Unter ‘Eigenständige Makroökonomik I: Das Vermögensbildungsmotiv’ kam eine Diskussion darüber auf, wie generell das Verhältnis von Sparen und Investitionen aussieht, wie man sich konkret die Identität I=S vorzustellen hat und ob man sagen kann, dass Investitionen aus Ersparnis finanziert werden (können). Dieser Beitrag soll das etwas aufklären, da sonst der vorherige Beitrag und wichtige Teile der Makroökonomik nicht verständlich sind. Wichtig ist zuerst die Einsicht, dass es verschiedene Investitionsbegriffe gibt und es bei der Identität von Investitionen und Ersparnis um einen ganz bestimmten geht.
Einzelwirtschaftlich handelt es sich bei Investitionen um die Anlage, d. h. die Bindung freier finanzieller Mittel bzw. von Kapital. Ersparnis und Investitionen sind alles andere als gleich. So kann man z. B. Geld im Sparstrumpf sparen, also gerade nicht anlegen und binden. Umgekehrt kann sich ein Unternehmer auch Geld leihen, also nicht selbst sparen, um es zu investieren.
Gesamtwirtschaftlich, also makroökonomisch gilt die Identität von Sparen und Investieren auch nur für die Nettogrößen im Aggregat (und ohne Ausland, das jedoch leicht in die Analyse aufgenommen werden könnte). A kann z. B. 1.000 Euro sparen und sie B zu Konsumzwecken leihen (oder auch Aktien von B kaufen, der die Einnahmen verkonsumiert). Der Ersparnis von A stehen dann keine Investitionen gegenüber, sondern ein ‘Entsparen’ bei B. Netto im Aggregat wurde weder gespart noch investiert (S=I=0). Entsprechendes gilt bei Ersatzinvestitionen, die aus Abschreibungen, die Kosten für das Unternehmen darstellen, finanziert werden. (Wenn Abschreibungen über viele Perioden vorgenommen werden, kann ein Unternehmen zwischenzeitlich bis zur Ersatzinvestition die Abschreibungen ansparen und zur Innenfinanzierung nutzen, doch das führt jetzt zu weit und gleicht sich volkswirtschaftlich in der Regel aus.)
Nun betrachten wir zuerst einfache Fälle, bei denen einzel- und gesamtwirtschaftliche Ersparnis und Investitionen gleich sind. Ein Unternehmer spart z. B. 1.000 Euro und tätigt damit Investitionen in seinem Unternehmen. Das gilt auch, wenn es sich bei dem Unternehmen um eine juristische Person handelt. Es geht auch bei zwei Personen, z. B. wenn ich 1.000 Euro spare und dem Unternehmer leihe, der sie dann investiert. Selbst wenn eine dritte Person als Intermediär eingeschaltet wird, ändert sich nichts, also wenn ich die 1.000 Euro Ersparnis zur Bank bringe, die sie dem Unternehmen zu Investitionszwecken leiht.
Kann die Bank als Intermediär Kredite aus dem Nichts schöpfen, wie Karsten in der Diskussion annahm? Kann sie also dem Unternehmen Geld leihen, was niemand zuvor als Ersparnis zur Bank brachte? Das wäre Betrug, wenn es sich nicht um die Zentralbank handelt (und manche meinen, bei ihr auch, doch das ist ein anderes Thema). Die Geld- und Kreditschöpfung der Banken funktioniert anders, nämlich über Ersparnisse. Ich leihe der Bank 1.000 Euro, sie verleiht sie an ein Unternehmen, welches sie in eine Maschine investiert. Damit sind die 1.000 Euro jedoch nicht weg, sondern auf dem Konto des Maschinenherstellers gelandet, der sie nun seinerseits ausgeben (konsumptiv oder investiv) oder auf dem Konto seiner Bank liegenlassen kann. In letzterem Falle (ansonsten gilt dasselbe für denjenigen, den der Maschinenhersteller bezahlt) handelt es sich um Ersparnis, die von seiner Bank erneut verliehen werden kann. Die Mindestreservepolitik begrenzt diese Form der Kreditschöpfung, da Banken nicht alle Einlagen vollständig ausleihen dürfen.
