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Zwölf Argumente für den Euro und ihre Zurückweisung

Karsten stellte vor einer Woche dankenswerterweise in diesem Kommentar die folgenden zwölf Argumente für den Euro zusammen, die ich jeweils kritisch hinterfragen werde:

[1] Es gibt ein großes Risiko, dass es zu diversen “runs” insbesondere auf Banken kommt, wenn der Euro abgeschafft wird. Ökonomen können dieses Herdenverhalten nicht modellieren und die meisten geben das auch zu. Wie, wo und wie heftig und in welcher Reihenfolge hängt auch davon ab wie das Ende des Euros genau abläuft. Fast die gesamte Ökonomik hat die Bankenkrise verschlafen, hat z.B. die Dramatik der schon seit vielen Jahren bekannten griechischen Misere verschlafen und deshalb sagen seriöse Ökonomen inzwischen ganz ehrlich, dass man das Risiko für die Weltwirtschaft, die sich ja noch lange nicht von der Bankenkrise erholt hat, nicht vorhersagen kann. Kommt es nur zu einer kleinen Delle oder zur größten Weltwirtschaftskrise aller Zeiten?
(Natürlich gibt es dieses Risiko auch, wenn der Euro unkontrolliert untergeht. Wenn man also sicher ist, dass er sowieso nicht klappen kann, egal wie sehr die EU sich noch verändert, dann ist das hier kein Argument für die Verteidigung des Euros. Aber wenn das sowieso das unweigerliche Schicksal ist, dann brauchen einen diese ganzen Argumente nicht zu interessieren.)

Ich sehe nicht, dass es sich hier um ein Argument für den Euro handelt. Wenn es den Euro noch nicht gäbe, dann wäre dieses Risiko des Banken- und auch Staatsanleihen-Runs ein starkes Argument gegen seine Einführung. Nun gibt es den Euro, was natürlich die Sachlage und damit die eigentlich relevante Fragestellung ändert. Relevant ist nicht mehr, ob die Einführung des Euro eine gute Idee war, sondern ob seine Auflösung jetzt betrieben oder eher verhindert werden sollte. Mit dieser Ob-Frage hat das vorliegende Argument jedoch wenig zu tun, sondern es geht dabei um das Wie, sei es der Auflösung des Euro oder auch seiner Fortführung.

Ein chaotisches Euro-Ende dürfte tatsächlich, fast schon tautologisch zu Chaos führen. Inzwischen hege ich sogar den Verdacht, dass einige verantwortliche Euro-Befürworter auf einen griechischen Euro-Austritt mit möglichst viel Chaos in Griechenland hinarbeiten, um das dann als abschreckendes Beispiel für andere Euro-Länder hinstellen zu können. Dabei besteht jedoch das Risiko, dass sich das Chaos nicht auf Griechenland beschränken lässt und zu genau dem Euro-Ende führt, vor dem abgeschreckt werden soll.

Bei einem geplanten Euro-Ende oder auch Austritt einzelner Länder kommt es sehr darauf an, wie dieser Plan aussieht. Ein schneller und vor allem überraschender Austritt ließe gar keine Zeit für einen Banken-Run. Warum sollten Griechen danach noch zur Bank rennen, wenn sie dort ohnehin nur noch Drachmen bekommen? Zumindest das muss natürlich garantiert werden, wozu auch die Verbindlichkeiten der Banken in Drachmen umgestellt oder ansonsten insolvente Banken bzw. zumindest deren Einlagen gerettet werden müssen. Das könnte Griechenland mit seiner eigenen Zentralbank bewerkstelligen, aber natürlich auch gründlich verbocken. Ein anderes Problem dabei ist, dass die Überraschung wohl höchstens einmal gelingt, so dass entweder alle Länder zugleich den Euro aufgeben müssten oder Banken-Runs in Portugal, Irland und Spanien drohen, sobald Griechenland auf diesem Wege austritt. Ein probates Mittel dagegen wären Unterstützungsmaßnahmen der EZB in unbeschränkter Höhe, die aber vielleicht politisch nicht durchsetzbar sind. Wenn alle Banken jedem Sparer jeden gewünschten Euro auszahlen, dann ist der Banken-Run nicht wirklich schlimm und endet bald in einem großen Wiedereinzahlen.

Es gibt Alternativszenarien zu einem überraschenden Austritt, die ich befürworten würde, weil sie vorher diskutiert und demokratisch legitimiert werden können sowie gegebenenfalls wiederholbar sind. Wenn Griechenland beispielsweise eine Zweitwährung einführt, können die Euro-Scheine und -Beträge bei der Bank erhalten bleiben. Die Euro könnten auch in einen Korb aller neuen Währungen getauscht werden oder als Währung des schwächsten, also wohl Griechenland, statt des wirtschaftlich stärksten Euro-Mitglieds, Deutschland, fortgeführt werden.

Umgekehrt schützt der Erhalt des Euro doch gar nicht notwendigerweise vor Banken-Runs. Die einzelnen Euro-Länder haben keine monetäre Souveränität mehr, was ein wichtiges Argument gegen den Euro ist. Wenn die EZB oder auch andere Euro-Länder nicht für alle Bank-Einlagen garantieren, ist ein Banken-Run stets eine latente Gefahr. Außerdem besteht das Risiko eines chaotischen oder auch stark abwertenden Euro-Austritts auch genau so lange, wie ein Land der Euro-Zone angehört.

[2] Die Abwicklung sämtlicher innereuropäischer und sonstiger internationaler Schulden wäre ein langjähriger politischer und juristischer Alptraum, wenn man den Euro abschafft.

