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Formen des Anarchismus

Frank Lübberding weist in diesem Kommentar auf seine “FAZ.NET-Frühkritik: Maybrit Illner: Kommunismus oder Naturalwirtschaft?” hin. Ich muss zugeben, (wieder) nicht alles nachvollziehen zu können. Vor allem verstehe ich nicht, wie David Graeber wiederholt als “Anarchist” vorgestellt werden kann, um dann “Demokratie” als Lösung für die gegenwärtigen Probleme rund um den Euro und in Griechenland vorzuschlagen. Nach meinem Verständnis ist Anarchie die Ablehnung von Herrschaft und insbesondere dem Staat, während Demokratie eine staatliche Herrschaftsform ist. Wie passt das zusammen?

Es gibt verschiedene Varianten des Anarchismus. Wikipedia unterscheidet z. B. kollektivistischen, kommunistischen und individualistischen Anarchismus. Daneben kann es auch noch rechte Spielarten des Anarchismus geben, wenngleich diese auch kollektivistisch sind (Großfamilien, Volks- oder Religionsgemeisnchaften organisieren sich selbst, ohne staatliche Strukturen). Bei den beiden erstgenannten, linken Varianten hat mir noch nie ganz eingeleuchtet, wie die kollektive bzw. kommunistische Gesellschaft herrschafts- und staatsfrei organisisert werden soll. Wer stellt dann z. B. einen Plan auf und setzt ihn durch oder verteilt um, wenn es weder Staat noch Staatsgewalt gibt? Handeln hingegen alle Betroffenen freiwillig solidarisch, sind wir bereits bei einer Form des individualistischen Anarchismus, die mir als Liberalem am nächsten steht.

Radikale Libertäre lehnen den Staat wegen seiner Freiheitsbeschränkungen ganz ab und sind damit individualistische Anarchisten, während Märkte zumindest prinzipiell auch ohne Staat funktionieren können. Sicherheitsleistungen sollen dann auch am Markt gekauft werden, womit jedoch aus meiner Sicht die Naivität dieses Ansatzes besonders deutlich wird: Warum sollen Sicherheitsfirmen ihre Dienste verkaufen, wenn sie die Machtmittel haben, um andere auch zu Abgaben ohne Gegenleistung (bis auf den Verzicht, angedrohte Übel anzutun) zu zwingen? Damit entsteht endogen eine Art schutzgelderpressende Mafia bzw. ein primitiver Staat. Dagegen ist ein liberaler Rechtsstaat mit Gewaltenteilung etc. einfach die bessere Alternative, zumal er neben der inneren und äußeren Sicherheit auch noch andere Kollektivgüter bereitstellen kann.

Anmerkungen zur NRW-Wahl

Vor acht Tagen war ein ‘Wahltag in Europa’ mit gleich fünf Wahlen. Gestern gab es nur eine (zumindest von der ich weiß), die vielleicht trotzdem interessant ist, zumindest für politisch Interessierte in Deutschland. Das vorläufige amtliche Endergebnis findet sich hier. Zu jeder in den Landtag gewählten Partei (und der aus diesem ausgeschiedenen) lässt sich etwas anmerken:

Die SPD und insbesondere ihre Spitzenkandidatin und Ministerpräsidentin Hannelore Kraft haben die Wahl klar gewonnen. Glückwunsch! Sie verfügen nun zusammen mit ihrem Wunschpartner über eine klare Mehrheit (wenngleich die SPD früher auch schon öfter allein absolute Mehrheiten in ihrem Stammland erzielte). Frau Kraft ist zwar keine politische Lichtgestalt, doch sie war die seriöseste und solideste Spitzenkandidatin. Das gilt übrigens auch im Vergleich zur Riege an Wahlverlierern, die bislang als SPD-Kanzlerkandidaten gehandelt werden.

