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Anmerkungen zur Tyrannei der Arithmetik

Stephan Ewald hat den interessanten Beitrag “Die Tyrannei der Arithmetik” geschrieben, zu dem ich hier ein paar Anmerkungen machen möchte, zumal ich an einer Stelle direkt dazu aufgefordert wurde.

(Ich finde es ein bisserl übertrieben neben PK [Paul Krugman] in Klammern erwähnt zu werden :~)

Beim nächsten Mal kann ich es auch gerne umdrehen und den Nobelpreisträger in Klammern erwähnen.

Dann wird Paul McCulley zitiert:

Let’s start with a simple tautology for any individual country: Household Financial Balance + Business Financial Balance + Government Financial Balance + Foreign Financial Balance = 0
Again, double-entry bookkeeping: the only way one of the four sectors can run a deficit or surplus is for one or more of the other three sectors to run the opposite. This assertion doesn’t, of course, tell us anything about causation. Nor does it tell us about the composition or the sustainability of the starting positions for global stocks of debt and assets. It’s simply the tyranny of arithmetic for the flows of funds.

So weit ist es korrekt (nur beim Vorzeichen der Auslandsposition muss man aufpassen, da es um die Kapitalbildung oder Verschuldung des Auslands geht):

Die obige Gleichung ist eine schlichte Buchhaltungs-Identität und muss per definitionem gelten.

Wie können wir dann aber daraus etwas über die Welt und die richtige Politik lernen? Dazu bedienen sich die Herren Ewald und McCulley eines Tricks:

Wie Paul McCulley sagt[,] hilft sie [die Buchhaltungsidentität] uns nur dann weiter[,] wenn wir die Dynamik in den verschiedenen Sektoren betrachten. Er macht das an dem Beispiel USA. Der Privatsektor (Haushalte und Firmen) produziert Überschüsse. Die US Haushalte müssen ihre Rekordverschuldung reduzieren. Die US Firmen horten ihre Rekordprofite. Der Auslandssektor – Schwellenländer wie Deutschland – arbeitet hart um US$ Überschüsse zu erwirtschaften. Die Kehrseite der Medaille ist das Defizit des US Staatssektor[.]

Das scheint mir noch eine reine Beschreibung zu sein. Doch jetzt kommt’s:

Was passiert[,] wenn der Staatssektor diese Dynamik in den beiden anderen Sektoren ignoriert bzw. negiert? Er also auch geringere Defizite oder sogar Überschüsse erzielen will. Das Resultat dieser Wirtschaftspolitik kann man in Spanien besichtigen. Die spanische Ausgangslage war ein bisschen anders als in den USA. Der Privatsektor hochverschuldet und der Auslandssektor erzielte Überschüsse von bis zu 10% des spanischen BIP. Aber der spanische Staatssektor produzierte Überschüsse. In Ermangelung einer eigenen Währung konnte der Staatssektor auf den Kollaps nicht a’la USA reagieren und Spanien stolperte von der Großen Rezession in die Große Depression.

Das mag ja sogar stimmen, folgt aber mitnichten aus der Buchhaltungsidentität. Die Sektoren müssen insgesamt zum Ausgleich kommen. Es ist keine definitorische, sondern eine theoretische bzw. empirische und sogar normative Frage, ob der Staat mit Defiziten zu reagieren hat, wenn Haushalte und Unternehmen Überschüsse erwirtschaften. So ist es in einer Krise nicht zwingend, dass der Privatsektor Überschüsse erwirtschaftet. Gerade die Banken wären schwer verschuldet, würden sie nicht vom Staat gerettet. Der Staat könnte auch hohe Steuern einnehmen oder regulatorisch jeden Sektor für sich zum Ausgleich bringen.

Was sind denn nun die Gegenargumente der Austeritäts-Befürworter? Im Prinzip lauert mehr oder weniger versteckt hinter jedem Gegenargument die Theorie von der Ricardian Equivalence.

Die Ricardo-Äquivalenz finde ich aus verschiedenen Gründen nicht überzeugend, was ich bei anderer Gelegenheit einmal ausführen werde. Aber ist sie wirklich das einzige Argument für Austerität (zumal sie noch nicht einmal wirklich dafür spricht)? Mir scheinen noch mindestens zwei andere Gründe wichtig: Erstens kann das Staatsdefizit selbst als Problem empfunden werden. Zweitens möchte kein Euro-Land für das Defizit von anderen aufkommen müssen.

