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Amartya Sen zu Wirtschaftspolitik und -wissenschaft

Nobelpreisträger Amartya Sen hat dem Handelsblatt ein Interview gegeben: „Viele Ökonomen nehmen ihre simplen Modelle zu ernst“. Das hat mir gut gefallen. Nur der folgende Passus ist mir geographisch etwas zu eingeschränkt, da er doch z. B. auch für Deutschland gilt:

In Ländern wie Griechenland, Portugal und Spanien zählen die Ansichten der Wähler wesentlich weniger als die der Banker, der Ratingagenturen und anderer Finanzinstitutionen. Die Bevölkerung hat in vielen dieser Länder keine Stimme mehr – das ist eine Konsequenz der Währungsunion ohne politische Integration. Die Wirtschaftspolitik ist abgekoppelt von der politischen Basis. Das ist aus meiner Sicht ein Fehler und widerspricht komplett den Idealen der großen europäischen Bewegung, die sich für ein demokratisches, vereintes Europas starkgemacht hat.

Dass die momentane Fixierung auf Schuldenabbau statt auf Wachstum bzw. Schrumpfungsvermeidung ein Fehler ist, sehe ich hingegen auch so, wenngleich es eine einfache Erklärung dafür gibt: Deutschland besteht darauf, um nicht noch mehr für andere Länder bürgen und zahlen zu müssen, während der Euro diese Länder daran hindert, sich selbst zu helfen. Dass der moderne Staat “die Schwachen in der Gesellschaft zu schützen und für soziale Sicherheit zu sorgen” hat, ist richtig, doch was heißt das für Europa, welches noch kein Staat ist und keine übergreifende Gesellschaft hat?

Die Differenziertheit von Sens Antwort auf die Frage, ob “Mainstream-Ökonomen” zu Recht stark kritisiert werden, gefällt mir (wie auch seine differenzierte Sicht auf die Neoklassik und Adam Smith):

In begrenztem Maß ist die Kritik gerechtfertigt. Es stimmt, dass die Mainstream-Ökomomen dazu tendiert haben, anzunehmen, dass der Markt perfekt funktioniert und dass es keinen Bedarf für Regulierung gibt. Diese Ansicht war verbreitet. Aber vergessen Sie bitte nicht, dass die Mainstream-Ökonomie nicht nur um eine einzige Idee kreist. Ich glaube nicht, dass alle Bereiche der Mainstream-Ökonomie für die Krise verantwortlich gemacht werden können.

Zentral ist die folgende titelgebende These:

Ich denke, dass viele Ökonomen sehr beeindruckt waren von der Eleganz ihrer Modelle. Diese Modelle beschreiben fiktive Volkswirtschaften, in denen die Märkte perfekt funktionieren. In solch einer Welt erreichen die Märkte gute Ergebnisse und benötigen keinerlei staatliche Eingriffe. Das hat Adam Smith auch diskutiert – entlang der Grenzen, die man dabei im Kopf haben muss. Andere frühe Ökonomen, die diese einfachen Modelle verwendet haben, betonten stets, wie wichtig es ist, sich bewusst zu machen, dass die wahre Welt ganz anders aussieht. Edgeworth tat das, Walras tat das, Wicksell tat das. Viele moderne Ökonomen dagegen nehmen ihre simplen Modelle zu ernst.

Außerdem fordert er für die Ökonomik einen “ganzheitlicheren Blick” (was immer das heißen mag) und eine Beschäftigung mit “substanzieller Freiheit”:

Wir brauchen einen breiteren, ganzheitlicheren Blick. Wir müssen die gesamte Bandbreite der menschlichen Bedürfnisse sehen, die für Wohlstand notwendig sind. Ich wünsche mir ein ökonomisches Denken, das der menschlichen Freiheit größere Aufmerksamkeit schenkt. Ich meine nicht nur formale Rechte, sondern echte Freiheit – dass jeder Einzelne bestimmen kann, was er für ein Leben führt und was er erreicht. Die grundlegende Frage, die sich Ökonomen stellen sollten, ist: Was können wir tun, um eine anständige Gesellschaft zu haben, in der die Menschen weit mehr Freiheit haben, ein Leben zu führen, auf das sie stolz und glücklich sind. Und wir müssen uns fragen, welche Hilfe der Staat leisten kann, damit es diese substanzielle Freiheit gibt.

