Nach ‘Privatdozenten’ schrieb ich gestern meinen ersten englischen (Gast-)Beitrag ‘Another Response to The Lumpy Economist’, worauf Rüdiger Bachmann nochmals antwortete mit “Privatdozenten continued…”. Darauf antworte ich jetzt noch einmal mit diesem Beitrag auf Deutsch, da es beim “Lumpenökonom” keine Kommentarmöglichkeit gibt und ich die Gastfreundschaft dort mit Gastbeiträgen nicht überstrapazieren will. Gegebenenfalls sollten wir die Diskussion bei den Kommentaren hier fortführen. Zumindest werde ich weitere Antworten zu diesem Thema dann hier einstellen, wobei sich auch jeder sonst an der Diskussion beteiligen mag.
I hope I will never be at such a University. If that happens – maybe we should switch to a system, where only outside and qualified comittees can choose appointees, if the existing faculty is not qualified to do so.
Gravierende Probleme bei Berufungsverfahren kommen an fast allen Universitäten vor, zumindenst wo ich nähere Informationen hatte, sei es als Berufungskommissionsmitglied, Gutachter, Bewerber oder einfach Zuhörer. Outsider sind dabei häufig nicht die Lösung, sondern ein gravierender Teil des Problems. Wer wählt sie aus und beurteilt ihre Qualifikationen? Vor allem haben sie eigene Interessen. In Österreich entscheiden jetzt wohl externe Gutachter statt der internen Berufungskommission. Dabei kommt es vor, dass der Gutachter sich bei einem eigenen Habilitanden nicht etwa für befangen erklärt, sondern diesen für Platz 1 nominiert und damit Erfolg hat.
[T]his circle is much bigger than the Wirtschaftsphilosoph intimates. [...] Besides Harvard and Stanford, Yale or Princeton there are many, many excellent public universities that should be the role model for German public universities, and they play by essentially the same rules as the Ivy League. My guess, we have at least a 50, if not 100 such universities in the US[.]
Meinetwegen kann es auch 200 oder 300 sehr gute US-Universitäten geben, die besser sind als der deutsche Durchschnitt. Aber laut Wikipedia gibt es über 3.000 Senior Colleges in den USA. Davon sind etliche schlechter, als man sich das hier in Deutschland überhaupt vorstellen mag. Das System ist ganz anders, viel freier und ungleicher als bei uns. Es gibt kein Zulassungsverfahren für Hochschulen, jeder kann eine eröffnen, weshalb auch Akkreditierungen so wichtig sind, die uns hierzulande völlig unnötig vorgeschrieben werden. Bei einem Systemvergleich oder sogar dem Versuch der Systemübertragung ist es nicht angemessen, nur die Spitze, sei es nun das oberste Prozent oder die obersten zehn Prozent, zu betrachten und den Rest unter den Tisch fallen zu lassen.
There is maybe another idea (or really ideology) that we may have to think about: is it really the case that every German faculty, every German professor should advise dissertations or habilitations? What for? If they do not publish themselves?
Das ist natürlich ein Problem. Allerdings geht der hiesige Trend gerade in die andere Richtung. Auch Fachhochschulprofessoren sollen promovieren dürfen, selbst wenn sie gar nicht forschen. Bei den Universitätsprofessoren ist das hiesige Lehrstuhlsystem mit Mitarbeitern zu berücksichtigen. Ohne wissenschaftlichen Mittelbau bricht die hiesige Lehre zusammen, während dessen größter Anreiz die Promotion ist. Dies unterstreicht, dass punktuelle Änderungen oft mehr Schaden als Nutzen anrichten. Eine komplette Systemumstellung ist allerdings auch mit Risiken und vor allem hohen Kosten verbunden. So müssten viel mehr Professoren eingestellt werden. Das mag die Probleme vieler Privatdozenten lösen, doch gerade in marktgängigen Fächern gibt es schon heute oft nicht genug hinreichend qualifizierten Nachwuchs.
