Zur ökonomischen Lehre

Rüdiger Bachmann fragt bei Ökonomenstimme: “Haben die Uni-Ökonomen versagt?” Seine Antwort fällt wohl zu negativ bzw. für die Ökonomen zu positiv aus, wie auch “Zwölf Studierende der Volkswirtschaftslehre” in der Diskussion meinen. Herr Bachmann benennt einige Vorwürfe gegen die VWL und meint: “Meine Wahrnehmung der modernen VWL ist ganz anders: ein dynamisches, offenes und flexibles Wissenssystem.” Aber trifft das wirklich auf den “Mainstream” der VWL und vor allem die Lehre zu?

Herr Bachmann räumt selbst ein: “Wer VWL studiert, so wie manche Philosophie studieren, um nämlich  die Welt irgendwie allgemein besser verstehen zu können, [...] der wird enttäuscht werden.” Da bin ich aber auch enttäuscht als Wirtschaftsphilosoph. Soll man mit VWL nicht die Welt oder zumindest die Wirtschaft besser verstehen können? Wozu braucht man sonst “ein dynamisches, offenes und flexibles Wissenssystem”?

In der VWL “gibt es weitestgehend keine methodischen Grabenkämpfe mehr”. Das mag sogar stimmen, aber ist das wirklich ein gutes Zeichen? Was ist mit inhaltlichen Grabenkämpfen? Vielleicht ist sein Beitrag sogar selbst ein Teil davon, aber welche Erkenntnisse werden dadurch gewonnen? Warum gibt es in der VWL keinen Konsens zum Umgang mit der Krise, mit dem Euro, zur Entwicklungspolitik oder Arbeitslosigkeit?

“Es ist schwierig, weil man nun einmal ein gewisses Rüstzeug braucht, um die Krisenphänomene exakt beschreiben zu können. Ökonomische Interaktionen sind komplex – wie kann man eigentlich erwarten, das gleich zu Beginn des Studiums verstehen zu können?” Es ist richtig, dass man auch in anderen Fächern die wesentlichen Dinge nicht gleich im ersten Semester begreift. Doch kann man ernsthaft erwarten, nach einem VWL-Studium als Bachelor, Master oder selbst Doktor “die Krisenphänomene exakt beschreiben zu können” und ökonomische Interaktionen in ihrer Komplexität zu begreifen? Sollen Dozenten solche Erwartungen wecken (“bitte ich einfach um etwas Geduld”), die dann vermutlich doch nur enttäuscht werden?

Herr Bachmann meint unter Verweis auf George Akerlof: “Die VWL der Zukunft wird mehr und komplexere Mathematik brauchen, nicht weniger.” Das mag so sein, doch für zwingend halte ich es nicht. Zeigt nicht gerade die Krise, dass die besten Ökonomen durchaus vernünftige verbale Argumente jenseits ihrer zur Krisenerklärung untauglichen Modelle formulieren können? Die mathematischen Methoden schulen das analytische Denken (und eignen sich vielleicht auch zur Selektion dazu besonders geeigneter Personen), doch sie ersetzen es nicht, wenn es um die großen und inhaltlichen Fragen geht.

Dem “Nachtrag” stimme ich grundsätzlich zu: “Es geht um Geduld und Realismus, was die VWL ist und kann, und was sie nicht ist und nicht leisten kann. Und es geht darum, nicht aus vielleicht verständlicher Frustration Quacksalbern mit einfachen Antworten zu folgen.” Aber ist die Identifikation anderer Ansätze “mit einfachen monokausalen Erklärungen” und ihre Reduktion auf je einen Satz wirklich etwas anderes als eine einfache, zu einfache Antwort? Was die VWL ist und kann, steht jedenfalls nicht einfach fest, schon gar nicht für Studienanfänger, aber auch nicht für die Koryphäen des Faches, sondern bedarf immer wieder der Diskussion und (selbst)kritischen Beobachtung.

Noch kurz zum offenen Brief der Studierenden: “Studentisches Engagement sollte gefördert und nicht diffamiert werden. [...] Für uns ist ein mündiger Studierender, der sich selbstständig über den Vorlesungsstoff hinaus weiterbildet, vielmehr ein Ideal, das es zu unterstützen gilt.” Dem stimme ich vollständig zu. Allerdings will Herr Bachmann wohl davor warnen, sich bei den falschen Leuten schlecht zu informieren. Das ist grundsätzlich ein guter Rat, auch wenn wohl kein Konsens darüber besteht, vor wem da eigentlich gewarnt werden soll. Ich wäre jedenfalls viel offener als er, was die Methoden und Inhalte angeht. Trotzdem gibt es Grenzen. Über Ökonomie wird viel Unsinn erzählt und auch ein sinnvoller Zugang zu wirtschaftlichen Fragen durch eine andere Disziplin, z. B. Psychologie oder Soziologie, sollte nicht mit VWL verwechselt werden.

