Monatsarchiv: Januar 2012

Pseudonym ganz nach Belieben

Bei Kantoos hat Henry Kaspar den Beitrag “Assetblasen, Boom-Bust-Zyklen, und Patrick Bernaus Geldschwemme (wonkish)” geschrieben, der gleich in mehrfacher Hinsicht diskutierenswert ist. Heute will ich jedoch auf einen weniger schönen Teil der Diskussion hinaus, nämlich die unsachliche Polemik und dann sogar Drohung von Gerald Braunberger:

Wer ein richtiger Mann ist, nennt seinen richtigen Namen. [...] Wobei die vermeintliche Anonymität lächerlich ist, wenn man sich in seinen Beiträgen auch an Wirtschaftsjournalisten wendet, die wissen, wie man recherchiert. Es wäre für uns bei der F.A.Z. simpel, die Klarnamen von „kantoos“ und „hkaspar“ zu veröffentlichen. (Wir wissen z.B., wo sich „kantoos“ gerade aufhält.) Wir tun das nicht, weil wir deren Wunsch nach Anonymität respektieren. Was wir unabhängig davon halten, steht in Kürze bei FAZIT.

Da bin ich aber gespannt (nicht auf die Klarnamen, sondern eine halbwegs plausible Argumentation). Eine mögliche Erklärung für diese Ausfälle liefert donalphons (Rebellen ohne Markt) mit “Vor die Wand knallen. Mit Vollgas.”, wonach das Fazit-Blog der FAZ einfach nicht gut läuft (relativ gesehen).

Ich nehme das zum Anlass, noch einmal die Argumente pro und contra ‘Pseudonym’ abzuwägen. Mit Pseudonym kein richtiger Mann zu sein, zähle ich dabei nicht als Argument. An anderer Stelle bei Kantoos meinte Rüdiger Bachmann zu mir:

eigentlich faende ich es ja besser, wenn wenigstens Lebenszeitprofessoren (ein solcher scheinen Sie ja zu sein ihren zahlreichen Aeusserungen nach zu urteilen), den Mumm haetten, mit ihrer wahren Identitaet hinter ihren Argumenten zu stehen. Ich weiss, in einer idealen Kommunikationswelt sollte nur die Kraft des Arguments zaehlen. Irgendwie gibt es diese psychologische Friktion bei mir, die dann doch etwas abzieht von der Kraft eines Argumentes, wenn man keine Person dahintersieht.

In der idealen Kommunikationswelt käme es also nur auf die Argumente an, nicht auf die Personen und darauf, ob diese unter ihrem Namen oder unter Pseudonym schreiben. In der realen Welt ist das offensichtlich anders, doch es beeinflussen nicht nur Pseudonyme die Diskussion, sondern auch und in der Regel stärker Eigenschaften der Personen. Ob das unbedingt besser ist, kann man hinterfragen, zumal die Einflüsse in verschiedene Richtungen wirken. Wer mehr über mich als Blogger weiß, bildet sich vielleicht ein anderes Urteil. Das gilt aber auch für meine Umwelt im richtigen Leben, wenn sie von meinem Blog erfährt. Außerdem kann es meine eigenen Blog-Beiträge beeinflussen, wenn ich weiß, dass meine verschiedenen Rollen miteinander verknüpft sind. Andere würden dann vielleicht gar nicht schreiben. So meint Henry Kaspar (siehe hier):

ich benutze ein Pseudonym nicht weil ich gern „aus der Dunkelkammer“ operiere, sondern weil ich es berufsbedingt nicht anders kann. Die Alternative fuer mich ist nicht unter Pseudonym oder Echtnamen zu schreiben, sondern unter Pseudonym oder gar nicht. Zugleich schreibe ich ueberall im Netz nur als Henry Kaspar, und dies seit vielen Jahren – sofern Henry Kaspar Mist schreibt haengt meine Reputation an diesem Namen, und nicht an dem in meinem Pass.

So dramatisch ist meine Lage zum Glück nicht. Ich hätte keine beruflichen Nachteile (höchstens bei weiteren Bewerbungen, wo ein Blog aber vermutlich ignoriert würde oder sogar ein Vorteil sein könnte). Wichtig scheint auch der Hinweis, dass ein Pseudonym nicht mit Anonymität gleichzusetzen ist, sondern eine eigene Reputation erwerben kann. Wahrscheinlich würden die meisten Leser unsere Klarnamen gar nicht kennen, sondern erst danach googeln müssen.