Auch das wäre ein starkes Argument gegen die Euro-Einführung gewesen. Wenn der nun bestehende Euro irgendwann später von einzelnen oder allen Ländern abgeschafft wird, wird dieses Problem größer sein, was für eine schnelle Abschaffung spricht. Doch selbst wenn man den Euro um jeden Preis dauerhaft verteidigen will, wird man dieses Problem nicht los, da die Schulden auch in Euro von Ländern wie Griechenland nicht mehr bedient werden können und folglich irgendwie, ohne bestehende Rechtsgrundlage, abgewickelt werden müssen. Was wir da bisher gesehen haben, ist nicht sehr ermutigend. Ein geordneter Euro-Austritt könnte für alle besser sein, wobei an der nötigen politischen Weisheit zu dessen Umsetzung allerdings leider auch gezweifelt werden muss.

[3] Die neue DM würde natürlich sehr stark aufwerten. Man kann nicht vorhersagen wie dramatisch und wie lang. Ist das für die deutsche Exportwirtschaft nur kurz oder auch langfristig ein großer Nachteil?

Die deutsche Exportwirtschaft würde leiden und auf jeden Fall würden die deutschen Exportüberschüsse zurückgehen. Doch das ist in Wirklichkeit ein Vorteil, sowohl für Deutschland als auch seine Handelspartner. Die Überschüsse sind eine Form von Ungleichgewicht, welches reduziert werden sollte. Der Euro verhindert das, weshalb andere Euro-Länder Verschuldungsprobleme haben und Deutschland reale Leistungen ohne entsprechende Gegenleistung erbringt. Mit einer starken DM würde Deutschland mehr importieren und konsumieren. Dass sich die Überschüsse in ihr Gegenteil, also Defizite, verkehren, ist nicht zu erwarten, weil die Stärke der DM an diesen Überschüssen hängt und flexible Wechselkurse für einen Ausgleich sorgen, den der Euro verhindert.

[4] Stabile Wechselkurse bzw. die gleiche Währung machen banalerweise Investitionen weniger riskant. Natürlich dann nicht, wenn man befürchtet, dass eine Währung jederzeit zusammenbrechen kann, but, please, that’s not the point. Das Ziel ist natürlich das Vertrauen in den Euro wiederherzustellen durch eine andere europäische Fiskal- und Währungspolitik.

Die gleiche Währung senkt nicht automatisch das Investitionsrisiko. Erstens gibt es das benannte Risiko, dass die gemeinsame Währung endet. Dann ändern sich die Verhältnisse schlagartig statt graduell, wie es bei flexiblen Wechselkursen der Fall wäre. Außerdem lässt sich dieses Risiko am Markt schlechter absichern, da die Gültigkeit entsprechender Verträge und das finanzielle Überleben von Vertragspartner grundsätzlich unsicher sind. Zweitens sind die Investitionen auch bei Fortbestehen des Euro mit dem erhöhten Risiko von Staats- und Bankenpleiten behaftet, eben weil die einzelnen Staaten ihre Währung nicht mehr selbst kontrollieren. Schließlich gibt es keine “andere europäische Fiskal- und Währungspolitik”, sondern die real existierende, die gegenwärtig vielleicht Investitionen in Deutschland begünstigt, doch solche in Griechenland abschreckt.

[5] Kein seriöser Zeitgenosse bezweifelt, dass die EU eine besondere, neue Art von Gemeinschaft ist. (Gegner geben dies auch meist zu, um dann anschließend über diese Besonderheiten herzuziehen.) Selbstverständlich würde diese Gemeinschaft durch das Scheitern des Euros verändert werden. Hierzu könnte man jetzt leicht ein halbes Dutzend Unterpunkte aufführen, was mit dem Prestige, dem Einfluss in der Welt, dem inneren Selbstverständnis, dem Vertrauen der Bürger, der Vorbildfunktion dieses besonderen Experiments für das friedliche Zusammenleben der gesamte Welt, und und und geschehen könnte. (Dies ist an sich noch zu allgemein um ein echtes Pro-Euro-Argument zu sein. Pro und Kontra entsteht erst, wenn man sich auf eine ernsthafte Diskussion der vielen Unterpunkte einlassen würde. Das lohnt aber erst, wenn es Interesse daran gibt. Wenn wider Erwarten doch Interesse bestünde könnte man diese historische, staatspolitische Seite ausführen.)

Auch hier ist zu fragen, ob es sich wirklich um ein Argument für den Euro handelt. Dass der Euro die EU oder sogar das friedliche Zusammenleben in Europa gefährdet, spricht doch klar gegen ihn. Deshalb ist es auch so gefährlich, Europa rhetorisch an den Euro zu koppeln. Reales und politisches Kapital sollten besser in seine glimpfliche Auflösung statt sein Weiterexistieren mit allen schlimmen ökonomischen und dann auch politischen Folgen investiert werden. Sehr hohe Arbeitslosigkeit und eine über Jahre schrumpfende Wirtschaft nur wegen des Euro trägt kein Volk auf Dauer mit, während z. B. der gemeinsame Markt der EU die wirtschaftliche Lage für alle Beteiligten verbessert.

Es war wohl der Plan, mit Einführung der Währungsunion eine politische Union quasi zu erzwingen, doch dieser Plan ist gescheitert. Es gibt keine Garantie, dass die europäische Integration fortschreitet und das auch noch notwendigerweise zum Guten. Die jetzige Ausgestaltung des Euro ist offensichtlich dysfunktional und die konkreten politischen Anpassungspläne etwa über striktes Sparen machen die Sache nicht besser. Eine politische Gefahr ist natürlich, dass der eine nötige Schritt zurück, die Euro-Auflösung, weitere, unnötige oder gar schädliche nach sich zieht, die bisherige Integrationsdynamik sich also in ihr Gegenteil verkehrt. Je länger und vehementer jedoch die realen Nachteile des Euro geleugnet und seine vermeintliche Notwendigkeit beschworen werden, desto schwieriger wird es, der europäischen Entwicklung eine andere, positive Richtung zu geben, etwa durch die Aufnahme neuer Mitglieder und reale Investitionen in die Infrastruktur des Kontinents statt in faule Staatsanleihen ohne praktischen Nutzen für die Menschen.

