Wer sollte Griechenland Schulden erlassen?

Griechenland verhandelt mit seinen größten privaten Gläubigern über einen ‘freiwilligen’ Schuldenerlass von 50 % oder auch mehr. So richtig erfolgreich verlaufen die Verhandlungen nicht, da ein solcher Schuldenschnitt für die betroffenen Gläubiger nicht sehr attraktiv ist, da sich insbesondere öffentliche Gläubiger nicht beteiligen wollen und ohne offene Insolvenz sich nicht beteiligende Gläubiger, darunter auch ich, weiterhin voll bedient werden. Es droht zwar eine ungeordnete Insolvenz, bei der alle Gläubiger mehr oder sogar alles verlieren könnten, doch es gibt offensichtlich ein Kollektivgutproblem bei diesen Verhandlungen.

Aus meiner Sicht wäre eine ehrliche Insolvenz mit gleichmäßiger Quote für alle Gläubiger, also auch die öffentlichen und die kleinen wie mich, besser und fairer. Was spricht dagegen? Öffentliche Gläubiger wie die EZB wollen keine Verluste tragen, doch wer will das schon? Sie könnten es vergleichsweise gut, zumindest wenn die anderen Länder mitspielen, und würden sonst einen ungerechtfertigten Gewinn realisieren (da die EZB z. B. Anleihen mit erheblichen Kursabschlägen kaufte). Weiterhin gelangen bei einer offenen Insolvenz ‘Credit Default Swaps (CDS)’ zur Auszahlung. Der direkte Effekt davon ist jedoch positiv für die Gläubiger, deren Ausfälle partiell ersetzt werden. Die Sicherungsgeber können Probleme bekommen, habe jedoch vorher auch Prämien für die Absicherung kassiert.

Nun unterbreitete Herr Usselmann, von dem lange nichts zu lesen war (was hoffentlich keine ernsten Gründe hat), bei der ausführlichen Diskussion zu ‘Vom Euro zur Drachme’ noch einen anderen Vorschlag, den ich seinerzeit lobte und zu besprechen versprach. Der Kern seines Vorschlags ist die Umkehrung des jetzigen Versuchs, nur die privaten Gläubiger für eine Umschuldung aufkommen zu lassen, also allein die öffentlichen Gläubiger in die Pflicht zu nehmen:

Besser waere dann doch einfach oeffentliche Geschenke an Griechenland und Portugal zu machen. 200 Mrd an Griechenland, 100 Mrd an Portugal, indem man die oeffentlichen Schulden bei EZB und Rettungsschirmen abschreibt. Also Griechenland hat danach nur noch 160 Mrd Schulden, z.B. Danach bekommen die Laender nichts mehr, keinen Cent.

Das lässt sich zumindest leichter umsetzen als die Verhandlungen mit vielen privaten Gläubigern und den damit verbunden Kollektivgutproblemen. Wenn es im öffentlichen Interesse ist, eine Insolvenz Griechenlands zu vermeiden, dann sollte auch die öffentliche Hand (bzw. etliche öffentliche Hände) dazu beitragen oder sogar ganz dafür aufkommen. Von daher scheint das eine elegante Lösung zu sein. Es gibt keine Insolvenz, weder von Griechenland noch von Banken. Die Kosten sind transparent und können von der EZB über Jahre gestreckt werden (die Euro-Länder sind daran indirekt über geringere Zahlungen von der Zentralbank beteiligt).

Es gibt aber auch Nachteile. Es ist z. B. nicht glaubwürdig, dass “die Laender nichts mehr, keinen Cent” bekommen. Privaten Anlegern können neue Kredite schlecht untersagt werden, während die Bereitschaft zur Kreditvergabe nach einer solchen Schuldenreduktion steigt (bei einer Beteiligung der privaten Gläubiger ist dies weniger der Fall). Direkte öffentliche Kreditvergabe könnte vermieden werden, doch indirekte, z. B. über Target-Salden und spätere Bankenrettungen, lässt sich schlecht vermeiden. Außerdem sind die Kosten für die öffentlichen Gläubiger höher als bei einer gleichmäßigen Reduktion aller Schulden. Schließlich wird auf die Schulden ohne Gegenleistung verzichtet. Gegebenenfalls wäre es besser, die Schulden in den Bücher zu behalten und ständig überzuwälzen, um ein Druckmittel gegenüber Griechenland zu behalten und auf die Umsetzung von Vereinbarungen und Reformen dringen zu können.

3 Antworten zu Wer sollte Griechenland Schulden erlassen?

  1. Um eine Staatspleite wird Griechenland nicht herum kommen. Sobald ein Schuldenschnitt vereinbart wird, werden die Ratingagenturen diesen als Zahlungsausfall werten. Es kommt zum Staatsbankrott mit der Vergabe der Note D=Default.

    Wenn kein Schuldenschnitt vereinbart wird, geht das Land direkt in die Pleite.

    • “Sobald ein Schuldenschnitt vereinbart wird, werden die Ratingagenturen diesen als Zahlungsausfall werten.” In Ihrem Blog argumentieren Sie differenzierter (und damit richtiger): Bei einem Schuldenschnitt prüfen die Ratingagenturen, ob sie diesen als rein freiwillig erachten. Falls nein, gibt es die Note D, die für CDS allerdings noch einmal separat festgestellt werden müsste. Falls ja, wäre Griechenland nicht insolvent und das Rating könnte sich sogar verbessern, da die verbliebenen Schulden dann sicherer sind. Eine andere Möglichkeit zum Vermeiden bzw. Verzögern der Insolvenz sind weitere Kredite und Hilfsmaßnahmen.

  2. Pingback: Kleine Presseschau vom 27. Januar 2012 | Die Börsenblogger

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s