Die CDU und insbesondere ihr Spitzenkandidat und Bundesumweltminister Norbert Röttgen haben das mit Abstand schlechteste Ergebnis aller Zeiten in diesem Bundesland eingefahren, was insbesondere auf das dilletantische Verhalten von Herrn Röttgen, aber auch das Fehlen jeder positiven Wahlaussage zurückzuführen ist. Selbst wenn man stark gegen neue Schulden ist, reicht das als Regierungsprogramm nicht. Vor allem ist aber völlig unverständlich, weshalb Herr Röttgen sich erst von den CDU-Mitglieder gegen einen echten Landespolitiker zum Landesvorsitzenden und dann zum Spitzenkandidaten wählen liess, um dann öffentlich zu erklären, nur als Ministerpräsident nach Düsseldorf kommen zu wollen. Mit seinem desaströsen Ergebnis hätten ihn ohnehin niemand als Oppositionsführer gewollt, doch bei einer ernsthafteren Kandidatur bzw. einem anderen Kandidaten wäre das Ergebnis auch nicht so desaströs geworden. Das Beste für die CDU ist wohl, dass sie auch diesen vermeintlichen Hoffnungsträger losgeworden ist. Demnächst ist auch mit einem neuen Bundesumweltminister zu rechnen.

Die Grünen waren wohl am Ende selbst am meisten überrascht, bei dieser Wahl kaum verloren zu haben. Dabei hatten sie den letzten Landtag mit Blick auf gute Umfragewerte aufgelöst. Das zeigt, wie schnell sich Umfragen ändern können und wie unzuverlässig sie zur Vorhersage von tatsächlichen Wahlergebnissen sind. Von der nun stabilen Regierungsmehrheit profitieren die Grünen natürlich, doch erstens war diese unsicher und zweitens sind sie relativ zur SPD deutlich schwächer geworden.

Die FDP und insbesondere ihr Spitzenkandidat Christian Lindner, der kein halbes Jahr zuvor als Generalsekretär der FDP einfach hinschmiss, sind die Überraschungssieger dieser Wahl. Aber sind sie vielleicht immer noch die ‘Freunde Dauernder Pyrrhussiege’, denen sie nur einen weiteren hinzufügten? Statt aus dem Landtag zu fliegen, was viele erwartetet hatten, gewannen sie noch Stimmanteile hinzu. Allerdings haben sie nun keinerlei Einfluss mehr auf das Regierungshandeln, wie es bei der vorherigen Minderheitsregierung noch der Fall war. “Lieber neue Wahlen als neue Schulden” hat effektiv auch nichts erreicht (außer neuen Schulden für die Partei selbst). Wie ich schon bei der CDU anmerkte, scheint mir diese Fixierung auf Schulden nicht nur inhaltlich falsch, sondern vor allem auch zu dünn, zumal für gleich zwei Oppositionsparteien. Der größte Vorteil der FDP war vermutlich die Schwäche der CDU. Meine “Zehn Punkte zur Rettung der FDP” bedürfen auch noch der Umsetzung, wovon dieser Wahlerfolg wohl eher ablenkte.

Die Piraten gewannen mehr Prozentpunkte hinzu als SPD oder FDP und zogen so in den vierten Landtag ein. Eine wirkliche Überraschung war das nicht mehr. Regierungsverantwortung wird von ihnen auch nicht erwartet. Doch die Partei insgesamt wird spätestens zur Bundestagswahl ein substanzielleres Programm vorlegen müssen, um nicht als reine Protest- und Spaßpartei unterzugehen.

Die Linke ist noch zu nennen, die aus dem Landtag flog und prozentual noch viel mehr verlor als die CDU (allerdings in Prozentpunkten von vornherein weniger hatte, als die CDU einbüßte). Ganz unabhängig von den politischen Inhalten scheint mir das Ergebnis angesichts der schlechten politischen Leistungen im letzten Landtag gerechtfertigt, wo man anfangs leichtfertig eine (geringe) Chance auf Regierungsverantwortung ausschlug und dann auch keine seriöse Oppositionsarbeit leistete. Dass das nun gleich das Ende der Partei in den alten Bundesländern bedeuten muss, würde ich bezweifeln, doch Oskar Lafontaine gibt sich alle Mühe, auch dieser Partei wie zuvor der SPD nach Kräften zu schaden.