[6] Viele Argumente sind natürlich davon abhängig, ob man grundsätzlich die weitere Integration der EU begrüßt. Wenn ja, dann gilt als ganz zentrales Argument: Da ein föderales Europa angestrebt wird, wird man die jetzige Krise – ähnlich wie vorherige schwere und langanhaltende Krisen- z.B. wg. der common agricultural policy und wegen dem EWS – als notwendigen weiteren Schritt hin zum Ziel sehen. Es ist sehr naiv zu glauben, dass ein föderales Europa ohne solche tiefe Krisen entstehen kann. Die europäischen Nationalstaaten haben bereits viel Souveränität abgegeben; dabei entstand ein großes Demokratiedefizit; weitere Schritte werden mühsam und schmerzhaft und es kann gut sein, dass nicht alle Nationalstaaten den Weg gemeinsam gehen wollen. Aber nur so ist es möglich ein föderales Europa zu schaffen.

Diese Art von Krisenlogik ist falsch. Vielleicht ist eine stärkere Integration nicht ohne Krisen (oder gar Kriege) möglich, doch daraus folgt nicht, dass jede Krise integrationsfördernd ist. Erstens trägt jede Krise das Risiko des Scheiterns in sich. Zweitens treibt eine Krise die Integration nur dann voran, wenn die Integration zur Lösung der Krise beiträgt, statt ihre Ursache zu sein, wie es beim Euro der Fall ist. Drittens ist überhaupt nicht zu sehen, wie das Demokratiedefizit durch den Euro abgebaut werden soll. Im Gegenteil, der Euro gefährdet noch stärker als die Integration Europas deren Demokratie(n). Ein förderales Europa um jeden Preis, nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch, also z. B. mit Halbierung des Lebensstandards und faktischer Aussetzung der Demokratie, kann man doch nicht ernsthaft befürworten.

[7] Abhängig davon wie der Euro untergeht, wäre unter Umständen die EU als Gemeinschaft, wo man für einander einsteht unwiderruflich ideell geschädigt. Das Ideelle und das Symbolische sind bei Kollektiven ganz entscheidend. Verachtung dafür (“nur symbolisch”, “nur eine Idee”, “nur eine Idee”) zeugt von einem tiefgreifend Unverständnis von kollektiven Prozessen.

Die Schädigung geht meines Erachtens ganz klar von den Euro-Befürwortern aus. Sie verknüpfen unzulässig den Euro mit der EU und der europäischen Idee, die ohne ihn viel überzeugender sind.

[8] Man schafft nicht künstlich Krisen, um etwas zu bewirken. Es ist aber sowohl für Individuen wie für Kollektive bekannt, dass man gerade dadurch seine Identität und Selbstbewusstsein schafft, dass man Krisen meistert. Früher waren es bei Staaten vor allem Kriege, die etwas Neues entstehen ließen. Bei Kollektiven ist das besonders leicht zu verstehen. Man schafft eine gemeinsame Identität indem man etwas gemeinsam bewältigt hat, obwohl man zwischenzeitlich nicht so sicher war, ob es klappt.

Im Grunde ist das eine Wiederholung, zumindest in meiner Erwiderung. Identität schafft nicht die Krisenursache, sondern das dagegen Rettende. Ein leider unrealistisches Szenario, wie die europäischen Völker durch die Euro-Krise zusammenwachsen könnten, ist das gemeinsame Abschütteln ihrer europhilen politischen Eliten. Es gibt durchaus gemeinsame Interessen der Menschen und Völker in Europa, doch die führenden Politiker handeln aus meiner Sicht dagegen und nicht dafür.

[9] Die Menschen in Europa und ganz besonders die Mitglieder der Eliten verhalten sich weitgehend bereits jetzt als europäische Bürger. Die Legitimität der EU beim Eingriff in die Alltagspolitik der Nationalstaaten ist beeindruckend. (Hierzu habe ich viel geschrieben und WP hat kein einziges Mal darauf reagiert.)

Natürlich habe ich bereits mehrfach darauf geantwortet, auch wenn die Antwort einem Euro-Fan nicht gefällt. Die Eingriffe der EU werden von den nationalen Regierungen erst initiiert und dann umgesetzt. Die EU ist im Wesentlichen eine zwischengeschaltete Instanz der nationalen Regierungen, der sie alle unpopulären Entscheidungen, die sie selbst getroffen haben, anlasten können. Zum Teil sind diese Entscheidungen gut, z. B. grundsätzlich hinsichtlich des gemeinsamen Marktes, zum Teil sind sie leider katastrophal, z. B. rund um den Euro und nun den zu dessen Rettung initiierten Fiskalpakt.

[10] Wenn sogar mitten in einer beispiellosen Krise in Griechenland die ganz große Mehrheit für den Euro ist (und für einen Verbleib in der EU sowieso), dann ist das allein schon in Argument dafür, dass alles getan werden sollte diese Währung zu retten.

Was ist denn das für ein Argument? Soll man mehr Euro-Propaganda betreiben, weil viele Menschen auf Propaganda hereinfallen? Außerdem wollen die meisten Griechen den Euro doch nicht bedingungslos oder auch nur in seiner heutigen Form, sondern verbunden mit großen Transfers, zu denen mögliche Transferzahler, insbesondere deutsche, keine Lust haben. Natürlich bekommt man Transferzahlungen lieber in einer harten Währung. Eigener Wohlstand lässt sich hingegen besser mit einer eigenen Währung erarbeiten, während der Euro für Griechenland zu hart ist und mit der Wirtschaft das Leben von Millionen Menschen ruiniert.