Die Zentralbank kann Geld aus dem Nichts schöpfen. Das führt diese Begriffe hier bis an ihre Grenzen, lässt sich mit ihnen aber noch beschreiben. Bei der Geldschöpfung wird die Zentralbank entsprechend reicher, so wie auch der Finder eines Klumpen Goldes reicher wird. (Real wird die Volkswirtschaft nicht reicher durch Geldschöpfung, doch hier wird in nominalen Größen gerechnet und die mit der Geldschöpfung verbundene Umverteilung ausgeklammert). Sie verleiht dann das Geld an Geschäftsbanken oder kauft von diesen Forderungen an Dritte auf. Ihr implizite Ersparnis behält sie nicht, sondern reicht sie üblicherweise in Form ihres Seigniorage-Gewinns an den Staat weiter, dessen Ersparnis dadurch steigt, meist verdeckt in Form niedrigerer Nettoneuverschuldung.
Kehren wir zu den normalen Wirtschaftssubjekten zurück. Was passiert, wenn es hier Abweichungen zwischen Spar- und Investitionsplänen gibt (und weder Staat noch Zentralbank ausgleichend einreifen)? Die erste Möglichkeit ist eine Zurückhaltung der Investoren. Die Sparer bringen ihr Geld zur Bank, doch niemand will es leihen, um damit zu investieren (oder auch um es zu konsumieren, wodurch die Ersparnis im Aggregat verschwinden würde). In der Neoklassik sorgt nun der Zins als Preis für Kredite für einen Ausgleich. Wenn mehr gespart als investiert wird, dann fällt der Zins, wodurch Sparen unattraktiver und Leihen einschließlich Investieren attraktiver wird, bis es schließlich zum Ausgleich der Größen kommt. Der Mechanismus muss aber nicht unbedingt funktionieren, wenn z. B. viele Menschen und Organisationen bei fallendem Zins mehr statt weniger sparen oder die Unsicherheit so groß ist, dass selbst bei einem Nominalzinssatz von null niemand investieren will oder mangels Kreditwürdigkeit kann.
Zweitens könnten die Sparer ihrer Ersparnisse lieber zu Hause behalten und in den Sparstrumpf stecken, statt sie zur Bank zu bringen oder selbst zu verleihen. Gerade bei niedrigen Zinsen und hoher Unsicherheit ist das eine plausible Option. Wie wird dann die Identität von Sparen und Investieren sichergestellt?
Doch fragen wir zuerst: Warum muss sie überhaupt eintreten? Das Volkseinkommen ist stets dasselbe, ob man es nun von der Entstehungs- oder Verwendungsseite her betrachtet. Alle Güter und Dienstleistungen werden dabei entweder konsumiert (von Privathaushalten oder dem Staat) oder für spätere Perioden investiert. Was ein Wirtschaftssubjekt spart (nicht konsumiert), muss deswegen notwendigerweise entweder dasselbe Wirtschaftssubjekt investieren oder ein anderes investieren oder konsumieren.
Was passiert nun, wenn ich mein Einkommen nicht ausgebe und auch nicht zur Bank bringe, sondern umgekehrt dort vom Girokonto abhebe und zu Hause im Sparstrumpf lagere? Wenn die Zentralbank das nicht ausgleicht, was im Übrigen nicht inflationswirksam wäre (solange nicht alle ihr Geld gleichzeitig wieder aus dem Sparstrumpf holen und damit einkaufen gehen), muss ein Ausgleich an anderer Stelle stattfinden. Kurzfristig geschieht dies durch unfreiwillige Investitionen. Jetzt kommt ein ‘Trick’ bei dieser Art der Begrifflichkeit, nämlich dass steigende Lagerbestände als Investitionen zählen. Die Konsumartikel, deren Kauf erwartet wurde, jedoch ausbleibt, stapeln sich in den Lagern und erhöhen die Investitionen der Unternehmen.