Schließlich mahnt er eine stärkere Beschäftigung mit der Ideengeschichte an und sieht auch die Mathematik differenziert:

Es besteht kein Konflikt zwischen der Mathematik und anderen Methoden. Unser Fach ist seit jeher eng mit der Mathematik verbunden. Dafür müssen wir uns nicht schämen. Wir dürfen uns nur nicht ausschließlich auf mathematische VWL konzentrieren und Erkenntnisse vernachlässigen, für die andere Arten der Argumentation nötig sind. Der Konflikt herrscht zwischen einem ganzheitlichen, breiten, umfangreichen Blick im Gegensatz zu einem engen Blick – ob der nun mathematisch ist oder nicht.

Das sehe ich im Prinzip auch so. Nur der Begriff “ganzheitlich” stört mich etwas (wenn er auf Englisch “integral” sagte, könnte ich dem eher folgen als “holistic”), da er leicht von der Wirtschaftswissenschaft wegführen kann, wie ich demnächst an einem schlechten Beispiel zeigen werde. Denn ökonomische Modelle sind schon in Ordnung, wenn sie zum Verständnis dienen und nicht mit der Realität verwechselt werden. Daneben gibt es andere Arten von ökonomischen Argumenten, aber auch nichtökonomische, die andere Wissenschaften zur Interdisziplinarität beitragen können und sollen.

Demut durchs Schachspielen

Eigentlich ist Schach ein primitives Spiel. Die spieltheoretische Struktur ist nicht anders als bei Tic Tac Toe, welches Kinder ernsthaft spielen können, aber bei dem halbwegs gewitzte Spieler immer unentschieden spielen. Bei Schach ist übrigens nicht bewiesen, wenn auch sehr wahrscheinlich, dass bei optimalem Spiel beider Spieler sich ebenfalls immer ein Unentschieden ergäbe. Jedenfalls ist es ein endliches Nullsummenspiel, nur ist die Zahl der möglichen Züge und die Komplexität der sich ergebenden Stellungen zu groß für den menschlichen Verstand oder auch die besten Supercomputer, um dieses Spiel (oder z. B. auch Go, welches noch mehr Möglichkeiten bietet) vollständig zu lösen. Das sollte uns Demut lehren, da Schach im Verhältnis zu realen Problemen, z. B. in der Wirtschaft, Politik oder Wissenschaft, relativ einfach ist und alle Regeln und sonstigen relevanten Informationen bekannt sind.

Noch mehr Demut lehrt das tatsächliche Spielen. Inzwischen schlagen die besten Computer regelmäßig den Schachweltmeister, der wiederum um sehr vieles besser ist als normale Spieler. Doch schon normale Vereinsspieler besiegen mich regelmäßig, während ich einer der besten Nichtvereinsspieler bin, zumindest von den mir bekannten. Vor einiger Zeit spielte ich in einem Blitzturnier bei einem Verein mit und habe nur verloren, siebenmal hintereinander. Zum Glück ist Schach kein Intelligenztest, sondern Üben, Lernen und Sonderbegabungen bringen sehr viel. Ansonsten würde ich überlegen, meinen Beruf aufzugeben. (Als professioneller Schachspieler würde ich allerdings verhungern.)

Beim Schach ist jedenfalls klar, wer gewonnen hat, was bei Debatten hier oder allgemein in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und dem ganz normalen Leben alles andere als klar ist. Außerdem gibt es da noch das Problem, dass ein relativer Sieg über den Gegenspieler nicht bedeutet, dass man tatsächlich Recht hat. Also Schach ist schwer, doch die Realität noch viel mehr, was zu Demut Anlass gibt.

Ohne Worte kein Verständnis

„You can’t do the math without the words“, berichtet Physorg.com. Das passt zu meiner These zu “Mathematik und Sprache”. Die natürliche Sprache ist Voraussetzung zum Verstehen von selbst einfachen mathematischen Ideen wie Zahlen, von deren formaler Darstellung gar nicht zu reden. Gefährlich wird es, wenn trotzdem, ohne Verständnis, gerechnet wird. So ist z. B. die Black-Scholes-Formel nicht falsch, doch ihre unkritische Verwendung kann zu sehr falschen Entscheidungen führen und dürfte ihren Beitrag zur Finanzkrise geliefert haben.

Mathematik und Sprache

‘Zur ökonomischen Lehre’ führte ich u. a. aus:

Herr Bachmann meint unter Verweis auf George Akerlof: “Die VWL der Zukunft wird mehr und komplexere Mathematik brauchen, nicht weniger.” Das mag so sein, doch für zwingend halte ich es nicht. Zeigt nicht gerade die Krise, dass die besten Ökonomen durchaus vernünftige verbale Argumente jenseits ihrer zur Krisenerklärung untauglichen Modelle formulieren können? Die mathematischen Methoden schulen das analytische Denken (und eignen sich vielleicht auch zur Selektion dazu besonders geeigneter Personen), doch sie ersetzen es nicht, wenn es um die großen und inhaltlichen Fragen geht.

