Schlagwort-Archive: Journalismus

Das Elend der akademischen Philosophie

Alexander Dill gibt unter “Die Philosophie als Verbindungsoffizierin?” nach einer relativ umfangreichen Einleitung ein kurzes Interview wider mit dem “Chefredakteur des Philosophie-Magazins, Wolfram Eilenberger”.  Ich greife einfach die drei aus meiner Sicht interessantesten Fragen und Antworten heraus:

Was macht heute einen guten Gegenwartsphilosophen aus?
Wolfram Eilenberger: Begriffliche Klarheit, breites Spektrum, eigenständige Fragen. Und ein bisschen weh tun muss es auch.

Da bin ich hier als Wirtschaftsphilosoph offensichtlich gut dabei. Nur an der begrifflichen Klarheit muss ich vielleicht noch etwas arbeiten, wenn ich mir die letzten Kommentare hier so anschaue.

Warum werden Geister wie Peter Sloterdijk, Norbert Bolz, Wilhelm Schmid, Gerd B. Achenbach, Richard David Precht und Michael Schmidt-Salomon nicht als Professoren in die Philosophie berufen? Bräuchte man dort nicht exponierte Redner, Lehrer und Denker?
Wolfram Eilenberger: Gegenfrage: Warum diese Fixierung auf philosophische Lehrstühle? Produktives Philosophieren stand von Beginn an in einem sehr gespannten Verhältnis zu institutionalisierteren Formen. Weder Spinoza noch Hume, weder Nietzsche oder Wittgenstein suchten in ihrem Denken die Nähe der Universitäten. Die Idee, eine Professur sei das Ziel eines jeden Philosophendaseins, ist – innerhalb der Zunft – derzeit vielleicht der Denkfehler an sich. Und manche der von Ihnen genannten Kollegen scheitern ja einfach an formalen Voraussetzungen, beispielsweise, weil sie nicht Philosophie studiert haben bzw. nicht in diesem Fach promoviert wurden.

Da finde ich Frage und Antwort problematisch. Warum sollen einerseits gerade die Medienlieblinge die besten Philosophen sein? Warum soll es andererseits kein Problem sein, dass die besten Philosophen oft keine Professoren waren (seit es Professoren gibt) und sind? Die rein formale Ablehnung guter Philosophen halte ich ebenfalls für problematisch und es ist auch bei normalen Wissenschaftlern nicht meine Position, selbst wenn ich sogar die Habilitation für eine gute Regelvoraussetzung halte, aber eben mit begründeten Ausnahmen für Ausnahmetalente (siehe ‘Was (nicht) für Habilitation und Privatdozentur spricht’). Im Übrigen habe ich selbst einmal Philosophie studiert. Zu einer Promotion darin ermutert das Interview aber nicht gerade.

Streng genommen ist doch die Interpretation von Texten und deren Einflüssen Literaturwissenschaft. Was unterscheidet die Philosophie von theologischer Exegese?
Wolfram Eilenberger: Zunächst natürlich die Bezugstexte. Interpretation ist in der Philosophie ja immer von spezifischen systematischen Interessen geleitet – es gibt kein ungeleitetes Verstehen. Versuchen, ohne eine aktive und intensive Auseinandersetzung mit der Tradition systematisch zu philosophieren, stehe ich skeptisch gegenüber. Die Gefahr, bereits begangene Fehler noch einmal zu wiederholen, ist dann sehr hoch.

Dieses eingeschränkte Verständnis, in der Philosophie ginge es nur um alte philosophische Texte, widerstrebt mir. So haben die Verfasser dieser Texte doch selbst nicht philosophiert. Oft fordern sie in den Texten explizit das Gegenteil, etwa Immanuel Kant: “Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.” Aus meiner Sicht sollte man von den inhaltlichen Problemen her denken. Dazu kann man natürlich bedeutende Texte kluger Vordenker zu Rate ziehen. Doch es ist besser, “bereits begangene Fehler noch einmal zu wiederholen” (und dann daraus zu lernen), statt gar nichts zu wagen und aus Angst vor Fehlern das eigene Denken anderen zu überlassen.

