Banjamin Schäfer schrieb in seinem Blog “Zum Stand des Fachs”, wo wir eine kleine Diskussion zur Mathematik in der Wirtschaftswissenschaft begannen, die ich gerne vertiefen möchte. Doch vorher scheint es mir nötig, etwas zur Wirtschaftswissenschaft selbst auszuführen. Ganz bewusst benutzte ich den Begriff im Singular, wo andere zwei oder gar drei Wirtschaftswissenschaften sehen oder allein die Volkswirtschaftlehre (VWL) mit Wirtschaftswissenschaft identifizieren. Daneben gibt es mindestens noch die Betriebswirtschaftslehre (BWL) und eine Haushaltslehre bzw. Haushaltswissenschaft, die sich mit dem wirtschaftlichen Verhalten privater Haushalte befasst. Um weitere Subdisziplinen zu kreieren, könnte man noch eine Staatswirtschaftslehre abgrenzen, der Probleme aber üblicherweise in der VWL (als Teil der Finanzwissenschaft) und BWL (Lehre der öffentlichen Betriebe) behandelt werden. In der VWL werden traditionell Mikro- und Makroökonomik unterschieden sowie die Finanzwissenschaft. In der BWL gibt es zahlreiche Subdisziplinen, die meistens funktional abgegrenzt werden (Beschaffung, Produktion, Absatz, Finanzwirtschaft, nicht zu verwechseln mit der Finanzwissenschaft, Personal, Organisation, Rechnungswesen etc.).
Nun kann man fragen, ob das alles tatsächlich Teile derselben Wissenschaft sind. Meine Antwort ist positiv, wobei die Teile, ihre Inhalte und Methoden unterschiedlich stark miteinander verbunden sind. Die Nähe der BWL-Teilfächer zur VWL ist verschieden groß, auch über die Zeit und je nach fachlicher Ausrichtung des jeweiligen Vertreters. Herr Schäfer schreibt dagegen (als Antwort auf einen anderen Diskutanten):
Aber da sehe ich noch ein ganz anderes Problem der ökonomischen Ausbildung, was aber zumindest in Deutschland wohl Tradition hat: Die Überfrachtung des VWL-Studiums mit betriebswirtschaftlichen Inhalten. Ob das jetzt das identische Grundstudium des BWL- und VWL-Diploms oder der allgegenwärtige WiWi-Bachelor ist, angehende Ökonomen verschwenden ihre Zeit mit Marketing-Auswendiglernerei, Jura für Anfänger und Buchführung des 19. Jahrhunderts, anstatt bessere mathematische und vor Allem optimierungstheoretische Grundlagen zu legen.
Die Reduktion der VWL auf reine Optimierungstheorie halte ich für verfehlt, mehr noch die Geringschätzung der BWL, insbesondere der “Buchführung des 19. Jahrhunderts”. Da lernt man etwas Praktisches mit zugleich sehr durchdachten theoretischen Grundlagen. Unser Problem ist eher, dass die damaligen Erkenntnisse kaum noch erreicht oder gar übertroffen und für heutige Belange auf entsprechendem Niveau angepasst werden. (In Jura gibt es ähnliche Probleme hinsichtlich der großen Gesetzgebungswerke des 19. Jahrhunderts verglichen mit der Flut an kurzlebigen Paragraphenansammlungen heute.) An “Marketing-Auswendiglernerei” ist auch nicht das Marketing das Problem, sondern die Auswendiglernerei, die eigentlich für kein akademisches Studium (mehr) angemessen ist. Man kann heute alles schnell nachschauen und noch schneller googeln. Verstehen und gedankliches Einordnen sind die entscheidenden Qualitäten. Herr Schäfer ordnet die Sachen allerdings etwas anders ein als ich:
Oh, mir fällt einiges betriebswirtschaftliches im Bachelor-Curriculum ein, das man getrost streichen kann. Im Prinzip alles bis auf Operations und Wirtschaftsinformatik
Ich würde dahingehend wirklich die beiden Studiengänge BWL und VWL strikt trennen. Oder BWL gleich von der Uni verbannen, Aber das ist ein anderes Thema
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Operations Research schätzt er wohl nur wegen der mathematischen Methoden, denn was kann er inhaltlich von dem gebrauchen, was er da lernt? Bei Wirtschaftsinformatik würde sogar ich fragen, ob das noch zur Wirtschaftswissenschaft gehört (oder nicht eher zur angewandten Informatik). Jetzt muss vielleicht nicht jeder die gesamte Wirtschaftswissenschaft überblicken, da die meisten Studenten später doch eher als Spezialisten in einem Bereich arbeiten (wer später in der Lohnbuchhaltung tätig ist, braucht da kaum noch makroökonomische Modelle, obwohl natürlich alles mit allem zusammenhängt). Doch gerade ein Volkswirt sollte wissen, was in den Subeinheiten der Volkswirtschaftslehre grundsätzlich so passiert, statt Unternehmen und Haushalte nur als Maximierer simpler Gewinn- und Nutzenfunktionen in seine Optimierungstheorie einzubauen. Umgekehrt streben viele Betriebswirte ins allgemeine Management, wo man auch einen guten Überblick über alle betrieblichen Teilfunktionen und die Grundsätze der Volkswirtschaft benötigt. Schließlich wird so mancher VWLer später doch noch zum BWLer, sei es in der Wissenschaft oder der Praxis, da es dort jeweils viel mehr betriebswirtschaftlich ausgerichtete Stellen gibt. Von daher plädiere ich auch in der Lehre für die Einheit der Wirtschaftswissenschaft.
