Philip Plickert berichtete beim Fazit-Blog der FAZ vom Kongress “Ökonomie neu denken” unter “Ökonomen in Demut. Oder: Soll Vater Staat Brust-OPs verbieten?” Folgendes:
Nach dem Vortag des Verhaltensökonomen Armin Falk (Universität Bonn) stand plötzlich eine FH-Professorin in einem roten Kostüm auf und ereiferte sich: Ihre 18 Jahre alten Studentinnen wollten alle eine Busen-Operation, “und sie kennen auch schon die Preise” – das sei doch ungeheuer. Ob man so was nicht verbieten sollte. Der “sanfte Paternalist” Falk war gar nicht abgeneigt.
Das finde ich krass. “Sanften Paternalismus” und die Idee, bei freien Entscheidungen die Rückfallposition (was ohne explizite Entscheidung passiert) zu gestalten, mag man ernsthaft diskutieren, doch hier geht es doch bestenfalls um “harten Paternalismus” und eher um die Lust am Zwingen anderer. Mit welchem Recht wollen Professorin und Professor den Frauen ihre Entscheidungsfreiheit nehmen und über deren Brüste bestimmen?
Bei der Titelfrage ist es wichtig, ob das letzte Wort in Klammern dazu gehört oder nicht. Wer dann keinen Unterschied zwischen den beiden Fragen erkennen kann, dem bedeutet Entscheidungsfreiheit anderer nichts. Alle sollen tun, was man für am besten hält. Als Liberaler kann man hingegen die Frage “Sollen Frauen sich die Brüste vergrößeren lassen?” positiv, negativ oder auch gar nicht beantworten (ich würde einer ernsthaft darüber nachdenkenden Frau eher abraten, doch es hängt von den Umständen und ihren Gründen ab), aber auf die Frage “Sollen Frauen sich die Brüste vergrößern lassen dürfen?” gibt es nur eine liberale bzw. ethisch aufgeklärte Antwort: Ja. Ich muß nicht gut finden, was andere für sich entscheiden, da ich es nicht mag oder es ihnen voraussichtlich schadet, doch wenn sie anderen nicht direkt schaden, haben sie jedes Recht dazu. Wenn dem neuen ökonomischen Denken das nicht mehr klar ist, bleibe ich doch lieber beim alten.
Geben wir die Freiheit an dieser Stelle auf, gibt es kein Halten mehr. Wenn man Frauen verbietet, ihre Brüste vergrößern zu lassen, weil es ihnen angeblich schadet oder einem selbst einfach nicht gefällt, kann man nicht nur alles Mögliche andere verbieten (wollen), z. B. das Rauchen, Schokolade, Autofahren, Reichtum, Faulheit etc., sondern natürlich auch gebieten, was einem gerade einfällt, z. B. Brustvergrößerungen! Denn es wäre doch zur Herstellung von Gleichheit und zum Vermeiden von durch die blinde Willkür der Natur verursachten Ungerechtigkeiten sehr schön, wenn alle Frauen gleich große Brüste hätten, wozu Brustvergrößerungen für kleinbusige Frauen und Brustverkleinerungen für vollbusige verpflichtend eingeführt werden sollten, so wie man sich bereits bemüht, hochbegabte Kinder in ihrer Entwicklung zu hemmen…
Schade, dass “sanfte Paternalisten”, die ja eigentlich mit verschiedenen Stufen von Kritik, Beinflussung und vor allem Gestaltung des allgemeinen Umfelds (inklusive der Rückfallposition) auskennen müssten, so schnell echte Verbote bevorzugen. Gerade weil ich zu einem solchen sanften Paternalismus tendiere, finde ich das ärgerlich und gefährlich. Da tobt sich ein anti-Liberalismus aus, der nicht kann, wie er eigentlich will.
Sanfter Paternalismus – gerade unter Wissenschaftlern – sollte als Prämisse haben, dass es nicht um Verbote geht. Wenn das erst einmal geklärt ist, kann man in Ruhe das Umfeld der typischen Entscheidungs (oder Sucht-, Gewohnheits-, …) situation beleuchten.
Es kommt wohl wirklich stark auf die Entscheidungssituation an und die Stärke des Eingriffs. Sanften Paternalismus würde ich so definieren, dass die Entscheidungsfreiheit vollständig erhalten bleibt und nur die Grundsituation bei Nichtentscheidung sich ändert. Gründe dafür können nicht nur Irrationalismus und Fehlentscheidungen sein (die zu der Frage führen, woher es der Staat eigentlich besser wissen soll), sondern z. B. auch Transaktionskosten. Deshalb ist solch eine Änderung aber auch nicht völlig problemlos. Ich will das demnächst einmal am Beispiel von Organspenden diskutieren, doch wir können auch gerne weitere Fälle betrachten.
Tja, schon komisch, wo überall nach Verboten gerufen wird. Dabei gibt es, wie ich finde, wirklich gute und sinnvolle Arten des „sanften Paternalismus“. Etwa so, wie das Rauchverbot in der Gastronomie mancherorts praktiziert wird bzw. wurde: Nämlich generelles Rauchverbot aber die Möglichkeit, seinen Laden mit relativ geringem bürokratischem Aufwand zum Raucherclub zu deklarieren.