Formen des Anarchismus

Frank Lübberding weist in diesem Kommentar auf seine “FAZ.NET-Frühkritik: Maybrit Illner: Kommunismus oder Naturalwirtschaft?” hin. Ich muss zugeben, (wieder) nicht alles nachvollziehen zu können. Vor allem verstehe ich nicht, wie David Graeber wiederholt als “Anarchist” vorgestellt werden kann, um dann “Demokratie” als Lösung für die gegenwärtigen Probleme rund um den Euro und in Griechenland vorzuschlagen. Nach meinem Verständnis ist Anarchie die Ablehnung von Herrschaft und insbesondere dem Staat, während Demokratie eine staatliche Herrschaftsform ist. Wie passt das zusammen?

Es gibt verschiedene Varianten des Anarchismus. Wikipedia unterscheidet z. B. kollektivistischen, kommunistischen und individualistischen Anarchismus. Daneben kann es auch noch rechte Spielarten des Anarchismus geben, wenngleich diese auch kollektivistisch sind (Großfamilien, Volks- oder Religionsgemeisnchaften organisieren sich selbst, ohne staatliche Strukturen). Bei den beiden erstgenannten, linken Varianten hat mir noch nie ganz eingeleuchtet, wie die kollektive bzw. kommunistische Gesellschaft herrschafts- und staatsfrei organisisert werden soll. Wer stellt dann z. B. einen Plan auf und setzt ihn durch oder verteilt um, wenn es weder Staat noch Staatsgewalt gibt? Handeln hingegen alle Betroffenen freiwillig solidarisch, sind wir bereits bei einer Form des individualistischen Anarchismus, die mir als Liberalem am nächsten steht.

Radikale Libertäre lehnen den Staat wegen seiner Freiheitsbeschränkungen ganz ab und sind damit individualistische Anarchisten, während Märkte zumindest prinzipiell auch ohne Staat funktionieren können. Sicherheitsleistungen sollen dann auch am Markt gekauft werden, womit jedoch aus meiner Sicht die Naivität dieses Ansatzes besonders deutlich wird: Warum sollen Sicherheitsfirmen ihre Dienste verkaufen, wenn sie die Machtmittel haben, um andere auch zu Abgaben ohne Gegenleistung (bis auf den Verzicht, angedrohte Übel anzutun) zu zwingen? Damit entsteht endogen eine Art schutzgelderpressende Mafia bzw. ein primitiver Staat. Dagegen ist ein liberaler Rechtsstaat mit Gewaltenteilung etc. einfach die bessere Alternative, zumal er neben der inneren und äußeren Sicherheit auch noch andere Kollektivgüter bereitstellen kann.

Ist die Austeritätsdebatte unnötig bis schädlich?

Dirk Elsner alias Blick Log erläutert “Warum mich die Austerität-Debatte wirklich nervt”. Sie nervt mich übrigens auch, wenngleich aus anderen Gründen. Herr Elsner schreibt:

Deutschland steht seit Monaten unter Dauerbeschuss namhafter nationaler und internationaler Ökonomen. Im Kern steht ein von Uwe Jean Heuser in der ZEIT gut zusammengefasster “Glaubenskrieg” um die Frage, wie man die aktuelle Wirtschaftskrise überwinden kann: mit noch mehr Geld oder mit konsequentem Sparen.

Ja, darum geht es in der Debatte. Was nervt ihn nun daran?

Die Kritik an Deutschlands “Spardiktat” fällt dagegen vergleichsweise undifferenziert aus (wobei ich einräume, längst nicht alle Texte dazu zu kennen). Meist fordern die Experten einfach nur erhöhte Staatsausgaben über Konjunkturprogramme bzw. fiskalische Impulse und eine expansive und inflationsfördernde Geldpolitik. Ob diese wirklich zum Erfolg führen kann, bleibt offen.

