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Antwort auf Thielemanns Replik

Zu meinen Ausführung zum ‘Memorandum von Ulrich Thielemann’ hat dieser eine Replik verfasst. Auf diese möchte ich heute meinerseits eingehen, selbst wenn The Lumpy Economist das bereits getan hat (“Der Wirtschaftsphilosoph kritisiert Thielemann”) und ich seiner lesenswerten Antwort größtenteils zustimme (heute veröffentlichte er außerdem “Thielemann Reveals Himself” als allgemeine Kritik an dessen Positionen). Die folgenden Zitate sind alle aus der Replik von Herrn Thielemann:

Der anonyme Blogger Wirtschaftsphilosoph

Ich schreibe nicht anonym, sondern unter Pseudonym, was ein Unterschied ist.

Ich lasse die zahleichen abschätzigen Bemerkungen, die m.E. ganz unnötig sind und auch nicht im Ansatz argumentativ substantiiert werden, außer Acht und komme gleich zum Punkt.

Okay, ich habe z. T. ad hominem argumentiert, was kein sehr guter Stil ist. Doch Herr Thielemann kann sich darüber nicht wirklich beklagen, da er selbst so vorgeht (was ich bereits wusste, siehe auch seine anderen Repliken).

Er sieht die Gefahr, dass das Memorandum zu einem «Relativismus» führe bzw. dazu, «dass jeder seine eigene Wahrheit hätte.» Dies ist eine ganz erstaunliche Fehlinterpretation. Keiner der von uns angeschriebenen Professoren, und wohl auch keiner der weiteren mehr als 700 Unterzeichner, hat die Stoßrichtung des Memorandums in dieser Weise fehlinterpretiert.

Wenn es tatsächlich eine Fehlinterpretation ist, dann tut es mir leid und bitte ich um Aufklärung, da mir nicht klar ist, wie “paradigmatische Vielfalt” sonst zu interpretieren wäre. Vielleicht liegt das aber auch am unscharfen Paradigma-Begriff, weshalb ich extra den Bezug zu dessen Urheber, Thomas Kuhn, herstellte, worauf Herr Thielemann leider nicht weiter eingeht.

Denn wenn wir sozusagen nicht mehrere Paradigmen ins wirtschaftswissenschaftliche Rennen schicken, können wir nicht wissen, welches das Richtige ist.

Das verstehe ich auch nicht. Woher wissen wir, welches richtig ist, wenn wir “mehrere Paradigmen ins wirtschaftswissenschaftliche Rennen schicken”? Hier scheint mir eine Verwechslung zwischen Hypothesen und Theorien einerseits, von denen zahlreiche gegeneinander getestet werden können, und Paradigmen andererseits, die in gewisser Weise inkommensurabel sind, vorzuliegen.

Wie kann man nur auf die Idee kommen, «paradigmatische Vielfalt» könne ein Argument innerhalb einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung sein.

Wofür soll sie dann ein Argument sein bzw. was wird überhaupt gefordert?

In dieser geht es, wie Wirtschaftsphilosoph richtig festhält, um «die Suche nach und Etablierung von einem neuen, besseren Paradigma».

Kuhn folgend geht es normalerweise nicht darum. Normalwissenschaft findet innerhalb eines Paradigmas statt. Nur unter besonderen Umständen kann es im Rahmen einer wissenschaftlichen Revolution zu einem neuen Paradigma kommen. Zumindest in der Erstauflage ist Thomas Kuhn auch noch der Ansicht, dass dieser Paradigmenwechsel nicht sonderlich rational vor sich geht.

Aber dann muss diese Suche «nach größerer Erkenntnis» (worin die Zurückweisung falscher Auffassungen einzuschließen ist) doch überhaupt erst einmal zugelassen sein.

Ist sie das nicht? Es kann doch jeder Wissenschaftler erforschen und vertreten, was er will. Zumindest trifft das auf etablierte Wissenschaftler zu, während der wissenschaftliche Nachwuchs sich gegebenenfalls eine passende Stelle suchen muss, da man offensichtlich nicht von jedem zu jedem Thema promoviert werden kann. Denn zur Forschungsfreiheit gehört auch die Freiheit zur Kritik. Herr Thielemann kann das ökonomische Paradigma ablehnen, doch dessen Vertreter können ebenso seine Ansichten verwerfen.