Mittelfristig kommt es dann allerdings zu Abschreibungen, wenn die Güter entweder billiger verkauft oder ganz entsorgt werden. Die Abschreibungen sind für die Unternehmen Kosten, die ihre Gewinne mindern oder sogar Verluste erhöhen. Die Ersparnis der Unternehmen und/oder ihrer Eigentümer geht zurück. Schließlich wollen die Unternehmen dann zukünftig weniger investieren und produzieren, wozu sie auch Arbeitskräfte entlassen, deren Einkommen sinkt. Diese können dann weniger sparen oder müssen sogar Kredite aufnehmen, wie es wohl auch der Staat für zusätzliche Sozialtransfers tut, was wiederum die Ersparnis im Aggregat senkt. Die Gleichheit von Sparen und Investitionen wird stets gewahrt und es gibt dafür auch kausale Mechanismen, die nur leider manchmal negative Folgen haben können.
Einzelwirtschaftlich macht Sparen stets reicher, volkswirtschaftlich kann es auch umgekehrt ärmer machen. Das haben leider bislang weder die sprichwörtliche schwäbische Hausfrau noch die Bundeskanzlerin verstanden, während die Opposition gelegentlich den Eindruck erweckt, jede Form von Staatsverschuldung für großartig zu halten.
Mensch. Mensch. Mensch. Jetzt nervt auch noch der Wirtschaftsphilosoph mit Textbuch-Lyrik und Wicksells Loanable Fund Theory.
Die Möglichkeit der Kreditvergabe einer Bank ist nur durch ihr Eigenkapital beschränkt (Basel). Die Mindestreserveforderungen der ZB schränken die Kreditvergabe nicht ein. Wenn ein kreditwürdiger Kunde auftaucht vergibt die Bank einen Kredit. Es gibt keine Hotline zum Backoffice um zu fragen haben wir genug Reserven? Zentralbankreserven dienen ausschließlich zum Settlement. Die Bank erfüllt die Mindestreserveforderungen ex post also nach Kreditvergabe. Zuerst über den Interbankenmarkt und wenn da nichts mehr zu holen ist über das Discount Window der ZB. Im letzteren Fall zahlt sie eine Strafe (höherer Zins). Die ZB kann die Kreditvergabe also nur indirekt über den Zins steuern.
Natürlich kann eine Bank ohne Spareinlagen Kredite vergeben sofern sie die Eigenkapitalanforderungen von Basel erfüllt. Wenn eine Bank einen Kredit vergibt wirkt sich das wie auf ihre Bilanz aus? Asset: Credit Liability: Deposit. Was passiert mit der Bilanz wenn ein Sparer auftaucht? Asset: Reserves Liability: Deposit D.h. mit viel Spareinlagen sinken für die Bank die Kosten bei der Kreditvergabe. Sie muss nicht abhängig von den Mindestreserveforderungen am Discount Window der ZB auftauchen. Gleichzeitig versucht sie aber (in normalen Zeiten!) möglichst wenig Zentralbankgeld zu haben wegen der Opportunitätskosten und verleiht diese im Interbankenmarkt.
PS: Die Identität S=I in einer geschlossen VWL stimmt auch nur wenn G=T ist. Das nur so am Rande
Aber mit ihrem Hinweis auf wachsende Lagerbestände als ungewollte Investition sind sie ziemlich weit vorn im Vergleich zu ihren neo-klassischen Kollegen.
Momentan mag der Mindestreservesatz der EZB keine bindende Restriktion sein, weil er kürzlich auf ein Prozent gesenkt wurde. Die FED setzt hingegen einen Satz von 10 %, während in den USA die Basel-Vorgaben nicht gelten. Jedenfalls können Banken nicht beliebig Kredit schöpfen (selbst wenn man das Kreditsachbearbeitern in einem bestimmten Rahmen erlauben mag, der jedoch weit unterhalb der Reserven der gesamten Bank liegt) und müssen spätestens dann Zentralbankgeld bereithalten, wenn die Kunden dies abziehen. Der Interbankenhandel kann auch ganz schnell austrocknen, während die Zentralbank Illiquidität von Banken vermeiden will und die einzelnen europäischen Staaten sogar so blöd sind, bei echter Insolvenz einzuspringen.