Worauf bezieht sich “dagegen vergleichsweise undifferenziert”? Argumentieren die Befürworter der Austerität differenzierter oder bezieht sich der Vergleich auf einen journalistischen Überblicksartikel, der differenzierter sein soll als die ganze Debatte, über die er einen Überblick gibt?

Vor allem US-Ökonomen, wie Paul Krugman, argumentieren ermüdend monothematisch und vermitteln den Eindruck es reiche, wenn Staaten sich “Gesundprassen” und den amerikanischen Weg höherer Staatsausgaben folgen. Warum solche früher sehr umstrittenen Forderungen die Wirtschaftsleistung nun dauerhaft auf die Sprünge helfen sollen, ist mir nicht klar.

Vermutlich sollte Herr Krugman (oder auch Stephan Ewald) seine Thesen besser erläutern, statt sie immer nur zu wiederholen und alle Kritiker oder auch nur nicht restlos Überzeugten als Volldeppen abzutun. Doch kann man wirklich behaupten, dass die Austeritätsbefürworter besser argumentieren?

Bis 2008 war gerade die nachfrageorientierte Konjunkturpolitik unter Ökonomen hochgradig umstritten. Warum soll ich Krugman jetzt glauben? Weil er einen Nobelpreis erhalten hat und eine regelmäßig Kolumne für die New York Times schreibt?

Deshalb nicht, obgleich die Austeritätsbefürworter meines Wissens nach keinen Nobelpreisträger in ihren Reihen haben. Der Nobelpreis macht vorgebrachte Argumente nicht besser, ist aber doch ein Signal dafür, dass hier vielleicht jemand etwas zu sagen hat. Wenn man ein Argument nicht gleich versteht, muss es nicht immer an der mangelnden Qualität des Arguments liegen.

Für mich sind dies genau so wenig Belege, dass Krugman richtig liegt, wie bemühte Statistiken, die anhand von Beispielen den Nutzen oder Schaden der jeweiligen Positionen nachweisen wollen.

Das wird wenigstens gleichmäßig gegen beide Richtungen angeführt. Statistiken für sich genommen beweisen gar nichts, das glauben höchstens Journalisten, die weder die Statistiken noch die Argumente verstehen.

Apropos Efffekte: Hat schon irgend jemand einen positiven konjunkturellen Effekt durch die seit Jahren durchgehaltene expansive Geld- und Niedrigzinspolitik für die Eurozone ausgemacht.

Das könnte man auch für die Austeritätspolitik fragen. Im Übrigen mache ich einen solchen Effekt für die Niedrigzinspolitik aus, nämlich in Deutschland, wo wir inzwischen nominale Zins von null sowie real negative Zinsen haben und die Wirtschaft entsprechend brummt. In Griechenland sind dagegen die Zinsen nicht niedrig und ist auch die Geldpolitik nicht expansiv (jedenfalls seit der Krise nicht mehr, während dadurch vorher ein Boom bzw. eine Blase befeuert wurde).

Genauso wenig ist erkennbar, warum die Vergemeinschaftung der Schulden, die etwa der britische Ökonom Simon Tilford fordert, die Investitionsbereitschaft der Unternehmen ankurbeln kann.

Hier deutet sich eine Verschiebung der Debatte an, in der es üblicherweise um die Wirtschaft allgemein bzw. das Bruttosozialprodukt geht. Die Investitionsbereitschaft der Unternehmen mag dazu beitragen, ist aber nur für einen Teil der Konjunktur verantwortlich.

Für mich führen solche Vorschläge eher zu dramatischen Verzerrungen, weil sowohl auf der Makro- als auch auf der Miktroebene Moral Hazard und externe Effekte gefördert statt verhindert werden.

Das trifft zu, doch darum geht es den Gegnern der Austeritätspolitik nicht bzw. das nehmen sie in Kauf. In ganz extremer, aus meiner Sicht falscher Weise führt das Frank Lübberding unter “Merkel-Deutsche und wahre Finnen” vor, wo er es wegen der Kaufkrafteffekte bedauert, dass sehenden Betrügern in Griechenland ihre Blindenrente gestrichen wird.