Kollektive aus liberaler und ökonomischer Sicht

Gestern hatte ich eine wichtige Diskussionen mit Karsten zu Kollektiven etc. in den Kommentaren zu ‘Straubhaar will Demokratie und Souveränität abschaffen’. Diese Diskussion möchte ich hier nicht nachzeichnen, dazu sei auf die Kommentare verwiesen, sondern mit einem generellen Missverständnis aufräumen, was Liberale und Ökonomen angeht. Liberale treten normativ vor allem für individuelle Freiheit ein. Das enthält weder eine beschreibende Aussage zu Kollektiven, etwa dass es sie gar nicht gäbe, noch eine direkt normative, z. B. dass sie schlecht seien. Es folgt nur indirekt normativ, dass die individuelle Freiheit im Konfliktfall höher zu gewichten ist als Ansprüche von Kollektiven. Religionsfreiheit beinhaltet beispielsweise das Recht, sich seine Religion und auch Religionsgemeinschaft aussuchen, diese aber auch wieder verlassen zu dürfen. Dies zu verbieten oder gar mit dem Tode zu bedrohen, wie es zuletzt Kuwait getan hat, ist illiberal. Innerhalb von Religionsgemeinschaften kann es hingegen nahezu beliebig absurde Glaubensbekenntnisse, Hierarchien und Gemeinschaftsrituale geben. Liberale haben also gar nichts gegen Kollektive, solange sie nicht auf grundlegenden individuellen Freiheitsrechten herumtrampeln.

Wie ist das Verhältnis von Ökonomen zu Kollektiven? Zumindest das vorherrschende ökonomische Paradigma vertritt sowohl einen normativen als auch methodologischen Individualismus. Nicht zuletzt wegen des normativen Individualismus sind viele Ökonomen zugleich Liberale, wobei es auch andere Ausprägungen geben kann. So ist der Utilitarismus auch eine sehr ökonomische Position, bei dem es nicht unmittelbar auf die individuelle Freiheit, sondern vor allem auf den individuellen Nutzen ankommt, dessen Summe maximiert werden soll. Der Bezug auf die Summe hat bereits ein kollektives Element, doch Kollektiven wird kein eigener Nutzen zugeordnet, sondern nur den ihnen angehörenden Individuen. Wenn die Kollektive diesen Nutzen der einzelnen Menschen erhöhen, sind sie nach dieser Auffassung gut, bei Nutzenreduktion schlecht und zu verändern oder abzuschaffen.

Methodologischer Individualismus bedeutet ebenfalls nicht, dass die Existenz von Kollektiven geleugnet würde, was ziemlich absurd wäre, sondern dass kollektives Verhalten konsequent auf individuelles zurückgeführt wird. Im wortwörtlichen Sinne können ein Staat, ein Unternehmen oder eine Familie nicht handeln, sondern es sind immer Individuen, allerdings gelegentlich viele oder einzelne stellvertretend für ein Kollektiv oder auch im (falschen) Glauben, als Teil eines Kollektivs so handeln zu müssen. Das ist vielleicht eine recht einfache Auffassung von sozialen Beziehungen und kollektiven Eigenschaften. Gerade in der Soziologie gibt es auch andere Ansätze, doch für die ökonomischen Fragestellungen genügt sie. Ökonomen analysieren nicht Individuen und Kollektive an sich und all deren Eigenschaften, sondern insbesondere deren zielgerichtetes Handeln angesichts von Knappheitsproblemen und damit verbundene Anreizstrukturen.

Der methodologische Individualismus führt zu interessanten Erkenntnissen, wobei die besonderen Probleme kollektiver Entscheidungen im Gegensatz zu individuellen vielleicht bereits in dem Ansatz angelegt sind. Trotzdem hat das Behaupten solcher Probleme empirischen Gehalt. Theoretisch könnten Kollektive, die z. B. nach der Mehrheitsregel entscheiden oder ein ausgezeichnetes Mitglied entscheiden lassen, bessere Entscheidungen treffen als durchschnittliche Individuen. Faktisch ist das wegen Anreiz- und Informationsproblemen selten der Fall. Insbesondere intelligente Individuen dürften zumindest für sich selbst regelmäßig bessere Entscheidungen treffen, während recht unintelligente und irrationale Personen schlechter abschneiden könnten. In jedem Fall lassen sich Kollektiventscheidungen nicht immer vermeiden, insbesondere bei echten Kollektivgütern, so dass über möglichst gute Entscheidungsverfahren nachzudenken lohnt, wobei in jeder Hinsicht optimale Lösungen nicht in jedem Fall möglich sind, wie z. B. Arrows Unmöglichkeitstheorem zeigt.

Antwort auf Thielemanns Replik

Zu meinen Ausführung zum ‘Memorandum von Ulrich Thielemann’ hat dieser eine Replik verfasst. Auf diese möchte ich heute meinerseits eingehen, selbst wenn The Lumpy Economist das bereits getan hat (“Der Wirtschaftsphilosoph kritisiert Thielemann”) und ich seiner lesenswerten Antwort größtenteils zustimme (heute veröffentlichte er außerdem “Thielemann Reveals Himself” als allgemeine Kritik an dessen Positionen). Die folgenden Zitate sind alle aus der Replik von Herrn Thielemann:

Der anonyme Blogger Wirtschaftsphilosoph

Ich schreibe nicht anonym, sondern unter Pseudonym, was ein Unterschied ist.