[11] Es ist nicht verwunderlich, dass gerade in Griechenland selbst bei den meisten radikalen populistischen Parteien die EU und der Euro weiter positiv gesehen werden. Ökonomen können das qua ihrer eingeschränkten Weltsicht nur so erklären, dass die Griechen rational nachrechnen, dass ihnen das Ganze unterm Strich finanzielle Vorteile bringt. Viel, viel wichtiger für Griechenland ist: Die Mehrheit der Griechen glaubt verständlicherweise nicht an die Fähigkeit ihres Nationalstaates (bzw. ihrer Eliten) sich grundlegend zu reformieren. Eine neue Währung, eine schnelle Abwertung und ein allgemeiner Schuldenschnitt würden dafür sorgen, dass die miserable politische und gesellschaftliche Grundstruktur bestehen bleibt.

Das ist möglich, doch keineswegs sicher. Die Logik, dass Krisen die Identität stärken können, ist doch für Europa noch gar nicht erwiesen, für Nationalstaaten hingegen schon oft. Vielleicht erwächst den Griechen eine verbesserte nationale Identität daraus, dass sie zusammen mit dem Euro ihre alte Elite abschütteln. Ein Protektorat bietet jedenfalls keine verheißungsvolle Zukunft (höchstens der Kampf dagegen) und auch nicht das Verteilen europäischer Transferzahlungen durch die bisherigen korrupten Politiker.

[12] Also egal ob in Griechenland oder in der gesamten EU: der Euro ist ein politisches Projekt und er wird politisch scheitern oder politisch gelingen.

Der Euro ist tatsächlich ein politisches Projekt und schien doch anfangs auch politisch zu gelingen. Mir sind keine rein politischen Probleme beim Euro bekannt. Woran der Euro scheitert, sind seine enormen wirtschaftlichen Unzulänglichkeiten. Die Politik kann nun versuchen, mit enormen Ressourcen gegen die wirtschaftliche Vernunft anzukämpfen, doch langfristig ist das nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch zu teuer. Die klügeren Politiker wissen das vermutlich auch bereits, scheuen aber die Realisation der Austrittskosten, weshalb sie die Sache hinauszögern, bis es gar nicht mehr anders geht oder sich ein passender Anlass findet.

Weitere Überlegungen zu Privatdozenten

Nach ‘Privatdozenten’ schrieb ich gestern meinen ersten englischen (Gast-)Beitrag ‘Another Response to The Lumpy Economist’, worauf Rüdiger Bachmann nochmals antwortete mit “Privatdozenten continued…”. Darauf antworte ich jetzt noch einmal mit diesem Beitrag auf Deutsch, da es beim “Lumpenökonom” keine Kommentarmöglichkeit gibt und ich die Gastfreundschaft dort mit Gastbeiträgen nicht überstrapazieren will. Gegebenenfalls sollten wir die Diskussion bei den Kommentaren hier fortführen. Zumindest werde ich weitere Antworten zu diesem Thema dann hier einstellen, wobei sich auch jeder sonst an der Diskussion beteiligen mag.

I hope I will never be at such a University. If that happens – maybe we should switch to a system, where only outside and qualified comittees can choose appointees, if the existing faculty is not qualified to do so.

Gravierende Probleme bei Berufungsverfahren kommen an fast allen Universitäten vor, zumindenst wo ich nähere Informationen hatte, sei es als Berufungskommissionsmitglied, Gutachter, Bewerber oder einfach Zuhörer. Outsider sind dabei häufig nicht die Lösung, sondern ein gravierender Teil des Problems. Wer wählt sie aus und beurteilt ihre Qualifikationen? Vor allem haben sie eigene Interessen. In Österreich entscheiden jetzt wohl externe Gutachter statt der internen Berufungskommission. Dabei kommt es vor, dass der Gutachter sich bei einem eigenen Habilitanden nicht etwa für befangen erklärt, sondern diesen für Platz 1 nominiert und damit Erfolg hat.

[T]his circle is much bigger than the Wirtschaftsphilosoph intimates. [...] Besides Harvard and Stanford, Yale or Princeton there are many, many excellent public universities that should be the role model for German public universities, and they play by essentially the same rules as the Ivy League. My guess, we have at least a 50, if not 100 such universities in the US[.]

Meinetwegen kann es auch 200 oder 300 sehr gute US-Universitäten geben, die besser sind als der deutsche Durchschnitt. Aber laut Wikipedia gibt es über 3.000 Senior Colleges in den USA. Davon sind etliche schlechter, als man sich das hier in Deutschland überhaupt vorstellen mag. Das System ist ganz anders, viel freier und ungleicher als bei uns. Es gibt kein Zulassungsverfahren für Hochschulen, jeder kann eine eröffnen, weshalb auch Akkreditierungen so wichtig sind, die uns hierzulande völlig unnötig vorgeschrieben werden. Bei einem Systemvergleich oder sogar dem Versuch der Systemübertragung ist es nicht angemessen, nur die Spitze, sei es nun das oberste Prozent oder die obersten zehn Prozent, zu betrachten und den Rest unter den Tisch fallen zu lassen.

There is maybe another idea (or really ideology) that we may have to think about: is it really the case that every German faculty, every German professor should advise dissertations or habilitations? What for? If they do not publish themselves?

Das ist natürlich ein Problem. Allerdings geht der hiesige Trend gerade in die andere Richtung. Auch Fachhochschulprofessoren sollen promovieren dürfen, selbst wenn sie gar nicht forschen. Bei den Universitätsprofessoren ist das hiesige Lehrstuhlsystem mit Mitarbeitern zu berücksichtigen. Ohne wissenschaftlichen Mittelbau bricht die hiesige Lehre zusammen, während dessen größter Anreiz die Promotion ist. Dies unterstreicht, dass punktuelle Änderungen oft mehr Schaden als Nutzen anrichten. Eine komplette Systemumstellung ist allerdings auch mit Risiken und vor allem hohen Kosten verbunden. So müssten viel mehr Professoren eingestellt werden. Das mag die Probleme vieler Privatdozenten lösen, doch gerade in marktgängigen Fächern gibt es schon heute oft nicht genug hinreichend qualifizierten Nachwuchs.