Die Sachen habe ich nicht einfach aus einem Lehrbuch abgeschrieben, sondern begrifflich selbst gefasst (doch danke für das implizite Kompliment). Entsprechend habe ich den Staat auch gar nicht separat betrachtet, sondern bei mir konsumiert, investiert und (ent)spart er ebenso wie private Wirtschaftssubjekte. Das schöne an den Konzepten ist gerade, dass sie sowohl so funktionieren als auch alternativ bei der üblichen Ausgliederung des Staates sowie mit oder ohne Einbezug des Auslands.
Meinem Wissenstand nach hat Stephan den Sachverhalt, den er angesprochen hat, korrekt dargestellt! Lässt sich alles kontrollieren und auch in aktueller Literatur wiederfinden.
Das ist so nicht richtig. Auch die USA haben Basel II umgesetzt:
In December 2007, US bank regulators published the rule for US implementation of the capital adequacy framework set out in Basel II (see Federal Register/Vol. 72, No. 235/Friday, December 7, 2007/Rules and Regulations). In April 2008, the rule became effective and in July 2008, US bank regulators published final guidance outlining the supervisory review process for banks that are implementing Basel II (see FRB: Press Release, Agencies issue statement on Basel II advanced approaches qualification process).
Natürlich können Banken nicht beliebig Giralgeld produzieren. Die Möglichkeit der Kreditvergabe ist durch das Eigenkapital der Bank limitiert. Die Mindestreserveanforderungen in Australien, Kanada, … sind NULL. Die notwendigen Mindestreserven zum Settlement werden immer ex post entweder über den Interbankenmarkt oder über die ZB zur Verfügung gestellt. Das ist einer der Gründe warum es Zentralbanken gibt. Über das ganze Thema gibt es zig Papers von der Federal Reserve Bank of NY, der BIS und sogar der EZB.
“Wie kommt das Geld in die Welt?” in der FAS sieht das auch wie Sie. Doch ich frage lieber noch einmal nach, damit ich gegebenenfalls wirklich etwas lerne:
Okay, die originäre Kreditgewährung ist einfach eine Bilanzverlängerung, die Bank braucht dafür keine Einlagen, dem Kredit des Kreditnehmers steht schlicht eine eigene Verbindlichkeit in Form seines Sichtguthabens bei der Bank gegenüber. Das können wir als Nichtbanken im Prinzip aber auch machen, ganz ohne Mindestreservesatz und Eigenkapitalanforderungen: Ich stelle Ihnen einen Wechsel aus und erhalte dafür einen Wechsel von Ihnen. Es stellt sich die Frage, warum wir das machen sollten, aber auch hier ist eine Fristentransformation bei unterschiedlichen Zinsen denkbar (mein Wechsel ist morgen fällig, Ihrer erst in einem Monat). Wenn aber mein Wechsel morgen fällig ist, brauche ich morgen liquide Mittel. Geht es der Bank nicht ebenso?
Kaum jemand nimmt einen Kredit auf und zahlt dafür Zinsen, nur um den Kreditbetrag auf dem Girokonto derselben Bank liegen zu lassen. Sobald der Kreditnehmer aber das Geld abhebt oder auf ein Konto bei einer anderen Bank überweist, benötigt die Bank den vollen Betrag. Den kann sie sich gegebenenfalls bei der Zentralbank leihen, doch dann schöpft diese das Geld, nicht die Geschäftsbank. Alternativ leiht sie sich den Betrag anderswo, doch wo wird dann Geld geschöpft? Am ehesten sehe ich das noch, wenn der Kreditnehmer das Geld auf ein anderes Konto bei derselben Bank überweist oder sich die Bank das Geld bei derjenigen Geld leiht, zu der die Überweisung ging. Aber arbeiten Banken wirklich so?
Ich habe den FAS Beitrag gelesen. Stimme nicht ganz mit dem Autor überein. Eher aus technischen Gründen. Aber das Thema ist so technisch, dass ich meine Blog-Leser damit nicht belasten will ;~) Außerdem steht dann gleich wieder Gerald Braunberger auf der digitalen Matte und beschwert sich über die unfaire Behandlung der FAZ Genies.