Ich lasse die zahleichen abschätzigen Bemerkungen, die m.E. ganz unnötig sind und auch nicht im Ansatz argumentativ substantiiert werden, außer Acht und komme gleich zum Punkt.

Okay, ich habe z. T. ad hominem argumentiert, was kein sehr guter Stil ist. Doch Herr Thielemann kann sich darüber nicht wirklich beklagen, da er selbst so vorgeht (was ich bereits wusste, siehe auch seine anderen Repliken).

Er sieht die Gefahr, dass das Memorandum zu einem «Relativismus» führe bzw. dazu, «dass jeder seine eigene Wahrheit hätte.» Dies ist eine ganz erstaunliche Fehlinterpretation. Keiner der von uns angeschriebenen Professoren, und wohl auch keiner der weiteren mehr als 700 Unterzeichner, hat die Stoßrichtung des Memorandums in dieser Weise fehlinterpretiert.

Wenn es tatsächlich eine Fehlinterpretation ist, dann tut es mir leid und bitte ich um Aufklärung, da mir nicht klar ist, wie “paradigmatische Vielfalt” sonst zu interpretieren wäre. Vielleicht liegt das aber auch am unscharfen Paradigma-Begriff, weshalb ich extra den Bezug zu dessen Urheber, Thomas Kuhn, herstellte, worauf Herr Thielemann leider nicht weiter eingeht.

Denn wenn wir sozusagen nicht mehrere Paradigmen ins wirtschaftswissenschaftliche Rennen schicken, können wir nicht wissen, welches das Richtige ist.

Das verstehe ich auch nicht. Woher wissen wir, welches richtig ist, wenn wir “mehrere Paradigmen ins wirtschaftswissenschaftliche Rennen schicken”? Hier scheint mir eine Verwechslung zwischen Hypothesen und Theorien einerseits, von denen zahlreiche gegeneinander getestet werden können, und Paradigmen andererseits, die in gewisser Weise inkommensurabel sind, vorzuliegen.

Wie kann man nur auf die Idee kommen, «paradigmatische Vielfalt» könne ein Argument innerhalb einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung sein.

Wofür soll sie dann ein Argument sein bzw. was wird überhaupt gefordert?

In dieser geht es, wie Wirtschaftsphilosoph richtig festhält, um «die Suche nach und Etablierung von einem neuen, besseren Paradigma».

Kuhn folgend geht es normalerweise nicht darum. Normalwissenschaft findet innerhalb eines Paradigmas statt. Nur unter besonderen Umständen kann es im Rahmen einer wissenschaftlichen Revolution zu einem neuen Paradigma kommen. Zumindest in der Erstauflage ist Thomas Kuhn auch noch der Ansicht, dass dieser Paradigmenwechsel nicht sonderlich rational vor sich geht.

Aber dann muss diese Suche «nach größerer Erkenntnis» (worin die Zurückweisung falscher Auffassungen einzuschließen ist) doch überhaupt erst einmal zugelassen sein.

Ist sie das nicht? Es kann doch jeder Wissenschaftler erforschen und vertreten, was er will. Zumindest trifft das auf etablierte Wissenschaftler zu, während der wissenschaftliche Nachwuchs sich gegebenenfalls eine passende Stelle suchen muss, da man offensichtlich nicht von jedem zu jedem Thema promoviert werden kann. Denn zur Forschungsfreiheit gehört auch die Freiheit zur Kritik. Herr Thielemann kann das ökonomische Paradigma ablehnen, doch dessen Vertreter können ebenso seine Ansichten verwerfen.

Die Offenheit für neue Erkenntnisse, für Sichtweisen, die vom bisherigen Standard möglicherweise fundamental abweichen und diesen als grundlegend verfehlt zurückweisen, muss im Wissenschaftssystem – in den Wirtschaftswissenschaften – überhaupt erst einmal verankert sein.

Warum muss das so sein? Astronomen müssen auch nicht mehr Astrologen oder Vertretern des Ptolemäischen Weltbildes Platz einräumen. In einem Paradigma kann alles Mögliche erforscht werden. Zu dessen Überwindung kommt es dann dadurch, dass diese normalwissenschaftliche Forschung an Grenzen stößt (weil sie selbst weiter fortschreitet oder in der Realität sich etwas ändert). Fundamentalkritik von außen ist hingegen für eine wissenschaftliche Gemeinschaft recht irrelevant, insbesondere wenn sie keine besseren Erklärungen anzubieten hat.