Jedenfalls biete ich an, die wirtschaftsphilosophische Perspektive und damit die Grundlagen des Faches und wesentliche Ansätze desselben hier zu diskutieren. Warum sollte sich das nicht sogar in die Lehre einbauen lassen? Eigenes aktives Bloggen kann auch helfen, den Stoff besser zu durchdringen. Bei aufgeschlossenen Dozenten oder gar Fakultäten könnte sich damit sogar ein Schein erwerben lassen. Natürlich können dadurch nicht das ganze akademische Studium und dessen Mühen ersetzt werden, doch als Ergänzung und zum aktiven statt nur passiven Lernen halte ich es für sehr sinnvoll.

14 Antworten zu Zur ökonomischen Lehre

  1. Grundsätzlich wäre das ein sehr interessantes Thema für eine Diskussion. Mit Rüdiger Bachmann sollte man darüber aber besser nicht diskutieren. Das wäre reine Zeitverschwendung. Der Spiegel Titel bringt die Einstellung von Herrn Bachmann gut auf den Punkt: “Ein Uni-Ökonom teilt aus: Lernt unsere Sprache, bevor ihr mitredet.”
    Das ist die Geisteshaltung der Mafia. Vermeintliche Insider — die Capos — dürfen reden und für den Rest — Outsider und das Fußvolk — gilt die Omerta. Dann noch sein Statement zu Heterodoxien? Die gibt es nicht? Circa jeder fünfte Ökonom ist Mitglied einer Vereinigung/Schule, die man als heterodox kategorisieren könnte.
    Hip Heterodoxy

    • Bei genauer Betrachtung enthält der Beitrag von Herrn Bachmann sogar einen logischen Widerspruch: Einerseits soll es “weitestgehend keine methodischen Grabenkämpfe mehr” geben in der VWL, andererseits werden dauernd die Vertreter anderer Richtungen abgekanzelt, die es dann doch eigentlich gar nicht mehr geben dürfte (und mit denen er dann vor allem nicht mehr kämpfen dürfte, z. B. mit diesem Beitrag). Allerdings denke ich, dass er ohnehin nicht mit uns diskutiert, sondern allein wir über ihn.

  2. Ja, nach dem Lesen des Bachmann-Artikels wollte ich jemanden prügeln gehen vor Wut und Ekel.
    Vor allem bei dem Satz “Ich kann auch nicht ganz ausschließen, dass diese Zeitungsartikel [jene, in denen die heutige VWL kritisiert wird] von Journalisten geschrieben wurden, die nie ein VWL-Vollstudium durchlaufen und nur die typische VWL-Übersichtsvorlesung für Nichtökonomen gehört haben, die alte Privatdozenten für einen Hungerlohn am Dienstagabend um 18.00 Uhr halten müssen.” fiel mir die Kinnlade runter; so viel Arroganz ist selbst für halbstarke Jungprofessoren nicht mehr normal. Als ob nur Nichtökonomen auf die Idee kämen, die VWL zu kritisieren …

    Dass es in dem Fach etliche Promovierte und Habilitierte gibt, die ähnliche Bendenken haben, dringt entweder gar nicht erst durch oder wird auf der Grundlage abgekanzelt, wir hätten es einfach nicht begriffen und seien eben hoffnugslose Fälle, die ignoriert gehören.

    Und der systematische Selbstreinigungsmechanismus innerhalb der VWL-Fakultäten tut sein Übriges:
    1. neue Professoren bekommen nur dann Stellen, wenn sie in Top-Journals publizieren, die – welch Wunder – allerdings alle Mainstream sind;

    2. ökonomische Theoriegeschichte wird nicht mehr gelehrt (von wem auch?), sodass einstmals interessante Ansätze und stichhaltige Kritikpunkte an der Neoklassik schlicht vergessen wurden. Hier ist vor allem an die heutzutage nahezu völlig unbekannte Cambridge-Kontoverse der 60er Jahre zu erwähnen, deren Ergebnisse schlichweg ignoriert werden.

    Was mich auch wundert, ist, wie das Mainstream-Dogma sich so gut halten kann angesichts der kratergroßen Löcher, die die behavioural economics und die Neuroökonomie in das orthodoxe Theoriegebäude schießen.

    Es ist zum Verzweifeln, leider.

    • Sie sollten sich von solchen Traktaten nicht zu Gewaltausbrüchen hinreißen lassen. Entweder hat Herr Bachmann Recht oder eben nicht. Zentral ist wohl die Ambivalenz, was überhaupt mit “Mainstream” gemeint ist. Vermutlich sieht er sich nicht als Neoklassiker und würde auch Behavioural Economics und Neuroökonomik zum Mainstream zählen (vielleicht aber auch nicht, denn er wendet sich explizit gegen “die psychologische Kritik an der Ökonomik”). Jedenfalls sollten Sie deswegen nicht verzweifeln, das wäre wirklich zu viel der Ehre.