Jetzt müsste ich noch eine Jeremiade über den Euro schreiben wegen der Qualifizierung von Paul McCulley “mit eigener FIAT Währung”. Aber der Beitrag ist sowieso schon so lang da reiche ich den Stab an den Wirtschaftsphilosophen weiter in der Hoffnung auf einen Beitrag dazu von ihm.

Eigentlich ist der Analyse wenig hinzuzufügen. Man könnte noch den jeweiligen Zentralbanksaldo als fünfte Position einführen (oder das auch zum Staatssektor zählen, wie es Herr Ewald bei “VWL für Piraten: die Schuldenbremse” tat). Dann zeigt sich, dass Euro-Länder über diese Position nicht frei verfügen bzw. keine eigene Geldpolitik betreiben können. Außerdem sind sie jeweils bei ihren Defiziten beschränkt, da ihnen tatsächlich die Euro ausgehen können. Schließlich gibt es noch die Hoffnung, dass von anderen Euro-Ländern Transferzahlungen geleistet werden, was aber diese anderen Länder, insbesondere Deutschland, nicht wollen. So trägt der Euro zu realen ökonomischen Problemen und politischem Streit bei statt zu Prosperität und Völkerverständigung.

Viele Kommentatoren hier führen gerne eine Systemdebatte. Zum Beispiel Carlos mit seinen Hinweisen, dass der Kapitalismus ganz von alleine an die Wand fährt. Ich habe nichts gegen Systemdebatten und finde persönlich das System des Finanzkapitalismus auch suboptimal um es milde zu formulieren. Trotzdem sollte man meiner Meinung nach unterscheiden. Man kann eine Debatte über Probleme wie Austerität JA oder NEIN im Rahmen der Systemlogik führen. Das habe ich hier versucht. Und man kann eine Meta-Debatte über die Systemlogik als solche führen. Das ist aber eben eine andere Debatte.

Seit wann ist die Arithmetik eine kapitalistische Systemeigenschaft? Dass das gegenwärtige Finanzsystem und dessen Regulierung katastrophal sind, geben auch Ökonomen wie ich sofort zu, doch das kam hier doch gar nicht vor. Die Buchhaltungsidentität bliebe auch im Sozialismus erhalten, selbst wenn die Unternehmen alle verstaatlicht würden. Sogar wenn man Geld und Kredit abschaffen würde, würde die Buchhaltungsidentität trivialerweise erfüllt. Dieser Tyrannei entgeht also keiner.

Zum Euro die Drachme bzw. den Geuro hinzu

“Ökonomen schlagen ‘Geuro’ für Griechenrettung vor” und zumindest Sebastian Jost von Welt-Online überschüttet deshalb einen Banker mit Lob (für eine etwas ausgewogenere Darstellung siehe z. B. Joseph Cotterill):

Thomas Mayer ist seit Jahren einer der profiliertesten Ökonomen in Deutschland. Weil der Chefvolkswirt der Deutschen Bank die Euro-Krise so erklären kann, dass auch Laien sie verstehen. Weil er Risiken für den Steuerzahler beim Namen nennt. Und weil er auch mal um die Ecke denkt.

Das hat er bei der Währungskonferenz der “Welt”-Gruppe und der Stiftung Familienunternehmen einmal mehr bewiesen. Da zerbrechen sich Politiker und Wissenschaftler seit Monaten den Kopf darüber, ob Griechenland im Euro bleiben kann oder ob das Land die Drachme wieder einführen wird.

Nun zeigen Mayer und seine Ökonomen-Kollegen von der Deutschen Bank einen dritten Weg auf: In Griechenland könnte künftig mit zwei Währungen zugleich bezahlt werden – mit dem Euro und einer ganz neuen Form des eigenen Geldes.

Ist das wirklich eine so innovative Idee? Ich schrieb bereits letztes Jahr ‘Zum Euro die Mark hinzu’ und war damit auch nicht der erste. Dabei steckt der Teufel ohnehin im Detail. So ist die Ergänzung des Euro mit Drachme oder Geuro schwieriger als in Deutschland mit Mark oder teutonischem Teuro. Insbesondere die griechischen Schulden werden dann noch unbezahlbarer als ohnehin schon und es drohen viel Bankenpleiten und/oder ein Banken-Run, wenn z. B. die Einlagen in Euro auch auf Geuro umgestellt werden sollen. Hier versteckt sich dann wohl auch das eigentliche Anliegen des ‘Banksters’, dass doch bitte einmal mehr alle Banken und privaten Forderungen mit öffentlichen Mitteln gerettet werden sollen. Davon halte ich nichts, sondern rate ohne jedes eigene Interesse zu einer Umstellung wie in ‘Vom Euro zur Drachme’ beschrieben, wo ich auch schon annahm, dass die Euro-Scheine weiter gültig bleiben. Touristen und andere Käufer in Griechenland sollten dann die Wahl haben, ob sie mit Geuro oder zum aktuellen Tageskurs in Euro bezahlen, während Griechenland souverän hinsichtlich des Geuro ist.

