Ulrich Thielemann hat zusammen mit anderen “MeM – Berliner Denkfabrik für Wirtschaftsethik” gegründet, wobei “MeM” für “Menschliche Marktwirtschaft” steht, mit Marktwirtschaft allerdings wenig zu tun hat und auch die Menschlichkeit hinterfragt werden kann, so wie auch Herr Thielemann sich gerne als “Wirtschaftsethiker” bezeichnet, jedoch eher ein ‘Antiwirtschaftsmoralist’ ist. Sie merken schon, dass ich nicht die höchste Meinung von ihm habe. Diese Einstellung umfassend zu begründen, würde jetzt zu weit führen, doch an einem konkreten Beispiel möchte ich die Differenz aufzeigen:
Thielemann et al. haben “Für eine Erneuerung der Ökonomie: Memorandum besorgter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler” verfasst, wobei die meisten Unterzeichner keine Wirtschaftswissenschaftler sind. Nach Verweis auf eine Reihe mehr oder minder vernünftiger anderer Kritiker der gegenwärtigen Ökonomik wird behauptet:
Zu einer Wissenschaft gehört paradigmatische Vielfalt.
Argumente dafür werden nicht angeführt. Ich halte es da eher mit Thomas Kuhn, der den Beriff ‘Paradigma’ prägte und zumindest für die Naturwissenschaften konstanierte, dass diese stets ein vorherrschendes Paradigma aufweisen, welches nur in schwerwiegenden wissenschaftlichen Krisen durch ein anderes ersetzt werden kann. Vielleicht führt die ökonomische Krise zu einer solchen schwerwiegenden wissenschaftlichen Krise für die Ökonomik, doch dann geht es jetzt trotzdem nicht um “paradigmatische Vielfalt”, sondern die Suche nach und Etablierung von einem neuen, besseren Paradigma. Alternativ kann sich eine Wissenschaft auch in einer vorparadigmatischen Phase befinden, die aber ebenfalls durch ein Paradigma abgelöst würde und nicht eine Vielzahl davon. Vielleicht (so klar ist der ‘Paradigma’-Begriff nicht) ist “paradigmatische Vielfalt” sogar eine condradictio in adjecto, auf jeden Fall handelt es sich bei dem damit verbundenen Relativismus nicht um eine fruchtbare Diskussionsgrundlage. Wenn es fachliche Differenzen gibt, sollte darüber diskutiert und nach der größten Erkenntnis gesucht werden, statt dass man sich damit zufrieden gibt, dass jeder seine eigene Wahrheit hätte.
Die paradigmatische Öffnung der Wirtschaftswissenschaften muss daher auch und vor allem von außen angestoßen werden.
Wie soll das gehen? Wer kein Wirtschaftswissenschaftler ist, kann schlecht Wirtschaftswissenschaft betreiben. Wirtschaftssoziologen, -psychologen etc. sind Vertreter anderer Fächer, die gute Soziologie, Psychologie etc. über die Wirtschaft betreiben mögen, aber eben gerade keine Ökonomik.
Eine Wissenschaft, die mit der Reflexion ihrer eigenen paradigmatischen, einschließlich ihrer normativen Grundlagen abgeschlossen hat, ist nur mehr der Form nach eine Wissenschaft.
Das mag so sein oder auch nicht, doch auf jeden Fall trifft es auf die Ökonomik gar nicht zu. Ich nenne mich nicht umsonst ‘Wirtschaftsphilosoph’ und bin offen für jede Diskussion. In dieser Diskussion bin ich allerdings der Ansicht, dass Herr Thielemann nichts Sinnvolles zur Ökonomik beizutragen hat, sondern im Gegenteil von den eigentlichen Fragen ablenkt und z. B. die Wirtschaftsethik, die eine wichtige und besonders schwierige Teildisziplin ist, mit platten antiökonomischen Thesen diskreditiert.
Wir fordern die für die Wahrung der Wissenschaftlichkeit des Hochschulwesens zuständigen Instanzen, wie insbesondere den Wissenschaftsrat, auf, die wissenschaftspolitischen Weichen so zu stellen, dass innerhalb der Wirtschaftswissenschaften wieder eine paradigmatische Pluralität von Sichtweisen Einzug hält.