Die Kritik am «vorherrschenden Paradigma» müsste erst einmal auf einen «fruchtbaren» Boden treffen. Mehr noch: sie müsste sich überhaupt erst einmal im bestehenden Wissenschaftssystem entwickeln können. Dass dies nicht der Fall ist, dies ist die gemeinsame Überzeugung der Unterzeichner des Memorandums.

Die normative Forderung sehe ich als unbegründet an (siehe oben). Der Feststellung des letzten Satzes stimme ich jedoch zu. Das ist nicht der Fall. Doch im Gegensatz zu Herrn Thielemann und den Unterzeichnern des Memorandums finde ich das gut und richtig. Die meisten Unterzeichner sind eindeutig keine Wirtschaftswissenschaftler und müssen sich fragen lassen, was für eine Art von wissenschaftlichem Imperialismus sie da eigentlich betreiben wollen. Die Wirtschaftswissenschaft ist etwas anderes, verwendet andere Methoden und kommt zu anderen Ergebnissen als z. B. Soziologie oder Psychologie, doch was ist schlecht daran?

Doch sollte das wissenschaftliche Gewicht der Unterzeichner dem Kritiker des Memorandums nicht wenigstens ein wenig zu denken geben?

Ad hominem würde ich da zurückfragen: Was für ein wissenschaftliches Gewicht? Ich habe es nicht genau ausgezählt, doch vermutlich kann z. B. Herr Bachmann alleine mehr hochrangige wirtschaftswissenschaftliche Publikationen vorweisen als alle Unterzeichner des Memorandums zusammen. In gewisser Weise ist das natürlich gerade der Streitgegenstand, welche Bedeutung fachlich anerkannten Publikationen zukommt. Doch die Vorstellung, dass es in der Wissenschaft allein auf Quantität statt Qualität ankäme, ist absurd. Gerade Herr Thielemann kann doch nicht ernsthaft an Autorität statt die Kraft von Argumenten appellieren wollen.

Und wenn dies [siehe vorletztes Zitat] nicht mehr der Fall ist, dann hat sich eine Wissenschaft «dogmatisch verkapselt», dann ist sie «nur mehr der [akademischen] Form nach eine Wissenschaft». Oder etwa nicht?

Nein, zumindest nach Kuhn ist es eher umgekehrt. Eine ernsthafte und fortgeschrittene Wissenschaft, die ihr vorparadigmatisches Stadium überwunden hat, hat normalerweise und die meiste Zeit genau ein Paradigma, innerhalb dessen Normalwissenschaft betrieben wird. In besonderen Phasen, während wissenschaftlicher Revolutionen, kann es kurzfristig zwei Paradigmen nebeneinander geben, aber auch nicht völlig unverbunden, sondern das neue aus dem alten hervorgehend. Was Herr Thielemann demnach fordert, ist nicht konstitutiv für Wissenschaft, sondern Philosophie, aus der die einzelnen Wissenschaften hervorgingen und in der tatsächlich viele sehr unterschiedliche Konzepte und Schulen dauerhaft nebeneinander existieren.

Eigenartiger Weise gibt Wirtschaftsphilosoph keine klares Bekenntnis zu diesem doch ganz selbstverständlichen Grundsatz ab.

Was ist daran eigenartig, dass ich mich nicht zu etwas bekenne, was ich begründet für falsch halte. Umgekehrt fehlt mir die Begründung von Herrn Thielemann und allen Unterzeichnern des Memorandums für ihr Bekenntnis.

Wenn diese paradigmatische Offenheit nicht mehr vorhanden ist, dann verschließt man sich der Erkenntnis. Kurz gefasst: Man stimmt diesem Grundsatz zu, oder man ist Dogmatiker.