Was spricht nun konkret dagegen, ein Pseudonym zu verwenden? Einigen Leuten passt das nicht. Außerdem könnte die wahre Identität aufgedeckt werden (so schwer ist das gar nicht). Schließlich kann ich Personen und Themen aus meinem sonstigen Leben nicht im gleichen Maße auf meinen Blog ziehen wie bei Verwendung meines richtigen Namens. (Apropos, um eigene Erlebnisse besser einbauen zu können, biete ich an, auch über die von anderen zu berichten, wenn sie mir, am besten mit Belegen, geschildert werden.)

Was spricht für die Verwendung eines Pseudonyms? Ich muss wechselseitig weniger Rücksicht nehmen. Auch andere Personen und Institutionen, über die ich ohne Namensnennung berichte, sind besser geschützt. Schließlich muss ich allein mit meinen Argumenten überzeugen, ohne Namen und Titel.

Insgesamt finde ich das besser, zumindest noch. Vielleicht gebe ich eines Tages meinen Namen bekannt oder umgekehrt diesen Blog auf. Wer unbedingt meinen richtigen Namen wissen will, kann ihn ohnehin herausfinden – oder sogar bei mir erfragen! Gegen Zusicherung der Vertraulichkeit nenne ich ihn vielleicht (hängt von der Person und den Gründen für den Wunsch ab). Mindestens ein Leser hier kennt ihn ohnehin schon und ich bin für die Diskretion dankbar, auch wenn es sich nicht um ein Staatsgeheimnis handelt. Auch im sonstigen Leben pflege ich verschiedene Sphären zu trennen, z. B. Beruf und Privatleben, während andere am liebsten überall mit allem angeben und selbst ihr privates Tagebuch öffentlich im Internet schreiben. Es soll jeder machen, wie er möchte, wozu auch der Respekt vor den Entscheidungen anderer gehört.

Sollen Frauen sich die Brüste vergrößern lassen (dürfen)?

Philip Plickert berichtete beim Fazit-Blog der FAZ vom Kongress “Ökonomie neu denken” unter “Ökonomen in Demut. Oder: Soll Vater Staat Brust-OPs verbieten?” Folgendes:

Nach dem Vortag des Verhaltensökonomen Armin Falk (Universität Bonn) stand plötzlich eine FH-Professorin in einem roten Kostüm auf und ereiferte sich: Ihre 18 Jahre alten Studentinnen wollten alle eine Busen-Operation, “und sie kennen auch schon die Preise” – das sei doch ungeheuer. Ob man so was nicht verbieten sollte. Der “sanfte Paternalist” Falk war gar nicht abgeneigt.

Das finde ich krass. “Sanften Paternalismus” und die Idee, bei freien Entscheidungen die Rückfallposition (was ohne explizite Entscheidung passiert) zu gestalten, mag man ernsthaft diskutieren, doch hier geht es doch bestenfalls um “harten Paternalismus” und eher um die Lust am Zwingen anderer. Mit welchem Recht wollen Professorin und Professor den Frauen ihre Entscheidungsfreiheit nehmen und über deren Brüste bestimmen?

Bei der Titelfrage ist es wichtig, ob das letzte Wort in Klammern dazu gehört oder nicht. Wer dann keinen Unterschied zwischen den beiden Fragen erkennen kann, dem bedeutet Entscheidungsfreiheit anderer nichts. Alle sollen tun, was man für am besten hält. Als Liberaler kann man hingegen die Frage “Sollen Frauen sich die Brüste vergrößeren lassen?” positiv, negativ oder auch gar nicht beantworten (ich würde einer ernsthaft darüber nachdenkenden Frau eher abraten, doch es hängt von den Umständen und ihren Gründen ab), aber auf die Frage “Sollen Frauen sich die Brüste vergrößern lassen dürfen?” gibt es nur eine liberale bzw. ethisch aufgeklärte Antwort: Ja. Ich muß nicht gut finden, was andere für sich entscheiden, da ich es nicht mag oder es ihnen voraussichtlich schadet, doch wenn sie anderen nicht direkt schaden, haben sie jedes Recht dazu. Wenn dem neuen ökonomischen Denken das nicht mehr klar ist, bleibe ich doch lieber beim alten.