Die Offenheit für neue Erkenntnisse, für Sichtweisen, die vom bisherigen Standard möglicherweise fundamental abweichen und diesen als grundlegend verfehlt zurückweisen, muss im Wissenschaftssystem – in den Wirtschaftswissenschaften – überhaupt erst einmal verankert sein.

Warum muss das so sein? Astronomen müssen auch nicht mehr Astrologen oder Vertretern des Ptolemäischen Weltbildes Platz einräumen. In einem Paradigma kann alles Mögliche erforscht werden. Zu dessen Überwindung kommt es dann dadurch, dass diese normalwissenschaftliche Forschung an Grenzen stößt (weil sie selbst weiter fortschreitet oder in der Realität sich etwas ändert). Fundamentalkritik von außen ist hingegen für eine wissenschaftliche Gemeinschaft recht irrelevant, insbesondere wenn sie keine besseren Erklärungen anzubieten hat.

Die Kritik am «vorherrschenden Paradigma» müsste erst einmal auf einen «fruchtbaren» Boden treffen. Mehr noch: sie müsste sich überhaupt erst einmal im bestehenden Wissenschaftssystem entwickeln können. Dass dies nicht der Fall ist, dies ist die gemeinsame Überzeugung der Unterzeichner des Memorandums.

Die normative Forderung sehe ich als unbegründet an (siehe oben). Der Feststellung des letzten Satzes stimme ich jedoch zu. Das ist nicht der Fall. Doch im Gegensatz zu Herrn Thielemann und den Unterzeichnern des Memorandums finde ich das gut und richtig. Die meisten Unterzeichner sind eindeutig keine Wirtschaftswissenschaftler und müssen sich fragen lassen, was für eine Art von wissenschaftlichem Imperialismus sie da eigentlich betreiben wollen. Die Wirtschaftswissenschaft ist etwas anderes, verwendet andere Methoden und kommt zu anderen Ergebnissen als z. B. Soziologie oder Psychologie, doch was ist schlecht daran?

Doch sollte das wissenschaftliche Gewicht der Unterzeichner dem Kritiker des Memorandums nicht wenigstens ein wenig zu denken geben?

Ad hominem würde ich da zurückfragen: Was für ein wissenschaftliches Gewicht? Ich habe es nicht genau ausgezählt, doch vermutlich kann z. B. Herr Bachmann alleine mehr hochrangige wirtschaftswissenschaftliche Publikationen vorweisen als alle Unterzeichner des Memorandums zusammen. In gewisser Weise ist das natürlich gerade der Streitgegenstand, welche Bedeutung fachlich anerkannten Publikationen zukommt. Doch die Vorstellung, dass es in der Wissenschaft allein auf Quantität statt Qualität ankäme, ist absurd. Gerade Herr Thielemann kann doch nicht ernsthaft an Autorität statt die Kraft von Argumenten appellieren wollen.

Und wenn dies [siehe vorletztes Zitat] nicht mehr der Fall ist, dann hat sich eine Wissenschaft «dogmatisch verkapselt», dann ist sie «nur mehr der [akademischen] Form nach eine Wissenschaft». Oder etwa nicht?

Nein, zumindest nach Kuhn ist es eher umgekehrt. Eine ernsthafte und fortgeschrittene Wissenschaft, die ihr vorparadigmatisches Stadium überwunden hat, hat normalerweise und die meiste Zeit genau ein Paradigma, innerhalb dessen Normalwissenschaft betrieben wird. In besonderen Phasen, während wissenschaftlicher Revolutionen, kann es kurzfristig zwei Paradigmen nebeneinander geben, aber auch nicht völlig unverbunden, sondern das neue aus dem alten hervorgehend. Was Herr Thielemann demnach fordert, ist nicht konstitutiv für Wissenschaft, sondern Philosophie, aus der die einzelnen Wissenschaften hervorgingen und in der tatsächlich viele sehr unterschiedliche Konzepte und Schulen dauerhaft nebeneinander existieren.

