paradigma-Begriff? Kann jeder einzelne Forscher ein eigenes Paradigma haben und was bedeutet das dann? Jedenfalls beurteile ich nicht “alle heterodoxen Position[en] in gleicher Weise”. Es gibt nicht eine genau abgegrenzte Mainstream-Ökonomik, während alle andere Auffassungen unzulässig wären. Viele meiner in diesem Blog ausgedrückten Ansichten sind nicht wirklich Mehrheitsmeinung der deutschen oder gar globalen Ökonomen. Darum geht es auch überhaupt nicht und gerade im ökonomischen Paradigma gibt es eine Vielzahl von Theorien, Methoden etc. Trotzdem fällt nicht alles unter das ökonomische Paradigma. “Anything goes” ist eine philosophisch interessante Position, jedoch keine wissenschaftliche oder gar ökonomische. Eine erste Idee, wie ich das gegenwärtige ökonomische Paradigma charakterisieren würde, findet sich in “Meine Abgrenzung der Neoklassik”.

Mehr noch: Er müsste von vorn herein wissen, dass deren Vertreter «nichts Sinnvolles zur Ökonomik» beizutragen haben. Und woher weiß er das?

Es gibt Sachen die eindeutig unter das ökonomische Paradigma fallen, andere tun das eindeutig nicht, während es außerdem einen Graubereich gibt, für den sich das nicht so klar sagen lässt bzw. umstritten ist. Astrologie ist z. B. eindeutig nicht Teil der Ökonomik, selbst wenn ich jetzt kein genaues Prinzip angeben kann, woraus ich das hergeleitet habe. Astronomie ist ebenfalls nicht Teil der Ökonomik. Der klassische Marxismus ist es meiner Ansicht nach auch nicht (mehr), selbst wenn dessen Vertreter das anders sehen mögen. Psychologie halte ich nicht für Ökonomik, sondern eine eigene Disziplin etc.

Vermutlich daher, dass er Erkenntnisfortschritt nicht für «substantiell beurteilbar» hält (man kann es kaum glauben), sondern, trotz einiger Relativierungen, nur für messbar – durch die erfolgreiche Publikation in refereed journals nämlich.

Habe ich das irgendwo behauptet? Ich hatte nur folgende Aussage aus dem Memorandum hinterfragt “Wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritt ist nicht messbar, sondern letztlich nur substantiell beurteilbar.” Der Umkehrschluss, ich hielte deshalb Erkenntnisforschritt “nur für messbar” und nicht “substantiell beurteilbar” ist unzulässig und falsch.

Natürlich muss irgendjemand substantiell beurteilen. In diesem Verständnis sind es die Gutachter – und nicht die scientific community im Ganzen, wie es vor der Fixierung auf Journals der Fall war.

Auch das möchte ich hinterfragen (und warne zugleich vor falschen Schlüssen aus dem Faktum des Hinterfragens): Hat “die scientific community im Ganzen” früher “substantiell beurteil[t]” oder sonst irgendetwas gemacht. Falls ja, wie? Hier zeigt sich eine Denkfigur, die ich mit dem ökonomischen Paradigma für unvereinbar halte, nämlich das Denken in Kollektiven. Konkret handeln jedoch immer einzelne Individuen. Beim Begutachtungsprozess geschieht dies einigermaßen systematisch und transparent, in einem reinen Ordinariensystem dagegen mehr hierarchisch und gerade weniger an den Inhalten und Argumenten orientiert.

Natürlich haben die Gutachter in der Regel die Schere bereits im Kopf, je höher ein Journal gerankt ist, desto mehr. Die Schere nennt sich «Qualitätskontrolle». Sie bedeutet: Feststellung der Konformität mit dem vorherrschenden Kernparadigma. Das «bessere Argument», welches in der Tat den Wissenschaftsbetrieb bestimmen sollte, zählt hier jedenfalls so gut wie nicht.

Das halte ich für abstrusen Unsinn. Ja, die Begutachtung dient der Qualitätskontrolle, doch dabei geht es gerade um die Qualität der Argumente, Methoden und Ergebnisse. Dafür gibt es allerdings keinen außerwissenschaftlichen Maßstab, sondern die Wissenschaftler urteilen als Wissenschaftler nach (vor allem) wissenschaftlichen Kriterien. Diese passen einfach Herrn Thielemann nicht, da er nach ihnen nicht sonderlich gut abschneidet, was die Logik der Argumentation, die Originalität der Ideen, die empirische Überprüfbarkeit der Behauptungen etc. angeht.

Unfreiwillig zeigt Wirtschaftsphilosoph (offenbar ein im Wissenschaftssystem etablierter Ökonom) wie notwendig das Memorandum ist: Es ist keinerlei Offenheit für abweichende, widerstreitende Sichtweisen erkennbar.