Brustvergrößerungen und andere Schönheitsoperationen könnte man mit einem (oder, je nach Alter mehreren) obligatorischen Beratungsgespräch(en) bei einem Psychologen verknüpfen und seitens der Krankenkassen mit einem kleinen Aufschlag auf die Beiträge versehen. So könnte man deutlich machen, dass Implantate grundsätzlich pfui sind und sie in das schlechte Licht rücken, in das sie gehören, ohne Wildentschlossenen fruchtlos hinterherjagen zu müssen und sie in ausländische Kliniken zu vertreiben.
Richtig, bei der Frage, ob sich Frauen die Brüste vergrößern lassen dürfen, geht es um harten Paternalismus. Auch der ist manchmal notwendig und muss nicht unbedingt zu Willkür führen. Gefordert werden muss aber eine abgesicherte wissenschaftliche Grundlage. Wenn man feststellen würde, dass 95 % der Frauen, die sich die Brüste haben vergrößern lassen, diesen Eingriff später bereuen, spräche alles für ein Verbot von Brustvergrößerungen. Apropos: Das einzige, was gegen ein Rauchverbot spricht, ist doch seine Durchsetzbarkeit.
Wofür ist harter Paternalismus notwendig? Selbst wenn 100 % der Betroffenen etwas später bereuen würden, muss das nicht für ein Verbot sprechen. Erstens könnte Aufklärung genügen, um Menschen davon abzuhalten. Zweitens können junge Menschen etwas wollen, was ihnen jetzt nutzt, auch wenn es ihnen später schadet und sie es deshalb in höherem Alter ablehnen. Bei jedem Verbot ist die Durchsetzbarkeit ein Problem, doch je nach Gegenstand kein unüberwindliches. Hohe Bußgelder mit Belohnungen für Anzeigende würden z. B. ein Rauchverbot in allen Kneipen durchsetzbar machen. Doch auch hier geht es um die Freiheit der Raucher und der Wirte.
Wenn 18-jährige Mädchen sich dazu entscheiden, sich ihre Brüste vergrößern zu lassen, um näher an das Schönheitsideal zu rücken, dann ist das eine sehr dumme Entscheidung und Verschwendung von Ressourcen. Da derartige Aktivitäten in hohem Maße in Deutschland stattfinden, kann man von einer in großen Teilen unaufgeklärten Bevölkerung mit falschen Wertvorstellungen sprechen. Eine unaufgeklärte Bevölkerung, trifft auch schlechte Entscheidungen. Deshalb darf man ihr auch nicht zu viel Freiheit zutrauen. Denn Freiheit ist ein Gut mit dem man umgehen können muss. Sonst kann sie auch schaden. Das Beste Beispiel dafür ist die andauernde Regierungsmacht der CDU. Eine aufgeklärte Bevölkerung, die nicht der Manipulation durch die privat und parteilich beeinflussten Medien ausgesetzt wäre, würde der CDU nicht einmal im Ansatz ihre Unterstützung zusprechen. Denn sie würde feststellen, dass zum Nachteil einer Mehrheit Politik gemacht wird.
Ein Verbot wäre also sinnvoll, wenn da nicht das Ausland wäre. Dorthin würden die jungen Mädchen nämlich ausweichen, was zu einer Verschärfung der Lage führen würde. Welche Optionen bleiben also?
1. Weniger Titten, die einem von der Zeitungsauslage von Kiosken entgegenspringen
2. Privatfernsehen abschaffen
3. Jeden Abend um kurz vor 8 ein kurzer aufklärerischer Clip im TV
4. Eine Kampagne der Bundesregierung gegen den Schönheitskult
5. Versuchen eine europaweite Steuer auf Schönheitsoperationen bei unter 25-jährigen durchzusetzen (Ausnahmefälle wie Unfall- oder Brandopfer werden von der Regelung ausgenommen)
6. Mehr kulturelle und bildungstechnische Emanzipation.
und und und …
Im Übrigen: Zu viel Freiheit kann auch Unfreiheit schaffen. Empfinden 50 von 100 Frauen ihre Brüste als zu klein und entscheiden sich von diesen 50 Frauen 45 zu einer Operation, so steigt das Maß an Unfreiheit der übrigen 5 Frauen, sich die Brüste nicht operieren zu lassen real an. Denn Freiheit bedeutet nicht immer nur die Freiheit etwas tun zu dürfen, sondern auch die Freiheit etwas zu lassen, ohne dabei zwangsläufig ausgegrenzt zu werden. Es ist zwischen juristischer und innerlicher Freiheit zu unterscheiden.
Ich bin nicht ganz sicher, ob der Beitrag ernst gemeint ist. Falls ja, stellen sich einige Fragen: Wer entscheidet wonach, welche Entscheidungen dumm bzw. schlecht und vor allem welche Wertvorstellungen falsch sind? Wenn außerdem auch die demokratischen Wahl- und Mehrheitsentscheidungen zu schlecht sind, wer soll dann entscheiden? (Die liberale Anwort wäre, dass nicht zuletzt deswegen möglichst viele Entscheidungen bei den Einzelnen verbleiben sollen, da sie zwar auch Fehler machen, doch weniger gravierende als bei Fremdbestimmung.) Wer zensiert Zeitschriften und Fernsehen nach welchen Kriterien?