  3. @Wirtschaftsphilosoph
    Die Behauptung, dass es in der VWL keine Grabenkämpfe gibt ist völlig abwegig. Wahrscheinlich sind sich alle Ökonomen an der RWTH Aachen einig und forschen fröhlich gemeinsam und ignorieren was der Rest der Welt so sagt und schreibt. Die Grabenkämpfe zwischen Freshwater und Saltwater Schools in den USA scheint Herr Bachmann auf jeden Fall nicht mitzubekommen.

    Natürlich diskutiert er NICHT mit uns. Meiner Erfahrung nach ist es der Regelfall, dass wenn sich deutsche akademische Ökonomen in die Niederungen ökonomischer Blogs begeben diese für apodiktische Proklamationen benutzen. Die Einladung zum Kommentar ist reine Dekoration oder eine Möglichkeit für das Publikum digital zu applaudieren.

    • Auf jeden Fall gibt es verschiedene inhaltliche und methodische Positionen in der VWL. Allerdings ist es möglich, dass zwischen diesen gar keine Diskussionen oder gar (Graben-)Kämpfe mehr stattfinden, sondern es sich jeder in seiner eigenen kleinen gedanklichen Welt gemütlich macht und alle anderen Denkschulen sowie die Realität ignoriert. Das von Ihnen beschriebene Szenario ist hoffentlich nicht der Regelfall, ansonsten soll dieser Blog zumindest eine Ausnahme von dieser Regel sein.

      • Nein, das ist so nicht richtig. Es gab Grabenkämpfe und gibt sie immer noch. Wer allerdings nach der Devise verfährt, die “Feinde” nicht zu nennen bzw. mit Nicht-Achtung zu “strafen”, kann auch gut und gerne die Behauptung aufstellen, es gäbe doch gar keine Grabenkämpfe.
        Ein Beispiel für “Grabenkämpfe” ist z.B. in der Evolutionsökonomik zu finden: Dort wird um die Evolutionsmechanismen gestritten, z.B. Schumpeterianer, Universaldarwinisten, Neo-Schumpeterianer usw. Arbeitswerttheorie (Neo-Ricardianische Schule) wird heute auch nicht mehr diskutiert – Studierende kennen die noch nicht einmal.
        Das Denken in Wirtschaftsstilen wäre auch eine interessante Idee und würde vor allem bei der Interpretation einer “Sozialen Marktwirtschaft” helfen: Die entsprechenden Ansätze von Alfred Müller-Armack werden aber ebenfalls nicht mehr diskutiert.

        Insofern ließe sich auch sagen, dass mensch solchen “Grabenkämpfen” auch gut aus dem Weg gehen kann. Der Eindruck, der darüber vermittelt wird, dass es z.B. keine (heterodoxen) Alternativen gäbe oder sie – wenn dann – schon im Mainstream aufgegangen sind, sollte nicht über das latent vorhandene Konfliktpotenzial hinwegtäuschen.

      • Wenn alle den Grabenkämpfen aus dem Weg gehen, dann gibt es auch keine. Mehr wollte ich nicht sagen. Zwischen verschiedenen Denkschulen gibt es natürlich Konfliktpotential, welches jedoch latent bleiben kann, wenn sich z. B. alle gegenseitig ignorieren oder umgekehrt ihre Differenzen mit Konsenssoße zukleistern.

  4. Pingback: Linksammlung: Debatte VWL und die Krise « Real World Economics

  5. >>> Was die VWL ist und kann, steht jedenfalls nicht einfach fest, schon gar nicht für Studienanfänger, aber auch nicht für die Koryphäen des Faches, sondern bedarf immer wieder der Diskussion und (selbst)kritischen Beobachtung.

    Wer soll denn diese Frage, was VWL ist und kann beantworten, wenn sowas wie ökonomische Ideengeschichte ausgedünnt wird, diverse Inhalte mehr oder minder dem strikten Zeitkorsett zum Opfer fallen oder unter ideologischem Vorzeichen ausgeblendet werden? Mittlerweile ist es ja schon soweit, dass einem ganz große “Experten” den Hayek als armen, missverstandenen Heterodoxen präsentieren: Und kaum jemand da, der/ die dazu eine Gegenposition beziehen kann.

