Monatsarchiv: Dezember 2011

Rückblick, Ausblick, Wünsche

Was macht man zu Silvester? Erstens schaut man zurück aufs vergangene Jahr. Zweitens schaut man voraus aufs kommende Jahr, vielleicht verbunden mit einigen guten Vorsätzen. Drittens wünscht man seinen Mitmenschen alles Gute für die Nacht und das neue Jahr. Also los:

2011 habe ich diesen Blog gestartet, und zwar am 3. Juni, um seither jeden Tag einen Eintrag zu veröffentlichen, so dass dies bereits der 212. ist. Dazu gibt es 1.004 Kommentare und 21.462 Seitenzugriffe, womit der Blog bereits etwas unübersichtlich ist. Es wurden zahlreiche Themen aufgegriffen, wobei die Finanz-, Staatsschulden- bzw. Eurokrise dominierte. Dazu habe ich meine Meinung zwischenzeitlich geändert bzw. den Problemfokus verschoben, also durch den Blog oder zumindest während seiner Erstellung etwas gelernt: Mein Ausgangspunkt waren insbesondere die griechischen Staatsschulden, die ich als untragbar ansah und -sehe. Inzwischen denke ich allerdings, dass der Euro das grundlegendere Problem ist und zumindest die Griechen mit dem gegenwärtigen Arrangement nicht (gut) leben können. Ein Schuldenschnitt allein würde ihnen nicht genug helfen, was bereits zum Ausblick auf 2012 überleitet:

Die Krise ist nicht vorbei, sondern wird sich eher noch verschärfen, insbesondere auch in Deutschland, welches bislang eher ein Krisengewinnler war. Die Politik neigt dazu, alles noch schlimmer zu machen, weil man um jeden Preis den Euro retten will, was dann tatsächlich einen sehr hohen Preis erfordern und am Ende doch nicht gelingen wird. Dabei sehe ich das Ende des Euro noch nicht in 2012, wenngleich ich es für möglich halte und erhoffe, während Griechenland vermutlich schon dieses Jahr den Euro aufgibt. Hier hoffe ich inzwischen ganz egoistisch, dass es mindestens bis März solvent bleibt, um meine jüngst gekauften Staatsanleihen noch möglichst vollständig zu bedienen. Wie den Finnen würde mir dadurch quasi mein Anteil an den Rettungskosten zurückerstattet. Wir werden sehen, auf jeden Fall wird 2012 wieder spannend, was intellektuell reizvoll ist, praktisch jedoch eher ein Problem darstellt.

Wie sieht es mit guten Vorsätzen für 2012 aus? Manche Vorsätze erledigen sich bereits zu Neujahr, doch ein wenig länger schaffe ich es hoffentlich, weiterhin täglich zu posten. Inhaltlich kann ich nichts versprechen, doch eine stärkere Betonung der philosophischen Seite würde ich mir selbst wünschen. Außerdem bin ich natürlich für Wünsche von Ihnen offen. Jedenfalls werden hier die Themen nicht ausgehen, es fehlt höchstens an Zeit zur hinreichend tiefen Durchdringung oder auch technischen Verbesserung des Blogs. Auch hier sind Wünsche und Tipps willkommen.

Damit bleibt mir nur noch, Ihnen alles Gute bzw. das Beste für 2012 zu wünschen, also Gesundheit, Erkenntnis, Glück, Liebe, Erfolg etc. Mögen Ihre Wünsche in Erfüllung gehen und Sie sich vorher das Richtige wünschen! Guten Rutsch und bis morgen!

Wie soll man auf schnorrende Provokateure reagieren?

Henning Sußebach schrieb in der ZEIT passend zu Weihnachten “Maria und Josef im Ghetto des Geldes”, seinen Erlebnisbericht, wie es ihm mit einer Schauspielerin als obdachloses Paar verkleidet im Taunus erging, wo laut Statistik die reichsten Deutschen leben, die er so als unsozial vorführen will, was ihm laut überwiegender Mehrheit der Leser-Kommentare dort auch hervorragend gelang. Als Wirtschaftsphilosoph möchte ich allerdings hinterfragen, ob hier tatsächlich die richtigen Lehren gezogen wurden. Muss man jedem helfen, der einen um Hilfe bittet? Gilt das auch für Journalisten, die sich als obdachloses schwangeres Paar verkleiden bzw. gleich zur ‘heiligen Familie’ stilisieren?

