Die Springer-Presse sollte sich vielleicht besser darauf konzentrieren, ihren Vorsprung an Glaubwürdigkeit gegenüber dem Bundespräsidenten auszubauen. Denn die kritiklose Berichterstattung über Euro-Propaganda von McKinsey erhöht ihre Glaubwürdigkeit sicher nicht und dokumentiert auch keine Wirtschaftskompetenz. So schreibt Bild.de unter der Überschrift “Euro bringt Deutschland 165 Mrd Euro Wachstum”:
Der Euro [hat] das Wachstum in Europa und besonders in Deutschland spürbar belebt. Nach neuen Berechnung der Berater von McKinsey betrug der positive Effekt der Währungsunion allein für Deutschland zuletzt 165 Milliarden Euro im Jahr. Insgesamt hat Deutschland rund ein Drittel seines Wirtschaftswachstums seit 1999 der Einführung des Euro zu verdanken.
Schön, wo Deutschland doch fast gar nicht gewachsen ist. Wie hat der Euro dazu beigetragen?
Warum ist der Euro so gut für Deutschland?
• Ohne Wechselkursrisiken sparen deutsche Firmen Jahr für Jahr Milliarden Euro. Sie sparen Geld, weil sie keine Kosten für die Absicherung von Auslandsgeschäften in fremder Währung haben.
• Der Euro hat den Handel innerhalb der Euro-Zone belebt. Der Grund: Mit einer gemeinsamen Währung wurde der Handel einfacher.
• Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit auch im Welthandel. Der Euro-Wechselkurs ist vorteilhaft für deutsche Exporteure. Denn ohne den Euro hätte es in Krisenzeiten eine deutliche Aufwertung der deutschen Währung gegeben, mit negativen Auswirkungen auf unsere Exportwirtschaft. Der Grund: ein aufgewerteter Euro verteuert unsere Exporte.
Nur leider sind die Wechselkursrisiken mit dem Euro gar nicht verschwunden, sondern haben bloß ihre Form geändert: Statt kleiner kalkulierbarer Veränderungen jeden Tag droht nun irgendwann das Zerbrechen des Euro mit schlagartig ganz großen Verschiebungen. Ist das wirklich besser? Der Handel wurde vermutlich tatsächlich geringfügig einfacher, doch die gesparten Transaktionskosten dürften gering sein, insbesondere wenn man die Umstellungskosten bei der Euro-Einführung und gegebenenfalls auch wieder -Abschaffung einbezieht. Die gestärkte Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Euro- und sonstigen Ländern ist kein reiner Segen, sondern ein wesentlicher Krisenverschärfer. Deutschland ist relativ gesehen zu billig. Darunter leiden nicht nur die Konsumenten, sondern als Gegenleistung für reale Güter und Dienstleistungen bekommt Deutschtland nur irgendwelche Target-Salden und im Zweifel uneinbringliche Forderungen gutgeschrieben. Aber dafür hat McKinsey die Vorteile auf eine Milliarde genau berechnet. Eine großartige Leistung der frischen BWL-Absolventen nur mit PowerPoint.
Jörg Eigendorf liest bei Welt-Online noch mehr aus der Studie heraus:
Die Studie, die McKinsey nun vorlegt, räumt mit so manchem Vorurteil auf. [...] Doch wie sieht die Fortsetzung dieser Erfolgsgeschichte aus? Und wer zahlt die Rechnung? Klar ist: Weder in der Notenpresse, noch in der Zerschlagung liegt die Lösung. Beide Szenarien sind extrem teuer und riskant. Der Euro an sich, das macht die Studie anschaulich, ist alternativlos.
Es gibt immer Alternativen, auch wenn sich die nicht jeder Journalist oder Unternehmensberater vorstellen kann. Doch was schlagen sie als billige und risikoarme Lösung vor?
Bleibt also nur eine Handlungsalternative: Entweder wird mehr fiskalpolitische Disziplin durchgesetzt oder ein EU-Finanzministerium kann gar Steuern erheben und Budgetgelder im großen Stil umverteilen.
Kann da jemand nicht bis eins zählen? Doch geplant ist ohnehin nur die erste dieser einen Handlungsalternative:
Angesichts der Bilanz europäischer Institutionen ist klar, dass Europa kleine Brötchen backen sollte. Eine schlagkräftige Kontrollbehörde, die nicht ständig politisch desavouiert wird, muss erst einmal reichen. Schön, dass nun sogar Modellrechnungen das untermauern.
Die Modellrechnungen untermauern gar nichts außer dem schlechten Ruf der Springer-Presse und von McKinsey. Außerdem ist “mehr fiskalpolitische Disziplin” keineswegs umsonst und risikolos. Es droht das Zerbrechen des Euro oder ganzer Länder, ihrer Gesellschaft und nicht zuletzt ihrer Wirtschaft. Das war es dann auch mit dem zusätzlichen Handel und den offenen Forderungen.
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