Eigenartiger Weise gibt Wirtschaftsphilosoph keine klares Bekenntnis zu diesem doch ganz selbstverständlichen Grundsatz ab.

Was ist daran eigenartig, dass ich mich nicht zu etwas bekenne, was ich begründet für falsch halte. Umgekehrt fehlt mir die Begründung von Herrn Thielemann und allen Unterzeichnern des Memorandums für ihr Bekenntnis.

Wenn diese paradigmatische Offenheit nicht mehr vorhanden ist, dann verschließt man sich der Erkenntnis. Kurz gefasst: Man stimmt diesem Grundsatz zu, oder man ist Dogmatiker.

Das ist nun wirklich paradox, dass ausgerechnet diejenigen Dogmatiker sein sollen, die einem Grundsatz = Dogma nicht zustimmen. Ich sehe es umgekehrt, dass das Beharren auf nicht weiter begründeten Grundsätzen dogmatisch ist. Nun ist dieser Grundsatz einer der Offenheit, doch nach meiner Ansicht am falschen Objekt, nämlich dem Paradigma innerhalb einer Wissenschaft. Offenheit für entweder einzelne Erkenntnisse, neue Hypothesen etc. innerhalb einer Wissenschaft mit einem Paradigma oder auch für die Unterschiede zwischen den verschiedenen Wissenschaften ist etwas anderes und aus meiner Sicht sinnvoll. Die Offenheit für eine Vielzahl von Paradigmen innerhalb einer Wissenschaft scheint mir hingegen nicht sinnvoll, insbesondere wenn diese anderen Paradigmen ihrerseits kaum erprobt sind oder einfach aus anderen Wissenschaften stammen und einer eigenständigen Disziplin übergestülpt werden sollen.

Letztlich steht dahinter natürlich die Frage, wie sinnvoll man das gegenwärtige ökonomische Paradigma findet, wobei man über dessen tatsächliche Gestalt ebenfalls diskutieren müsste. Mir scheint es zumindest so, dass viele fachfremde Kritiker der Ökonomik gar nicht wissen, was sie da eigentlich kritisieren bzw. unzutreffende Vorstellungen von der Ökonomik haben, die in der kritisierten Form kaum jemand vertritt und verteidigt.

Da das Memorandum nicht ein Votum für das von mir paradigmatisch vertretene Verständnis einer ethisch-integrierten Ökonomik ist, sondern für paradigmatische Offenheit überhaupt plädiert (dabei allerdings ethische Reflexionen einschließt, ohne freilich deren Status zu benennen, denn diese wäre innerhalb der Wirtschaftswissenschaften zu klären), müsste Wirtschaftsphilosoph alle heterodoxen Position in gleicher Weise beurteilen.

Mir ist nicht klar, in welcher Weise Herr Thielemann sein “Verständnis einer ethisch-integrierten Ökonomik” “paradigmatisch” vertritt oder überhaupt vertreten kann. Was ist hier der Paradigma-Begriff? Kann jeder einzelne Forscher ein eigenes Paradigma haben und was bedeutet das dann? Jedenfalls beurteile ich nicht “alle heterodoxen Position[en] in gleicher Weise”. Es gibt nicht eine genau abgegrenzte Mainstream-Ökonomik, während alle andere Auffassungen unzulässig wären. Viele meiner in diesem Blog ausgedrückten Ansichten sind nicht wirklich Mehrheitsmeinung der deutschen oder gar globalen Ökonomen. Darum geht es auch überhaupt nicht und gerade im ökonomischen Paradigma gibt es eine Vielzahl von Theorien, Methoden etc. Trotzdem fällt nicht alles unter das ökonomische Paradigma. “Anything goes” ist eine philosophisch interessante Position, jedoch keine wissenschaftliche oder gar ökonomische. Eine erste Idee, wie ich das gegenwärtige ökonomische Paradigma charakterisieren würde, findet sich in “Meine Abgrenzung der Neoklassik”.

