Mathias Binswanger hat eine hervorragende Antwort auf den Beitrag “Haben die Uni-Ökonomen versagt?” von Rüdiger Bachmann (siehe auch ‘Zur ökonomischen Lehre’) geschrieben: “Wie die Uni-Ökonomen versagen – die Theorie der Prostitution als Mahnmal”. Entgegen Bachmann leisten die Ökonomen nicht nur “tolle Arbeit”. Herr Binswanger zeigt an einem Beispiel, “wie banale und unsinnige Ideen zu Publikationen in Topjournals führen, wenn sie nur in einem formalen Gleichgewichtsmodell dargestellt werden”.
Das Beispiel ist “A Theory of Prostitution”, welche 2002 im Journal of Political Economy erschien, einer der höchstangesehenen VWL-Zeitschriften der Welt. Es geht darum, warum “Prostituierte im Durchschnitt gut bezahlt” werden (alle Zitate sind von Mathias Binswanger), obwohl Prostitution
keine Ausbildung braucht, arbeitsintensiv ist und hauptsächlich von Frauen durchgeführt wird. [...] Als Laie würde man naiv vermuten, dass attraktive und gleichzeitig sexbereite junge Frauen relativ knapp sind, und sich deshalb ein relativ hoher Preis bildet. Aber das Naheliegende ist natürlich viel zu einfach. [...] Wenn also eine Frau als Prostituierte arbeitet, dann vermindert sie damit ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt und muss entsprechend mit einem hohen Lohn für diese entgangenen Möglichkeiten kompensiert werden. Das ist in einem Satz die “geniale” Idee, die einen langen Artikel in einem Topjournal rechtfertigt.
Die beiden Autorinnen blasen ihre banale Erkenntnis nun zu einem hochformalen Modell mit 14 mathematischen Gleichungen auf, dessen Darstellung 19 Seiten in Anspruch nimmt, und wo unter vollkommen realitätsfremden Annahmen ein Sexmarkt-Gleichgewicht hergeleitet wird (Gleichung 3, S. 194). Aber Realitätsnähe ist kein entscheidendes Kriterium für eine Publikation in einem ökonomischen Topjournal. Was zählt, ist die Präsentation eines komplizierten formalen Modells.
Es sind übrigens noch mehr als 14 Gleichungen, das ist nur die Zahl der nummerierten. Zugleich ist der Artikel gar nicht so formal wie viele andere, seitenweise wird verbal argumentiert und findet sich gar keine Formel. Da habe ich schon ganz andere ökonomische Beiträge gesehen. Seinerzeit war mir der Artikel sogar aufgefallen, aber nicht als besonders schlimm, sondern als ein vergleichsweise guter, der immerhin eine inhaltliche Aussage hat, auch wenn diese sich in einem eher banalen Satz zusammenfassen lässt (der wohl auch noch falsch ist, wo doch heute selbst die Frau des Bundespräsidenten einen entsprechenden Job gehabt haben könnte, ohne dass das seinen vielen Skandalen noch einen hinzufügen würde). Das heißt nichts Gutes für das Fach (und meinen Grad der Fachidiotie):
Als kleine Ehrenrettung der ökonomischen Wissenschaft muss man zwar erwähnen, dass es auch einige kritische Reaktionen auf den Artikel gab, aber diese betrafen immer nur einzelne Annahmen und nie den gesamten Artikel und dessen Modell. Was im Journal of Political Economy veröffentlicht wird, gilt schliesslich als Toppublikation mit einem hohen Impact Faktor. Und das darf per Definition kein Unsinn sein, auch wenn es, wie in unserem Beispiel, offensichtlicher Unsinn ist. Doch wer jahrelang zum Fachidioten ausgebildet wird und sich ständig unter anderen Fachidioten bewegt, kann das irgendwann nicht mehr erkennen.
Dieses Beispiel ist nun absolut kein Sonderfall, sondern zeigt besonders exemplarisch auf, wo das Problem liegt. Was zählt, ist die formale Darstellung eines Modells und nicht dessen Inhalt. In der heutigen Ökonomie hat man sich in vielen Fällen so weit von der Realität entfernt, dass es gar keine Rolle mehr spielt, was als Resultat herauskommt. In vielen Artikeln könnte auch das Gegenteil des dort präsentierten Resultates “bewiesen” werden, und es würde gar nichts ändern. Das Resultat ist nämlich so oder so irrelevant. Eine Wissenschaft, in der das möglich ist, hat aber keinen Grund sich selbst zu beweihräuchern, denn sie ist in einem hochgradig dekadenten Zustand. Zum Glück gibt es aber Hoffnungsschimmer in Form von neuen Ansätzen, bei denen tatsächlich wieder geschaut wird, wie sich Menschen und Organisationen in der Realität verhalten.
Die Hoffnung des letzten Satzes teile ich nicht so ganz und die Lösung der Krise des Faches ist schwierig, doch deren Anerkenntnis ist ein erster Schritt, für den ich Herrn Binswanger dankbar bin (siehe auch die klaren Worte von egghat) und den Herr Bachmann leider (noch?) nicht vollzogen hat.
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