Benjamin Schäfer meinte daraufhin in seinem Blog:

Ich bin der festen Überzeugung bin, dass man moderne Ökonomik nicht unmathematisch betreiben kann, auch wenn der Wirtschaftsphilosoph da anderer Meinung ist. Verbale Argumentation ist gut und notwendig, aber nicht hinreichend für eine Theorie mit Substanz. Aber ebenso sehr müssen gute Ökonomen ihre analytischen Erkenntnisse auch wieder in Prosa verpacken können. Mathematik und stringente verbale Argumentation bedingen sich gegenseitig und sind gleichermaßen essentiell für die moderne Ökonomik.

Darauf antwortete ich in der Diskussion:

“Ich bin der festen Überzeugung [], dass man moderne Ökonomik nicht unmathematisch betreiben kann, auch wenn der Wirtschaftsphilosoph da anderer Meinung ist.” Das habe ich gar nicht geschrieben, sondern mich gegen eine Überbetotung häufig auch noch schlecht angewandter Mathematik gewandt. “So viel Mathematik wie nötig, so wenig wie möglich”, ist mein Motto, während etliche “so viel Mathematik wie möglich” predigen, was erstens wenig mit Ökonomie zu tun hat (im doppelten Sinne) und dann zweitens doch nicht eingelöst wird (denn es gibt verdammt viele Arten von Mathematik und Ökonomen verwenden nur einen kleinen Bruchteil).

Bevor ich demnächst auf die Rolle der Mathematik in der Wirtschaftswissenschaft genauer eingehe, möchte ich auf eine allgemeine Eigenschaft der Mathematik hinweisen. Da ich damit mal wieder die Grenzen der eigentlichen Wirtschaftsphilosophie überschreite, wäre ich für Anmerkungen gerade auch von Mathematikern oder sogar Mathematikphilosophen dankbar, falls es solche unter meinen Lesern geben sollte.

Jedenfalls denke ich, dass der konstruierte Gegensatz zwischen Mathematik und verbaler Argumentation falsch ist. Die Mathematik besteht im Kern nicht aus irgendwelchen Formeln, sondern aus logischen Zusammenhängen zwischen abstrakten Entitäten, die sich, wenn auch nicht immer sehr praktisch, so doch grundsätzlich alle rein verbal ausdrücken lassen. Die Mathematik lässt sich also prinzipiell in normaler Sprache betreiben, 2+2=4 ist ebenso wie ein Doppelintegral nur eine abgekürzte Schreibweise.

Wenn das richtig ist, dann gibt es keinen Gegensatz zwischen mathematischer und verbaler Argumentation, sondern erstere ist eine Teilmenge von letzterer, da sich alles Mathematische zumindest grundsätzlich verbal ausdrücken lässt, auch wenn das häufig sehr umständlich und kaum verständlich wäre, während nicht umgekehrt alles sprachlich Ausdrückbare Teil der Mathematik ist oder sich gar mit mathematischen Symbolen beschreiben ließe. Entsprechend wäre eine rein verbale Wirtschaftswissenschaft möglich (und hat es auch lange gegeben), eine rein mathematische hingegen nicht.

Habe genau gelesen, Herr Bachmann

Rüdiger Bachmann fragte bei Ökonomenstimme “Haben die Uni-Ökonomen versagt?”, womit ich mich dort in den Kommentaren und hier unter ‘Zur ökonomischen Lehre’ auseinandersetzte. Bei Ökonomenstimme schrieb außerdem Mathias Binswanger die schöne Replik ‘Wie die Uni-Ökonomen versagen – die Theorie der Prostitution als Mahnmal’, wozu ich hier ‘Erklärung von Prostitution und Krise der Ökonomik’ schrieb und vor allem Herr Bachmann dort in der Diskussion mehrere Antworten. Auf seine erste bei der Ökonomenstimme mit dem Titel “Bitte genau lesen!” möchte ich hier etwas genauer eingehen (alle folgenden Zitate sind aus dieser Antwort, wenn nicht explizit anders angegeben):

Mein Artikel hatte einen ganz klaren Hauptaddressat: Studenten der VWL, und als solche waren sie angesprochen. Und als solche sind sie aufgefordert die cutting-edge Sprache ihres Faches zu lernen und zu sprechen, bevor sie im wissenschaftlichen Diskurs mitreden wollen. Ich finde es schade und eine Verdummung in der Gespraechskultur, dass man diesen geradezu trivialen Sachverhalt ueberhaupt betonen muss (wie gesagt, das gibt es nur in der VWL).