Womöglich haben wir kleine Erschütterungen in Kronberg ausgelöst. Ganz gewiss aber in uns selbst. Was hätten wir an ihrer Stelle getan? Hätten wir anders gehandelt? Das sind die Fragen, die sich jedem Kritiker und jedem Tester stellen – und auf die es keine Antwort gibt. Nur einen zweihundert Jahre alten Satz Gotthold Ephraim Lessings: »Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt.« Sein verhasstes Verdienst ist, zu beschreiben, was er sieht.

Hier scheint mir Lessings Zitat missbraucht zu werden. Der Rezensent muss nicht die rezensierte Leistung erbringen können (ein Sportreporter muss kein Spitzensportler sein und ein wissenschaftlicher Kritiker kein Theorienschöpfer), doch hier soll ein allgemeiner moralischer Tadel ausgesprochen werden. Die Kronberger sind nicht angetreten, als besonders hilfsbereit zu gelten, sondern werden als Menschen moralisch be- und verurteilt, weil sie den verkleideten Reportern angeblich nicht hinreichend helfen. Wenn aber Menschen allgemein und die sich empörenden Leser und Reporter selbst nicht anders handeln würden, handelt es sich um reine Heuchelei. Auch wenn Einzelne anders handeln und mehr helfen, bleibt noch zu fragen, ob das wirklich moralisch besser ist. Der Artikelschreiber begeht hier den naturalistischen Fehlschluss, aus dem Sein aufs Sollen bzw. aus seiner Beobachtung und Beschreibung unmittelbar auf die moralische Bewertung zu schließen.

Doch Analyse ist ohnehin nicht die Stärke dieses Journalisten. So meint er, “dass die Lebenserwartung deutscher Geringverdiener mittlerweile sinkt”, was statistisch nicht haltbar ist. Seine Hauptsorge scheint die Frage zu sein: “Darf man mit einer Lüge nach der Wahrheit suchen?” Er fragt sich nicht, ob er mit dieser Lüge die Wahrheit überhaupt finden kann. Wie glaubwürdig sind Reporter und Schauspielerin als Obdachlose in reichen Villengegenden? Sie begegnen nur einmal einem anderen Bettler und denken gleich selbst: “hoffentlich nicht vom Spiegel”.

Ein evangelischer Pfarrer antwortet auf ihre Übernachtungsbitte bei ihm: “Nein. Und mit Verlaub: So etwas ist hier noch nie vorgekommen.” Darüber denken sie nicht richtig nach, z. B. ob echte Bedürftige sich nicht grundsätzlich anders verhalten, so dass alle oberflächliche Verkleidung nichts nutzt. Sie meinen dagegen:

Heißt es in der Bibel nicht: »Klopfet an, so wird euch aufgetan«? Und sagt Jesus nicht: »Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan«? Wo jeder hat, kann man offenbar nicht helfen lernen.

Dabei hilft ihnen der Pfarrer doch, nur anders und in gewisser Weise für alle Beteiligten besser:

Und doch: Der Pfarrer macht die Tür nicht ganz zu. Er scheint mit sich zu ringen. Wie oft hat er mit den Kindern der Gemeinde das Krippenspiel geprobt, und jetzt das! Wenn er nicht hilft, wer dann? Er zögert, grübelt, verschwindet dann im Pfarrhaus – nicht ohne vorher vorsichtshalber die Tür zu schließen – und kommt zurück mit 20 Euro, der Adresse einer Jugendherberge 15 Kilometer weiter und einer Plastiktüte, in die er fast all seine Vorräte gestopft haben muss: ein halber Laib Brot, Wurst, Käse, Tomaten, Äpfel, Orangen, Wasser, Kekse. Sogar Gummibärchen. Die Tasche wiegt so schwer wie sein Gewissen. Und ist so voll, dass wir uns auf einen langen Weg machen könnten. Weit weg von dieser Stadt.