    >>> Jedenfalls biete ich an, die wirtschaftsphilosophische Perspektive und damit die Grundlagen des Faches und wesentliche Ansätze desselben hier zu diskutieren. Warum sollte sich das nicht sogar in die Lehre einbauen lassen?

    a) Weil Aussagen wie die

    “Über Ökonomie wird viel Unsinn erzählt und auch ein sinnvoller Zugang zu wirtschaftlichen Fragen durch eine andere Disziplin, z. B. Psychologie oder Soziologie, sollte nicht mit VWL verwechselt werden.”

    fast schon nach einem Deutungsmonopol klingen, das eigentlich erstmal zu diskutieren wäre (Was ist denn VWL? Meiner bescheidenen Meinung nach nicht gerade eine einfache, ggf. auch keine lösbare Frage.)

    und

    b) Der “Mainstream” solchen fragen gar keinen Raum einräumt. Als Ökonom betreibt mensch doch eine “harte” (quasi Natur-) Wissenschaft. Mensch hält sich für “werturteilsfrei”. Herr Bachmann hat es ja in seinem Artikel auch schön ausformuliert:

    “Wer VWL studiert, so wie manche Philosophie studieren, um nämlich die Welt irgendwie allgemein besser verstehen zu können, wer VWL studiert, um den intellektuellen Überbau für seine persönliche Occupy-Bewegung zu bekommen, wer VWL studiert, weil der Abischnitt nicht für den numerus clausus der BWL gereicht hat, der wird enttäuscht werden.”
    http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2012/01/haben-die-uni-oekonomen-versagt/

    Mal abgesehen von den ziemlich unsäglichen Verunglimpfungen in dieser Aussage: Wen wundert dann das mangelnde Verständnis für wirtschaftsphilosophische Fragen, wenn solche Ökonomen den “intellektuellen Überbau” – der ihre eigene Wissenschaft betrifft – fast schon ökonomisch rational auslagern wollen?

    • Die grundsätzlichen Fragen verschwinden nicht einfach, nur weil viele sie nicht diskutieren wollen. Schlimmstenfalls werden sie eben ausgelagert, z. B. aus den Fachzeitschriften in Blogs oder von den VWLern zu den Philosophen.

      Was VWL ist, ist keine einfache Frage, aber unlösbar ist sie auch nicht. Was hat es mit einem “Deutungsmonopol” zu tun, dass ich einen Unterschied zwischen Disziplinen wie Psychologie, Soziologie und VWL sehe oder nicht alle Aussagen über Wirtschaft für sinnvoll halte (noch ohne Festlegung, welche konkret sinnvoll oder nicht so sinnvoll sind)? Die Unterscheidung zwischen Sinn und Unsinn ist grundlegend für jede Erkenntnis und die Unterscheidung zwischen verschiedenen Fächern ein Kennzeichen der Wissenschaften (die aus der Philosophie hervorgingen).

  6. >> Was VWL ist, ist keine einfache Frage, aber unlösbar ist sie auch nicht. Was hat es mit einem „Deutungsmonopol“ zu tun, dass ich einen Unterschied zwischen Disziplinen wie Psychologie, Soziologie und VWL sehe oder nicht alle Aussagen über Wirtschaft für sinnvoll halte (noch ohne Festlegung, welche konkret sinnvoll oder nicht so sinnvoll sind)?

    Ich habe nur darauf hinweisen wollen, dass es vielleicht nicht so einfach ist, den “Gegenstand” der VWL auszumachen. Möglicherweise gibt es den nicht bzw. verschwimmen dann die Grenzen zu anderen Wissenschaften. Zumindstes ist mir noch eine Diskussion aus dem evolutionsökonomischen Bereich in Erinnerung, in der ein Diskutierender meinte, die VWL müsse sich zu einer offenen “Life Science” im Sinne einer “Grenzwissenschaft” entwickeln.

    Konkreter zur Deutungshoheit. Die bezog sich auf die Aussage:
    >>> Über Ökonomie wird viel Unsinn erzählt und auch ein sinnvoller Zugang zu wirtschaftlichen Fragen durch eine andere Disziplin, z. B. Psychologie oder Soziologie, sollte nicht mit VWL verwechselt werden.

    Hier wird implizit unterstellt, genau zu wissen, was “Ökonomie” ist oder nicht. Und das ist mir – angesichts des m.E. (!) generell (!) schwammigen und wenig wirklich diskutierten Gegenstandes – etwas zu bestimmt.

    • Man muss nicht genau wissen, was etwas ist, um es von anderen Sachen unterscheiden zu können. Ich muss nicht alle Eigenschaften von etwas kennen, um zumindest eine zu kennen, nämlich den Unterschied zu etwas anderem. In dem Sinne ist völlig klar, dass VWL nicht Psychologie ist. Das hat nichts damit zu tun, ob VWL mehr psychologische Elemente aufnehmen sollte oder nicht.

  7. Pingback: Zum Stand des Fachs | Bens kleiner Blog

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