Was lernen wir insgesamt daraus? Erstens sind Banker, Journalisten und Politiker (wenn ich z. B. an die sonntägliche Jauch-Sendung mit den Herren Sarrazin und Steinbrück zurückdenke) nicht die besseren Wissenschaftler oder gar kreative Ideengeber. Da werden schon eher in Blogs oder sogar bei Twitter neue Ideen und gute Argumente ausgetauscht. Die Ansichten von Politikern sind allein deshalb interessant, weil sie vielleicht irgendwann danach handeln (oder auch nicht). Zweitens ist den Banken, anderen Finanzinstitutionen und ihrem Rat weiterhin nicht zu trauen. Sie haben andere Interessen als Staaten, der Rest der Wirtschaft und die normale Bevölkerung. Man darf nicht vergessen, dass sie die Finanzkrise verursacht haben und auch an der europäischen Schulden- und Währungskrise alles andere als unschuldig sind, aber bislang kaum reformiert und rereguliert wurden. Drittens sind weder der ewige unveränderte Erhalt des Euro noch völliges Chaos in Griechenland alternativlos. Es gibt bessere Wege, beispielsweise zum Euro die Drachme bzw. den Geuro hinzu.

Zwölf Argumente für den Euro und ihre Zurückweisung

Karsten stellte vor einer Woche dankenswerterweise in diesem Kommentar die folgenden zwölf Argumente für den Euro zusammen, die ich jeweils kritisch hinterfragen werde:

[1] Es gibt ein großes Risiko, dass es zu diversen “runs” insbesondere auf Banken kommt, wenn der Euro abgeschafft wird. Ökonomen können dieses Herdenverhalten nicht modellieren und die meisten geben das auch zu. Wie, wo und wie heftig und in welcher Reihenfolge hängt auch davon ab wie das Ende des Euros genau abläuft. Fast die gesamte Ökonomik hat die Bankenkrise verschlafen, hat z.B. die Dramatik der schon seit vielen Jahren bekannten griechischen Misere verschlafen und deshalb sagen seriöse Ökonomen inzwischen ganz ehrlich, dass man das Risiko für die Weltwirtschaft, die sich ja noch lange nicht von der Bankenkrise erholt hat, nicht vorhersagen kann. Kommt es nur zu einer kleinen Delle oder zur größten Weltwirtschaftskrise aller Zeiten?
(Natürlich gibt es dieses Risiko auch, wenn der Euro unkontrolliert untergeht. Wenn man also sicher ist, dass er sowieso nicht klappen kann, egal wie sehr die EU sich noch verändert, dann ist das hier kein Argument für die Verteidigung des Euros. Aber wenn das sowieso das unweigerliche Schicksal ist, dann brauchen einen diese ganzen Argumente nicht zu interessieren.)

Ich sehe nicht, dass es sich hier um ein Argument für den Euro handelt. Wenn es den Euro noch nicht gäbe, dann wäre dieses Risiko des Banken- und auch Staatsanleihen-Runs ein starkes Argument gegen seine Einführung. Nun gibt es den Euro, was natürlich die Sachlage und damit die eigentlich relevante Fragestellung ändert. Relevant ist nicht mehr, ob die Einführung des Euro eine gute Idee war, sondern ob seine Auflösung jetzt betrieben oder eher verhindert werden sollte. Mit dieser Ob-Frage hat das vorliegende Argument jedoch wenig zu tun, sondern es geht dabei um das Wie, sei es der Auflösung des Euro oder auch seiner Fortführung.

Ein chaotisches Euro-Ende dürfte tatsächlich, fast schon tautologisch zu Chaos führen. Inzwischen hege ich sogar den Verdacht, dass einige verantwortliche Euro-Befürworter auf einen griechischen Euro-Austritt mit möglichst viel Chaos in Griechenland hinarbeiten, um das dann als abschreckendes Beispiel für andere Euro-Länder hinstellen zu können. Dabei besteht jedoch das Risiko, dass sich das Chaos nicht auf Griechenland beschränken lässt und zu genau dem Euro-Ende führt, vor dem abgeschreckt werden soll.

