Was muss man eigentlich können und tun, um irgendwo “Chefvolkswirt” zu werden? Konsistenz oder gar ökonomischer Sachverstand gehören offenbar nicht dazu, wie nicht nur „FTD-Chefökonom“ Thomas Fricke immer wieder demonstriert (siehe z. B. ‘Politische Hygiene – wie und wozu?’), sondern ganz aktuell “Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank” bei der Konferenz „Ökonomie neu denken“: “Deutsche-Bank-Volkswirt warnt vor Kollaps des Geldsystems”.
So steht im verlinkten Handelsblattartikel, woraus auch alle weiteren Zitate sind:
Als Ursache dafür, dass 2007 auf dem amerikanischen Immobilienmarkt eine der größten Kreditblasen aller Zeiten platzte und die Finanzkrise auslöste, machte der Ökonom den Verlust von Vertrauen auf den Märkten aus.
Werden da nicht Ursache und Wirkung verwechselt? Das Vertrauen schwindet wegen des Platzens der Blase und des Ausfalls der Kredite. Ursache ist jedoch, dass das Vertrauen in stetig steigende Immobilienpreise und damit die Rückzahlung der Kredite durch vermögenslose Schuldner gar nicht gerechtfertigt war. Wäre die Blase nicht 2007 geplatzt, dann eben später und noch größer.
Diese psychologische Komponente sei der „alles entscheidende Faktor im Gesamtsystem“, so Mayer.
Das mag in der Tat das neue Denken in der Ökonomie sein, was jedoch nichts Gutes für die Zukunft verheißt. Vertrauen und Psychologie sind wichtig, doch nicht der “alles entscheidende Faktor”, da sie auf reale Tatbestände aufsetzen. Häuserpreise können nicht endlos (viel stärker als der Rest der Wirtschaft) wachsen. Vertrauen und psychologische Faktoren können diese Tatsache kurzfristig verdecken, doch wird die Krise danach dann nur noch größer.
Weil dieses Vertrauen noch lange nicht wieder vollständig hergestellt sei, fürchtet der Chefvolkswirt, dass die Krise bald eine ganze neue, heikle Dynamik entwickeln könnte.
Auch hier ist das fehlende Vertrauen eine Reaktion auf die realen Probleme, die bislang nicht gelöst wurden. Durch falsche Versprechen gewinnt man jedenfalls langfristig kein Vertrauen, sondern zerstört es.
Die Zentralbanken hätten zwar grundsätzlich richtig gehandelt, als sie die Märkte in der Notsituation mit frischem Geld fluteten, doch liege in diesem Vorgehen auch eine Gefahr: „Das Vertrauen, das sonst durch Kreditbeziehungen entsteht, haben die Zentralbanken versucht, durch Zentralbankgeld zu ersetzen“, so Mayer. Besonders in Europa, wo die Zentralbanken zögerlicher als in Amerika reagiert hätten, sei zu befürchten, dass diese Rechnung nicht aufgehe.
Das ist doch (fast) ein offener Widerspruch. Ist expansive Geldpolitik nun gut oder schlecht? Warum soll sie in Europa schlechter sein, wenn man sie dort weniger einsetzte? Entweder ist sie gut, dann sollten hier die guten Wirkungen geringer ausfallen, oder sie ist schlecht, dann sollten in den USA die schlechten Effekte überwiegen. (Es ist höchstens denkbar, dass die Wirkungen nicht monoton sind, doch dafür wird weder ein Argument noch gar Evidenz geliefert.)
„Wenn die Menschen das Vertrauen in diesen Mechanismus verlieren, folgt die Krise des Geldsystems“, prognostizierte der Volkswirt. Die mögliche Folge wäre eine Hyperinflation.
Wie soll das denn funktionieren? Ökonomische Laien mögen denken, dass mehr Zentralbankgeld automatisch zu mehr Inflation führt (siehe viele der Kommentare zu dem Artikel), aber ein “Chefvolkswirt” sollte es eigentlich besser wissen. Das unterstellt eine konstante Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Wenn das zusätzliche Geld dagegen gar nicht ausgegeben wird, gibt es auch keine Inflation. Vor allem kann man nicht gleichzeitig (Hyper-)Inflation und eine Depression mangels Nachfrage befürchten. Das ist höchstens zeitlich versetzt möglich, doch gegen beides gibt es auch (unterschiedliche) Mittel, die einem Banker allerdings nicht unbedingt schmecken.