[W]hy should we produce doctores that do not want to work academically and only want to have a title for more money – is that really our job as universities? I would think not.
Ich denke doch. Ebenso könnte man fragen, warum wir Bachelor- und Masterstudenten ausbilden, die nicht an der Universität bleiben wollen. Die wollen auch nur einen Titel und mehr Geld verdienen. Doch die (Aus-)Bildung von Akademikern war und ist noch immer die wichtigste Aufgabe von Hochschulen. In gewisser Weise sind die Doktoranden heutzutage überhaupt erst die eigentlichen Studenten, jedenfalls im Sinne Humboldts, die in der Gemeinschaft mit den Lehrenden und durch eigene Forschung lernen.
[A] nice side effect would be that we will not get Guttenberg dissertations anymore (a phenomenon that is largely absent in the U.S.), where people become doctores without any academic intentions. I would say: lets make the doctoral dissertation again what it should be – a certification for scientific ability (not for cocktail parties) and get rid of all the other stuff.
Die erwischten Plagiatoren waren zumindest bislang alle externe Doktoranden. Vielleicht sollte man die externe Promotion ganz abschaffen (statt eine große Quantität an Promotion mit zusätzlichen Mitteln zu belohnen), da die entsprechenden Dissertationen meist schlecht, wenn nicht gar gefälscht, sind und durch sie die Preise für die Mitarbeiter verdorben werden. Ansonsten besteht der Wert einer Promotion natürlich gerade darin, wissenschaftliche Fähigkeiten bzw. eine eigenständige wissenschaftliche Leistung nachzuweisen, was offensichtlich nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch außerhalb wertvoll ist.
I simply fail to see why German universities can keep partial competitiveness by sticking to Habilitation and Privatdozenten.
Allein für sich genommen macht das natürlich keinen Sinn. Bei kompletter Übernahme des US-Systems müssten Habilitation und Privatdozentur ohnehin abgeschafft werden. Doch als ein Baustein im traditionellen deutschen Universitätssystem hatten sie durchaus eine Funktion und sie können diese meiner Ansicht nach auch für die absehbare Zukunft behalten. Ein wissenschaftlicher Markt rein persönlicher Reputation ohne Abschlüsse und Titel mag an der Spitze funktionieren, in der Breite gibt es Probleme. Hier schützen Mindestanforderungen und institutionelle Reputation vor schlimmstem Missbrauch bei der Verteilung staatlicher (Quasi-)Renten. Die staatliche Besoldung will Herr Bachmann vermutlich auch abschaffen, doch das unterstreicht nochmals das Zusammenwirken der Systemelemente.
[I]n an international science labor market, Germany is subject to a massive adverse selection (which it is anyway, but it might be exacerbated by this mechanism): if somebody has a chance to get an up or out decision 6 years after their PhD at the age of, say 30 or a little older, and then still has the chance of doing something else (and can thus more easily build a family) - why would they not go to the US or comparable systems? There is a danger that what Germany is left with are the people who do not want to or cannot (because they would not be selected by the top US universities) face this early competition.
Adverse Selektion ist ein Problem, doch über Länder-, Sprach- und Kontinentalgrenzen ist die Mobilität selbst in der relativ mobilen Wissenschaft noch vergleichsweise klein. Es gibt eine Vielzahl von Gründen, warum Nachwuchswissenschaftler in Deutschland bleiben. Man könnte sogar umgekehrt fragen, warum Personen, die einmal gegangen sind, wieder zurückkommen und ob in dieser Personengruppe die adverse Selektion nicht viel größer ist als bei denen, die gar nicht erst gingen.
As I have said before: this system works, and not just at Ivy League institutions. Or is the Wirtschaftsphilosoph saying that tenure decisions in US universities are on average poor?