Bei einem geplanten Euro-Ende oder auch Austritt einzelner Länder kommt es sehr darauf an, wie dieser Plan aussieht. Ein schneller und vor allem überraschender Austritt ließe gar keine Zeit für einen Banken-Run. Warum sollten Griechen danach noch zur Bank rennen, wenn sie dort ohnehin nur noch Drachmen bekommen? Zumindest das muss natürlich garantiert werden, wozu auch die Verbindlichkeiten der Banken in Drachmen umgestellt oder ansonsten insolvente Banken bzw. zumindest deren Einlagen gerettet werden müssen. Das könnte Griechenland mit seiner eigenen Zentralbank bewerkstelligen, aber natürlich auch gründlich verbocken. Ein anderes Problem dabei ist, dass die Überraschung wohl höchstens einmal gelingt, so dass entweder alle Länder zugleich den Euro aufgeben müssten oder Banken-Runs in Portugal, Irland und Spanien drohen, sobald Griechenland auf diesem Wege austritt. Ein probates Mittel dagegen wären Unterstützungsmaßnahmen der EZB in unbeschränkter Höhe, die aber vielleicht politisch nicht durchsetzbar sind. Wenn alle Banken jedem Sparer jeden gewünschten Euro auszahlen, dann ist der Banken-Run nicht wirklich schlimm und endet bald in einem großen Wiedereinzahlen.

Es gibt Alternativszenarien zu einem überraschenden Austritt, die ich befürworten würde, weil sie vorher diskutiert und demokratisch legitimiert werden können sowie gegebenenfalls wiederholbar sind. Wenn Griechenland beispielsweise eine Zweitwährung einführt, können die Euro-Scheine und -Beträge bei der Bank erhalten bleiben. Die Euro könnten auch in einen Korb aller neuen Währungen getauscht werden oder als Währung des schwächsten, also wohl Griechenland, statt des wirtschaftlich stärksten Euro-Mitglieds, Deutschland, fortgeführt werden.

Umgekehrt schützt der Erhalt des Euro doch gar nicht notwendigerweise vor Banken-Runs. Die einzelnen Euro-Länder haben keine monetäre Souveränität mehr, was ein wichtiges Argument gegen den Euro ist. Wenn die EZB oder auch andere Euro-Länder nicht für alle Bank-Einlagen garantieren, ist ein Banken-Run stets eine latente Gefahr. Außerdem besteht das Risiko eines chaotischen oder auch stark abwertenden Euro-Austritts auch genau so lange, wie ein Land der Euro-Zone angehört.

[2] Die Abwicklung sämtlicher innereuropäischer und sonstiger internationaler Schulden wäre ein langjähriger politischer und juristischer Alptraum, wenn man den Euro abschafft.

Auch das wäre ein starkes Argument gegen die Euro-Einführung gewesen. Wenn der nun bestehende Euro irgendwann später von einzelnen oder allen Ländern abgeschafft wird, wird dieses Problem größer sein, was für eine schnelle Abschaffung spricht. Doch selbst wenn man den Euro um jeden Preis dauerhaft verteidigen will, wird man dieses Problem nicht los, da die Schulden auch in Euro von Ländern wie Griechenland nicht mehr bedient werden können und folglich irgendwie, ohne bestehende Rechtsgrundlage, abgewickelt werden müssen. Was wir da bisher gesehen haben, ist nicht sehr ermutigend. Ein geordneter Euro-Austritt könnte für alle besser sein, wobei an der nötigen politischen Weisheit zu dessen Umsetzung allerdings leider auch gezweifelt werden muss.

[3] Die neue DM würde natürlich sehr stark aufwerten. Man kann nicht vorhersagen wie dramatisch und wie lang. Ist das für die deutsche Exportwirtschaft nur kurz oder auch langfristig ein großer Nachteil?

Die deutsche Exportwirtschaft würde leiden und auf jeden Fall würden die deutschen Exportüberschüsse zurückgehen. Doch das ist in Wirklichkeit ein Vorteil, sowohl für Deutschland als auch seine Handelspartner. Die Überschüsse sind eine Form von Ungleichgewicht, welches reduziert werden sollte. Der Euro verhindert das, weshalb andere Euro-Länder Verschuldungsprobleme haben und Deutschland reale Leistungen ohne entsprechende Gegenleistung erbringt. Mit einer starken DM würde Deutschland mehr importieren und konsumieren. Dass sich die Überschüsse in ihr Gegenteil, also Defizite, verkehren, ist nicht zu erwarten, weil die Stärke der DM an diesen Überschüssen hängt und flexible Wechselkurse für einen Ausgleich sorgen, den der Euro verhindert.