Mehr noch: Er müsste von vorn herein wissen, dass deren Vertreter «nichts Sinnvolles zur Ökonomik» beizutragen haben. Und woher weiß er das?

Es gibt Sachen die eindeutig unter das ökonomische Paradigma fallen, andere tun das eindeutig nicht, während es außerdem einen Graubereich gibt, für den sich das nicht so klar sagen lässt bzw. umstritten ist. Astrologie ist z. B. eindeutig nicht Teil der Ökonomik, selbst wenn ich jetzt kein genaues Prinzip angeben kann, woraus ich das hergeleitet habe. Astronomie ist ebenfalls nicht Teil der Ökonomik. Der klassische Marxismus ist es meiner Ansicht nach auch nicht (mehr), selbst wenn dessen Vertreter das anders sehen mögen. Psychologie halte ich nicht für Ökonomik, sondern eine eigene Disziplin etc.

Vermutlich daher, dass er Erkenntnisfortschritt nicht für «substantiell beurteilbar» hält (man kann es kaum glauben), sondern, trotz einiger Relativierungen, nur für messbar – durch die erfolgreiche Publikation in refereed journals nämlich.

Habe ich das irgendwo behauptet? Ich hatte nur folgende Aussage aus dem Memorandum hinterfragt “Wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritt ist nicht messbar, sondern letztlich nur substantiell beurteilbar.” Der Umkehrschluss, ich hielte deshalb Erkenntnisforschritt “nur für messbar” und nicht “substantiell beurteilbar” ist unzulässig und falsch.

Natürlich muss irgendjemand substantiell beurteilen. In diesem Verständnis sind es die Gutachter – und nicht die scientific community im Ganzen, wie es vor der Fixierung auf Journals der Fall war.

Auch das möchte ich hinterfragen (und warne zugleich vor falschen Schlüssen aus dem Faktum des Hinterfragens): Hat “die scientific community im Ganzen” früher “substantiell beurteil[t]” oder sonst irgendetwas gemacht. Falls ja, wie? Hier zeigt sich eine Denkfigur, die ich mit dem ökonomischen Paradigma für unvereinbar halte, nämlich das Denken in Kollektiven. Konkret handeln jedoch immer einzelne Individuen. Beim Begutachtungsprozess geschieht dies einigermaßen systematisch und transparent, in einem reinen Ordinariensystem dagegen mehr hierarchisch und gerade weniger an den Inhalten und Argumenten orientiert.

Natürlich haben die Gutachter in der Regel die Schere bereits im Kopf, je höher ein Journal gerankt ist, desto mehr. Die Schere nennt sich «Qualitätskontrolle». Sie bedeutet: Feststellung der Konformität mit dem vorherrschenden Kernparadigma. Das «bessere Argument», welches in der Tat den Wissenschaftsbetrieb bestimmen sollte, zählt hier jedenfalls so gut wie nicht.

Das halte ich für abstrusen Unsinn. Ja, die Begutachtung dient der Qualitätskontrolle, doch dabei geht es gerade um die Qualität der Argumente, Methoden und Ergebnisse. Dafür gibt es allerdings keinen außerwissenschaftlichen Maßstab, sondern die Wissenschaftler urteilen als Wissenschaftler nach (vor allem) wissenschaftlichen Kriterien. Diese passen einfach Herrn Thielemann nicht, da er nach ihnen nicht sonderlich gut abschneidet, was die Logik der Argumentation, die Originalität der Ideen, die empirische Überprüfbarkeit der Behauptungen etc. angeht.

Unfreiwillig zeigt Wirtschaftsphilosoph (offenbar ein im Wissenschaftssystem etablierter Ökonom) wie notwendig das Memorandum ist: Es ist keinerlei Offenheit für abweichende, widerstreitende Sichtweisen erkennbar.

