Gestern hatte ich eine wichtige Diskussionen mit Karsten zu Kollektiven etc. in den Kommentaren zu ‘Straubhaar will Demokratie und Souveränität abschaffen’. Diese Diskussion möchte ich hier nicht nachzeichnen, dazu sei auf die Kommentare verwiesen, sondern mit einem generellen Missverständnis aufräumen, was Liberale und Ökonomen angeht. Liberale treten normativ vor allem für individuelle Freiheit ein. Das enthält weder eine beschreibende Aussage zu Kollektiven, etwa dass es sie gar nicht gäbe, noch eine direkt normative, z. B. dass sie schlecht seien. Es folgt nur indirekt normativ, dass die individuelle Freiheit im Konfliktfall höher zu gewichten ist als Ansprüche von Kollektiven. Religionsfreiheit beinhaltet beispielsweise das Recht, sich seine Religion und auch Religionsgemeinschaft aussuchen, diese aber auch wieder verlassen zu dürfen. Dies zu verbieten oder gar mit dem Tode zu bedrohen, wie es zuletzt Kuwait getan hat, ist illiberal. Innerhalb von Religionsgemeinschaften kann es hingegen nahezu beliebig absurde Glaubensbekenntnisse, Hierarchien und Gemeinschaftsrituale geben. Liberale haben also gar nichts gegen Kollektive, solange sie nicht auf grundlegenden individuellen Freiheitsrechten herumtrampeln.
Wie ist das Verhältnis von Ökonomen zu Kollektiven? Zumindest das vorherrschende ökonomische Paradigma vertritt sowohl einen normativen als auch methodologischen Individualismus. Nicht zuletzt wegen des normativen Individualismus sind viele Ökonomen zugleich Liberale, wobei es auch andere Ausprägungen geben kann. So ist der Utilitarismus auch eine sehr ökonomische Position, bei dem es nicht unmittelbar auf die individuelle Freiheit, sondern vor allem auf den individuellen Nutzen ankommt, dessen Summe maximiert werden soll. Der Bezug auf die Summe hat bereits ein kollektives Element, doch Kollektiven wird kein eigener Nutzen zugeordnet, sondern nur den ihnen angehörenden Individuen. Wenn die Kollektive diesen Nutzen der einzelnen Menschen erhöhen, sind sie nach dieser Auffassung gut, bei Nutzenreduktion schlecht und zu verändern oder abzuschaffen.
Methodologischer Individualismus bedeutet ebenfalls nicht, dass die Existenz von Kollektiven geleugnet würde, was ziemlich absurd wäre, sondern dass kollektives Verhalten konsequent auf individuelles zurückgeführt wird. Im wortwörtlichen Sinne können ein Staat, ein Unternehmen oder eine Familie nicht handeln, sondern es sind immer Individuen, allerdings gelegentlich viele oder einzelne stellvertretend für ein Kollektiv oder auch im (falschen) Glauben, als Teil eines Kollektivs so handeln zu müssen. Das ist vielleicht eine recht einfache Auffassung von sozialen Beziehungen und kollektiven Eigenschaften. Gerade in der Soziologie gibt es auch andere Ansätze, doch für die ökonomischen Fragestellungen genügt sie. Ökonomen analysieren nicht Individuen und Kollektive an sich und all deren Eigenschaften, sondern insbesondere deren zielgerichtetes Handeln angesichts von Knappheitsproblemen und damit verbundene Anreizstrukturen.
Der methodologische Individualismus führt zu interessanten Erkenntnissen, wobei die besonderen Probleme kollektiver Entscheidungen im Gegensatz zu individuellen vielleicht bereits in dem Ansatz angelegt sind. Trotzdem hat das Behaupten solcher Probleme empirischen Gehalt. Theoretisch könnten Kollektive, die z. B. nach der Mehrheitsregel entscheiden oder ein ausgezeichnetes Mitglied entscheiden lassen, bessere Entscheidungen treffen als durchschnittliche Individuen. Faktisch ist das wegen Anreiz- und Informationsproblemen selten der Fall. Insbesondere intelligente Individuen dürften zumindest für sich selbst regelmäßig bessere Entscheidungen treffen, während recht unintelligente und irrationale Personen schlechter abschneiden könnten. In jedem Fall lassen sich Kollektiventscheidungen nicht immer vermeiden, insbesondere bei echten Kollektivgütern, so dass über möglichst gute Entscheidungsverfahren nachzudenken lohnt, wobei in jeder Hinsicht optimale Lösungen nicht in jedem Fall möglich sind, wie z. B. Arrows Unmöglichkeitstheorem zeigt.