[4] Stabile Wechselkurse bzw. die gleiche Währung machen banalerweise Investitionen weniger riskant. Natürlich dann nicht, wenn man befürchtet, dass eine Währung jederzeit zusammenbrechen kann, but, please, that’s not the point. Das Ziel ist natürlich das Vertrauen in den Euro wiederherzustellen durch eine andere europäische Fiskal- und Währungspolitik.

Die gleiche Währung senkt nicht automatisch das Investitionsrisiko. Erstens gibt es das benannte Risiko, dass die gemeinsame Währung endet. Dann ändern sich die Verhältnisse schlagartig statt graduell, wie es bei flexiblen Wechselkursen der Fall wäre. Außerdem lässt sich dieses Risiko am Markt schlechter absichern, da die Gültigkeit entsprechender Verträge und das finanzielle Überleben von Vertragspartner grundsätzlich unsicher sind. Zweitens sind die Investitionen auch bei Fortbestehen des Euro mit dem erhöhten Risiko von Staats- und Bankenpleiten behaftet, eben weil die einzelnen Staaten ihre Währung nicht mehr selbst kontrollieren. Schließlich gibt es keine “andere europäische Fiskal- und Währungspolitik”, sondern die real existierende, die gegenwärtig vielleicht Investitionen in Deutschland begünstigt, doch solche in Griechenland abschreckt.

[5] Kein seriöser Zeitgenosse bezweifelt, dass die EU eine besondere, neue Art von Gemeinschaft ist. (Gegner geben dies auch meist zu, um dann anschließend über diese Besonderheiten herzuziehen.) Selbstverständlich würde diese Gemeinschaft durch das Scheitern des Euros verändert werden. Hierzu könnte man jetzt leicht ein halbes Dutzend Unterpunkte aufführen, was mit dem Prestige, dem Einfluss in der Welt, dem inneren Selbstverständnis, dem Vertrauen der Bürger, der Vorbildfunktion dieses besonderen Experiments für das friedliche Zusammenleben der gesamte Welt, und und und geschehen könnte. (Dies ist an sich noch zu allgemein um ein echtes Pro-Euro-Argument zu sein. Pro und Kontra entsteht erst, wenn man sich auf eine ernsthafte Diskussion der vielen Unterpunkte einlassen würde. Das lohnt aber erst, wenn es Interesse daran gibt. Wenn wider Erwarten doch Interesse bestünde könnte man diese historische, staatspolitische Seite ausführen.)

Auch hier ist zu fragen, ob es sich wirklich um ein Argument für den Euro handelt. Dass der Euro die EU oder sogar das friedliche Zusammenleben in Europa gefährdet, spricht doch klar gegen ihn. Deshalb ist es auch so gefährlich, Europa rhetorisch an den Euro zu koppeln. Reales und politisches Kapital sollten besser in seine glimpfliche Auflösung statt sein Weiterexistieren mit allen schlimmen ökonomischen und dann auch politischen Folgen investiert werden. Sehr hohe Arbeitslosigkeit und eine über Jahre schrumpfende Wirtschaft nur wegen des Euro trägt kein Volk auf Dauer mit, während z. B. der gemeinsame Markt der EU die wirtschaftliche Lage für alle Beteiligten verbessert.

Es war wohl der Plan, mit Einführung der Währungsunion eine politische Union quasi zu erzwingen, doch dieser Plan ist gescheitert. Es gibt keine Garantie, dass die europäische Integration fortschreitet und das auch noch notwendigerweise zum Guten. Die jetzige Ausgestaltung des Euro ist offensichtlich dysfunktional und die konkreten politischen Anpassungspläne etwa über striktes Sparen machen die Sache nicht besser. Eine politische Gefahr ist natürlich, dass der eine nötige Schritt zurück, die Euro-Auflösung, weitere, unnötige oder gar schädliche nach sich zieht, die bisherige Integrationsdynamik sich also in ihr Gegenteil verkehrt. Je länger und vehementer jedoch die realen Nachteile des Euro geleugnet und seine vermeintliche Notwendigkeit beschworen werden, desto schwieriger wird es, der europäischen Entwicklung eine andere, positive Richtung zu geben, etwa durch die Aufnahme neuer Mitglieder und reale Investitionen in die Infrastruktur des Kontinents statt in faule Staatsanleihen ohne praktischen Nutzen für die Menschen.