Ich würde das so beschreiben. Die Konten der Privatbanken bei der ZB dienen ausschließlich dem Settlement/Clearing der Myriaden tagtäglicher Transaktionen. Die ZB hat ein Interesse daran, dass alle diese Transaktionen sich auflösen. Deshalb auch die Panik wenn der Interbankenmarkt zufriert. Liquidität! Gleichzeitig sind diese Konten der Kanal für die ZB den kurzfristigen Zinssatz (also Good Old Fashioned Geldpolitik) zu steuern.
Was passiert wenn Kreditnehmer Mustermann sein Sichtguthaben abhebt und dem lieben Stephan überweist? Die Bilanz der Bank A ändert sich. Asset bleibt der Kredit. und Liability ist Reserves gegenüber ZB. Für Bank B gilt neues Asset Reserves und neue Liability Sichtguthaben. An der Änderungen der Bilanzpositionen sieht man auch die Funktion des Zentralbankgelds als Clearing der Transaktion. Bank A -Reserven und Bank B +Reserven. Deshalb bestehen auch ZB wie RBA bei Mindestreserveanforderungen 0 auf ein immer ausgeglichenes Konto. Wobei das nicht tagtäglich sein muss. Ich glaube die RBA verlangt einen monatlich gleitenden Durchschnitt von 0.
Vielleicht sollte man das auch mal sagen. Ihre S=I Ausführungen – also das eigentliche Thema diese Post – sind richtig. Wenn man den Staat nicht separat betrachtet! Das eigentlich interessante ist aber den Staat separat zu betrachten. Denn wenn der Staat sein Geldmonopol wie in der EZ aufgibt ist er nichts als eine SUPER große schwäbische Hausfrau. Hat er aber das Geldmonopol behalten ist er Superman ;~)
Netter Vergleich, den ich jedoch etwas relativieren muss: Ein Staat ohne Geldpolitik kann immer noch Fiskalpolitik betreiben, was der schwäbischen Hausfrau nicht möglich ist (höchstens innerhalb ihres Haushalts); auch Superman kann nicht alles, es gibt Grenzen der Geldpolitik; einzelne Euro-Staaten haben ihre Geldpolitik aufgeben, nicht alle zusammen bzw. Deutschland als dominierende Macht (deswegen ist Frau Merkel inzwischen auch mitverantwortlich für den Schlamassel in Griechenland & Co.).
@ Stephan
Danke für die klärenden Worte!
1. Das mit den loanable funds ist somit hoffentlich vom Tisch.
Ich bin mal etwas kleinlich und hake auch noch bei ein paar anderen Punkten nach:
2. WP hat zusätzlich noch behauptet: “Kann die Bank als Intermediär Kredite aus dem Nichts schöpfen, wie Karsten in der Diskussion annahm? Kann sie also dem Unternehmen Geld leihen, was niemand zuvor als Ersparnis zur Bank brachte? Das wäre Betrug, wenn es sich nicht um die Zentralbank handelt”
Während das mit den Ersparnissen, die weitergereicht werden, immerhin noch verständlich aber falsch war, ist diese Behauptung für mich regelrecht unverständlich. Wer sollten denn wen hier betrügen?
3. „Bei der Geldschöpfung wird die Zentralbank entsprechend reicher, so wie auch der Finder eines Klumpen Goldes reicher wird.“
Hier wird die normale Begrifflichkeit arg strapaziert. Das Wort „reicher“ hat in einem bestimmten Kontext einen Sinn. Dieser Kontext hat etwas mit Menschen zu tun, die direkt (oder indirekt über juristische Personen oder den Staat) Vermögen/Geld bekommen, das sie konkret, z.B. für Konsum, Ersparnis oder Investition einsetzten können. Die Behauptung, dass „die ZB reicher wird“ ist wohl eine Metapher für etwas, das an diese verständliche Verwendung des Ausdruckes „reich“ appellieren soll. Inhaltlich ist es aber höchst dubios.
[Die Rolle der ZB ist immer wieder mit dem normalen begrifflichen Instrumentarium schwer zu interpretieren. So war es auch bei der Diskussion um eine mögliche Insolvenz der ZB. Der normale Begriff der Insolvenz war hier genauso unbrauchbar.]