Und überhaupt habe ich den Eindruck, die Debatte ist viel zu weit entfernt von der Mainstreet, also der realen Wirtschaftspraxis. Genau diese aber sollten sich die Ökonomen mal näher ansehen, denn wenn die Unternehmen nicht mitspielen, dann nützen noch so grandiose und theoretisch elegante Makromodelle nichts.

Warum sollten die Unternehmen nicht mitspielen, wenn sie Aufträge vom Staat oder Konsumenten erhalten?

Es entspricht einem naiven Verständnis, zu glauben, dass allein die Erhöhung der Staatsausgaben oder die Geldpolitik einer Zentralbank dazu führt, dass Unternehmen ihren Investitionsmotor anwerfen. Dergleichen wird kein Unternehmen bei positiven “Animal Spirits” plötzlich auf Schrumpfkurs schalten, wenn der Staat neue Sparmaßnahmen verabschiedet. Sehr wohl schränken sich aber Unternehmen ein, wenn Sparmaßnahmen und die öffentliche Diskussion darüber hohe Unsicherheit über künftige Einnahmen erzeugen.

Natürlich gibt es viele Faktoren für Unternehmensentscheidungen, nicht zuletzt Erwartungen und Vertrauen. Doch ausfallenden Nachfrage hat ganz direkt einen negativen Effekt in der Gegenwart. Gerade weil die meisten Unternehmer keine Makroökonomen sind, interessiert sie vor allem, ob es konkret in ihrer Kasse klingelt.

Maßgeblicher für den Erfolg einer Wirtschaftspolitik ist daher, dass die Unsicherheit über künftigen Entwicklungen wesentlich reduziert wird. Über derartige, für die Praxis sehr wichtige Hinweise der betriebswirtschaftlichen Investitionstheoriebv  liest man unterdessen viel zu selten etwas.

Natürlich wäre gleich und konsistent die richtige Politik am besten. Doch erstens geht es in der Debatte doch genau darum, welche Politik am besten ist. Die Unsicherheit ist vor allem deshalb lähmend, weil auch die falsche Politik gewählt werden könnte. Die sicher falsche Politik wäre aber noch schlimmer als nur ihre Möglichkeit.

Die Frage, wie konkret das Wachstum gefördert werden kann, bleibt bei der Forderung nach keynesianischen Ausgabenprogrammen meist unbeantwortet und wechselt je nach politischer Richtung.

Eigentlich geht es bei Konjunkturprogrammen gar nicht um Wachstums-, sondern eben um Konjunkturpolitik. Beim Wachstum steigt langfristig das wirtschaftliche Potential, bei der Konjunktur schwankt kurz- und mittelfristig dessen Auslastung. Das sollte man unterscheiden, auch wenn einige Makroökonomen (und viele linke Politiker) ständig Konjunkturprogramme fordern, auch im Boom.

Wenn aber eine Politik verfolgt wird, die alle paar Monate die Richtungen ändert und Fachleute stets einen bunten Strauss widersprüchlicher ökonomische Empfehlungen diskutieren, trägt das nicht gerade dazu bei, dass Unternehmen Lust bekommen, in die Zukunft zu investieren.

Wissenschaftler diskutieren eben gerne, zumal man nicht behaupten kann, dass sich schon ein Konsens gebildet hätte und nun sozusagen auf höherem Niveau eine neue Diskussion beginnen könnte. Es ist wichtig, dass Politiker die richtige Entscheidung treffen. Meiner Ansicht nach, was gegebenenfalls noch einmal näher begründet werden müsste, ist die Austeritätspolitik falsch (wie auch das Festhalten am Euro, was ich vielleicht schon zu oft begründet habe). Bei der nötigen Konjunkturpolitik kommt es hingegen sehr auf die Ausgestaltung an, während bei der Geldpolitik wiederum der Euro stört.