“Zu viel Freiheit kann auch Unfreiheit schaffen.” Das gilt für die “Freiheit”, anderen direkt zu schaden. Will man hingegen auch jeden indirekten Effekt auf andere regulieren, bleibt keine Freiheit übrig. Es muss nur jemanden stören, was Sie in ihrem Schlafzimmer tun oder was Sie essen, anziehen und im Internet so treiben (auch noch unter Pseudonym), schon ist jedes Verbot gerechtfertigt (vom Verbietenden selbst, indem er sich einfach ohne weitere Begründung gestört fühlt). Was soll es schließlich für eine “Unfreiheit” sein, “sich die Brüste nicht operieren zu lassen”? Wer “dabei zwangsläufig ausgegrenzt” wird, ist keineswegs klar. Sie haben jedes Recht, Frauen wegen Brustvergrößerungen “auszugrenzen”.
“Selbst wenn 100 % der Betroffenen etwas später bereuen würden, muss das nicht für ein Verbot sprechen.” Ok, das ist Ihr persönliches Werturteil. Ich habe da ein anderes. Freiheit ist für mich die Freiheit, nach Glückseligkeit zu streben. Wenn Sachen verboten werden, die mich eh nicht glücklich machen, dann sehe ich darin keine Einschränkung der Persönlichkeit.
Ihr Einwand, dass eine Brustvergrößerung eine gewisse Zeit zufriedener macht, nicht aber auf Dauer, ist im Übrigen ein Spezialfall, den wir mal, um die Diskussion nicht zu verkomplizieren, unter den Tisch fallen lassen sollten. Mir ging es doch um den Fall, dass Frauen nach der OP mehr wissen als vor der OP und dass sie aufgrund dieses Mehrwissen diese OP als Fehler ansehen. Ökonomisch gesprochen sind Brust-OPs also ein Erfahrungsgut und da kann eine Regulierung durchaus angebracht sein.
“Freiheit ist für mich die Freiheit, nach Glückseligkeit zu streben.” Dann ist für Sie Freiheit kein eigenständiger Wert, sondern Mittel zum Zweck, der Glückseligkeit. Wenn andere Mittel besser zum Ziel führen, z. B. Zwang oder sogar der Tod (falls das Leben insgesamt weniger glückselig als unglücklich ist), dann weg mit der Freiheit und her mit den Alternativen. Das mögen Sie so für sich entscheiden, doch was ist mit anderen Personen, z. B. mir, deren höchstens oder gar einziges Ziel gar nicht die Glückseligkeit ist?
Was konkret Brustvergrößerungen als Erfahrungsgut angeht, warum sollten Frauen vor der OP sich nicht für die Erfahrungen von Frauen danach interessieren? Der jüngste Implantateskandal wird auch manchen zu denken geben. Sie glauben, mehr zu wissen als die Betroffenen, dabei sind Sie doch gar keine Frau mit entsprechenden Erfahrungen. Auch in Parlament und Regierung, die das paternalistische Verbot beschließen würden, sind solche Erfahrungen nicht sehr verbreitet. Der Vorschlag von Stoertebeker macht deshalb am meisten Sinn, also Aufklärung und vielleicht sogar eine Beratungspflicht, doch wer dann trotzdem noch die OP aus eigener Tasche bezahlen will, der sollte man sie nicht verbieten. Das verstehe ich übrigens unter sanftem Paternalismus: Es ist uns nicht völlig egal, was andere tun, wir raten und helfen ihnen, hindern aber am Ende niemanden an etwas, was er oder sie definitiv will (solange es Dritten nicht direkt schadet).
Pingback: Sollen Frauen sich die Brüste vergrößern lassen (dürfen)? | Wirtschaftswurm
Ich hätte nie gedacht, dass ich mit WP mal so sehr einer Meinung sein würde.
“Das verstehe ich übrigens unter sanftem Paternalismus: Es ist uns nicht völlig egal, was andere tun, wir raten und helfen ihnen, hindern aber am Ende niemanden an etwas, was er oder sie definitiv will (solange es Dritten nicht direkt schadet).”
Ich würde allerdings hinzufügen: Wir raten und helfen nicht nur, sondern wir beauftragen die Gemeinschaft/den Staat das Umfeld so zu gestalten (Info/Anreize, usw.), dass die Entscheidungen beeinflusst werden.
Was man hier von Lemman und Wirtschaftswurm liest, finde ich erschreckend. Es passt aber ganz gut in die deutsche politische Landschaft, wo es in ALLEN Parteien (auch der FDP) erschreckend wenige Liberale gibt. Mehr noch: erschreckend wenige Leute, die sich ernsthaft mit dem Liberalismus überhaupt auseinandersetzen anstatt nur in Plattheiten wie dem Vorwurf des “Neoliberalismus” zu verfallen.
Wirtschaftswurm offenbart das Kernproblem der anti-liberalen Haltung:
“Wenn man feststellen würde, dass 95 % der Frauen, die sich die Brüste haben vergrößern lassen, diesen Eingriff später bereuen, spräche alles für ein Verbot von Brustvergrößerungen. Apropos: Das einzige, was gegen ein Rauchverbot spricht, ist doch seine Durchsetzbarkeit.”