[6] Viele Argumente sind natürlich davon abhängig, ob man grundsätzlich die weitere Integration der EU begrüßt. Wenn ja, dann gilt als ganz zentrales Argument: Da ein föderales Europa angestrebt wird, wird man die jetzige Krise – ähnlich wie vorherige schwere und langanhaltende Krisen- z.B. wg. der common agricultural policy und wegen dem EWS – als notwendigen weiteren Schritt hin zum Ziel sehen. Es ist sehr naiv zu glauben, dass ein föderales Europa ohne solche tiefe Krisen entstehen kann. Die europäischen Nationalstaaten haben bereits viel Souveränität abgegeben; dabei entstand ein großes Demokratiedefizit; weitere Schritte werden mühsam und schmerzhaft und es kann gut sein, dass nicht alle Nationalstaaten den Weg gemeinsam gehen wollen. Aber nur so ist es möglich ein föderales Europa zu schaffen.

Diese Art von Krisenlogik ist falsch. Vielleicht ist eine stärkere Integration nicht ohne Krisen (oder gar Kriege) möglich, doch daraus folgt nicht, dass jede Krise integrationsfördernd ist. Erstens trägt jede Krise das Risiko des Scheiterns in sich. Zweitens treibt eine Krise die Integration nur dann voran, wenn die Integration zur Lösung der Krise beiträgt, statt ihre Ursache zu sein, wie es beim Euro der Fall ist. Drittens ist überhaupt nicht zu sehen, wie das Demokratiedefizit durch den Euro abgebaut werden soll. Im Gegenteil, der Euro gefährdet noch stärker als die Integration Europas deren Demokratie(n). Ein förderales Europa um jeden Preis, nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch, also z. B. mit Halbierung des Lebensstandards und faktischer Aussetzung der Demokratie, kann man doch nicht ernsthaft befürworten.

[7] Abhängig davon wie der Euro untergeht, wäre unter Umständen die EU als Gemeinschaft, wo man für einander einsteht unwiderruflich ideell geschädigt. Das Ideelle und das Symbolische sind bei Kollektiven ganz entscheidend. Verachtung dafür (“nur symbolisch”, “nur eine Idee”, “nur eine Idee”) zeugt von einem tiefgreifend Unverständnis von kollektiven Prozessen.

Die Schädigung geht meines Erachtens ganz klar von den Euro-Befürwortern aus. Sie verknüpfen unzulässig den Euro mit der EU und der europäischen Idee, die ohne ihn viel überzeugender sind.

[8] Man schafft nicht künstlich Krisen, um etwas zu bewirken. Es ist aber sowohl für Individuen wie für Kollektive bekannt, dass man gerade dadurch seine Identität und Selbstbewusstsein schafft, dass man Krisen meistert. Früher waren es bei Staaten vor allem Kriege, die etwas Neues entstehen ließen. Bei Kollektiven ist das besonders leicht zu verstehen. Man schafft eine gemeinsame Identität indem man etwas gemeinsam bewältigt hat, obwohl man zwischenzeitlich nicht so sicher war, ob es klappt.

Im Grunde ist das eine Wiederholung, zumindest in meiner Erwiderung. Identität schafft nicht die Krisenursache, sondern das dagegen Rettende. Ein leider unrealistisches Szenario, wie die europäischen Völker durch die Euro-Krise zusammenwachsen könnten, ist das gemeinsame Abschütteln ihrer europhilen politischen Eliten. Es gibt durchaus gemeinsame Interessen der Menschen und Völker in Europa, doch die führenden Politiker handeln aus meiner Sicht dagegen und nicht dafür.

[9] Die Menschen in Europa und ganz besonders die Mitglieder der Eliten verhalten sich weitgehend bereits jetzt als europäische Bürger. Die Legitimität der EU beim Eingriff in die Alltagspolitik der Nationalstaaten ist beeindruckend. (Hierzu habe ich viel geschrieben und WP hat kein einziges Mal darauf reagiert.)

Natürlich habe ich bereits mehrfach darauf geantwortet, auch wenn die Antwort einem Euro-Fan nicht gefällt. Die Eingriffe der EU werden von den nationalen Regierungen erst initiiert und dann umgesetzt. Die EU ist im Wesentlichen eine zwischengeschaltete Instanz der nationalen Regierungen, der sie alle unpopulären Entscheidungen, die sie selbst getroffen haben, anlasten können. Zum Teil sind diese Entscheidungen gut, z. B. grundsätzlich hinsichtlich des gemeinsamen Marktes, zum Teil sind sie leider katastrophal, z. B. rund um den Euro und nun den zu dessen Rettung initiierten Fiskalpakt.