Geben wir die Freiheit an dieser Stelle auf, gibt es kein Halten mehr. Wenn man Frauen verbietet, ihre Brüste vergrößern zu lassen, weil es ihnen angeblich schadet oder einem selbst einfach nicht gefällt, kann man nicht nur alles Mögliche andere verbieten (wollen), z. B. das Rauchen, Schokolade, Autofahren, Reichtum, Faulheit etc., sondern natürlich auch gebieten, was einem gerade einfällt, z. B. Brustvergrößerungen! Denn es wäre doch zur Herstellung von Gleichheit und zum Vermeiden von durch die blinde Willkür der Natur verursachten Ungerechtigkeiten sehr schön, wenn alle Frauen gleich große Brüste hätten, wozu Brustvergrößerungen für kleinbusige Frauen und Brustverkleinerungen für vollbusige verpflichtend eingeführt werden sollten, so wie man sich bereits bemüht, hochbegabte Kinder in ihrer Entwicklung zu hemmen…

Hurra, die Semesterferien sind da!

‘Semesterferien’ soll man eigentlich nicht sagen und schreiben, da es sich nicht wirklich um Ferien handelt (sondern ‘vorlesungsfreie Zeit’). Doch das universitäre Arbeitsmodell kann sich ohnehin kaum ein Außenstehender vorstellen. Ich habe keinen “9 to 5″ Job von Montag bis Freitag. So hatte ich heute, am Sonntag, meine letzte Lehrveranstaltung für das Wintersemester. Morgen, also in wenigen Minuten, geht die Arbeit gleich weiter, dann allerdings nicht mit Lehre, sondern Forschung. Doch eigentlich forschen und lehren Professoren die ganze Zeit (wenn wir nicht mit Selbstverwaltung oder sonstigen Sachen beschäftigt sind). Wie heißt es so schön (von wem auch immer):

Wenn ein deutscher Professor liest, dann forscht er, wenn er spricht, dann lehrt er.

Aber natürlich arbeitet auch ein Professor nicht immer, nur sind weder die Zeiten noch die Tätigkeiten genau abgegrenzt. Was ist mit diesem Blog, mit E-Mails, mit dem Lesen von Artikeln, Gesprächen mit Kollegen, Tagungsreisen, selbst Urlaub mit Internetanschluss etc.? Je nachdem, wie ich den Beruf beschreibe, sind alle neidisch und halten mich für total faul oder denken, ich wäre ein durchgeknallter Workaholic. Wahrscheinlich stimmt beides irgendwie.

Firmenpleite und Preise

Heute erhielt ich folgende E-Mail von DoYouSpain (wie schon vor ein paar Tagen mit gleichem Wortlaut, was die Glaubwürdigkeit nicht gerade erhöht):

Lieber Herr [Wirtschaftsphilosoph]

Kurz notiert…

Gestern teilte uns eines der wichtigsten Mietwagenunternehmen Spaniens mit, dass es aufgrund der Finanzierungsprobleme, die wir alle zur Zeit erfahren, in Kürze schließen wird.

Was bedeutet dies?

Nun, wenn Sie darüber nachdenken, in diesem Jahr einen Wagen anzumieten, bitte reservieren Sie schnell, da die Anzahl der verfügbaren Autos geringer sein wird und die Preise mit großer Sicherheit steigen werden.

[Werbelinks]

Jose Gayet
jose@doyouspain.com
DoYouSpain.com

Nehmen wir an, dass der Inhalt der Mitteilung grundsätzlich (das mit dem gestrigen Tag ist offensichtlich falsch) stimmt, folgt daraus tatsächlich, dass man schnell reservieren sollte? Erstens könnte man doch gerade bei dem insolvenzbedrohten Vermieter abschließen und schlimmstenfalls sein Geld verlieren, ohne einen Wagen zu bekommen. Zweitens drohen ähnliche Probleme bei weiteren Vermietern. Drittens verschwinden die Wagen doch nicht einfach, wenn die Firma schließt. Von daher könnten die Preise auch sinken statt steigen (gilt im Prinzip auch für Drogerieartikel in Deutschland). Ich würde und werde deswegen jedenfalls nicht schnell reservieren, sondern erst wieder kurz vor der nächsten Spanienreise (die allerdings auch nicht mehr so weit entfernt ist).

Wer sollte Griechenland Schulden erlassen?