Dann kontert er WPs Einwand mit:
“OK, das ist Ihr persönliches Werturteil. Ich habe da ein anderes. Freiheit ist für mich die Freiheit, nach Glückseligkeit zu streben.”
Um die Thematik etwas grundsätzlicher anzugehen muss man vermeiden gleich diesen Ausweg zu suchen: “Der hat halt dieses und ich jenes Vorurteil/Werturteil/Ideologie.” Das mag ja sein, aber man kann auch tiefer graben und die Prämissen der gegensätzlichen Positionen untersuchen. Anti-Liberale verwenden meiner Meinung nach eine problematische Begrifflichkeit, die auf der irreführenden Idee vom “Fehler im Leben” (und dem Pendant “Glück im Leben”) basiert. Da es hier ja meist um Wirtschaft geht möchte ich dazu ein Beispiel aus der Wirtschaft aufgreifen.
In Deutschland ist es üblich einem Unternehmer/Manager, der eine Pleite hinlegt einen `Fehler´ zu unterstellen. Dieser Vorwurf lebt von einer sprachlichen Zweideutigkeit. Einerseits ist es ja klar: Eine Pleite ist schlecht, also wurde irgendwie etwas falsch gemacht in dem Sinne, dass eine andere Handlungsabfolge eher zum Erfolg geführt hätte. Das ist fast schon tautologisch. Andererseits liegt nicht wirklich eine brauchbare Verwendung des Ausdrucks “falsche Handlung” vor. Die Gründe für das Scheitern eines Unternehmens (oder einer Liebesbeziehung, oder einer großen Künstler-/Sportler-/Wissenschaftler-/ … karriere …) sind derartig vielfältig, das es eher verwirrend ist zu sagen, da habe der Betroffene einen Fehler gemacht. Man muss schon genauer hinschauen und z.B. die Unternehmerkarriere zumindest in groben Zügen analysieren. Vielleicht hat er alles so gut gemacht, wie es nur ging, aber eine nicht in dieser Form zu erwartende Entwicklung hat seiner Geschäftsidee die Grundlage entzogen. Vor allem ist es meistens so, dass man am Markt mit diversen Wahrscheinlichkeiten konfrontiert ist und versucht den besten Weg anhand dieser Wahrscheinlichkeiten einzuschlagen. Das Wesen der Marktwirtschaft ist, dass man angesichts dieser Risiken mal zum Erfolg mal zum Misserfolg verdammt ist.
Ich bin ein großer Kritiker der US-amerikanischen Lebensweise, aber in diesem Punkt ist deren Weltsicht äußerst sympathisch und schlicht zutreffender: Wenn jemand dort 5 Unternehmen gestartet hat und 4 nichts wurden, dann gilt er als angesehener, mutiger Unternehmer. In Deutschland würde man ihm seine vier alten `Fehler´ vorwerfen.
Auf einer noch tieferen Ebene offenbart der Liberalismus seine Menschlichkeit indem der dem Prozess des Lebens eine Autonomie zusichert, die nicht einfach moralisch, technisch oder erfolgsmäßig eingeordnet oder gar quantifiziert werden kann. DAS `SCHEITERN´ GEHÖRT ZUM LEBEN! Gerade große Persönlichkeiten sind im Leben oft gescheitert und sie sind persönlich oft regelrecht gespalten, psychisch wackelig, wenn nicht gar gestört. Der große moderne Held Churchill hatte sehr viele Misserfolge, war im persönlichen Umgang oft ein Ekel und Egomane, pflegte etliche Laster, …
Dagegen glänzt die typische deutsche Verscherungsmentalität gegenüber dem Leben mit Aufrufen/Traktaten/Programmen/Institutionen, die dafür sorgen sollen, dass man keine `Fehler´ macht und das `Glück´ quasi automatisch durch (meist typisch deutsche) Tugenden erarbeitet wird. Dies ist schlicht eine verfehlte Auffassung vom Leben und in diesem Sinne sind die Werturteile, die darauf basieren zwar nicht falsch, aber doch zumindest leicht angreifbar.
Mal ganz platt und doof gesagt: Ich komme besser klar mit einer rauchenden Frau, die mir beim fünften Bier in der Kneipe tieftraurig erzählt, dass sie den Fehler begangen hat, sich als junge Frau die Brüste vergrößern zu lassen als mit einer Frau, die mir ganz strebsam bereits beim ersten Wellness-Tee erzählt, was sie seit ihrer Jugend alles Vernünftiges getan hat um gesund und fit zu bleiben. Wer von den beiden Frauen hat denn nun ein `besseres Leben´?
Klasse Post, Karsten!
Ich bin aus defätistischen Gründen Befürworter des soften Paternalismus.