Es tut mir leid, dass Herr Thielemann diese Offenheit nicht sieht bzw. seinerseits so eng versteht. Ich bin für jedes gute Argumente offen, sei es allgemein philosophischer Art oder konkret ökonomisch. Allerdings bin ich auch ganz offen, meiner Ansicht nach schlechte Argumente als solche zu benennen. Auch dieses Urteil ist offen und wird gerne revidiert, wenn mir ein Argument besser erklärt und dadurch einsichtig wird. Schließlich mache ich mein Urteil nicht zum Maßstab aller Dinge, sondern erkenne an, dass es renommierte Fachvertreter bis hin zu Nobelpreisträgern gibt, deren Ausführungen mir nicht einleuchten, jedoch andere gute Ökonomen überzeugt haben. Es gibt sehr viele Zeitschriften und Gutachter mit ganz unterschiedlichen Ansichten, doch wenn man (fast) nur Fachfremde überzeugen kann, sollte man sich fragen, ob man überhaupt zu dem betreffenden Fach gehört und gehören will.

Ist es eigentlich Zufall, dass Wirtschaftsphilosoph sich als «Liberaler» outet – alle anderen sind natürlich Freiheitsfeinde – und dabei die angeblich neutrale bzw. «wertfreie» Ökonomik, die er vertritt, als genau die Beratertheorie versteht, auf die m.E. die konsequenteste Ausformung der ökonomistischen Ökonomik hinausläuft? Offenbar möchte er diese paradigmatische Sicht unter gar keinen Umständen hinterfragt sehen.

Wer nicht explizit liberal ist, ist noch nicht gleich ein Freiheitsfeind. Allerdings sollte Herr Thielemann einmal sein Verhältnis zur individuellen Freiheit überprüfen. Welchen Stellenwert hat sie für ihn, insbesondere wenn Menschen von seiner Meinung abweichende Überzeugungen haben und Entscheidungen treffen? Mir ist auch nicht ersichtlich, warum die Ökonomik eine “Beratertheorie” sein soll. Gerade sehr marktliche Ansätze lassen doch gar keinen Platz für weitere Beratung. Wenn z. B. Kapitalmärkte effizient wären, könnte man dort durch keinerlei Beratung mehr verdienen als durch Halten des Marktportfolios. Schließlich kann jeder gerne meine Sicht hinterfragen, doch von Herrn Thielemann habe ich bisher noch gar keine ernsthafte, nicht rein rhetorische Frage vernommen, sondern nur die Forderung nach einem “klare[n] Bekenntnis zu diesem doch ganz selbstverständlichen Grundsatz”, seine Meinung ganz ohne Argumente allein im Namen “paradigmatischer Vielfalt” nach Kräften zu fördern.

Toleranz bei Worten, Taten und Piraten

Pavel Mayer, Politiker der Piratenpartei, hat einen Beitrag über “Toleranz” geschrieben. Darin steht nach einem großen Lob auf die (eigene) Toleranz:

Leider begehen einige dabei einen Kardinalfehler. Sie glauben, weil Toleranz ein so hohes Gut ist, müssten sie auch Toleranz gegenüber denen üben, die intolerante Weltanschauungen verbreiten, Weltanschauungen, die Pluralität verachten und keine andere Meinung gelten lassen als die eigene.

Der Fehler daran ist: Wer Prediger intoleranter Weltanschauungen toleriert, der übt Verrat am hohen Gut der Toleranz, denn er lässt zu, dass sich intolerante Weltanschauungen ungehindert ausbreiten können.

Nochmal: Wer Toleranz für ein hohes Gut hält, der ist verpflichtet, der Ausbreitung intoleranter Weltanschauungen entgegenzutreten.

Wer dagegen meint, diejenigen als intolerant zu diskreditieren, die der Ausbreitung von Intoleranz entgegentreten, ist selbst weder tolerant noch ein Verteidiger von Toleranz.

Er ist ein Idiot.

Darauf habe ich, mit Bezug auf einen anderen Kommentar, folgende Antwort verfasst:

Der Kommentar von schmiddie ist korrekt und der Blogeintrag von Pavel Mayer ist es leider nicht. Der Voltaire zugeschriebene Satz bringt es auf den Punkt: “Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.” Auch Sie, Herr Mayer, sollen Ihre Meinung verbreiten dürfen, auch wenn ich sie für falsch und intolerant halte (und Sie mich deshalb für einen Idioten).