[10] Wenn sogar mitten in einer beispiellosen Krise in Griechenland die ganz große Mehrheit für den Euro ist (und für einen Verbleib in der EU sowieso), dann ist das allein schon in Argument dafür, dass alles getan werden sollte diese Währung zu retten.

Was ist denn das für ein Argument? Soll man mehr Euro-Propaganda betreiben, weil viele Menschen auf Propaganda hereinfallen? Außerdem wollen die meisten Griechen den Euro doch nicht bedingungslos oder auch nur in seiner heutigen Form, sondern verbunden mit großen Transfers, zu denen mögliche Transferzahler, insbesondere deutsche, keine Lust haben. Natürlich bekommt man Transferzahlungen lieber in einer harten Währung. Eigener Wohlstand lässt sich hingegen besser mit einer eigenen Währung erarbeiten, während der Euro für Griechenland zu hart ist und mit der Wirtschaft das Leben von Millionen Menschen ruiniert.

[11] Es ist nicht verwunderlich, dass gerade in Griechenland selbst bei den meisten radikalen populistischen Parteien die EU und der Euro weiter positiv gesehen werden. Ökonomen können das qua ihrer eingeschränkten Weltsicht nur so erklären, dass die Griechen rational nachrechnen, dass ihnen das Ganze unterm Strich finanzielle Vorteile bringt. Viel, viel wichtiger für Griechenland ist: Die Mehrheit der Griechen glaubt verständlicherweise nicht an die Fähigkeit ihres Nationalstaates (bzw. ihrer Eliten) sich grundlegend zu reformieren. Eine neue Währung, eine schnelle Abwertung und ein allgemeiner Schuldenschnitt würden dafür sorgen, dass die miserable politische und gesellschaftliche Grundstruktur bestehen bleibt.

Das ist möglich, doch keineswegs sicher. Die Logik, dass Krisen die Identität stärken können, ist doch für Europa noch gar nicht erwiesen, für Nationalstaaten hingegen schon oft. Vielleicht erwächst den Griechen eine verbesserte nationale Identität daraus, dass sie zusammen mit dem Euro ihre alte Elite abschütteln. Ein Protektorat bietet jedenfalls keine verheißungsvolle Zukunft (höchstens der Kampf dagegen) und auch nicht das Verteilen europäischer Transferzahlungen durch die bisherigen korrupten Politiker.

[12] Also egal ob in Griechenland oder in der gesamten EU: der Euro ist ein politisches Projekt und er wird politisch scheitern oder politisch gelingen.

Der Euro ist tatsächlich ein politisches Projekt und schien doch anfangs auch politisch zu gelingen. Mir sind keine rein politischen Probleme beim Euro bekannt. Woran der Euro scheitert, sind seine enormen wirtschaftlichen Unzulänglichkeiten. Die Politik kann nun versuchen, mit enormen Ressourcen gegen die wirtschaftliche Vernunft anzukämpfen, doch langfristig ist das nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch zu teuer. Die klügeren Politiker wissen das vermutlich auch bereits, scheuen aber die Realisation der Austrittskosten, weshalb sie die Sache hinauszögern, bis es gar nicht mehr anders geht oder sich ein passender Anlass findet.

Projekt #fiblo12 zur Blog-Vernetzung und finanziellen Grundausbildung

Andreas Buschmeier regt ein “Projekt #fiblo12″ an bzw. bündelt und konkretisiert bei Twitter unter dem Hashtag #fiblo12 diskutierte Ideen. Das Projekt hat zwei Ziele. Erstens sollen die deutschsprachigen Wirtschaftsblogs stärker miteinander vernetzt werden, zweitens soll “die mangelhafte finanzielle Grundbildung der (deutschen) Privatanleger” verbessert werden. Beides finde ich sinnvoll, wobei Herr Buschmeier bereits eine erste Liste möglicher Themen bereitstellt, von denen jeder Blogger ein bis zwei bearbeiten soll und dann alle beteiligten Blogger diese Beiträge untereinander verlinken. Sie können auf seiner Seite oder auch hier gerne weitere Vorschläge einbringen und sich auch wünschen, wozu speziell ich als Wirtschaftsphilosoph etwas schreiben soll.

Außerdem habe ich selbst einen allgemeinen Vorschlag, wozu jeder Wirtschaftsblogger etwas Interessantes schreiben könnte, nämlich zur je eigenen Anlagestrategie. Theoretische Ratschläge sind schön und gut, doch was machen reale Anleger ganz praktisch und aus welchen Gründen folgen sie häufig nicht der Theorie?