Sie bekommen Lebensmittel, die Adresse eines Schlafplatzes und Geld dafür sowie für den Weg. Was wollen sie mehr? Echte Bedürftige wären damit zufrieden, die verkleideten Reporter aber nicht, weil sie provozieren und an dem Ort bleiben wollen. Dabei hilft der Pfarrer durch die Wegweisung nicht nur ihnen bzw. vermeintlich Obdachlosen, sondern auch seinen Gemeindemitgliedern. Es ist nicht einfach herzlos, sondern durchaus sinnvoll, dass nicht jeder Ort oder sogar jede Wohnung Schlafplätze für Obdachlose bereithält. Villenviertel haben eine andere Funktion. Ob eine Gesellschaft oder auch ein einzelner Mensch wirklich sozial ist, erweist sich daran, ob den tatsächlich Bedürftigen effektiv geholfen wird. Dieser Pfarrer hat in meinen Augen vorbildlich gehandelt und auch unser Sozialstaat ist nicht so schlecht, wie der Artikel suggeriert. Reiche Steuerzahler leisten auch dann ihren Anteil, wenn sie nicht noch persönlich einzelnen Personen helfen, die vielleicht auch gar keine Hilfe nötig haben, sondern verkappte Reporter oder Kriminelle sind.

Ich würde sogar noch weiter gehen, allerdings ohne das durch wissenschaftliche Studien untermauern zu können, nämlich dass in unserem Sozialstaat jeder, der aktiv betteln bzw. seine Mitmenschen um Hilfe bitten kann, diese gar nicht wirklich nötig hat. Der Staat gewährt jedem auf Antrag eine hinreichende Grundsicherung. Damit verbleiben zwei Problemgruppen, die aber gerade nicht um Hilfe bitten können und werden: Diejenigen, die physisch, psychisch oder mental nicht in der Lage sind, solche Anträge zu stellen und effektiv um Hilfe zu bitten, und sich hier illegal aufhaltende Menschen, für die aktives Betteln oder gar Provokationen viel zu gefährlich wären. Der Passanten ansprechende Obdachlose braucht jedenfalls weniger Hilfe als der reglos in der Kälte liegende.

Reporter und Schauspielerin ist dagegen die Jugendherberge nicht gut genug, sie nehmen lieber gleich ein Hotel, da ihnen eine Nacht im Zelt als Obdachlosigkeitserfahrung gereicht hat. Doch sie wollen weiter provizieren, auch wenn sie sich fragen: “Haben wir noch immer nicht genug provoziert – oder zu dick aufgetragen?” Deshalb platzen sie in eine Wohltätigkeitsveranstaltung für “erblindete Kinder in Bangladesch”, worüber sie sich ereifern:

Nur Kinder in Bangladesch reichen nicht, sie müssen auch noch blind sein. Indirekte Hilfe wird bevorzugt – also verbunden mit Festlichkeit und Spenden nach möglichst weit weg. Bangladesch, Sri Lanka, Peru. Wer sich in die Nähe wagt, würde sich statt Dankbarkeit womöglich eine Verteilungsdebatte einfangen.

Wirklich Bedürfte, wie z. B. blinde Kinder in Bangladesch oder auch echte Obdachlose in Deutschland, führen solche Verteilungsdebatten nicht, da sie ihnen nichts nutzen (im Gegensatz zu daran verdienenden Reportern oder auch daran einfach interessierten Wirtschaftsphilosophen). Ihnen zu helfen, ist sozial, auch wenn es durch Wohltätigkeitsveranstaltungen geschieht, die nicht den moralischen Standards dieser Bedürftigkeit nur vortäuschenden Provokateure entsprechen.

Wird der Euro 2012 intakt überleben?

The Economist fragt:

Will the euro survive 2012 intact?

Ich habe “No” geantwortet und folgenden Kommentar hinterlassen:

“At least Greece will leave the euro, perhaps more countries or, if we are lucky, the euro itself will be gone.”

Es ist nicht ganz klar, was mit “intact” gemeint ist. Gesund und unversehrt ist der Euro schon jetzt nicht. Wenn Griechenland austritt, womit ich 2012 rechne, ist der Euro-Raum nicht mehr derselbe. Dass der Euro ganz verschwindet, halte ich 2012 zwar auch für möglich, aber für nicht sehr wahrscheinlich. Das dauert länger, doch langfristig setzt sich die ökonomische Realität durch.

Anmerkungen zu Theo Waigel

“Theo Waigel gibt dem Euro noch weitere 400 Jahre”. Zu diesem langen ‘Welt am Sonntag’-Interview mit dem “Euro-Erfinder” lässt sich Einiges anmerken:

Das Kriegsschicksal seiner Familie spricht für Frieden und vielleicht auch den europäischen Einigungsprozess, aber ist damit doch gerade kein Argument für den Euro.

Dass etwa 1954 das Projekt einer gemeinsamen europäischen Armee gescheitert ist, war eine mindestens so gravierende Krise wie die heutige. Europa hat diese Krisen immer wieder überwunden.