“Bei Wirtschaftsinformatik würde sogar ich fragen, ob das noch zur Wirtschaftswissenschaft gehört (oder nicht eher zur angewandten Informatik). ”
Die Wirtschaftsinformatik ordnet sich selbst in die angewandte Informatik ein (zumindest in der einschlägigen Literatur)
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Vielleicht als “Ehrenrettung” der BWL sei angeführt, dass ich nicht nur die BWL für nichtakademisch halte, sondern auch einiges anderes, was so studiert werden kann. Ich grenze die Wissenschaftlichkeit eines Fachs anhand der Dimensionen Erkenntnisbegriff und Methodik ab. Und bis auf die Teilbereiche Operations Research und Wirtschaftsinformatik hat die BWL einfach keinen Erkenntnisgewinn. Da werden Begriffe definiert und abgegrenzt, aber da steckt keine Wissenschaftlichkeit dahinter. Und Forschungsfortschritt gibt es z.B. bei Buchführung auch nicht – wobei man das auch für die Wirtschaftsinformatik behaupten kann.
Der Erkenntnisbegriff der BWL ist so schwammig, dass man ihn kaum erkennen kann. Auch das hochtrabend klingende “Marketing”, das viele meiner Kommilitonen mit “Werbung” verwechseln, ist als Marktforschung treffender beschrieben sogar eher ein Teilbereich der VWL, der mit Methoden der Mathematik bzw. der Neuro- und Emotionenökonomik behandelt werden sollte. Jeder Teil der BWL, der einigermaßen wissenschaftlich arbeitet und Inhalte vermittelt, die man nicht auch in einer Ausbildung vermitteln könnte, ist bei näherer Betrachtung eher ein Teil der VWL. Auch die Finanzwirtschaft könnte man eher als Teilbereich der Mikroökonomik einordnen. Ich schätze die BWL nicht gering, ich stelle nur die Wissenschaftlichkeit in Frage, wo die BWL nicht sowieso Teilbereich der VWL behandelt.
“Die Reduktion der VWL auf reine Optimierungstheorie halte ich für verfehlt”. Nun, mal abgesehen davon, dass ich das nie behauptet habe, ist die VWL die Wissenschaft der optimalen Allokation knapper Güter. Dazu benötigt man eben Optimierungsmethoden.
“Vielleicht als ‘Ehrenrettung’ der BWL sei angeführt, dass ich nicht nur die BWL für nichtakademisch halte [...] bis auf die Teilbereiche Operations Research und Wirtschaftsinformatik hat die BWL einfach keinen Erkenntnisgewinn.” Von Ihnen möchte ich meine Ehre nicht gerettet bekommen… Das sind ganz schön starke und scharfe Thesen, die Sie kaum werden belegen können. Natürlich ist die BWL keine Naturwissenschaft, aber das trifft auch auf die VWL zu. “Forschungsfortschritt gibt es z.B. bei Buchführung auch nicht”, trifft z. B. einfach nicht zu, auch wenn die größeren Fortschritt schon einige Zeit zurücklegen – doch selbst das könnte man für die VWL auch behaupten wollen, zumal es große neue Erkenntnisse in Bälde nicht ausschließt. Marketing ist weder Werbung noch Marktforschung, sondern die Ausrichtung des Unternehmens am relevanten Markt, bei dem es sich oft, aber nicht immer um den Absatzmarkt handelt. Die wissenschaftlichen Methoden dort sind jetzt meistens empirisch, aber das macht Marketing noch nicht zu einem Teil der VWL, da die Perspektive eine andere, einzelwirtschaftliche ist. Vielleicht sollten Sie sich erst einmal überlegen, was Sie unter Wissenschaftlichkeit, BWL und VWL verstehen. So ist nicht einfach “die VWL die Wissenschaft der optimalen Allokation knapper Güter”, da das gleichzeitig zu eng (rein normativ) und weit (die optimale Allokation für ein einzelnes Unternehmen ist eher BWL) ist. Ob man dafür mathematische Optimierungsverfahren benötigt, hängt weiterhin von den getroffenen Annahmen bzw. den Umweltbedingungen ab (wenn man z. B. nur zwischen zwei Güterbündeln wählen kann, sieht die Sache anders aus als bei stetig differenzierbaren Funktionen).