[W]hy should we produce doctores that do not want to work academically and only want to have a title for more money – is that really our job as universities? I would think not.

Ich denke doch. Ebenso könnte man fragen, warum wir Bachelor- und Masterstudenten ausbilden, die nicht an der Universität bleiben wollen. Die wollen auch nur einen Titel und mehr Geld verdienen. Doch die (Aus-)Bildung von Akademikern war und ist noch immer die wichtigste Aufgabe von Hochschulen. In gewisser Weise sind die Doktoranden heutzutage überhaupt erst die eigentlichen Studenten, jedenfalls im Sinne Humboldts, die in der Gemeinschaft mit den Lehrenden und durch eigene Forschung lernen.

 [A] nice side effect would be that we will not get Guttenberg dissertations anymore (a phenomenon that is largely absent in the U.S.), where people become doctores without any academic intentions. I would say: lets make the doctoral dissertation again what it should be – a certification for scientific ability (not for cocktail parties) and get rid of all the other stuff.

Die erwischten Plagiatoren waren zumindest bislang alle externe Doktoranden. Vielleicht sollte man die externe Promotion ganz abschaffen (statt eine große Quantität an Promotion mit zusätzlichen Mitteln zu belohnen), da die entsprechenden Dissertationen meist schlecht, wenn nicht gar gefälscht, sind und durch sie die Preise für die Mitarbeiter verdorben werden. Ansonsten besteht der Wert einer Promotion natürlich gerade darin, wissenschaftliche Fähigkeiten bzw. eine eigenständige wissenschaftliche Leistung nachzuweisen, was offensichtlich nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch außerhalb wertvoll ist.

I simply fail to see why German universities can keep partial competitiveness by sticking to Habilitation and Privatdozenten.

Allein für sich genommen macht das natürlich keinen Sinn. Bei kompletter Übernahme des US-Systems müssten Habilitation und Privatdozentur ohnehin abgeschafft werden. Doch als ein Baustein im traditionellen deutschen Universitätssystem hatten sie durchaus eine Funktion und sie können diese meiner Ansicht nach auch für die absehbare Zukunft behalten. Ein wissenschaftlicher Markt rein persönlicher Reputation ohne Abschlüsse und Titel mag an der Spitze funktionieren, in der Breite gibt es Probleme. Hier schützen Mindestanforderungen und institutionelle Reputation vor schlimmstem Missbrauch bei der Verteilung staatlicher (Quasi-)Renten. Die staatliche Besoldung will Herr Bachmann vermutlich auch abschaffen, doch das unterstreicht nochmals das Zusammenwirken der Systemelemente.

[I]n an international science labor market, Germany is subject to a massive adverse selection (which it is anyway, but it might be exacerbated by this mechanism): if somebody has a chance to get an up or out decision 6 years after their PhD at the age of, say 30 or a little older, and then still has the chance of doing something else (and can thus more easily build a family) - why would they not go to the US or comparable systems? There is a danger that what Germany is left with are the people who do not want to or cannot (because they would not be selected by the top US universities) face this early competition.

Adverse Selektion ist ein Problem, doch über Länder-, Sprach- und Kontinentalgrenzen ist die Mobilität selbst in der relativ mobilen Wissenschaft noch vergleichsweise klein. Es gibt eine Vielzahl von Gründen, warum Nachwuchswissenschaftler in Deutschland bleiben. Man könnte sogar umgekehrt fragen, warum Personen, die einmal gegangen sind, wieder zurückkommen und ob in dieser Personengruppe die adverse Selektion nicht viel größer ist als bei denen, die gar nicht erst gingen.

As I have said before: this system works, and not just at Ivy League institutions. Or is the Wirtschaftsphilosoph saying that tenure decisions in US universities are on average poor?

Natürlich nicht, wobei es große Unterschiede zwischen den Top 300 und den Bottom 1000 gibt. Ein weiterer großer Systemunterschied ist der, dass in den USA mehr und differenziertere Marktchancen für die nicht ganz so guten Nachwuchswissenschaftler bestehen. Wer es nicht in den Top 10 schafft, findet ein Plätzchen in den Plätzen 11 bis 100, wer von dort kommend eine immer noch akzeptable Professur braucht, findet sie in den Top 300 etc. In Deutschland haben es hingegen Privatdozenten und Juniorprofessuren, die keine Universitätsprofessur auf Lebenszeit erringen, sehr schwer, da sie an den Fachhochschulen nicht so gerne genommen werden und weitere Optionen im Hochschulsystem kaum bestehen. Außerhalb des Hochschulwesens werden auch in marktgängigen Fächern lieber frisch promovierte als habilitierte Wissesnschaftler genommen.

The way I understand the system is that in order to keep the title of Privatdozent one needs to teach (mostly for the home university) for essentially nothing. I may be wrong here. If it’s just the title, why not keep it for life without having to teach?

Um den Titel ‘Privatdozent’ und die Lehrbefugnis zu behalten, muss man regelmäßig lehren. An der verleihenden Universität hat man das Recht, diese Lehre zu erbringen, wobei ich von einem Fall gehört habe, wo die Universität dafür Raummiete verlangte, der betreffende Privatdozent also nicht nur nichts bezahlt bekam, sondern noch etwas bezahlen sollte. Die Lehre kann alternativ an einer anderen Universität erbracht werden, wenn man dort z. B. einen Lehrauftrag oder eine Gastprofessur hat. Wer dauerhaft den Standort wechselt, kann sich auch umhabilitieren und Privatdozent anderswo werden. Nach fünf Jahren Privatdozentur kann auf Antrag der Titel ‘außerplanmäßiger Professor’ bzw. ‘apl. Prof.’ verliehen werden, der ebenfalls mit keiner Stelle und Bezahlung verbunden ist. Was man nicht wieder verliert, auch wenn man zu lehren aufhört, ist die Habilitation, die in einigen Bundesländern zum Titel ‘Dr. habil.’ führt, der allerdings nicht additiv, sondern nur ersetzend zum normalen Doktortitel geführt werden darf (und auch von den meisten Professoren einschließlich mir nicht explizit verwendet wird).