Ja, Europa kam ohne die geplante Armee aus, wie die europäische Integration jetzt auch ohne Euro weitergehen wird, und zwar besser.

Von 1974 bis in die 90er-Jahre hinein hatten wir über 20 Realignments, Abwertungen, Aufwertungen. [...] Glaubt doch nicht, dass es in den 60er-, 70er, 80er keine Krisen gegeben hätte! Oder: Als es 1992 und 1993 im alten EWS drunter und drüber ging, haben die europäischen Zentralbanken mit etwa 300 Milliarden Dollar interveniert, um Währungen zu stützen.

Doch wie ging das aus? Gegen fundamentale Marktkräfte kann nicht anregiert werden, Auf- und Abwertungen sind ein nötiger Ausgleichsmechanismus.

Die angelsächsische Welt versteht uns Europäer nicht.

Moment, seit wann sind die Briten keine Europäer mehr? Ich stehe als liberaler Wirtschaftsphilosoph dem aufgeklärten angelsächsischen Denken ebenfalls nahe und muss zugeben, dass ich viele Euro-Argumente auch nicht verstehe, weil sie rational einfach nicht verständlich sind, sondern nur politisch, psychologisch oder soziologisch.

Wir haben Anfang bis Mitte der 90er-Jahre plötzlich gemerkt, dass es nicht nur um die Staatverschuldung geht, die in Prozenten gemessen wird. Es geht vielmehr darum, dass es eine implizite Staatsschuld gibt. Wenn man alles, was in der Pipeline ist, zusammenrechnet, dann liegt das, was auf unsere Kinder und Enkel zukommt, in Deutschland nicht bei 80, sondern bei 250 bis 300 Prozent.

Also Gegenwart auf Kosten der Zukunft. In einigen Nachbarländern sieht es sogar noch schlimmer aus, in Amerika auch. Da stellt sich, Herrschaft noch `mal, die Frage: Wie sollen die nachfolgenden Generationen das bewältigen? Ohne Strukturänderungen, etwa längere Lebensarbeitszeit, ist das nicht zu packen. Deswegen braucht es, parallel zur Umweltpolitik, auch in der Finanzpolitik Nachhaltigkeit.

Das ist der Grund für den Stabilitätspakt. Es dürfen nicht nur nicht die drei Prozent überschritten werden – langfristig muss es close to balance sein und in absehbarer Zeit muss es auch Überschüsse geben. Denn sonst zerstören wir die Zukunft kommender Generationen. Darum geht es – nicht nur um Zahlen!

Die Gleichsetzung von rechnerischer Verschuldung mit realen Umweltschäden ist Unsinn. Die “Zukunft kommender Generationen” hängt vor allem von der realen Entwicklung ab, wirtschaftlich, politisch und auch hinsichtlich der Umweltbedingungen. Aus Schulden kann man herauswachsen oder sie reduzieren. Das ist in der Zukunft mit Kosten verbunden, aber heute auch. Anders formuliert, wenn man ordentlich wirtschaftet, sind die Schulden ein sekundäres Problem, sowohl heute als auch morgen. Euro und restriktive Schuldenbremsen sind jedoch keine ordentliche Wirtschaftspolitik, sondern für die heutigen und kommenden Generationen ein großes Problem.

Denn wenn ein Staat die Bedingungen des Stabilitätspakts nicht erfüllt und das Versprochene nicht leistet, dann bleibt am Ende nichts anderes übrig als die nächste Tranche zu verweigern. Und dann ist eben Konkurs!

Das ist doch mal ein Wort. So viel Ehrlichkeit wünsche ich mir auch von den amtierenden Politikern.

Doch man täusche sich nicht: Die Kosten eines solchen Konkurses wären für alle EU-Länder beträchtlich. Unsere Verantwortung für ein kollabiertes Griechenland wäre ja nicht erloschen.

Ich benutze einen Vergleich: Griechenland ist wie ein blinder Passgier, der auf hoher See plötzlich an Bord kommt und sagt: Ich bin jetzt da. Was soll man mit dem machen? Wenn man Stammtische in Bayern befragte, dann würden 80 Prozent sagen: über Bord mit ihm! Zehn Prozent würden sagen, gib ihm eine Schwimmweste. Nur zehn Prozent würden sagen: Halt, ein solches Verhalten verbietet uns die christliche Seefahrt. Weiß Gott, er soll nicht Kaviar und Champagner bekommen in der Kapitänskajüte. Aber so viel Brot und Wasser wie er braucht, um wieder zu Kräften zu kommen: Das sollte man ihm schon geben.