Realistisch betrachtet handelt es sich hier um einen seit einigen Jahren verstärkt wütenden Zweikampf zwischen Paternalisten aka linksgrüne Gutmenschen und Liberalen, den in Ermangelung einer liberalen Tradition in Deutschland die Paternalisten gewinnen. Sieha hierzu auch diesen ernüchternden Link: http://www.deutschland.net/content/umfrage-deutsche-wollen-sich-gegenseitig-alles-verbieten-welt-jsmi
Und die linken Paternalisten sind clever, denn im Gegensatz zum konservativen oder religiös motivierten Paternalismus erscheinen sie in einem sympathischen, weitaus weniger autoritär wirkenden Gewande, immerhin berufen sie sich auf verdammt gut klingende Ideale wir Gesundheit, Umweltschutz, Gleichberechtigung etc., die man als moderner und somit politisch korrekter Mensch “doch wohl nicht ernsthaft ablehnen” könne, deren konsequente Umsetzung aber ebenfalls schnurstracks in die Unfreiheit führt.
Da diese Bevormundungsideologie allerdings seit Jahren räumlich (in welchem Land herrscht denn heute kein Rauchverbot mehr?) und inhaltlich (heute Rauchverbot, morgen Tempolimit, übermorgen Vegetarismus- und Naturtittenzwang) expandiert, hege ich keine Hoffnung mehr, dass Liberale dem noch etwas entgegensetzen können. Meiner Meinung nach kann es realistischerweise nur noch darum gehen, den Schaden zu minimieren und dafür zu kämpfen, dass an die Stelle der Freiheit nicht der harte, sondern die softe Variante des Paternalismus tritt. Mit einem nervenden Nudge kann ich definitiv besser leben als mit dem überall drohenden Sittenpolizeiknüppel, auf dem in rosa- und regenbogenfarbenen Buchstaben “political correctness” eingraviert ist …
Danke!
Es sieht so aus als würden wir uns allerdings darin unterscheiden, dass ich die Gesamtentwicklung überhaupt nicht defätistisch sehe. Insgesamt ist der Bereich der individuellen Freiheit in den letzten Jahrhunderten extrem ausgeweitet worden. Man muss allerdings zwischen dem allgemeinen ideologischen Trend (da stimme ich zu: immer mehr autoritär wirkende Ideale treiben ihr Unwesen) und der Handlungsrealität unterscheiden.
Es gibt inzwischen so viele Sub- und Sub-sub-Biotope, in denen man seinen individuellen Neigungen nachgehen kann, dass von einer echten Einschränkung der (Handlungs-)Freiheit durch all das Gutmenschentum nicht die Rede sein kann. Wenn mir die überzeugten anti-Raucher-Gesundheitsapostel auf den Sack gehen, dann kann ich im Handumdrehen per Facebook private Treffen von Rauchern organisieren.
[Ich persönlich rauche außerdem nicht, fühle mich aber wohler in der Anwesenheit von Rauchern. Ähnlich wie ich ein klassischer Grüner bin, der sich aber wohler fühlt in der Anwesenheit von leicht dogmatischen Liberalen wie WP.
]
Was heißt hier “leicht dogmatischen Liberalen wie WP”? Ich bin alles mögliche, aber hoffentlich nicht dogmatisch (Werte und Überzeugungen sind nicht dasselbe wie Dogmen). Was die Raucher angeht, so habe ich eine ambivalente Einstellung. Ich bin gerade außerhalb der EU (und nicht in den USA), wo überall geraucht werden darf und auch wird, was kein Spaß ist. Die richtige Lösung liegt wohl in der Mitte, nicht alles verbieten, aber auch nicht alles erlauben, was anderen aktiv schadet, also z. B. Raucherecken, Raucherkneipen etc., aber auch rauchfreie Räume, insbesondere öffentliche, denen Nichtraucher nicht ausweichen können.
War doch nur eine kleine, nett und ironisch gemeinte Provokation (und auch so markiert). Es ist schwer zu sagen, ab wann genau feste Werte und Überzeugungen – die ja prinzipiell zu begrüßen sind – die Tendenz haben dogmatisch zu werden.
Der entgegengesetzte Vorwurf wird mir eher gemacht: ich tendiere dazu meine Werte und Überzeugungen angesichts einer komplizierten Realität zu relativieren und dann lautet es schnell ich sei Relativist, womöglich gar ein pragmatischer Machiavellist.
Komisch, dass der Markt das Raucherproblem nicht löst. Es gibt doch eindeutig eine Nachfrage nach rauchfreien Kneipen und Restaurants.
Es gab auch früher schon, ohne Regulierung, rauchfreie Lokale, allerdings nur sehr wenige. Vielleicht gehen Raucher mehr aus oder setzen ihre Präferenz eher durch, wenn sie mit Nichtrauchern ausgehen. Früher hat mich der Rauch allerdings auch weniger gestört, womöglich handelt es sich um einen Gewöhnungseffekt.
Ja, es ist ein Gewöhnungseffekt. Und genau darum sollte es bei sanftem Paternalismus auch gehen: Die Menschen ein bisschen anstubsen, in eine Richtung, die man für besser hält. (Und zweifellos ist das atmen in einem nicht rauchgeschwängerten Raum angenehmer und gesünder,)
Genau das hat das Rauchverbot in seiner Anfangsphase (ich spreche von Bayern) auch getan. So habe ich als Raucher mal gemerkt, wie angenehm es ist, in guter Luft zu speisen und beim Biertrinken nicht zwanghaft Kette zu rauchen. Durch die hie und da entstehenden Raucherclubs hatte ich dennoch die Möglichkeit, meine Abende qualmend zu verbringen, wenn mir danach war. Eine perfekte Lösung für alle, in der der Staat nicht mehr tun musste, als zu sagen: “Das ist normal, das nicht”, wobei das “Unnormale” nur durch eine kleine bürokratische Hürde (Raucherclub gründen) sanktioniert wurde.