I tried to make a bigger point that the Wirtschaftsphilosoph seems to have missed. He argued essentially that if people voluntarily want to become Privatdozenten and teach for essentially nothing, we should let them. My argument was: this very neoclassical, individualist principle is OK and I respect it, but I was also pointing out that this is not how in general we organize our society. Sometimes we do, sometimes we do not, i.e. we sometimes have provisions that prevent people from voluntarily becoming unfree. I was merely suggesting that the Privatdozenten case might be one such case, which we should prevent from happening as an academic community.

Wenn ich den Punkt nicht richtig gesehen habe, dann ist das leider immer noch der Fall. Mir ist nicht klar, worin die Unfreiheit der Privatdozenten bestehen soll. Sie haben oft keine der Qualifikation entsprechende Stelle, aber macht sie das unfrei? Sind Arbeitslose unfrei? Außerdem müssen Privatdozenten unbezahlt lehren, meist eine Veranstaltung pro Jahr (oder je nach Universität auch pro Semester), um Privatdozenten zu bleiben. Doch sie können den Titel jederzeit aufgeben, wenn sie möchten. Er ist auch kein formales Berufungskriterium für eine reguläre Professur, für die faktisch irgendwann ohnehin kein Ruf mehr zu erwarten ist. Schließlich gibt es noch eine große Gruppe an den Hochschulen, die zu vergleichbaren Bedingungen ohne Honorar nur für den Titel lehrt, nämlich die Honorarprofessoren. Sind sie unfrei? Sie sind jedenfalls meist alles andere als arm, sondern ziehen aus dem Titel oft mehr geldwerte Vorteile als hauptamtliche Professoren überhaupt verdienen.

Another Response to The Lumpy Economist

I am glad to answer (again) to Rüdiger Bachmann alias The Lumpy Economist and his post “The Wirtschaftsphilosoph Responds”, this time at both our blogs simultaneously and thus for the first time in English.

In fact, we do not need dissertations at all. Let the academic market via reputation and publication decide these things. I am of course aware that there is potential for market failure, but by and large the US (and now international) Economics job market system works. People there take professorships without even having finished a dissertation.

I think we are talking about different markets and experiences here. For the best universities and academics I do agree. Formal degrees are neither necessary nor sufficient for excellent scholars. Nevertheless, degrees can be valuable signals of scholarship that is not evident. On average, someone with a doctorate from a good university is better than someone without and the same holds for a habilitation. I have seen several searches for professors in which only the lack of a habilitation or any equivalent prevented the hiring of an academically very poor candidate. The same is true for the doctorate at universities of applied sciences without which many more practitioners without any academic credentials would be appointed. Also in the USA outside of the small circle of top universities the requirement of a PhD for professors is sensible. Good would-be professors can quite easily write a dissertation or even hand in their articles as a cumulative one such that I always wonder why applicants have not already done so if they are really so good.

What did I mean by “ist gar nicht klar, dass vergleichbare, nur dann offensichtlich schlechtere Bedingungen als an US-Spitzenhochschulen wirklich die bessere Wettbewerbsstrategie sind als ein Nischenplatz mit langer Tradition und eigenen Liebhabern“? I was talking about an important general point that is not only relevant for universities but also commercial companies or economic systems. Often there is not just one best strategy everyone should try to copy. Firstly, there could be different equilibria. Several of them could be equally good. Even if one is the absolutely best one, the second one could be only slightly worse such that the switching costs would be higher than any gain from switching. Secondly, one equilibrium does not mean that all players must have the same optimal strategy. Even if strategy A is clearly the best one, the best answer to it could be strategy B, while all players playing strategy A could be detrimental to all of them or all others but the first mover. For the second mover a niche strategy could be much better. This is especially true for German universities that (should) know that they cannot beat the best American universities and what happens to the losers in the USA that are in a much worse position and shape than any German university is.

First, there is the idea of insurance – maybe by making a scientific career too risky we select the wrong people in there (we could lose brilliant, but risk-averse people), but even if we do not, providing insurance is welfare-improving. So having a system that tells people at the end of their twenties, whether they have a shot, versus a system that tells it to them at the end of their thirties or mid-forties is different in that respect.

This is a strong argument but the price for the proposed insurance could be too high. Yes, too much risk in academia (for the young academics, not tenured professors) is a problem because it lowers welfare and may attract the wrong kind of people. However, who decides on which evidence who is hired for life in his or her twenties and who will never be hired whatever (s)he may perform thereafter? I think such decisions would be quite poor. Instead, it should be as clear as possible what is expected to get tenure. Then everybody who wants to try it should have a chance.

Secondly, in society we have – for good reasons – other provisions that prevent us from making ourselves unfree. For example, any German labor court would void any labor contract that binds an employee for the rest of his life to an employer (although committing to stay no matter what may be the bilateral optimal thing to do). Right now the state government of NRW has com[m]itted to “feed” me for the rest of my life, but I have no such obligation to the NRW government to work for them (I am sure this would be unconstitutional). Of course, we can debate whether the Privatdozenten case is such a case (and I am also sure that there are many Privatdozenten that are happy and treated well), but I do not think it takes too much of a liberal paternalism to see that some of these contracts are close to exploitation that maybe we should young (and maybe a little naive and enthusiastic) researchers protect from.