Gerade für einen Volkswirt ist es lustig, andere aufzufordern, was sie zu wollen haben. Was “die cutting-edge Sprache” (das scheint selbst ein Ausdruck aus ihr zu sein) angeht, so steht doch genau diese zur Diskussion. Wenn es nur um eine reale Wirtschaftskrise ginge und die Wirtschaftswissenschaft keine Krise hätte, sondern klare und eindeutig richtige Lösungen anbieten könnte, dann sollten jetzt möglichst viele dieses Fach ‘einfach’ studieren, statt darüber zu diskutieren (obwohl das wohl immer Teil eines akademischen Studiums ist). Da jedoch das Fach selbst Probleme hat, muss man auch (natürlich nicht nur, schließlich gibt es weiterhin die reale Wirtschaftskrise, die real viel wichtiger und schlimmer ist) über dessen Inhalte, Methoden und Sprache diskutieren. Von dieser Diskussion sind auch Laien und Studenten nicht ausgeschlossen, zumal sie einen weniger vorbelasteten Blick haben (dafür aber natürlich auch weniger fachliche Kenntnisse und Erfahrungen).

Es ging in dem Artikel auch an keiner Stelle um eine pauschale Zurueckweisung von Kritikern an der VWL. Auch wurde in dem Artikel ausdruecklich von einem Nostra Culpa gesprochen und zur Bescheidenheit gemahnt. Es sind doch typischerweise die Vertreter der sogenannten Heterodoxien, die es schon immer ganz genau wissen. Ich gebe es zu, dass ich es nicht weiss, bezweifle aber, dass es die “Heterodoxien” besser wissen.

Jeder hat wohl seine eigenen Vorstellungen von “Bescheidenheit” (oder bedeutet das Wort in der “cutting-edge Sprache” etwas anderes als im Deutschen?). Was ist außerdem mit “es” gemeint, von dem Herr Bachmann zugibt, “es” nicht zu wissen? Was sollen dann eigentlich die Studenten von ihm lernen und nicht selbst diskutieren dürfen?

Wieso diffamiert man Privatdozenten wenn man sie als unterdrueckt bezeichnet? Ich dachte das waere die typische Klage aus der Privatdozentencommunity? Vielleicht habe ich da was missverstanden. Wenn man mal genau zwischen den Zeilen liest, kritisiert der Artikel am Rande auch das deutsche System der Ausbeutung des wissenschaftlichen Personals unterhalb der Professorenebene (laengeres Privatdozententum ist in aller Regel Ausbeutung). Aber Ironie ist nicht jedermanns Sache.

Stimmt, oder was ist ironisch an dem Satz im ursprünglichen Beitrag “Ich kann auch nicht ganz ausschließen, dass diese Zeitungsartikel von Journalisten geschrieben wurden, die nie ein VWL-Vollstudium durchlaufen und nur die typische VWL-Übersichtsvorlesung für Nichtökonomen gehört haben, die alte Privatdozenten für einen Hungerlohn am Dienstagabend um 18.00 Uhr halten müssen.”? Da werde nicht nur Journalisten, sondern auch die Privatdozenten herabgewürdigt, deren Lehre offensichtlich dem Herrn Kollegen nicht gut genug ist. Als “unterdrückt” wurden sie dagegen gar nicht bezeichnet, sondern als “für einen Hungerlohn” arbeitend. Das hält er nun für “Ausbeutung”, wohl wissend, dass der Status selbst gewählt und die Alternative zum “Hungerlohn” gar kein Lohn und Titel ist (worüber sich demnächst die ersten Juniorprofessoren nach dem Auslaufen ihrer Verträge freuen dürfen).

Auch die Straubhaar-Passage wurden von Ihnen, lieber Herr Binswanger, voellig aus dem Zusammenhang gerissen. Ich finde, man darf sich legitimerweise darueber aufregen, dass ein in der Vergangenheit eher marktfreundlicher Oekonom sich ploetzlich als vom Saulus zum Paulus gewandelt darstellt und Erkenntnisse als neu und aufregend formuliert, die etwas weniger ideologischen Oekonomen schon sehr lange bekannt sind. Aber ich verstehe natuerlich, dass Sie sich, lieber Herr Binswanger, lieber ueber jedes verlorene und zurueckkehrende Schaf in der Herde der Heterodoxen freuen (Achtung, Sarkasmus).