Die Position von Herrn Mayer ist gar nicht so tolerant, wie sie tut. Auch seine spätere Unterscheidung (z. B. hier) von intoleranten Meinungen, die vielleicht noch tolerierbar wären, und ihrer öffentlichen Verbreitung, die im Namen der Toleranz bekämpft werden müsse, hilft nicht weiter. Meinungs- und selbst Gedankenfreiheit meint genau die Freiheit, seine Meinung und Gedanken zu äußern und zu verbreiten. Dass ich in meinem Kopf denken kann, was ich will, versteht sich von selbst (zumindest solange Gedanken noch nicht gelesen werden können).

Eine andere Unterscheidung erscheint mir hingegen wichtig, nämlich zwischen Worten und Taten. Totale Meinungsfreiheit ist möglich, bei der gegensätzliche, auch intolerante Meinungen friedlich vertreten und toleriert werden. Totale Toleranz hinsichtlich Taten führt hingegen zu Bürgerkrieg bzw. dem Recht des Stärkeren, welches die toleranteren Menschen nutzen sollten, besonders intolerante Taten zu unterdrücken, solange sie dazu in der Lage sind. Das führt zur größtmöglichen Toleranz, da noch mehr Toleranz gegenüber intoleranten Taten insgesamt weniger Toleranz zur Folge hat. Interessant ist noch der Fall, wo Worte Taten sind, z. B. direkte Morddrohungen oder gar -aufträge. Sie sollte man nicht tolerieren, wobei die Grenzen jedoch eng zu ziehen sind und nicht jede allgemeine und abstrakte Auffassung betreffen, aus der man solche Sachen irgendwie konstruieren könnte, selbst wenn es niemand tut (während selbst jedes harmlose Wort als Code für einen realen Mordbefehl strafwürdig sein kann).

Es gibt noch einen weiteren sehr wichtigen Aspekt, auf den Marina Weisband, noch Bundesgeschäftsführerin der Piratenpartei, in ihrem klugen Blog-Beitrag “Mir reicht[']s jetzt” hinweist:

Meinungsfreiheit ist ein Gut der Gesellschaft. Juristisch muss der Staat es ertragen, wenn Rechte Zeug reden, das noch legal ist. Aber wir sind eine Partei! Parteien sind nicht stellvertretend für die ganze Gesellschaft oder den ganzen Staat. Parteien sind parteiisch. Parteien sind Zusammenschlüsse von Menschen, die mehr oder weniger ähnlich in ihren Idealen sind. Eine Partei muss nicht alles dulden, was der Staat duldet.

Ja, “Parteien sind parteiisch”, sie dürfen und sollen es sein. Wie ich als Blogger (siehe ‘Meinungsfreiheit und Bloggermacht’) kann auch eine Partei ihre Regeln aufstellen und entscheiden, wer für sie (nicht) spricht, was (nicht) in ihrem Namen gesagt werden darf und wer als Mitglied (nicht) willkommen ist. Wird das allerdings sehr eng ausgelegt, dann handelt es sich nicht um eine liberale und tolerante Partei, was erlaubt ist, aber nicht fälschlich so benannt werden sollte. Echte Neonazis nicht zu dulden, ist legitim bis notwendig für eine gemäßigte Partei. Jeden “Rechten” auszugrenzen, ist schon weitaus problematischer, was auch für den Rauswurf von radikalen Verfechtern der Meinungsfreiheit gilt, die rechts- und linksradikale Ansichten gar nicht selbst vertreten, aber auch in der Partei dulden würden.

Grass-Gedicht

Günter Grass hat gestern ein unsägliches “Gedicht” veröffentlicht, u. a. in der Süddeutschen Zeitung. Mit Wirtschaft hat das wenig zu tun, doch als halber Philosoph habe ich statt eines Kommentars (von denen es zahlreiche gibt, z. B. bei der FAZ oder Zettels Raum) zur Abwechslung Folgendes verfasst:

Grass-Gedicht

Herr Günter Grass,
Der ist schon krass,
War einst SS,
Dann leugnet es
Er lange Zeit,
Allzeit bereit,
Die zu beschimpfen
Und verunglimpfen,
Die off’ner waren
In Nazi-Scharen.