Das danach durchgedrückte absolute Rauchverbot hat mich daher auch wirklich geärgert.
Dieses Beispiel steht für genau das, was mir am meisten Sorgen bereitet.
Jahrelang zermürbt die Bevormundungslobby den Widerstand liberal denkender Politk(er), bis sie irgendwann Erfolg damit hat: Es kommt zu scharfen Restriktionen (=ursprüngliches Rauch”verbot”).
Wie Menschen nun mal sind, suchen sie nach Schlupflöchern und Gesetzeslücken und finden meist welche (=Raucherclubs).
Das aber kann der sich an Eingriffe in das Leben seiner Bürger gewöhnende und somit endgültig zum Paternalisten mutierte Gesetzgeber nicht hinnehmen und schlägt wieder mit der Gesetzeskeule zu. Diesmal allerdings noch viel härter und, was noch schlimmer ist, ohne wieder jahrelang gegen politischen Widerstand kämpfen zu müssen: Es kommt zum Totalverbot (=neues, endgültiges Rauchverbot)
Und ja, ich weiß, dass es in Bayern einen Volksentscheid gab, der zum Totalverbot geführt hat. Die Frage ist: Wäre der Volksentscheid auch erfolgreich gewesen, bevor das erste Verbot eingeführt worden ist, oder bedurfte es dieser ersten Lockerungsübung, um die Menschen auf den Geschmack zu bringen?
Ich befürchte, der Schritt von Nichteinmischung zu Restriktionen ist größer als jener von bestehenden Restriktionen zum Verbot. Aber so ist halt der Zeitgeist.
@Karsten
Warum biste denn ein Grüner? Klingst eigentlich zu sympathisch und vernünftig, um Claudia-Roth-Anhänger zu sein. Was ist da schiefgelaufen? Wette verloren???
Was ist aber, wenn einige Restriktionen das Optimum sind, weder totale Freiräume, bei denen einige Rücksichtslose allen anderen schaden, noch totale Regulierung, die die Freiheit vernichtet und meist auch dem Glück der Menschen abträglich ist? Dieser Mittelweg scheint mir fast überall am besten (beim Rauchen, im Straßenverkehr, bei Banken etc.), aber besonders schwierig. Welche Restriktionen sind die richtigen, welche gehen zu weit, welche nicht weit genug oder völlig fehl?
Tja, WP, das würde ich auch gerne wissen.
Sie haben sicher recht, ökonomisch betrachtet dürfte ein Verbot nur in den allerwenigsten Bereichen optimal sein (Kosten durch Schwarzmarktentstehung und -bekämpfung, Kontrollkosten etc.).
Ist der ökonomische Ansatz, Menschen die externen Kosten ihrer für andere schädlichen Handlungen aufzuerlegen, nicht hier vielleicht doch der polit-philosophisch am wenigsten problematische; oder zumindest besser als Verbote? Den Menschen bleibt so ihre Freiheit, allerdings werden sie gezwungen, auch Verantwortung für ihre in Freiheit getroffene Entscheidungen zu übernehmen – denn ohne Entscheidungsmöglichkeit (da vom Gesetzgeber genommen) ist X unfrei, wenn X aber frei entscheiden kann, aber für seine Folgen keine Verantwortung übernehmen muss, sind seine Mitmenschen unfrei, oder nicht?
Leider fehlt uns zu häufig die Möglichkeit, Externalitäten zu quantifizieren, und deswegen dürfte dieser Weg in der Praxis nur selten gangbar sein …
“Dieser Mittelweg scheint mir fast überall am besten (beim Rauchen, im Straßenverkehr, bei Banken etc.), aber besonders schwierig. Welche Restriktionen sind die richtigen, welche gehen zu weit, welche nicht weit genug oder völlig fehl?”
Gilt die Richtschnur “Wenn nicht bekannt, wo der Mittelweg ist, lieber auf der Seite der Freiheit irren” noch oder irren wir heute eher auf der anderen Seite? Ich befürchte, Letzteres ist der Fall.
Gerade beim Rauchen könnte es sein, dass rein ökonomisch und zur Maximierung der allgemeinen Wohlfahrt, von der Volksgesundheit gar nicht zu reden, ein totales Verbot am besten wäre. Zigaretten wären dann eine illegale Droge mit entsprechendem Verfolgungsdruck, in Entzugskliniken gäbe es noch Nikotinpflaster. Was spricht dagegen, außer der Kleinigkeit massiver Freiheitseingriffe? Der Staat hätte natürlich gerne weiter die Tabaksteuer und fürchtet auch die Raucherlobby, aber bei anderen, z. T. weniger gefährlichen Drogen gibt es reine Verbote.
