Bei Kantoos hat Henry Kaspar den Beitrag “Assetblasen, Boom-Bust-Zyklen, und Patrick Bernaus Geldschwemme (wonkish)” geschrieben, der gleich in mehrfacher Hinsicht diskutierenswert ist. Heute will ich jedoch auf einen weniger schönen Teil der Diskussion hinaus, nämlich die unsachliche Polemik und dann sogar Drohung von Gerald Braunberger:
Wer ein richtiger Mann ist, nennt seinen richtigen Namen. [...] Wobei die vermeintliche Anonymität lächerlich ist, wenn man sich in seinen Beiträgen auch an Wirtschaftsjournalisten wendet, die wissen, wie man recherchiert. Es wäre für uns bei der F.A.Z. simpel, die Klarnamen von „kantoos“ und „hkaspar“ zu veröffentlichen. (Wir wissen z.B., wo sich „kantoos“ gerade aufhält.) Wir tun das nicht, weil wir deren Wunsch nach Anonymität respektieren. Was wir unabhängig davon halten, steht in Kürze bei FAZIT.
Da bin ich aber gespannt (nicht auf die Klarnamen, sondern eine halbwegs plausible Argumentation). Eine mögliche Erklärung für diese Ausfälle liefert donalphons (Rebellen ohne Markt) mit “Vor die Wand knallen. Mit Vollgas.”, wonach das Fazit-Blog der FAZ einfach nicht gut läuft (relativ gesehen).
Ich nehme das zum Anlass, noch einmal die Argumente pro und contra ‘Pseudonym’ abzuwägen. Mit Pseudonym kein richtiger Mann zu sein, zähle ich dabei nicht als Argument. An anderer Stelle bei Kantoos meinte Rüdiger Bachmann zu mir:
eigentlich faende ich es ja besser, wenn wenigstens Lebenszeitprofessoren (ein solcher scheinen Sie ja zu sein ihren zahlreichen Aeusserungen nach zu urteilen), den Mumm haetten, mit ihrer wahren Identitaet hinter ihren Argumenten zu stehen. Ich weiss, in einer idealen Kommunikationswelt sollte nur die Kraft des Arguments zaehlen. Irgendwie gibt es diese psychologische Friktion bei mir, die dann doch etwas abzieht von der Kraft eines Argumentes, wenn man keine Person dahintersieht.
In der idealen Kommunikationswelt käme es also nur auf die Argumente an, nicht auf die Personen und darauf, ob diese unter ihrem Namen oder unter Pseudonym schreiben. In der realen Welt ist das offensichtlich anders, doch es beeinflussen nicht nur Pseudonyme die Diskussion, sondern auch und in der Regel stärker Eigenschaften der Personen. Ob das unbedingt besser ist, kann man hinterfragen, zumal die Einflüsse in verschiedene Richtungen wirken. Wer mehr über mich als Blogger weiß, bildet sich vielleicht ein anderes Urteil. Das gilt aber auch für meine Umwelt im richtigen Leben, wenn sie von meinem Blog erfährt. Außerdem kann es meine eigenen Blog-Beiträge beeinflussen, wenn ich weiß, dass meine verschiedenen Rollen miteinander verknüpft sind. Andere würden dann vielleicht gar nicht schreiben. So meint Henry Kaspar (siehe hier):
ich benutze ein Pseudonym nicht weil ich gern „aus der Dunkelkammer“ operiere, sondern weil ich es berufsbedingt nicht anders kann. Die Alternative fuer mich ist nicht unter Pseudonym oder Echtnamen zu schreiben, sondern unter Pseudonym oder gar nicht. Zugleich schreibe ich ueberall im Netz nur als Henry Kaspar, und dies seit vielen Jahren – sofern Henry Kaspar Mist schreibt haengt meine Reputation an diesem Namen, und nicht an dem in meinem Pass.
So dramatisch ist meine Lage zum Glück nicht. Ich hätte keine beruflichen Nachteile (höchstens bei weiteren Bewerbungen, wo ein Blog aber vermutlich ignoriert würde oder sogar ein Vorteil sein könnte). Wichtig scheint auch der Hinweis, dass ein Pseudonym nicht mit Anonymität gleichzusetzen ist, sondern eine eigene Reputation erwerben kann. Wahrscheinlich würden die meisten Leser unsere Klarnamen gar nicht kennen, sondern erst danach googeln müssen.
Was spricht nun konkret dagegen, ein Pseudonym zu verwenden? Einigen Leuten passt das nicht. Außerdem könnte die wahre Identität aufgedeckt werden (so schwer ist das gar nicht). Schließlich kann ich Personen und Themen aus meinem sonstigen Leben nicht im gleichen Maße auf meinen Blog ziehen wie bei Verwendung meines richtigen Namens. (Apropos, um eigene Erlebnisse besser einbauen zu können, biete ich an, auch über die von anderen zu berichten, wenn sie mir, am besten mit Belegen, geschildert werden.)
Was spricht für die Verwendung eines Pseudonyms? Ich muss wechselseitig weniger Rücksicht nehmen. Auch andere Personen und Institutionen, über die ich ohne Namensnennung berichte, sind besser geschützt. Schließlich muss ich allein mit meinen Argumenten überzeugen, ohne Namen und Titel.
Insgesamt finde ich das besser, zumindest noch. Vielleicht gebe ich eines Tages meinen Namen bekannt oder umgekehrt diesen Blog auf. Wer unbedingt meinen richtigen Namen wissen will, kann ihn ohnehin herausfinden – oder sogar bei mir erfragen! Gegen Zusicherung der Vertraulichkeit nenne ich ihn vielleicht (hängt von der Person und den Gründen für den Wunsch ab). Mindestens ein Leser hier kennt ihn ohnehin schon und ich bin für die Diskretion dankbar, auch wenn es sich nicht um ein Staatsgeheimnis handelt. Auch im sonstigen Leben pflege ich verschiedene Sphären zu trennen, z. B. Beruf und Privatleben, während andere am liebsten überall mit allem angeben und selbst ihr privates Tagebuch öffentlich im Internet schreiben. Es soll jeder machen, wie er möchte, wozu auch der Respekt vor den Entscheidungen anderer gehört.