Offensichtlich hat mein Beitrag keinen Erkenntnisgewinn gebracht. Ausgangspunkt war die These von Karsten, Investitionen würden grundsätzlich nicht aus Ersparnissen finanziert. Das halte ich weiterhin für falsch, auch wenn nicht jede Investition und vielleicht sogar nur eine Minderheit aus echten Ersparnissen von Privathaushalten und normalen Unternehmen finanziert wird. Banken finanzieren sich und ihre Kreditvergabe zu großen Teilen anders, doch sie müssen sie irgendwie finanzieren (und sei es bei der Zentralbank oder bei anderen Banken) und sammeln auch immer noch Ersparnisse ein. Dass die Zentralbank bei der Geldschöpfung “reicher” wird (was auf Geschäftsbanken so auch nicht zutrifft, die an Zinsdifferenzen verdienen), ist vielleicht ein ungewöhnlicher Sprachgebrauch, doch eine notwendige Annahme für die Identität von S=I (sonst muss die Zentralbank ebenfalls ausgeklammert werden, die doch ein ganz wesentlicher Akteur ist). Zu sagen, dass alles ganz kompliziert und sui generis sei, ist doch gar keine Erklärung.
Nur so zum Spass. Ich dachte ich frag mal FRED wie es um die Beziehung zwischen der Monetary Base und der Kreditvergabe von Banken steht. Seine Antwort: die sind schon lange geschieden.
2002-2006
2007-2011
>Offensichtlich hat mein Beitrag keinen Erkenntnisgewinn gebracht.
Wieso?
Im übrigen hat Karsten recht wenn er die Verwendung des Adjektivs “reich” in dem Zusammenhang kritisiert. Eine VWL ist nicht reich wenn sie viele nominale Forderungen an wenn auch immer akkumuliert. Der Reichtum einer VWL besteht in der Quantität und Qualität der realen Dinge, die sie mit ihren nominalen Forderungen (Geld, Kredit) kaufen können.
Würden sie sich als reich betrachten wenn sie zufällig einen Goldbarren finden aber auf Grund widriger Umstände alle ihre Zeitgenossen eingeschlossen ihrer Wenigkeit mit Subsistenz-Landwirtschaft schwer beschäftigt sind? In diesem Dystopia ist ihr Goldbarren nur ein wertloser Stein, der seltsam glänzt.
Na gut, ich meine, etwas gelernt zu haben, aber Konsens besteht offensichtlich nicht (aber bei den ganzen anderen Debatten wohl auch nicht).
Die VWL ist vielleicht reich an Erkenntnisse, aber nicht an materiellen Gütern, das ist hoffentlich die VW (= Volkswirtschaft, ohne -lehre). Nun gilt, dass die VW nicht (direkt) reicher wird, wenn Papier- oder Buchgeld geschaffen werden; für die Zentralbank oder dann ihren Eigentümer, den Staat, an den sie ihre Überschüsse abführt, sieht das jedoch anders aus. Wenn ich erfolgreich (täuschend echt) Geldscheine fälschen oder Sie sich bei Ihrer Bank eine Millionen zusätzlich auf Ihr Konto buchen würden, dann wären wir auch reicher, aber die VW nicht, jedenfalls nicht direkt (vielleicht indirekt über Multiplikatoreffekte und die besser Auslastung von Kapazitäten).
Wenn wir schließlich in einer ganz anderen Gesellschaft und Wirtschaft leben würden, in der die gefälschten Banknoten gar nicht gelten, vielleicht gar kein Geld existiert und Gold keinen Wert hat, ja dann ist das alles annahmegemäß wertlos, aber das beschreibt doch nicht unsere Wirtschaft. Wert ist eben keine absolute Kategorie, schon gar nicht der Geldwert, aber erklären Sie das mal Stoertebeker.
Damit tun Sie mir Unrecht. Ich habe nie behauptet, dass Geldmengenveränderungen keine Verteilungseffekte mit sich bringen (und – in engen Grenzen sogar positiv – langfristig volkswirtschaftlich wirksam sein können).
Gerade die Subjektivität von Werturteilen macht mich skeptisch gegenüber Geldpolitik.