Natürlich nicht, wobei es große Unterschiede zwischen den Top 300 und den Bottom 1000 gibt. Ein weiterer großer Systemunterschied ist der, dass in den USA mehr und differenziertere Marktchancen für die nicht ganz so guten Nachwuchswissenschaftler bestehen. Wer es nicht in den Top 10 schafft, findet ein Plätzchen in den Plätzen 11 bis 100, wer von dort kommend eine immer noch akzeptable Professur braucht, findet sie in den Top 300 etc. In Deutschland haben es hingegen Privatdozenten und Juniorprofessuren, die keine Universitätsprofessur auf Lebenszeit erringen, sehr schwer, da sie an den Fachhochschulen nicht so gerne genommen werden und weitere Optionen im Hochschulsystem kaum bestehen. Außerhalb des Hochschulwesens werden auch in marktgängigen Fächern lieber frisch promovierte als habilitierte Wissesnschaftler genommen.
The way I understand the system is that in order to keep the title of Privatdozent one needs to teach (mostly for the home university) for essentially nothing. I may be wrong here. If it’s just the title, why not keep it for life without having to teach?
Um den Titel ‘Privatdozent’ und die Lehrbefugnis zu behalten, muss man regelmäßig lehren. An der verleihenden Universität hat man das Recht, diese Lehre zu erbringen, wobei ich von einem Fall gehört habe, wo die Universität dafür Raummiete verlangte, der betreffende Privatdozent also nicht nur nichts bezahlt bekam, sondern noch etwas bezahlen sollte. Die Lehre kann alternativ an einer anderen Universität erbracht werden, wenn man dort z. B. einen Lehrauftrag oder eine Gastprofessur hat. Wer dauerhaft den Standort wechselt, kann sich auch umhabilitieren und Privatdozent anderswo werden. Nach fünf Jahren Privatdozentur kann auf Antrag der Titel ‘außerplanmäßiger Professor’ bzw. ‘apl. Prof.’ verliehen werden, der ebenfalls mit keiner Stelle und Bezahlung verbunden ist. Was man nicht wieder verliert, auch wenn man zu lehren aufhört, ist die Habilitation, die in einigen Bundesländern zum Titel ‘Dr. habil.’ führt, der allerdings nicht additiv, sondern nur ersetzend zum normalen Doktortitel geführt werden darf (und auch von den meisten Professoren einschließlich mir nicht explizit verwendet wird).
I tried to make a bigger point that the Wirtschaftsphilosoph seems to have missed. He argued essentially that if people voluntarily want to become Privatdozenten and teach for essentially nothing, we should let them. My argument was: this very neoclassical, individualist principle is OK and I respect it, but I was also pointing out that this is not how in general we organize our society. Sometimes we do, sometimes we do not, i.e. we sometimes have provisions that prevent people from voluntarily becoming unfree. I was merely suggesting that the Privatdozenten case might be one such case, which we should prevent from happening as an academic community.
Wenn ich den Punkt nicht richtig gesehen habe, dann ist das leider immer noch der Fall. Mir ist nicht klar, worin die Unfreiheit der Privatdozenten bestehen soll. Sie haben oft keine der Qualifikation entsprechende Stelle, aber macht sie das unfrei? Sind Arbeitslose unfrei? Außerdem müssen Privatdozenten unbezahlt lehren, meist eine Veranstaltung pro Jahr (oder je nach Universität auch pro Semester), um Privatdozenten zu bleiben. Doch sie können den Titel jederzeit aufgeben, wenn sie möchten. Er ist auch kein formales Berufungskriterium für eine reguläre Professur, für die faktisch irgendwann ohnehin kein Ruf mehr zu erwarten ist. Schließlich gibt es noch eine große Gruppe an den Hochschulen, die zu vergleichbaren Bedingungen ohne Honorar nur für den Titel lehrt, nämlich die Honorarprofessoren. Sind sie unfrei? Sie sind jedenfalls meist alles andere als arm, sondern ziehen aus dem Titel oft mehr geldwerte Vorteile als hauptamtliche Professoren überhaupt verdienen.