Zum Euro die Drachme bzw. den Geuro hinzu

“Ökonomen schlagen ‘Geuro’ für Griechenrettung vor” und zumindest Sebastian Jost von Welt-Online überschüttet deshalb einen Banker mit Lob (für eine etwas ausgewogenere Darstellung siehe z. B. Joseph Cotterill):

Thomas Mayer ist seit Jahren einer der profiliertesten Ökonomen in Deutschland. Weil der Chefvolkswirt der Deutschen Bank die Euro-Krise so erklären kann, dass auch Laien sie verstehen. Weil er Risiken für den Steuerzahler beim Namen nennt. Und weil er auch mal um die Ecke denkt.

Das hat er bei der Währungskonferenz der “Welt”-Gruppe und der Stiftung Familienunternehmen einmal mehr bewiesen. Da zerbrechen sich Politiker und Wissenschaftler seit Monaten den Kopf darüber, ob Griechenland im Euro bleiben kann oder ob das Land die Drachme wieder einführen wird.

Nun zeigen Mayer und seine Ökonomen-Kollegen von der Deutschen Bank einen dritten Weg auf: In Griechenland könnte künftig mit zwei Währungen zugleich bezahlt werden – mit dem Euro und einer ganz neuen Form des eigenen Geldes.

Ist das wirklich eine so innovative Idee? Ich schrieb bereits letztes Jahr ‘Zum Euro die Mark hinzu’ und war damit auch nicht der erste. Dabei steckt der Teufel ohnehin im Detail. So ist die Ergänzung des Euro mit Drachme oder Geuro schwieriger als in Deutschland mit Mark oder teutonischem Teuro. Insbesondere die griechischen Schulden werden dann noch unbezahlbarer als ohnehin schon und es drohen viel Bankenpleiten und/oder ein Banken-Run, wenn z. B. die Einlagen in Euro auch auf Geuro umgestellt werden sollen. Hier versteckt sich dann wohl auch das eigentliche Anliegen des ‘Banksters’, dass doch bitte einmal mehr alle Banken und privaten Forderungen mit öffentlichen Mitteln gerettet werden sollen. Davon halte ich nichts, sondern rate ohne jedes eigene Interesse zu einer Umstellung wie in ‘Vom Euro zur Drachme’ beschrieben, wo ich auch schon annahm, dass die Euro-Scheine weiter gültig bleiben. Touristen und andere Käufer in Griechenland sollten dann die Wahl haben, ob sie mit Geuro oder zum aktuellen Tageskurs in Euro bezahlen, während Griechenland souverän hinsichtlich des Geuro ist.

Was lernen wir insgesamt daraus? Erstens sind Banker, Journalisten und Politiker (wenn ich z. B. an die sonntägliche Jauch-Sendung mit den Herren Sarrazin und Steinbrück zurückdenke) nicht die besseren Wissenschaftler oder gar kreative Ideengeber. Da werden schon eher in Blogs oder sogar bei Twitter neue Ideen und gute Argumente ausgetauscht. Die Ansichten von Politikern sind allein deshalb interessant, weil sie vielleicht irgendwann danach handeln (oder auch nicht). Zweitens ist den Banken, anderen Finanzinstitutionen und ihrem Rat weiterhin nicht zu trauen. Sie haben andere Interessen als Staaten, der Rest der Wirtschaft und die normale Bevölkerung. Man darf nicht vergessen, dass sie die Finanzkrise verursacht haben und auch an der europäischen Schulden- und Währungskrise alles andere als unschuldig sind, aber bislang kaum reformiert und rereguliert wurden. Drittens sind weder der ewige unveränderte Erhalt des Euro noch völliges Chaos in Griechenland alternativlos. Es gibt bessere Wege, beispielsweise zum Euro die Drachme bzw. den Geuro hinzu.