Ist das mit der Öffnung “von außen” gemeint? Sollen nicht mehr Wissenschaftler nach wissenschaftsimmanenten Kriterien Wissenschaft betreiben, sondern Politiker und Funktionäre ihnen Vorgaben machen? Woher sollen diese wissen, welche Paradigmen es gibt und welche davon einigermaßen sinnvoll sind und welche völliger Unsinn? Herr Thielemann würde ihnen da offensichtlich etwas ganz anderes raten als ich.
Dazu zählt insbesondere eine deutliche Relativierung bibliometrischer Kriterien für die Bemessung akademischer Forscherkarrieren, da durch diese nicht etwa wissenschaftliche Qualität, sondern die Konformität mit dem vorherrschenden Kernparadigma sichergestellt wird.
Das hängt stark davon ab, welche Kriterien wie verwendet werden. Zumindest potentiell kann es doch viele verschiedene wissenschaftliche Schulen geben, die in ihren je eigenen Zeitschriften viel schreiben und zitiert werden. Auf jeden Fall sollte jeder angehende Professor einige von anderen Wissenschaftlern begutachtete Beiträge vorweisen können, siehe meine ‘Vorschläge für Publikationsanforderungen’. Im recht umfangreichen Publikationsverzeichnis von Herrn Thielemann kann ich dagegen gerade einmal zwei referierte Beiträge in deutschen Fachzeitschriften entdecken, davon einmal erklärtermaßen nicht als “Erstautor”. Das finde ich etwas dürftig für einen Privatdozenten, auch wenn es seine Ablehnung wissenschaftlicher Standards vermutlich gut erklärt.
Wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritt ist nicht messbar, sondern letztlich nur substantiell beurteilbar.
Auch diese unbegründete Aussage lässt Fragen offen: Wer beurteilt “substantiell”? Nach welchen unmessbaren Kriterien? Wie gelingt das über die paradigmatischen Grenzen hinweg? Gibt es nach dieser Sichtweise überhaupt “Erkenntnisfortschritt”, worin würde dieser bestehen und welche Konsequenzen hätte er, wenn alte Paradigmen doch vielfältig fortbestehen sollen?
Wir fordern die für die Ausrichtung von Curricula zuständigen Instanzen auf, heterodoxe und interdisziplinäre Inhalte in die Lehrpläne aufzunehmen. Hierzu zählt insbesondere auch die Integration von Veranstaltungen, die sich sowohl mit den praktischen Folgen der wirtschaftswissenschaftlichen Theoriebildung als auch mit den paradigmatischen Grundlagen dieser selbst ethisch-kritisch auseinandersetzen.
Hier stimme ich sogar zu, wenngleich ich inhaltlich vermutlich ganz andere Vorstellungen habe, was da wie integriert werden soll. Ich bin mir auch nicht sicher, ob den Verfassern klar ist, wer “die für die Ausrichtung von Curricula zuständigen Instanzen” sind, nämlich in erster Linie die Fachbereiche und damit letztlich die gescholtenen Ökonomen.
Wir fordern die Förderer von Wissenschaft und Forschung dazu auf, Vorkehrungen dafür zu treffen, dass bei der Vergabe von Fördermitteln die paradigmatische Pluralität gewahrt und ein perspektivischer Monismus vermieden wird.
Ich fordere “die Förderer von Wissenschaft” dagegen dazu auf, möglichst gute Forschung zu fördern, von wem auch immer sie stammen mag. Quotierung auch für schwache Ansätze, weil sie vielleicht einmal stark waren, es irgendwann werden könnten oder nach Ansicht ihrer Vertreter sein sollten, lehne ich ab. Es möge das bessere Argument gewinnen und nicht das schlechtere bewahrt werden.
Die Wirtschaftswissenschaften gestalten durch ihre Empfehlungen und durch die von ihnen vermittelte Weltsicht das Gesellschaftsleben in vielfacher Weise nachhaltig mit. Ihr Anspruch als eine reife, undogmatische Sozialwissenschaft sollte darin bestehen, der guten und gerechten Ordnung der Gesellschaft dienlich zu sein.
Nein, jeder Wissenschaft als Wissenschaft geht es um systematische Erkenntnis. In der Folge mag das der Gesellschaft nutzen, doch der unmittelbare Nutzen ist nicht das Ziel von Wissenschaft und wird verfehlt, wenn man ihn trotzdem direkt anstrebt. Was unter “der guten und gerechten Ordnung der Gesellschaft” zu verstehen ist, steht auch nicht a priori fest, sondern ist vor allem philosophisch und politisch zu diskutieren. Hier scheint mir Pluralismus viel eher angebracht als beim Paradigma einer Wissenschaft.