Das ist nun wirklich paradox, dass ausgerechnet diejenigen Dogmatiker sein sollen, die einem Grundsatz = Dogma nicht zustimmen. Ich sehe es umgekehrt, dass das Beharren auf nicht weiter begründeten Grundsätzen dogmatisch ist. Nun ist dieser Grundsatz einer der Offenheit, doch nach meiner Ansicht am falschen Objekt, nämlich dem Paradigma innerhalb einer Wissenschaft. Offenheit für entweder einzelne Erkenntnisse, neue Hypothesen etc. innerhalb einer Wissenschaft mit einem Paradigma oder auch für die Unterschiede zwischen den verschiedenen Wissenschaften ist etwas anderes und aus meiner Sicht sinnvoll. Die Offenheit für eine Vielzahl von Paradigmen innerhalb einer Wissenschaft scheint mir hingegen nicht sinnvoll, insbesondere wenn diese anderen Paradigmen ihrerseits kaum erprobt sind oder einfach aus anderen Wissenschaften stammen und einer eigenständigen Disziplin übergestülpt werden sollen.

Letztlich steht dahinter natürlich die Frage, wie sinnvoll man das gegenwärtige ökonomische Paradigma findet, wobei man über dessen tatsächliche Gestalt ebenfalls diskutieren müsste. Mir scheint es zumindest so, dass viele fachfremde Kritiker der Ökonomik gar nicht wissen, was sie da eigentlich kritisieren bzw. unzutreffende Vorstellungen von der Ökonomik haben, die in der kritisierten Form kaum jemand vertritt und verteidigt.

Da das Memorandum nicht ein Votum für das von mir paradigmatisch vertretene Verständnis einer ethisch-integrierten Ökonomik ist, sondern für paradigmatische Offenheit überhaupt plädiert (dabei allerdings ethische Reflexionen einschließt, ohne freilich deren Status zu benennen, denn diese wäre innerhalb der Wirtschaftswissenschaften zu klären), müsste Wirtschaftsphilosoph alle heterodoxen Position in gleicher Weise beurteilen.

Mir ist nicht klar, in welcher Weise Herr Thielemann sein “Verständnis einer ethisch-integrierten Ökonomik” “paradigmatisch” vertritt oder überhaupt vertreten kann. Was ist hier der Paradigma-Begriff? Kann jeder einzelne Forscher ein eigenes Paradigma haben und was bedeutet das dann? Jedenfalls beurteile ich nicht “alle heterodoxen Position[en] in gleicher Weise”. Es gibt nicht eine genau abgegrenzte Mainstream-Ökonomik, während alle andere Auffassungen unzulässig wären. Viele meiner in diesem Blog ausgedrückten Ansichten sind nicht wirklich Mehrheitsmeinung der deutschen oder gar globalen Ökonomen. Darum geht es auch überhaupt nicht und gerade im ökonomischen Paradigma gibt es eine Vielzahl von Theorien, Methoden etc. Trotzdem fällt nicht alles unter das ökonomische Paradigma. “Anything goes” ist eine philosophisch interessante Position, jedoch keine wissenschaftliche oder gar ökonomische. Eine erste Idee, wie ich das gegenwärtige ökonomische Paradigma charakterisieren würde, findet sich in “Meine Abgrenzung der Neoklassik”.

Mehr noch: Er müsste von vorn herein wissen, dass deren Vertreter «nichts Sinnvolles zur Ökonomik» beizutragen haben. Und woher weiß er das?

Es gibt Sachen die eindeutig unter das ökonomische Paradigma fallen, andere tun das eindeutig nicht, während es außerdem einen Graubereich gibt, für den sich das nicht so klar sagen lässt bzw. umstritten ist. Astrologie ist z. B. eindeutig nicht Teil der Ökonomik, selbst wenn ich jetzt kein genaues Prinzip angeben kann, woraus ich das hergeleitet habe. Astronomie ist ebenfalls nicht Teil der Ökonomik. Der klassische Marxismus ist es meiner Ansicht nach auch nicht (mehr), selbst wenn dessen Vertreter das anders sehen mögen. Psychologie halte ich nicht für Ökonomik, sondern eine eigene Disziplin etc.

Vermutlich daher, dass er Erkenntnisfortschritt nicht für «substantiell beurteilbar» hält (man kann es kaum glauben), sondern, trotz einiger Relativierungen, nur für messbar – durch die erfolgreiche Publikation in refereed journals nämlich.

Habe ich das irgendwo behauptet? Ich hatte nur folgende Aussage aus dem Memorandum hinterfragt “Wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritt ist nicht messbar, sondern letztlich nur substantiell beurteilbar.” Der Umkehrschluss, ich hielte deshalb Erkenntnisforschritt “nur für messbar” und nicht “substantiell beurteilbar” ist unzulässig und falsch.