Stimmt, das hatten Sie nicht behauptet, doch ich überlege noch, wie ich Ihnen den Doppelcharakter von Geld als privatem (Ihre 50 Euro im Portemonnaie gehören allein Ihnen) und öffentlichem (der Geldwert ist eine gesellschaftliche Eigenschaft; wenn der Euro abgeschafft wird, haben Sie nur noch ein Stück Papier) Gut am besten erklären kann. Dafür können Sie mir vielleicht erklären, warum die Subjektivität von Werturteilen gegen Geldpolitik sprechen soll.
„Stimmt, das hatten Sie nicht behauptet, doch ich überlege noch, wie ich Ihnen den Doppelcharakter von Geld als privatem (Ihre 50 Euro im Portemonnaie gehören allein Ihnen) und öffentlichem (der Geldwert ist eine gesellschaftliche Eigenschaft; wenn der Euro abgeschafft wird, haben Sie nur noch ein Stück Papier) Gut am besten erklären kann.
Wenn das so einfach ist und meine Einsicht einzig an meiner Begriffsstutzigkeit scheitert, dann können Sie ja jetzt ruhigen Gewissens mit dem Überlegen aufhören. Ich finde die Erklärung unbefriedigend.
Sie schildern den Spezialfall eines gesetzlichen Zahlungsmittels, das automatisch aufhört, über das Material hinaus für irgendjemanden einen Wert zu haben, sobald es „abgeschafft wird“. Abgeschafft werden kann ein Wert aber nur in den Köpfen der Menschen. Das gilt auch für gesetzliche Zahlungsmittel. Solange es auch nur einen Menschen gibt, die bereit ist, einen Euroschein höher zu bewerten als ein Stück Papier, ist er weiterhin auch mehr, als ein Stück Papier.
Sie bieten hier einen Fall als Erklärung, der nur dann gilt, wenn der Wert eines Gutes für alle Menschen davon abhängt, ob die Regierung ihren Daumen hebt oder senkt. Andere Formen von Geld sind jedoch durchaus vorstellbar, oder?
So, wie Sie’s in dem Beispiel schildern, wohnt eine „gesellschaftliche Eigenschaft“ jedem Gut inne, das man nicht direkt für die eigene Bedürfnisbefriedigung einsetzt. Sie wäre dann die mit einem Gut verknüpfte Erwartung, dass es für Andere wertvoll ist. Was das mit öffentlichen Gütern zu tun haben soll, verstehe ich nicht. Was das mit subjektiven Werturteilen zu tun hat, finde ich offensichtlich.
Ich will nicht sagen, dass Geldpolitik Unsinn ist. Ich erlaube mir jedoch, weiterhin skeptisch zu bleiben, weil ich es schlicht nicht verstehe.
“Ich finde die Erklärung unbefriedigend.” Die eigentliche Erklärung habe ich doch noch gar nicht versucht, ich überlege noch (würde Ihnen die Analogie zum Telefon einleuchten, wo der Apparat Ihr privates Gut ist, doch ohne Telefonnetz und vor allem viele andere Nutzer relativ wertlos wäre?).
Selbst wenn etliche Sammler einen alten Geldschein hoch bewerten, macht ihn das nicht wieder zu Geld.
„Die eigentliche Erklärung habe ich doch noch gar nicht versucht, ich überlege noch (würde Ihnen die Analogie zum Telefon einleuchten, wo der Apparat Ihr privates Gut ist, doch ohne Telefonnetz und vor allem viele andere Nutzer relativ wertlos wäre?).“
Ich sehe, worauf sie hinauswollen. Aber nicht, dass das auf Geld als öffentlichem Gut und damit auf die Notwendigkeit einer politischen Regulierung/Bereitstellung hinausläuft. Denn das, was Sie beschreiben, gilt auch für Partys, Facebook oder (in Grenzen) dieses Blog. Selbst Bücher werden wertvoller, wenn man sich mit anderen darüber unterhalten kann, … .