I am not sure what Rüdiger Bachmann is talking about here. It is correct that labour contracts binding employees for life are forbidden. Consequently, there exist no such contracts, neither at German universities nor anywhere else. There is no contract at all for a Privatdozent as such. This is a title, not a job, and one gets it after a successful habilitation and not by signing any contract. The real problem for Privatdozenten is that the title entails no money such that they either need some private funds (there comes the name from) or a job, either at the university or outside. The follow-up problem for Privatdozenten is that there are so few good and tenured jobs besides professorships at German universities such that most of them hold short-term and poorly paid appointments. How denying them even those opportunities helps them in any way or why it is even be called “social” I cannot understand. Good for all current Privatdozenten would be guaranteed life-time employment after the habilitation. However, this would destroy the academic prospects and opportunities for many younger academics.

Privatdozenten

Rüdiger Bachmann hat vor einer Woche seinen Blog “The Lumpy Economist – Der Lumpenökonom” gestartet und ist zumindest bislang noch aktiver als ich mit meist mehr als einem Beitrag pro Tag zu wirklich interessanten Themen. Etwas schade finde ich nur, dass es bislang keine Kommentarfunktion gibt. Doch mein eigener Blog und die Kommentarmöglichkeiten hier sind ein Substitut dafür.

So hatte ich Herrn Bachmann vor einiger Zeit zugesagt, etwas zur Privatdozentur zu schreiben,  und kann nun gut an seinen Beitrag “Privatdozenten” anknüpfen. Er hält sie für

dinosaur of the German university system [...]: Privatdozenten are researchers who have achieved the so-called Habilitation, another dinosaur (essentially a dissertation after the dissertation), but have not or not yet been hired as a professor.

Zumindest die Habilitation halte ich nicht für einen Dinosaurier, sondern eher für ein funktionale Äquivalent zum PhD. Dem Namen nach ist das der Doktortitel, der jedoch in Deutschland nicht nur für wissenschaftliche Karrieren qualifiziert und an dessen Erreichen häufig geringere Anforderungen geknüpft sind.

The interesting part: in order to keep their Privatdozenten title (and therefore de facto in many fields any chance for a professorship), they have to teach for the university that gave them the title almost for free (and no social security). Every department at every university in Germany has quite a few of those cheap teaching “slaves”.

Auch hier wage ich zu widersprechen. Die Habilitation oder vergleichbare Leistungen, etwa Publikationen oder das erfolgreiche Bekleiden einer Juniorprofessur, sind Voraussetzungen für die Berufung als Universitätsprofessor, nicht die Privatdozentur. Außerdem kann die mit ihr verbundene Lehre von zwei Semesterwochenstunden auch an einer anderen als der habilitierenden Universität erbracht werden. Wenn es sich bei Privatdozenten überhaupt um “Sklaven” handelt, dann sind sie es freiwillig mit der Freiheit zu gehen.

[W]e need to find ways to give young researchers an up or out decision (tenure in the U.S.) at a much earlier age.

Das erinnert mich doch stark an die unseligen Befristungsgesetze. Warum muss es eine definitive Out-Entscheidung geben? Solange die Beförderung (Up) nur von außen möglich ist, haben die Universitäten keinen Anreiz und auch keine Möglichkeit, ihre besten Köpfe als Privatdozenten billig hinzuhalten (für Habilitanden bzw. deren Betreuer ist das etwas anders, wozu ich bei Gelegenheit einmal Geschichten erzählen kann).

Nun will Herr Bachmann von den USA das Tenure Track-System übernehmen, wonach promovierten Wissenschaftlern gleich die Möglichkeit geboten wird, sich für eine Dauerstelle an derselben Universität zu qualifizieren. Dazu gehört dann auch die Out-Option, wenn die wissenschaftlichen Leistungen nicht hinreichend waren. Das deutsche System ist jedoch insgesamt anders und in sich ebenfalls stimmig (zumindest was die Privatdozenten angeht, bei den Juniorprofessoren könnte es anders aussehen). Man mag aus Gründen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit das System anpassen wollen, doch erstens muss das dann konsequent und nicht nur stückweise erfolgen und zweitens ist gar nicht klar, dass vergleichbare, nur dann offensichtlich schlechtere Bedingungen als an US-Spitzenhochschulen wirklich die bessere Wettbewerbsstrategie sind als ein Nischenplatz mit langer Tradition und eigenen Liebhabern.

Einig sind wir uns wohl darin, dass eine Beschäftigungsgarantie für alle Habilitierten als Lebenszeitbeamte (bis vor kurzem gab es eine solche ‘Pragmatisierung’ in Österreich) nicht sinnvoll sein kann. Die Stellen fehlen dann an anderer Stelle und weniger konkurrenzfähige Wissenschaftler nehmen dem wissenschaftlichen Nachwuchs die Qualifizierungs- und Berufungschancen weg. Wichtig erscheint mir eine frühzeitige Aufklärung, spätestens nach der Promotion, welche Risiken mit einer Hochschulkarriere verbunden sind und wie die Stellensituation im jeweiligen Fach ausschaut. Auch die Kriterien, nach denen habilitiert und berufen wird, sollten möglichst transparent und wissenschaftsimmanent sein. Jede ausgekungelte oder quotierte Berufung einer wissenschaftlich schwächeren Person verhindert nicht nur eine wissenschaftlich bessere, sondern senkt auch das akademische Lehr- und Forschungsniveau auf viele Jahre.