Why Germany is a Safe Haven

Beate Reszat wrote in her blog about “The home-currency problem in the euro area”. Her main thesis is that all members of the euro zone are in trouble and that there is no safe haven against a break-up of the euro, at least not inside of the euro area. I wrote this comment about that:

You are right that the euro is a large problem for all countries. However, the problem is not symmetric and Germany is not the next weak link but the economically strong country that holds the whole currency union together (at least until now but perhaps not much longer). Formally, Germany has the same problem as Greece, lacking its own currency and thereby being at risk of becoming insolvent. In fact, the situation is very different. If (when) Greece leaves the euro, the new drachm[a] will be very weak. If Germany does the same, the new D-Mark would be very strong and the remaining euro would fall or be destroyed. Looking for a sa[f]e haven in Europe, the markets find it in Germany.

Ms Reszat did not buy my argument and wrote “Safe haven under euro uncertainty – a reply”. We agree on the following (all following citations are from her last blog post):

Currently, the euro is no country’s currency. It is too weak for the stronger members of the euro area and too strong for representing the economies of the weaker ones as I wrote. Germany is one of the strong countries which explains why at the moment within the euro area capital is flowing to it above all from weak southern European countries.

However, I disagree with the following forecast:

With rising probability that the euro will not survive it matters less and less which country is the strongest in the euro area. If the future of the euro is regarded as uncertain investors will flee the currency – no matter where it is held – and German investors will not differ from others since, as I argued, in this case the euro is as foreign to them as to any other euro-zone citizen.

Yes, the euro is foreign to Germany, too, but its replacement, a new D-mark or whatever its name, will be strong. Euros in a Greek bank account may become drachmae quite soon. The same could happen to euro bills and coins that someone in southern Europe has in his wallet or under her pillow. Nobody knows when and how the euro will break up in national currencies. However, it is quite sure that German bonds, Bunds, will be paid back in the new German currency in this case. Within a permanent euro area there would be no reason to seek Germany as a safe haven. Only the high risk of an end of the euro, at least for some or even all countries, makes Germany and its government loans that attractive. Ms Reszat thinks instead:

With a return to national currencies, however, it is no longer Germany’s relative position to other euro zone countries which matters. Investors will compare the new “D-mark” to its international rivals – the US dollar, the Japanese yen and maybe a handful of other currencies which are all outside the current euro area. In this comparison, Germany will appear rather weak. High indebtedness, a recession looming on the horizon, the threat of political instability (the failed euro experiment will further destabilize the country) and neighbour countries and main trading partners sever[e]ly damaged by the crisis and austerity policies – all this will reduce its attractiveness. As a consequence, investors from Germany and elsewhere will try to reduce the share of certain European assets in their portfolios, which suddenly will appear far too high, and shift capital from the former euro area to other parts of Europe (i.e. UK, Switzerland …) and, above all, to other world currencies. Investors in and outside Europe will feel a strong need to revise their diversification strategies.

I do not think that. Firstly, markets and investors are forward looking. As long as the euro zone seemed safe, the money was flowing out of Germany to the periphery. Now it is flowing back because the euro is insecure. If the argument of Ms Reszat were correct, the money would flow out of the euro zone altogether including Germany right now. Secondly, the financial and economic positions of alternative countries outside the euro zone like UK and Switzerland or farther afield the USA and Japan are not that great, too. Switzerland is too small, Japan is highly indebted and in a economically weak position since more than twenty years, the USA has political problems and could try to inflate its way out of its debts.

For sure, the prospect of a chaotic end to the euro is not nice. However, it would hit not only Germany and other euro countries but the whole world. The economic position of Germany is and remains strong. The high German export surplus would be reduced when other European countries have less and weaker money to buy German goods but many exports go to other countries. One large problem for Germany and its export industries would be a strong currency appreciation. However, this brings about a healthy reduction of the excessive German export surplus and an increase of the demand for imports. If the appreciation becomes too high, it will be limited by its own effects. In any case, it is not reasonable to fear a too weak and too strong currency at the same time. This is only a problem for the euro that is too strong for Greece and too weak for Germany.

Investors in and outside Europe will feel a strong need to revise their diversification strategies. Many had markedly increased their exposure to the newly established euro area after the introduction of the common currency expecting that it will play a greater role in international relations than individual regional currencies ever had. Now they will have to dismiss this idea.

Sorry, but I do disagree with this kind of reasoning, too. As a matter of fact, the current world reserves in euros are lower than they were for the old D-mark. I would expect them to be higher for a new D-mark again. The euro was and is a complete failure. All countries including Germany will profit as soon as this is realised by the responsible politicians and they abolish the euro as orderly as possible.