Auch hier volle Zustimmung.

‘Welt am Sonntag’ fragt: “Gibt es ein europäisches Gemeinschaftsgefühl? Fühlen Franzosen, Deutsche, Italiener, Polen und so weiter sich als Bürger nicht nur ihrer Länder, sondern Europas?”

Noch zu wenig. Da waren wir Ende der 50er-Jahre vielleicht schon weiter gewesen. Es ist noch kein europäisches Bewusstsein entstanden. Da muss man sich nicht wundern – war doch die gesamte Europa-Diskussion der vergangenen Jahre ausschließlich eine Negativdiskussion: Probleme, Probleme, Probleme, Zweifel, Zweifel, Zweifel. Verlust an Kompetenz, Verlust an Identität. Und über die Währung hinaus gab es ja gar keine Zukunftsprojekte mehr.

Das ist wirklich traurig, weil die Währung die Probleme schafft statt löst und die Zweifel völlig berechtigt sind. Also müssen gute Europäer einen anderen Weg einschlagen, statt den falschen immer weiter zu gehen, zumal es keinen Automatismus zu immer mehr Europa gibt, sondern das europäische Bewusstsein auch zurückgehen kann, wie Herr Waigel selbst erkennt.

Ich will ein Europa der konzentrischen Kreise. Der innerste Kreis ist die Wirtschafts- und Währungsunion, in der man engstens zusammen arbeiten muss und in der das Defizit der Portugiesen für uns genauso wichtig ist wie für die Portugiesen.

Das scheint mir ein Rezept für weitere Probleme, Dysfunktionalitäten, Streit und am Ende das Ende der europäischen Integrationsidee zu sein. Selbst in Vereinigten Staaten von Europa sollten Portugiesen stärker für ihr Defizit verantwortlich sein als Deutsche, wie auch in der Bundesrepublik Deutschland Bremer stärker für das Defizit in Bremen verantwortlich sind als Bayern. Warum vergessen nur alle das Subsidiaritätsprinzip und die Eigenverantwortung, ohne die weder Wirtschaft noch Staat oder gar Europa funktionieren?

Ich habe da eine Idee, die nur leider niemand aufgreift: Man sollte einen Senat der Älteren gründen, in dem es vor allem um die Zukunft Europas geht. Die Bundeskanzlerin sollte die ehemaligen Bundespräsidenten Scheel, von Weizsäcker, Herzog und Köhler, die Ex-Kanzler Schmidt, Kohl und Schröder, die Ex-Außenminister Genscher, Kinkel und Fischer und vielleicht auch – wenngleich ich da befangen bin – den einen oder anderen Ex-Finanz- oder Wirtschaftsminister zu einer Runde zusammenrufen. Das könnte vielleicht helfen, die eine oder andere schwierige europapolitische Entscheidung auf eine breitere Basis zu stellen.

Was sind das für absurde Demokratievorstellungen? Äußern dürfen und sollen sich die Altpolitiker natürlich, was sie auch fleißig tun. Doch entscheiden müssen die aktuell gewählten Repräsentanten des Volkes (bzw. auf europäischer Ebene der Völker) und am besten, wenn man es nur ließe, das Volk (bzw. die Völker, also alle Europäer) selbst.

Schließlich antwortet der Ex-Finanzminister auf die Frage “Wie lange wird es den Euro geben?”

Der Denar des Römischen Reichs hatte vier Jahrhunderte lang Geltung. So viel Zeit gebe ich dem Euro auch – dann kommt es zur Weltwährungsunion.

Das ist ein ganz schlechter Vergleich. Das Römische Reich war ein Imperium. Die nach heutigen Maßstäben nicht sehr demokratische Republik zerfiel im Bürgerkrieg und wurde von teilweise sehr problematischer Kaiserherrschaft abgelöst. Der Wert des Denar fiel mit seinem Silbergehalt, bis von beidem nichts mehr übrig war. Es folgte keine Weltwährung, sondern der Niedergang des Reiches (nicht deswegen, sondern aus gemeinsamen Ursachen).

Viele Kulturen und eine Währung – so ist es gut.

Offensichtlich nicht, denn das passt nicht zusammen und kann nicht funktionieren, wie wir es gerade erleben und teuer bezahlen. Eine Einheitskultur mit einer Währung ginge, doch wäre nicht gut, so dass nur die Rückkehr zu vielen Währungen für viele Kulturen bleibt. Der Euro muss sterben, damit Europa leben kann.