Natürlich muss irgendjemand substantiell beurteilen. In diesem Verständnis sind es die Gutachter – und nicht die scientific community im Ganzen, wie es vor der Fixierung auf Journals der Fall war.

Auch das möchte ich hinterfragen (und warne zugleich vor falschen Schlüssen aus dem Faktum des Hinterfragens): Hat “die scientific community im Ganzen” früher “substantiell beurteil[t]” oder sonst irgendetwas gemacht. Falls ja, wie? Hier zeigt sich eine Denkfigur, die ich mit dem ökonomischen Paradigma für unvereinbar halte, nämlich das Denken in Kollektiven. Konkret handeln jedoch immer einzelne Individuen. Beim Begutachtungsprozess geschieht dies einigermaßen systematisch und transparent, in einem reinen Ordinariensystem dagegen mehr hierarchisch und gerade weniger an den Inhalten und Argumenten orientiert.

Natürlich haben die Gutachter in der Regel die Schere bereits im Kopf, je höher ein Journal gerankt ist, desto mehr. Die Schere nennt sich «Qualitätskontrolle». Sie bedeutet: Feststellung der Konformität mit dem vorherrschenden Kernparadigma. Das «bessere Argument», welches in der Tat den Wissenschaftsbetrieb bestimmen sollte, zählt hier jedenfalls so gut wie nicht.

Das halte ich für abstrusen Unsinn. Ja, die Begutachtung dient der Qualitätskontrolle, doch dabei geht es gerade um die Qualität der Argumente, Methoden und Ergebnisse. Dafür gibt es allerdings keinen außerwissenschaftlichen Maßstab, sondern die Wissenschaftler urteilen als Wissenschaftler nach (vor allem) wissenschaftlichen Kriterien. Diese passen einfach Herrn Thielemann nicht, da er nach ihnen nicht sonderlich gut abschneidet, was die Logik der Argumentation, die Originalität der Ideen, die empirische Überprüfbarkeit der Behauptungen etc. angeht.

Unfreiwillig zeigt Wirtschaftsphilosoph (offenbar ein im Wissenschaftssystem etablierter Ökonom) wie notwendig das Memorandum ist: Es ist keinerlei Offenheit für abweichende, widerstreitende Sichtweisen erkennbar.

Es tut mir leid, dass Herr Thielemann diese Offenheit nicht sieht bzw. seinerseits so eng versteht. Ich bin für jedes gute Argumente offen, sei es allgemein philosophischer Art oder konkret ökonomisch. Allerdings bin ich auch ganz offen, meiner Ansicht nach schlechte Argumente als solche zu benennen. Auch dieses Urteil ist offen und wird gerne revidiert, wenn mir ein Argument besser erklärt und dadurch einsichtig wird. Schließlich mache ich mein Urteil nicht zum Maßstab aller Dinge, sondern erkenne an, dass es renommierte Fachvertreter bis hin zu Nobelpreisträgern gibt, deren Ausführungen mir nicht einleuchten, jedoch andere gute Ökonomen überzeugt haben. Es gibt sehr viele Zeitschriften und Gutachter mit ganz unterschiedlichen Ansichten, doch wenn man (fast) nur Fachfremde überzeugen kann, sollte man sich fragen, ob man überhaupt zu dem betreffenden Fach gehört und gehören will.

Ist es eigentlich Zufall, dass Wirtschaftsphilosoph sich als «Liberaler» outet – alle anderen sind natürlich Freiheitsfeinde – und dabei die angeblich neutrale bzw. «wertfreie» Ökonomik, die er vertritt, als genau die Beratertheorie versteht, auf die m.E. die konsequenteste Ausformung der ökonomistischen Ökonomik hinausläuft? Offenbar möchte er diese paradigmatische Sicht unter gar keinen Umständen hinterfragt sehen.

Wer nicht explizit liberal ist, ist noch nicht gleich ein Freiheitsfeind. Allerdings sollte Herr Thielemann einmal sein Verhältnis zur individuellen Freiheit überprüfen. Welchen Stellenwert hat sie für ihn, insbesondere wenn Menschen von seiner Meinung abweichende Überzeugungen haben und Entscheidungen treffen? Mir ist auch nicht ersichtlich, warum die Ökonomik eine “Beratertheorie” sein soll. Gerade sehr marktliche Ansätze lassen doch gar keinen Platz für weitere Beratung. Wenn z. B. Kapitalmärkte effizient wären, könnte man dort durch keinerlei Beratung mehr verdienen als durch Halten des Marktportfolios. Schließlich kann jeder gerne meine Sicht hinterfragen, doch von Herrn Thielemann habe ich bisher noch gar keine ernsthafte, nicht rein rhetorische Frage vernommen, sondern nur die Forderung nach einem “klare[n] Bekenntnis zu diesem doch ganz selbstverständlichen Grundsatz”, seine Meinung ganz ohne Argumente allein im Namen “paradigmatischer Vielfalt” nach Kräften zu fördern.