Um dieses Schreckenszenario zu verhindern sieht Mayer die zentrale Aufgabe von Praktikern und Akademikern darin, wieder mehr Vertrauen in die Abläufe auf den Märkten und zwischen Kreditnehmern und Kreditgebern aufzubauen: „Das ist eine schwierige Aufgabe. Wir müssen erklären, was wir künftig anders machen wollen.“
Da wäre ich gespannt, was die Deutsche Bank zukünftig anders machen will, doch es kommt nichts.
Man befinde sich derzeit in einer Art Übergangsphase: Die alten Paradigmen seien zerbrochen, die neuen noch nicht erkennbar.
Mir scheint es eher, dass hier aus handfesten Interessen die ökonomischen Tatbestände vernebelt werden sollen. Zerbrochen ist das Geschäftsmodell der meisten Banken, die dann die Verluste sozialisiert haben und nun weiter Gewinne und Boni privat einstreichen wollen.
Mayer verglich das Verhalten der Finanzindustrie vor der Krise mit Piloten, die einen Jumbo-Jet nur mit dem Navigationssystem steuerten, ohne aus dem Fenster zu schauen. Mayer: „Den Berg, auf den wir zurasten, haben wir übersehen.“
Reale Piloten wären dann tot, diese Banker sind jedoch nicht nur lebendig, sondern weiter im Amt und wollen uns Ratschläge geben. Wenn so das neue Denken der Ökonomie aussieht, dann sollten wir besser darauf verzichten.
this man is G+S – what do you expect?
Na ja. Bei solchen Konferenzen ist auch die “psychologische Komponente” der “alles entscheidende Faktor” um das Publikum zu begeistern. Und in DE muss nach den Stichworten “Zentralbanken” und “Märkte mit frischem Geld fluten” irgendwann der mahnende Zeigefinger wegen der drohenden Hyperinflation kommen. Das Publikum fühlt dann einen wohligen Schauer und sich in seiner Meinung bestätigt. Was ich bisher so gehört habe war die Konferenz ganz interessant aber das Adjektiv NEU kann man (mit Einschränkungen) einfach gedanklich löschen.
Was G+S betrifft: ich denke der Chefvolkswirt von G+S Jan Hatzius würde dieses “neue” Denken vom Kollegen Thomas Mayer höflich ignorieren..
Ich bin auch so einer, der behaupten würde, dass Vertrauen die Grundlage der Marktwirtschaft ist und dass es zu den wesentlichen Eigenschaften dieser Wirtschaftsform gehört, dass ein Schwinden dieses Vertrauens die Tendenz zum Herdenverhalten zum Normalfall macht.
Aber das, was Meyer laut Handelsblatt da sagt ist tatsächlich Quark. Es ist sogar so unsinnig, dass man vermuten muss, dass er Im Handelsblatt falsch wiedergegeben wird.
Herdenverhalten kann es auch und gerade dann geben, wenn Vertrauen be- und eine Blase entsteht. Vertrauen erleichtert Transaktionsprozesse, ist aber nicht zwingend für eine Marktwirtschaft (im Gegensatz zu einer Kreditwirtschaft). Die realwirtschaftlichen Märkte erleiden momentan auch nur einen Kollateralschaden von der Finanzwirtschaft und der fraglichen politischen Antwort auf deren Krise. Was den Vortrag angeht, so habe ich, vielleicht fälschlich, dem Handelsblatt vertraut und ihn selbst weder gehört noch gelesen.
Ich sehe nicht, wieso es einen Unterschied zwischen Vetrauen in “realwirtschaftlichen Märkten” und in der Finanzwirtschaft geben sollte.
Vertrauen ist in beiden Fällen nur dann gut, wenn es durch Gegenleistung gerechtfertigt wird. Ob jemand jemandem Geld leiht, im Vertrauen darauf, es zurückzubekommen oder jemandem eine Terasse legt, im Vertrauen darauf, dass der andere ihn dafür 2 Jahre lang mit frischen Brötchen versorgt, ist grundsätzlich einerlei, meine ich.
Mir scheint, dass die besondere Bedeutung des Vertrauens auf dem Finanzmarkt nur durch das Partialreserveprinzip bedingt ist. Die Vorteile dieses Systems leuchten mir daher auch nicht so recht ein.
Es ist keine andere Art von Vertrauen, sondern eine andere Art von Beziehung, worauf sich das Vertrauen bezieht. Kredite fallen leichter aus als Geschäfte mit unmittelbarem Austausch von Leistung und Gegenleistung. Dabei ist eher fraglich, ob die Leistung von der zugesagten Qualität ist, während Ihr Beispiel eine Art von Kreditbeziehung beinhaltet (wo längerfristig in Brötchen statt Geld bezahlt wird). Partialreserven vergrößern das Ausfallrisiko, welches aber bei jeder Kreditbeziehung grundsätzlich besteht.
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