Griechenland verhandelt mit seinen größten privaten Gläubigern über einen ‘freiwilligen’ Schuldenerlass von 50 % oder auch mehr. So richtig erfolgreich verlaufen die Verhandlungen nicht, da ein solcher Schuldenschnitt für die betroffenen Gläubiger nicht sehr attraktiv ist, da sich insbesondere öffentliche Gläubiger nicht beteiligen wollen und ohne offene Insolvenz sich nicht beteiligende Gläubiger, darunter auch ich, weiterhin voll bedient werden. Es droht zwar eine ungeordnete Insolvenz, bei der alle Gläubiger mehr oder sogar alles verlieren könnten, doch es gibt offensichtlich ein Kollektivgutproblem bei diesen Verhandlungen.

Aus meiner Sicht wäre eine ehrliche Insolvenz mit gleichmäßiger Quote für alle Gläubiger, also auch die öffentlichen und die kleinen wie mich, besser und fairer. Was spricht dagegen? Öffentliche Gläubiger wie die EZB wollen keine Verluste tragen, doch wer will das schon? Sie könnten es vergleichsweise gut, zumindest wenn die anderen Länder mitspielen, und würden sonst einen ungerechtfertigten Gewinn realisieren (da die EZB z. B. Anleihen mit erheblichen Kursabschlägen kaufte). Weiterhin gelangen bei einer offenen Insolvenz ‘Credit Default Swaps (CDS)’ zur Auszahlung. Der direkte Effekt davon ist jedoch positiv für die Gläubiger, deren Ausfälle partiell ersetzt werden. Die Sicherungsgeber können Probleme bekommen, habe jedoch vorher auch Prämien für die Absicherung kassiert.

Nun unterbreitete Herr Usselmann, von dem lange nichts zu lesen war (was hoffentlich keine ernsten Gründe hat), bei der ausführlichen Diskussion zu ‘Vom Euro zur Drachme’ noch einen anderen Vorschlag, den ich seinerzeit lobte und zu besprechen versprach. Der Kern seines Vorschlags ist die Umkehrung des jetzigen Versuchs, nur die privaten Gläubiger für eine Umschuldung aufkommen zu lassen, also allein die öffentlichen Gläubiger in die Pflicht zu nehmen:

Besser waere dann doch einfach oeffentliche Geschenke an Griechenland und Portugal zu machen. 200 Mrd an Griechenland, 100 Mrd an Portugal, indem man die oeffentlichen Schulden bei EZB und Rettungsschirmen abschreibt. Also Griechenland hat danach nur noch 160 Mrd Schulden, z.B. Danach bekommen die Laender nichts mehr, keinen Cent.

Das lässt sich zumindest leichter umsetzen als die Verhandlungen mit vielen privaten Gläubigern und den damit verbunden Kollektivgutproblemen. Wenn es im öffentlichen Interesse ist, eine Insolvenz Griechenlands zu vermeiden, dann sollte auch die öffentliche Hand (bzw. etliche öffentliche Hände) dazu beitragen oder sogar ganz dafür aufkommen. Von daher scheint das eine elegante Lösung zu sein. Es gibt keine Insolvenz, weder von Griechenland noch von Banken. Die Kosten sind transparent und können von der EZB über Jahre gestreckt werden (die Euro-Länder sind daran indirekt über geringere Zahlungen von der Zentralbank beteiligt).

Es gibt aber auch Nachteile. Es ist z. B. nicht glaubwürdig, dass “die Laender nichts mehr, keinen Cent” bekommen. Privaten Anlegern können neue Kredite schlecht untersagt werden, während die Bereitschaft zur Kreditvergabe nach einer solchen Schuldenreduktion steigt (bei einer Beteiligung der privaten Gläubiger ist dies weniger der Fall). Direkte öffentliche Kreditvergabe könnte vermieden werden, doch indirekte, z. B. über Target-Salden und spätere Bankenrettungen, lässt sich schlecht vermeiden. Außerdem sind die Kosten für die öffentlichen Gläubiger höher als bei einer gleichmäßigen Reduktion aller Schulden. Schließlich wird auf die Schulden ohne Gegenleistung verzichtet. Gegebenenfalls wäre es besser, die Schulden in den Bücher zu behalten und ständig überzuwälzen, um ein Druckmittel gegenüber Griechenland zu behalten und auf die Umsetzung von Vereinbarungen und Reformen dringen zu können.