Wenn umgekehrt Rauchen überall erlaubt ist oder zumindest geduldet wird, dann leiden die Nichtraucher (und z. T. auch Raucher, die gerade nicht rauchen, während eine Kompensation dieses externen Effekts schwer durchführbar ist). Mir schiene folgender Mittelweg am besten: In öffentlichen Räumen, aber auch in deren Eingangsbereich etc., wo Nichtraucher dem Rauch nicht entgehen könnten, darf grundsätzlich nicht geraucht werden, allerdings sind rauchundurchlässig abgetrennte Raucherbereiche möglich. Privat soll jeder machen, was er möchte, sei es in seiner Wohnung oder auch hinsichtlich seines Restaurants etc. Ich bin gerade in einem Land, wo mehr geraucht wird als nach diesem Szenario, was früher auch auf Deutschland zutraf. Inzwischen ist in der EU und in den USA das Pendel jedoch in die andere Richtung ausgeschlagen. Von daher “irren” wir (nicht nur) in dieser Angelegenheit Richtung Unfreiheit (wobei der Irrtum in die andere Richtung auch die Freiheit, nämlich der Nichtraucher, beeinträchtigt, also der Mittelweg gerade die Freiheit insgesamt am besten verwirklicht).
Damit könnte ich leben. Auch in den Neunzigern sind ja bekanntlich die Menschen dazu übergangen, sich Raucherecken zu suchen, statt geschlossene Räume vollzuqualmen, bei denen andere in Mitleidenschaft gezogen werden. (Gilt nicht für die Gastronomie.) Wer weiß denn heute noch, dass man früher im Flugzeug rauchen konnte? Ging Ende der Achtziger auch nicht mehr – kleiner Aufschrei und gut war’s.
Aber nein, dabei blieb es natürlich nicht. Stück für Stück wurden die Regulierung verschärft, die Steuern darauf erhöht, die Menschen durch Stigmatisierung und gesellschaftliche Ächtung drangsaliert und mündigen Menschen und Unternehmen die Möglichkeit genommen, sich selbst zu organisieren bzw. eigene Regeln darüber zu erlassen. Mein Gott, wenn der Kneipenbesitzer Rauchen gestatten will, dann soll er das doch tun dürfen.
Es gibt im Übrigen auch sogenannte dynamische Studien, die die finanziellen Vorteile des früheren Ablebens der Raucher (geringere Rentenzahlungen an sie etc.) mit einbeziehen und zum Schluss kommen, dass die Höhe der Tabaksteuereinnahmen die tatsächlichen externen Kosten des Rauchens übersteigen könnten.
Aber jetzt lasse ich auch das Thema Rauchen. Bin Nichtraucher (schon immer gewesen), insofern gibt’s für mich wichtigere Themen.
Schon ohne Tabaksteuer nehme ich an, dass Raucher für den Staat einschließlich Sozialsystemen ein Gewinn sind. Der Nichtraucherschutz sollte sich allein auf die Rechte der Raucher beziehen, während der frühe und unschöne Tod von Millionen Rauchern das Hauptproblem ist. Ich bin ebenfalls Nichtraucher und strebe keine Brust-OP an, doch wenn uns deshalb diese Freiheiten egal sind, wer soll dann noch für die uns direkt betreffenden eintreten?
Gert @ Karsten
Warum biste denn ein Grüner? Klingst eigentlich zu sympathisch und vernünftig, um Claudia-Roth-Anhänger zu sein. Was ist da schiefgelaufen? Wette verloren???
@ Gert
Wie kann man in der heutigen Zeit ein Liberaler in Deutschland sein, ohne bei den Grünen zu sein? Gibt es eine vernünftigere Partei in Deutschland? Ich denke, dass bei dir der Defätismus das Problem ist. In einer der liberalsten Gesellschaften der Menschheitsgeschichte fühlst du dich ständig drangsaliert, ich schätze mal besonders von den Grünen. Wie war das noch mal mit dem Wald und den Bäumen?
Claudia Roth zu dissen, oder was ich in den letzten Jahren noch viel schlimmer fand, auf Westerwelle herumzuhacken, finde ich prinzipiell unpolitisch. Mir ist das so etwas von egal, ob ich nun eher die Roth oder irgendeine joviale CSU-Schnappsnase sympathisch finde. (Wahrscheinlich die Schnappsnase. Aber die wähle ich doch deswegen nicht.)
Ja, wenn man das Gefühl hat, dass eine der liberalsten Gesellschaften der Menschheitsgeschichte gerade wieder unliberaler wird – dieses Gefühl habe ich übrigens wahrlich nicht exklusiv -, dann kann man sich schon mal ärgern.
Und ich “disse” (=lästern?) nicht wirklich Claudia Roth (oder andere Politiker – die haben in der Regel einen harten, undankbaren Job, den ich zu übernehmen mir nicht zutrauen würde; zumal mir “Eliten” viel lieber sind als der ach-so-tolle “kleine Mann”), sondern wollte nur ein bisschen augenzwinkernderweise provozieren, vielleich hätte ein Smiley hier gut gepasst. Sorry.
“Wie kann man in der heutigen Zeit ein Liberaler in Deutschland sein, ohne bei den Grünen zu sein? Gibt es eine vernünftigere Partei in Deutschland?”