Wie man Fußballergebnisse besser nicht vorhersagen und erklären sollte

Gestern hat der FC Chelsea das Finale der Champions League gegen den FC Bayern München in dessen Stadion im Elfmeterschießen gewonnen (4:3 dabei nach 1:1 in der regulären Partie mit bereits einem von Bayern verschossenen Elfmeter). Meinen Glückwunsch an Chelsea und mein Beileid an Bayern, die den dritten Titelkampf verspielten (nach Meisterschaft und Pokal, die beide nach Dortmund gingen, siehe auch ‘Glückwunsch zum Meistertitel’)!

Tags zuvor hatte Olaf Storbeck vom Handelsblatt noch getönt: “Champions League: Warum Bayern gewinnen wird”. Diese Vorhersage begründete er damit, dass die bayerischen Spieler laut Transfermarkt.de 30 % mehr wert seien. Nun sind diese Zahlen zu Transferzahlungen nicht nur notorisch unzuverlässig, sondern der ganze Ansatz ist problematisch, auf diese Weise einzelne Spielergebnisse vorhersagen zu wollen, wie er selbst zugibt. Denn beim Fußball fallen relativ wenig Tore und ist nicht zuletzt deshalb der Einfluss des Zufalls recht groß. Über viele Spiele hinweg sinkt jedoch der Zufallseinfluss und sollten sich teurere Spieler bezahlt machen, da ansonsten ihr Marktwert entsprechend sinkt. Allerdings gibt es eine ganze Reihe weiterer Effekte, z. B. den Trainer, Synergieeffekte im Team oder auch den Heimspielvorteil, der gestern allerdings auch für Bayern München gesprochen hätte.

Nun schiebt Herr Storbeck heute eine Erklärung für das von ihm gerade nicht vorhergesagte Spielergebnis nach: “Das Versagen von Bayern München, ökonomisch erklärt”. Das finde ich bereits ganz grundsätzlich problematisch, da solche Erklärungen dann völlig beliebig sind. Womit sich alles erklären lässt, wird in Wirklichkeit nichts erklärt. Konkret finde ich außerdem die nachgeschobene Erklärung weder ökonomisch noch vollständig. Empirisch lässt sich feststellen, dass sich beim Elfmeterschießen der Heimvorteil in einen Heimnachteil verkehrt, da Elfmeter vor eigenem Publikum häufiger verschossen werden. Das ist für sich genommen überhaupt keine Erklärung, sondern eine zu erklärende Beobachtung, während die Spekulationen über die Gründe wie höhere Nervosität und Lähmung durch die Erwartungen der Fans eher psycho- bzw. soziologischer als ökonomischer Art sind.

Die Zahl der verschossenen Elfmeter könnte auch einfach Zufall gewesen sein. Denn selbst wenn jeder Schuss mit einer Wahrscheinlichkeit von 74,25 % verwandelt wird, wie Herr Storbeck aus einer Arbeit von Thomas Dohmen zitiert, hat ein Verschießen von mindestens drei aus sechs Schüssen eine Wahrscheinlichkeit von 18,15 % und von genau drei von 13,98 % (dass alle sechs Schüsse daneben gehen, hat dann jedoch eine Wahrscheinlichkeit von nur 0,03 %). Was nur das Elfmeterschießen am Ende angeht, bei dem der FC Bayern bei zwei von fünf Gelegenheiten nicht traf, so beträgt die Wahrscheinlichkeit genau dafür 27,14 % (wenn jeder einzelne Schuss mit denselben 74,25 % Wahrscheinlichkeit in den Kasten geht und die Ereignisse unabhängig voneinander sind) und für mindestens zwei Fehlschüsse 38,30 %.

Schließlich ist das Elfmeterschießen ein besonders zufallsträchtiger Teil des Fußballspiels. Man würde gar nicht unbedingt erwarten, dass die teurere Mannschaft hier besser ist. Um die Erklärung seiner eigenen (falschen) Prognose wirklich wegzuerklären, müsste Herr Storbeck also zeigen, warum es überhaupt zur Entscheidung durchs Elfmeterschießen kam und der FC Bayern München nicht schon vorher im normalen Spiel gewinnen konnte, obwohl er doch über die teureren und deshalb zumindest aus Sicht des Marktes besseren Spieler verfügt.