Nun dreht er’s um
Und stellt sich dumm,
Nennt die Semiten
Böse Banditen
Und schlimme Schlächter
Statt die Verächter
Aus dem Iran
Mit ihrem Plan,
Sie zu vernichten.

So will Grass richten,
Ganz ungerecht,
Doch das ist schlecht
Wie sein Gedicht,
So macht man’s nicht.
Hätt’ er geschwiegen,
Wär’ er geblieben
Ein großer Dichter
Statt eigner Richter.

Glückwunsch an alle

Gestern kam ich aus dem Urlaub zurück und es gab nur eine Nachricht, die Wahl von Joachim Gauck zum Bundespräsidenten. Also ist wohl nicht viel passiert, da das doch schon seit einem Monat feststand und ich ihn dafür bereits beglückwünschte (siehe ‘Joachim Gauck wird Bundespräsident’).

Dabei stellt sich die Frage, ob das Amt überhaupt so beglückwünschenswert ist. Im Wesentlichen darf das Staatsoberhaupt Reden halten, aber das durfte Herr Gauck auch schon vorher und viel freier, was auch auf jeden Blogger zutrifft (und auch jeden Nichtblogger, da jeder bloggen und seine Meinung kundtun darf, aber keiner es muss). Das Internet ist wirklich eine freiheitliche und demokratische Errungenschaft. Deshalb meinen Glückwunsch an alle!

Dass letzten Mittwoch der Landtag von NRW aufgelöst wurde, war überraschender als die gestrige Wahl des Bundespräsidenten, passt aber auch gut in die Serie von Pyrrhussiegen der FDP (dazu morgen mehr).

Darwin Day

Nicht nur die Wirtschaftswissenschaft hat mit mangelnder gesellschaftlicher Anerkennung zu kämpfen. Zum Glück weniger in Europa, jedoch stark in den USA wird die moderne Biologie bzw. die Evolutionstheorie als ihre wichtigste Grundlage angezweifelt bis angegriffen. Dagegen gibt es z. B. den “Darwin Day”, der jeden 12. Februar gefeiert wird im Gedenken an Charles Darwin, der 1809 an diesem Tag geboren wurde.

Frank Patalong hat dazu bei SPIEGEL ONLINE den Artikel “Spott im Namen Darwins: Fisch frisst Fisch” geschrieben. Zumindest die Bilder kannte ich noch nicht und finde ich interessant. Ein Fisch mit Füßen ist das lustige Symbol für die Evolutionstheorie. Wenn dieser mit der Aufschrift Darwin jedoch den christlichen Symbolfisch frisst, scheint das etwas übertrieben. Wenn sich die Menschen entscheiden müssten, gäbe es wohl auch hierzulande eine große Mehrheit für Religion statt Evolution. Zum Glück muss man sich gar nicht entscheiden bzw. bauen hier religiöse Fundamentalisten einen falschen Gegensatz auf, worin sie rational und wissenschaftlich denkende Menschen nicht noch unterstützen sollten. Jeder soll glauben, was er möchte, und selbst wenn religiöser Glaube nicht vollständig rational ist, so muss er auch nicht völlig ir- oder sogar antirational sein.

Rainer Ponitka, Sprecher des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten, sagte laut Artikel: “die offensive Ablehnung des biblischen Schöpfungsmythos stellt das Fundament der christlichen Lehre in Frage.” Das sehe ich nicht so. Christliche Fundamentalisten, die jedes Wort der Bibel wortwörtlich für die göttlich offenbarte Wahrheit halten, haben damit (und vielem anderen) natürlich ein Problem, doch für vernünftige Christen sollten die Lehren von Jesus das Fundament ihres Glaubens bilden, zu denen nur ein sehr platter Sozialdarwinismus im Widerspruch stünde. Eine freie, sinngemäße statt wörtliche Auslegung der Schöpfungsgeschichte ist hingegen durchaus mit dem modernen naturwissenschaftlichen Weltbild vereinbar (die Tage sind eher Zeitalter und einfache Lebensformen enstanden vor komplizierten und am Ende der Entwicklung der Mensch).