Das macht mich allerdings sprachlos. Was genau ist an den Grünen liberal? Wirtschaftspolitisch sind sie wieder stark nach links gedriftet; ökologische Argumenten stehen im Vergleich zu ökonomischen wieder deutlich mehr im Vordergrund. Welche andere Partei außer der Linken hat außerdem einen solch starken Hang zur Regulierung (PKW- und Flugverkehr, Atomkraft, Antidiskriminierung, Rauchen, Umwelt und vieles mehr)?
Keine Frage, die Grünen haben dazu beigetragen, dass das Land nach den Kohl-Jahren “entmufft” wurde und verschiedene Lebensentwürfe akzeptiert werden, doch ist das mittlerweile Allgemeingut und reaktionäre Kräfte, die diese Errungenschaften abschaffen wollen, gibt es praktisch nicht mehr. Ein Instrument hierzu war auch die Einführung der poitical correctness mit dem Zweck, Extremes aus dem Diskurs und somit langfristig aus den Köpfen der Menschen zu verbannen. Doch scheint mir, ist diese correctness mittlerweile zur Moralkeule verkommen, deren sich insbesondere Grüne gerne bedienen und die wirklich nicht mehr nur extreme Ansichten weghauen soll: Keine andere Partei hat so viele Moralisierer, die sich ständig mit bebender Unterlippe und fuchtelndem Zeigefinger empören, wenn jemand öffentlich etwas sagt, was nicht politisch korrekt ist. (Sag mal etwas pro Sarrazin oder gegen überbordende “Gleichberechtigung” der Frauen und guck mal, aus welcher Ecke es Proteste hagelt …).
Warum sollte ich die als zum Liberalen/Libertären Neigender wählen?
Das war schon OK mit der Claudia Roth!
Die Grünen mögen gerade mal wieder wirtschaftspolitisch nach links gerückt sein (ist normal in der Opposition), aber über einen größeren Zeitraum gesehen haben sie über Jahrzehnte hinweg auf regelrecht vorbildliche Weise große Teile des linken Bürgertums in realistischeres ökonomisches Fahrwasser gebracht ohne dabei den Bezug zu den Wurzeln zu verlieren.
Ja, es stimmt, der fuchtelnde Zeigefinger ist unerträglich. Ich leide oft darunter. Aber bitte darauf achten, was nur schlechte Gesprächseigenschaften sind und was dagegen wirklich illiberales Verhalten. Man beachte auch die Details. Über Sarrazin kann man bei den Grünen tatsächlich nicht diskutieren. Aber es wurde bei den Grünen vor Ort schon vor Sarrazin viel ernsthafter über die Probleme der Einwanderungsgesel diskutiert als in anderen Parteien.
Bitte auch fair sein: Kann man in der SPD ernsthaft über Gewerkschaften diskutieren? Kann man in der CDU ernsthaft über Religion diskutieren? Kann man in der FDP ernsthaft über Privilegien für Apotheker, Ärzte, usw. diskutieren? Parteien sind keine rationalen Diskursgemeinschaften! Wer das erwartet, erwartet zu viel.
Und zuletzt: Libertäre sollten die Grünen tatsächlich nicht wählen!
Ich habe mich in meinem Blog noch einmal präzisiert und korrigiert, siehe <a href=http://www.wirtschaftswurm.net/2012/sollen-frauen-sich-die-brueste-vergroessern-lassen-duerfen/#comments. Freiheit ist sicherlich nicht nur die Freiheit, nach Glückseligkeit zu streben. Aber man darf die in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung genannten Werte “Leben, Freiheit und das Streben nach Glück” nicht nur auf Freiheit reduzieren. Ab und zu muss man die Freiheit zugunsten des Glücks oder das Glück zugunsten der Freiheit einschränken.
Da sind wir gar nicht so weit auseinander. Schon in meinem ersten inhaltlichen Blogbeitrag plädierte ich für mehrere Werte: “Die wichtigsten Werte sind Individualismus, Nutzen- bzw. Wohlfahrtsmaximierung und vor allem Freiheit.” Diese Werte sind nicht identisch, doch hoffentlich kombinierbar, wenngleich es intellektuell reizvoll ist, auch einmal einem allein bis zu seinen Grenzen nachzuspüren (totale Freiheit macht die Menschen nicht unbedingt glücklich, wenn sie sich nicht sogar selbst aufhebt, während reine Glücksmaximierung schnell zur Unfreiheit führt). Dazu demnächst mehr hier im Blog.
Also die Herren, freut mich echt, dass Sie das Thema dermaßen beschäftigt. Klar wären ein Werbeverbot für rein kosmetisch motivierte Busen-OPs und weniger Verblödungsformaten à la Heidi Klum der geringere Eingriff. Und von Herr Plickert wünsche ich mir, dass er nächstes Mal genauer hinschaut oder mir das rote Kostüm schenkt, das ich leider noch nicht besitze.
Werbung für Busen-OPs habe ich noch nie gesehen, allerdings gehöre ich auch offensichtlich nicht zur Zielgruppe. Ein Verbot von “Verblödungsformaten à la Heidi Klum” wäre hingegen wohl ein noch schwerwiegenderer Eingriff, nämlich Zensur. Jedenfalls lohnt ein Nachdenken darüber, welches Verhalten warum beeinflusst werden soll und wie das mit den geringsten Freiheitsbeschränkungen möglich ist.