Wahltag in Europa

Gestern wurde in (mindestens?) fünf Ländern Europas gewählt, nämlich ein neuer Präsident in Frankreich (Glückwunsch an François Hollande!), ein neues Parlament in Griechenland und ein neuer Landtag in Schleswig-Holstein, worüber hierzulande jeweils viel berichtet wurde. Außerdem wurden in Serbien Parlament und Präsident neu gewählt und finden in Italien Kommunalwahlen statt.

Zu den vielen Berichten und Kommentaren in den Massenmedien und dem Internet habe ich eigentlich nicht viel hinzuzufügen. Ich beschränke mich auf eine allgemeine Überlegung und dann einen Satz pro Wahl.

Es hat insbesondere durch die Wahlen in Frankreich und Griechenland politische Veränderungen und neue Mehrheitsverhältnisse gegeben. Viel mehr kann man von Wahlen nicht erwarten. Ob es tatsächlich zu grundlegenden realen Veränderungen kommt, ist allerdings eine andere Frage. Vielleicht haben auch nur Frankreich und Griechenland ihre Verhandlungsposition verändert, um etwas mehr Zugeständnisse von Deutschland zu erhalten. Ob der gestrige Tag also den Euro-Austritt Griechenlands, vielleicht sogar das Ende des Euro ingesamt, eine neues Ausrichtung der europäischen Politik weg von Austerität und hin zu Wachstum oder einfach mehr Umverteilung einleitete oder nicht, wird sich erst noch zeigen. Auf jeden Fall leben wir in spannenden Zeiten, was zumindest für Chinesen ein Fluch sein soll, für Blogger und Wissenschaftler jedoch vor allem spannend ist.

In Frankreich gibt es jedenfalls einen neuen Präsidenten, dessen Handlungsabsichten unklar sind, wobei zumindest die Abwahl seines ungeliebten und zu viel versprechenden Vorgängers das grundsätzliche Funktionieren des Wahlprozesses demonstrierte. In Griechenland sind die Mehrheitsverhältnisse noch immer nicht ganz klar (siehe hier für die offiziellen Ergebnisse), doch die beiden bislang vorherrschenden Parteien Nea Dimokratia und Pa.So.K haben trotz zusätzlicher 50 Mandaten für die Partei mit den meisten Stimmen (diesmal Neo Dimokratia, die gut zwei Prozentpunkte vor Syriza liegt) keine eigene Mehrheit für den bisherigen Kurs, was ebenfalls zu begrüßen ist, auch wenn es hier nicht zu einer klaren alternativen Mehrheit und politischen Ausrichtung führt, also z. B. ob und wie man den Sparkurs beenden oder aus dem Euro austreten will. In Schleswig-Holstein sind die Piraten in den Landtag eingezogen und hat die FDP sowohl den größten Verlust ihrer Geschichte in dem Land um 6,7 Prozentpunkte erlitten als auch ihr zweitbestes Ergebnis mit 8,2 Prozent erzielt (siehe bei Wikipedia), während das Gesamtergebnis zu einer Wiederholung des Szenarios nach der vorletzten Wahl 2005 führen könnte, wo Heide Simonis eine Koalition von SPD, Grünen und Südschleswigschem Wählerverband (SSW) mit nur einer Stimme Mehrheit bilden wollte, was auch jetzt wieder rechnerisch ginge, damals jedoch an einem Abweichler scheiterte. In Serbien sind nur noch proeuropäische Parteien bedeutend und wie 2008 mit Tomislav Nikolić und dem bisherigen Amtsinhaber Boris Tadić entsprechende Präsidentschaftskandidaten im Rennen. Bei den heute noch andauernden Kommunalwahlen in Italien zeichnet sich eine niedrige Wahlbeteiligung mit unspannenden Ergebnissen ab, da nur die unterstützenden Parteien der technokratischen Regierung von Mario Monti gute Chancen haben und dabei die linkeren Parteien wohl etwas vor den rechteren liegen.