„Selbst wenn etliche Sammler einen alten Geldschein hoch bewerten, macht ihn das nicht wieder zu Geld.“
Stimmt, nicht unbedingt. Aber der Schein wäre auf jeden Fall schon mal mehr als ein Stück Papier. Und sobald Menschen anfangen, die alten Scheine gegen andere Güter zu tauschen, obwohl sie die Scheine nicht „konsumieren“ wollen, (also wie die Sammler, sich am Schein erfreuen) sondern nur im Vertrauen darauf als Gegenleistung akzeptieren, dass irgendwann irgendein Sammler ihnen dafür etwas anderes dafür gibt, sind die alten Scheine doch wieder Geld. Je mehr Leute daran teilnehmen, desto mehr.
“Ich sehe, worauf sie hinauswollen. Aber nicht, dass das auf Geld als öffentlichem Gut und damit auf die Notwendigkeit einer politischen Regulierung/Bereitstellung hinausläuft.” Auf die politische Regulierung und Bereitstellung will ich doch gar nicht hinaus, denn längst nicht jedes öffentliche Gut muss staatlich bereitgestellt werden (wie es sich beim Geld verhält, wäre eine separate Diskusssion). Dass Sachen einen Sammlerwert haben, macht sie noch nicht zu Geld, sondern nur wertvoll(er).
Okay, vielleicht sollten wir erstmal klären, was wir unter öffentlichen Gütern verstehen.
Ich verstehe darunter Güter, von deren Nutzung man niemanden unter vertretbaren Kosten ausschließen kann. Atemluft etwa. Daraus ergeben sich Trittbrettfahrerprobleme und Gefangenendilemmata, was dann wiederum eine politische Lösung nahelegt. (Allemendegüter und öffentliche Güter im engeren Sinne sind sich da sehr ähnlich: Konsumrivalität halte ich für ein untergeordnetes Problem).
Zudem hatte sich unsere Diskussion doch an der Frage entzündet, ob es eine Geldpolitik überhaupt braucht. Ich dachte, darum ginge es hier immer noch.
Ich sollte demnächst einmal etwas zu öffentlichen Gütern und den anderen drei Gutskategorien schreiben. (Fehlende) Rivalität im Konsum ist übrigens kein untergeordnetes Problem, sondern in gewisser Weise eine objektivere Eigenschaft als (fehlende) Ausschließbarkeit (wobei deren Fehlen bei der Atemluft doch eher als Vorteil denn als Problem einzustufen ist). Außerdem sind die Grenzen zwischen den Kategorien fließend und kann ein Gut hinsichtlich veschiedener Eigenschaften in unterschiedliche Kategorien fallen. Grundlegender ist deshalb die Frage nach externen Effekten und deren Internalisierbarkeit (wenn bzw. insofern ihre Socken externe Effekte verursachen, sind sie kein rein privates Gut mehr). In welche Kategorie auch immer man Geld einsortiert, dass es da externe (und auch marktlich vermittelte) Effekte gibt, werden Sie wohl nicht bestreiten.
Rivalität finde ich ein hinsichtlich der Frage ein untergeordnetes Kriterium, ob ein Gut politischer Regulierung/Bereitstellung bedarf. Für Facebook ist die Nicht- (oder Kaum-) rivalität natürlich ein wichtigeres Thema.
Sie haben natürlich Recht, dass die Zuordnung der Güter fließend und nicht immer deutlich ist.
Bei den externen Effekten ist die Frage meiner Meinung nach, ob sie durch freie Interaktion auf die Verursacher zurückwirken. Wenn ich ungewaschene Socken trage, verursacht das externe Kosten für all jene, die mich unbeschuht erleben. Diese haben jedoch die Möglichkeit, mich zu meiden und damit die Kosten nicht zu tragen.
Den Industriellen, der die Luft verschmutzt kann man auch meiden. Doch das hilft in diesem Fall nichts – die verdreckte Luft müssen wir doch einatmen und die Asthmatherapie doch bezahlen. Es geht hier wiederum um eine Form des Ausschlusskriteriums:
Das sind vollkommen unterschiedliche Formen von externen Kosten. Die einen lassen sich wunderbar durch freie Interaktion vermeiden/internalisieren, die anderen nicht.
Die externen Effekte von Geld ähneln meiner Meinung nach strukturell eher denen meiner Socken denn denen der Luftverschmutzung.
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