Auch über Sarkasmus gibt es offensichtlich unterschiedliche Ansichten (ich kann hier keinen erkennen). Ich verstehe auch nicht die Aufregung von Herrn Bachmann, wenn Herr Straubhaar nun dasselbe glaubt wie er.

Zum JPE Artikel: geschenkt. Braucht kein Mensch. Jeder, der ein bisschen die profession kennt, weiss aber, dass das JPE von den Freakonomics Leuten z.T. gekapert wurde. Das muss man ganz gelassen sehen.

Mir scheint das die Kritik an dem Prostitutionsaufsatz zu verkennen. Es geht doch nicht um die Thematik, sondern um die Methoden und die sehr dürftigen Erkenntnisse. Das populärwissenschaftliche Buch “SuperFreakonomics” von Steven Levitt und Stephen Dubner enthält jedenfalls viel mehr interessante und gehaltvolle Erkenntnisse zur Prostitution als der hochwissenschaftliche Artikel in einer Top-Zeitschrift.

Es gibt ohnehin diese perverse Faszination mit den Top 5 in Deutschland (Schweiz?), und zwar sowohl von den Juengern als auch von den Kritikern. Natuerlich steht in den Top 5 jede Menge Schrott. What else is new? Mozart hat auch viel Unterdurchschnittliches geschrieben.

Hat Mozart wirklich “viel Unterdurchschnittliches geschrieben”, nicht unterdurchschnittlich für Mozart (dann ist die Aussage trivialerweise wahr), sondern unterdurchschnittlich für einen durchschnittlichen Komponisten? Das würde ich ganz stark bezweifeln. Bei einem Genie sind oft selbst die Fehler genial und auf jeden Fall interessanter als selbst überdurchschnittliche Leistungen normaler Menschen. Von interessanten Ökonomen (und Philosophen) lese ich möglichst viel, ihr Name ist ein viel stärkeres Qualitätssignal als das Veröffentlichungsmedium. Wenn man jemanden nicht kennt, können die Zeitschriften Reputation leihen (zumindest vorläufig, bis man einige Sachen tatsächlich gelesen hat), doch leider sind sie ein recht schwaches und ungenaues Qualitätssignal, eben weil selbst “in den Top 5 jede Menge Schrott” steht.

Wer z.B. in Berufungskommissionen glaubt, er muesse keine Papiere mehr lesen und nur Handelsblattpunkte zaehlen, naja, wie naiv kann man eigentlich sein?

Es geht hier nicht um Naivität, sondern ganz praktische Probleme. Wenn man in einer Berufungskommission sitzt und von z. B. fünfzig Bewerbern jeweils nur einen Aufsatz von zwanzig Seiten ernsthaft lesen wollte, hätte man ganz schön zu tun. Außerdem sind zumindest in Deutschland Berufungskommissionen recht heterogen besetzt. Da muss nicht nur ein Makroökonomik auch schon einmal  Mikroökonomen beurteilen, sondern oft auch eine Marketing-Expertin nach der besten Wirtschaftsinformatikerin Ausschau halten. Selbst wenn man sich dann ein halbwegs fundiertes Urteil aus eigener Lektüre gebildet haben sollte, wie kommuniziert man das den übrigen Mitgliedern der Berufungskommission?

Wenn ich ohne eigene Veröffentlichung im Journal of Political Economy über eine Autorin darin den Stab brechen wollte, würden nicht nur die Kollegen mich nicht ernst nehmen, sondern wäre mein Urteil in solch einem Verfahren auch nicht gerecht, selbst wenn der Beitrag inhaltlich Unsinn sein sollte. Denn solche Veröffentlichungen sind die Währung für Nachwuchswissenschaftler, durch deren Entwertung man keinem einen Gefallen tut. Aus meiner Sicht sollten wir diese Währung besser und gehaltvoller machen, jedoch nicht (wieder) durch individuelle Willkür und Gesinnungsurteile ersetzen. Außerdem sollte nicht jeder vom Bachelorstudenten bis zum Emeritus in dieser Währung gemessen werden. Möglichst hochrangige Veröffentlichungen sind etwas für Doktoranden und vor allem Habilitanden, nicht jedoch für Bachelor- und Masterstudenten oder auch etablierte Professoren. An uns sind andere, vor allem inhaltliche und in gewisser Weise strengere Maßstäbe anzulegen.