Es tut mir leid, dass Herr Thielemann diese Offenheit nicht sieht bzw. seinerseits so eng versteht. Ich bin für jedes gute Argumente offen, sei es allgemein philosophischer Art oder konkret ökonomisch. Allerdings bin ich auch ganz offen, meiner Ansicht nach schlechte Argumente als solche zu benennen. Auch dieses Urteil ist offen und wird gerne revidiert, wenn mir ein Argument besser erklärt und dadurch einsichtig wird. Schließlich mache ich mein Urteil nicht zum Maßstab aller Dinge, sondern erkenne an, dass es renommierte Fachvertreter bis hin zu Nobelpreisträgern gibt, deren Ausführungen mir nicht einleuchten, jedoch andere gute Ökonomen überzeugt haben. Es gibt sehr viele Zeitschriften und Gutachter mit ganz unterschiedlichen Ansichten, doch wenn man (fast) nur Fachfremde überzeugen kann, sollte man sich fragen, ob man überhaupt zu dem betreffenden Fach gehört und gehören will.

Ist es eigentlich Zufall, dass Wirtschaftsphilosoph sich als «Liberaler» outet – alle anderen sind natürlich Freiheitsfeinde – und dabei die angeblich neutrale bzw. «wertfreie» Ökonomik, die er vertritt, als genau die Beratertheorie versteht, auf die m.E. die konsequenteste Ausformung der ökonomistischen Ökonomik hinausläuft? Offenbar möchte er diese paradigmatische Sicht unter gar keinen Umständen hinterfragt sehen.

Wer nicht explizit liberal ist, ist noch nicht gleich ein Freiheitsfeind. Allerdings sollte Herr Thielemann einmal sein Verhältnis zur individuellen Freiheit überprüfen. Welchen Stellenwert hat sie für ihn, insbesondere wenn Menschen von seiner Meinung abweichende Überzeugungen haben und Entscheidungen treffen? Mir ist auch nicht ersichtlich, warum die Ökonomik eine “Beratertheorie” sein soll. Gerade sehr marktliche Ansätze lassen doch gar keinen Platz für weitere Beratung. Wenn z. B. Kapitalmärkte effizient wären, könnte man dort durch keinerlei Beratung mehr verdienen als durch Halten des Marktportfolios. Schließlich kann jeder gerne meine Sicht hinterfragen, doch von Herrn Thielemann habe ich bisher noch gar keine ernsthafte, nicht rein rhetorische Frage vernommen, sondern nur die Forderung nach einem “klare[n] Bekenntnis zu diesem doch ganz selbstverständlichen Grundsatz”, seine Meinung ganz ohne Argumente allein im Namen “paradigmatischer Vielfalt” nach Kräften zu fördern.

Geldschöpfung durch Zentral- oder Geschäftsbanken?

Vor einigen Wochen gab es eine kleine Kontroverse zwischen Paul Krugman und insbesondere Steve Keen. Dazu hat sich auch Stephan Ewald geäußert und (mit weiterführenden Links) “A Short Intro to Modern Banking …” geschrieben. Darin wird auch auf meinen Beitrag ‘Das Verhältnis von Sparen und Investitionen’ verlinkt mit der kritisch gemeinten, doch im Grunde schmeichelhaften Bemerkung: “Econ Profs all over the world teach this myth and write about it in their blogs.”

Worum geht es? Es geht darum, wer auf welche Weise Geld schöpft. Mit dem Nobelpreisträger ging ich bislang davon aus, dass es vor allem die Zentralbank ist. (Der Verweis auf den Goldstandard lenkt davon ab, da unter ihm die Geldmenge exogen bestimmt bzw. nur in  Goldminen Geld geschöpft wird.) Die Herren Keen und Ewald weisen nun darauf hin, dass in der Praxis Banken eigenständige Geldschöpfung betreiben, wenn sie Kredite vergeben, und zwar jede einzelne Bank für sich durch simultane Geld- und Kreditschöpfung. Demnach benötigt eine Bank gar keine Spareinlagen, um Kredite auszugeben.

So ganz verstehe ich das leider immer noch nicht, da die Bank spätestens dann Zentralbank benötigt, wenn ihr Kreditnehmer das geliehene Geld abhebt, oder bei Überweisung auf das Konto bei einer anderen Bank dieser Geld schuldet, so dass eher alle Banken zusammen als eine einzelne Geld schöpfen können. Ansonsten frage ich mich auch, warum eine Bank überhaupt Spareinlagen haben will und dafür Zinsen zahlt. Alternativ kann sich die Bank natürlich auch bei anderen Banken oder der Zentralbank Geld leihen, welches sie dann aber gerade nicht geschöpft hätte (bzw. nur für kurze Zeit). Man könnte höchstens sagen, dass die Zentalbank von den Geschäftsbanken durch deren Kreditvergabe zur Geldschöpfung induziert wird, also nicht selbst aktiv die Geldmenge steuert, sondern dies indirekt über ihre Zinssätze und gegebenenfalls Mindestreservesätze tut, die jedoch auch bei null liegen können. Eine weitere Einschränkung der Kreditschöpfung durch Banken sind Eigenkapitalanforderungen, die jedoch nicht von der Zentralbank festgelegt werden. Außerdem benötigen Banken natürlich solvente Schuldner, die Kredite zu ihren Konditionen wünschen.

Abschließend frage ich mich bzw. Stephan Ewald, wie wichtig der genaue Wirkmechanismus der Geldschöpfung überhaupt ist. Welche makroökonomischen und realwirtschaftlichen Unterschiede hat es, ob die Zentralbank selbst Geld schöpft oder dies vor allem Geschäftsbanken im von ihr gesetzten Rahmen tun bzw. sie dazu anregen?