Ich denke wir sind gar nicht soweit auseinander, was die “Einheit der Wirtschaftswissenschaft” betrifft. Ich halte insbesondere den deutschen Begriff “Volkswirtschaftslehre” für überhaupt nicht zutreffend. Daher schreibe ich in meinem Beitrag auch konsequent Ökonomik. Immerhin betrachtet die “Volks”-Wirtschaftslehre auch das Verhalten einzelner Marktteilnehmer. Daher ist es besser von in der Tat nur einer Wirtschaftswissenschaft zu sprechen. Ob man sie so nennt, oder Ökonomik ist wohl zweitrangig.
Wenn wir aber eine Debatte über Methoden und Inhalte der Ökonomik führen, halte ich es für angebracht auch die althergebrachte Trennung in VWL und BWL zu hinterfragen. Und bei dieser Hinterfragung stelle ich fest, dass Teilbereich der BWL eigentlich Teilbereiche der Ökonomik sind. Oder aber wir müssen die mikroökonomische Analyse des Unternehmens ebenfalls aus der “VWL” herauslösen und in die BWL integrieren, immerhin geht es um Unternehmen. Das hielte ich aber nicht für sinnvoll.
Die Idee, die strikte Trennung von BWL und VWL aufzuheben und dafür auf einige Inhalte in der akademischen Ausbildung zu verzichten erscheint mir viel sinnvoller als ein anachronistisches Schisma weiter aufrechtzuerhalten.
Es ist keine Geringschätzung der betriebswirtschaftlichen Inhalte, wenn ich ihnen Wissenschaftlichkeit attestiere und als Teile der Ökonomik betrachte. Es ist auch keine Geringschätzung der Buchführung, wenn ich ich es nicht für akademisch halte. Es ist auch keine Geringschätzung des Backhandwerks, nur weil man es nicht studieren kann.
Dies alles gesagt, möchte ich noch darauf hinweisen, dass die Lehre an deutschen Universitäten, sowohl in der BWL als auch in der VWL stellenweise enorme Defizite aufweist. Am schlechtesten schneidet hier in meinen Augen die Marketinglehre ab, die vielfach auf stupides Auswendiglernen reduziert wird, was kaum dem Anspruch von Wissenschaftlichkeit entspricht. Auch diese Diskrepanz zum Anspruch des Fachs an sich selbst und die Durchführung der Lehre ist eine große Baustelle der Ökonomik.
Übrigens sind auch Geschichte, Archäologie, Soziologie, Psychologie, etc allesamt keine Naturwissenschaften, aber dennoch ist der Anspruch der Wissenschaftlichkeit hier ebenso wie in der Ökonomik zentral.
Nach meinem Begriffsverständnis ist Ökonomik dasselbe wie Wirtschaftswissenschaft (siehe ‘Ökonomie und Ökonomik’), so dass dann auch die BWL Teil der Ökonomik ist. Man kann das auch anders sehen, sollte dann aber die verschiedenen Konzepte gleichen Namens nicht miteinander verwechseln. Das Verhältnis von Mikroökonomik als Teil der VWL und BWL ist in der Tat interessant. Wahrscheinlich sind die Übergänge hier fließend, gerade bei den Methoden. Trotzdem kann man Unterscheidungen treffen, insbesondere bei der Perspektive. Die Mikroökonomik interessiert sich für einen kompletten Markt und all dessen Akteure gleichermaßen, die BWL schaut aus Sicht einzelner Unternehmen und deren Teilfunktionen, die natürlich auch auf die anderen Marktteilnehmer achten müssen, aber eine einfachere Zielfunktion haben. So will ein kommerzielles Unternehmen z. B. vor allem Gewinne machen, während der Mikroökonom nach dem Wohlfahrtsmaximum strebt. Ein Haushaltswissenschaftler hätte vor allem die Interessen der Kunden, Arbeitnehmer und auch Sparer im Blick, während der Blick des Marketings auf die Kunden ein ganz anderer ist (ihre Interessen sind für die Unternehmen nur Mittel zum Zweck, was ethische Fragen aufwerfen kann, auch hinsichtlich der Finanzierung solcher Forschung und Lehre aus öffentlichen Mitteln).
Schlechte Lehre kann es wohl überall geben. Auswendiglernen halte ich, wie schon gesagt, an einer Hochschule stets für verfehlt. Gerade im Marketing könnte man auch viel über Methoden und interessante Inhalte lehren (und dementsprechend lernen), was aber im Zweifel mehr Arbeit bedeutet, insbesondere auch bei den Prüfungen. Ob jemand acht von acht Begriffen richtig hingeschrieben hat, kann eine Dozentin sehr leicht prüfen. Doch auch eine Rechenaufgabe korrigiert sich viel schneller und mit weniger Protesten der Studenten als eine echte Verständnisfrage.
Moin,
akademische Fragen dienen einem netten Zeitvertreib. Vielleicht schweift ihr noch ab und fragt (Euch), welcher Teilbereich der Ökonomik die Wirtschaften dieser Welt ganz praktisch ins All beamen wird. Ob die VWL dann noch die einzige Wissenschaft sein will?
Grüße, RS
Das mit dem Wirtschaften ins All beamen ist nicht Sache der ökonomischen Forschung, sondern Sache der wirtschaftspolitischen Implementierung. Wenn die Politiker versagen, nutzt auch die beste Forschung nix.