Staatsschulden und Krise

“Der richtige Umgang mit Staatsdefiziten” ist ein sehr lesenswerter Beitrag von Wolfgang Scherf bei Ökonomenstimme. Es wird (graphisch) schön gezeigt, wie in einer konjunkturellen Krise ein ausgeglichenes Staatsbudget kontraproduktiv ist bzw. das Volkseinkommen stark schrumpfen lässt. Neben automatischen Stabilisatoren (z. B. Arbeitslosengeld für die krisenbedingt Arbeitslosen), die bereits notwendig mit einem Budgetdefizit (ggf. in Schattenhaushalten) verbunden sind, ist aktive Stabilitätspolitik z. B. über Konjunkturprogramme nötig, um eine Vollauslastung der Kapazitäten wie außerhalb der Krise zu erreichen. Der simultane Abbau eines strukturellen Staatsdefizits ist gleichzeitig weder sinnvoll noch überhaupt möglich (ohne massive Krisenverschärfung), da er einfach die konjunkturellen Maßnahmen konterkarieren würde. Folglich ist staatlicher Schuldenabbau in einer Wirtschaftskrise überhaupt nicht zu empfehlen. Insbesondere die FDP hat jede Wirtschaftskompetenz eingebüßt, seitdem sie die Forderung nach Steuersenkungen und -vereinfachungen, die sich liberal rechtfertigen ließen, durch eine nach pauschalen Schuldenbremsen und -verboten ersetzte (siehe auch “VWL für Piraten: die Schuldenbremse” von Stephan Ewald). Nun ist Deutschland momentan gar nicht in einer konjunkturellen Krise, doch für südeuropäische Länder ist die ihnen gerade von Deutschland verordnete Austeritätspolitik fatal.

Die Analyse ist keynesianisch, doch gerade für Wirtschaftskrisen, die es in der neoklassischen Modellwelt in der Form gar nicht gibt, scheint mir das angemessen. Eine Staatsschuldenkrise, die etliche europäische Länder zugleich haben, ist etwas anders gelagert. Wenn die Schulden sehr hoch sind, sind private Gläubiger nur noch zu hohen Zinsen bereit, Staatsanleihen zu kaufen, was die Schulden weiter erhöht oder sehr starke Budgetkürzungen verlangt, insbesondere wenn die Zinsen ins Ausland abfließen. Dadurch sinkt das Volkseinkommen, was die Schulden relativ dazu weiter erhöhen kann, wodurch die Zinsen weiter steigen, bis irgendwann niemand mehr freiwillig Geld leiht. Der ‘normale’ Ausweg über die Notenpresse ist den einzelnen Euro-Ländern durch den Euro verbaut, da sie über diesen nicht souverän verfügen können. (Solange die Wirtschaftskrise anhält, würde mehr Geld übrigens nicht zu Inflation führen, da gleichzeitig zu wenig und zu viel Nachfrage nicht möglich ist.) Eine Alternative ist der Staatsbankrott, der jedoch danach die Verschuldungsmöglichkeiten drastisch reduziert. Ansonsten ist, wenn andere Länder und/oder die EZB nicht helfen, der realwirtschaftliche Einbruch sehr groß, wie sich tatsächlich beobachten lässt.

Außerhalb der Krise, also in wirtschaftlich normalen Zeiten oder während eines Booms, sind Staatsschulden anders zu bewerten. Die Abbildungen des Beitrags suggerieren, dass auch dann durch weitere Staatsverschuldung das Volkseinkommen beliebig gesteigert werden könnte, was jedoch nicht der Fall ist. Bei hoher Kapazitätsauslastung gibt es Preiseffekte, also Inflation,  und eine Verdrängung von privaten Investitionen und privatem Konsum durch die staatlichen, defizitfinanzierten Ausgaben (was Neoklassiker immer erwarten, da es auf perfekten Märkten nie eine Krise gibt). Idealerweise würde der Staat dann Budgetüberschüsse bilden, die über den Konjunkturzyklus die Defizite aus Krisenzeiten genau ausgleichen. In der Praxis lässt sich das nicht so genau steuern, zumal Politiker auch im Boom Anreize zu prozyklischem Verhalten haben und die einzelnen Konjunkturphasen nicht immer klar zu erkennen sind (wenn z. B. strukturelle Arbeitslosigkeit kaum von konjunktureller zu unterscheiden ist). Ein gewisser, selbst über den Konjunkturzyklus wachsender Stand an Staatsschulden ist jedoch hinnehmbar, solange die Schulden nicht völlig ungehemmt explodieren.

Schließlich sollten die staatlichen Ausgaben stets möglichst effizient erfolgen. Laut Keynes kann es in einer wirtschaftlichen Depression sogar sinnvoll sein, wenn Arbeiter dafür bezahlt werden, Löcher zu graben und wieder zuzuschütten. Das ist für sich genommen jedoch nie sinnvoll und soll nur die Bedeutung staatlicher Nachfragepolitik unterstreichen. Würden die Arbeiter das Geld fürs Nichtstun bekommen (z. B. als Arbeitslosenhilfe), dann wäre das effizienter, da der Nachfrageeffekt derselbe und das Arbeitsleid geringer wäre. Noch besser ist es, wenn die Arbeiter halbwegs bzw. möglichst produktiv beschäftigt werden. Staatliche Konjunkturprogramme sollten also möglichst sinnvolle Ausgaben umfassen, selbst wenn für sich genommen sinnlose Ausgaben immer noch besser als gar keine sein können. Idealerweise werden ohnehin geplante staatliche Investitionsprojekte durchgeführt bzw. solche Projekte gleich für Krisenzeiten geplant und in Boomzeiten reduziert. Auch Investitionen in Humankapital sind sinnvoll, z. B. neue Studienplätze. Arbeitsbeschaffungsprogramme sollten auch nach dem höchsten Grenznutzen ausgewählt werden, weshalb in der Regel eine geringe Entlastung neuer hochproduktiver Arbeitsplätze von Sozialabgaben oder Steuern besser ist als die Komplettsubventionierung unnötiger Arbeit (wie das Graben und Zuschütten von Löchern). Wenn in Griechenland für Tote Rente und für Sehende Blindenunterstützung gezahlt wurde, so ist die Einstellung solcher Zahlungen dringend nötig, jedoch ebenfalls nachfragewirksam, weshalb andere, sinnvollere Staatsausgaben an ihre Stelle treten sollten.