Sind Geldgeschenke wirklich besser?

Joel Waldfogel schrieb bereits 1993 im American Economic Review über “The Deadweight Loss of Christmas”. Nach seiner Argumentation führen Weihnachtsgeschenke zu massiven Wohlfahrtsverlusten. Das Argument lautet in aller Kürze, dass ein Geschenk G, welches den Betrag X gekostet hat, der Beschenkten entweder X oder weniger wert ist. Mit dem Betrag X ginge es der Beschenkten also mindestens ebenso gut wie mit dem Geschenk G und häufig besser. Nach dieser Logik sind Geldgeschenke besser als Sachgeschenke (selbst in einem weiten Sinne einschließlich Dienstleistungen und Gutscheinen).

Beim FAZ-Blog “Deus ex machina” wird dies diskutiert und insbesondere auf Studien verwiesen (z. B. diese von Thomas Bauer und Christoph Schmidt), wonach reale Menschen bei Befragungen oft eine höhere Wertschätzung für ihre Geschenke als für deren monetären Gegenwert äußern würden. Das ist ein interessanter Befund, erklärt aber nicht, warum sie sich so äußern und vor allem warum sie nicht einfach mit dem Geld den Gegenstand noch einmal kaufen und den Rest behalten.

Meine eigene kleine Analyse möchte ich damit beginnen, das ursprüngliche Argument noch viel stärker zu machen und auf eine zusätzliche Quelle von Ineffizienz und Wohlfahrtsverlust hinzuweisen. Es folgen dann mehrere Argumente, warum Sachgeschenke Geldschenken doch überlegen sein dürften und man höchstens überlegen könnte, beim gegenseitigen Beschenken abzurüsten oder sogar ganz darauf zu verzichten.

Ein Sachgeschenk kostet nicht nur Geld, sondern auch Zeit oder sogar echte Anstrengung. Bei selbstgebastelten Geschenken versteht sich das von selbst, doch auch ein gekauftes Geschenk will gut überlegt sein und muss dann noch tatsächlich besorgt werden. Geldschenke sind da viel leichter. Zumindest für mich sind diese zusätzlichen Kosten von Sachgeschenken meist viel höher als der eigentliche Kaufpreis, doch in jedem Fall handelt es sich um einen substanziellen Anteil an den Gesamtkosten. Selbst wenn das gut ausgesuchte Geschenk der beschenkten Person besser gefällt als der Kaufpreis in Geld, kann das Sachgeschenk also trotzdem ineffizient sein, wenn nämlich die Beschaffungskosten im weiteren Sinne für den Schenkenden höher sind als für die Beschenkte.

Diese Beschaffungskosten könnten jedoch bereits den ersten Grund bilden, warum Sachgeschenke mehr als Geldgeschenke geschätzt werden, nämlich wenn es gar nicht um das Geschenk an sich, sondern gerade um die Mühe des Schenkenden geht. Ein kleines Sachgeschenk oder sogar für sich wertloses Selbstgebasteltes sind dann eine größere Geste als ein nicht zu hohes Geldgeschenk. Zweitens kann die Sache mit dem Schenkenden verknüpft werden (diese CD habe ich vor Jahren von meiner Partnerin erhalten, jenes Buch von meinen Eltern etc.), was bei Geld so nicht möglich ist (wieder abgesehen von substanziellen Vermögensübertragungen, die ein anderes Thema sind). Drittens ist gerade für Kinder der Akt des Beschenktwerdens, des Auspackens und der Überraschung wertvoll. Auf ein seltenes Geldgeschenk kann dies auch zutreffen, aber nicht mehr auf standardisierte und erwartbare Geldgeschenke. Viertens kann das Sachgeschenk so ausgesucht oder gestaltet werden, dass es von Dritten (z. B. Angehörigen oder dem Staat) nicht so leicht beansprucht werden kann, sondern genau der beschenkten Person (oder in einer perfiden Variante vor allem dem Schenkenden selbst) zugute kommt. Fünftens kann man, zumindest aus Sicht des Schenkenden, meritorische Güter verschenken. Der Alkoholiker würde wohl lieber den Gegenwert des Geschenks versaufen, soll das aber gerade nicht tun. Das scheint mir ein ungemein wichtiger Punkt zu, dessen Bedeutung weit über kleine Geschenke hinausgeht und z. B. für die Sozial- und Bildungspolitik höchst relevant ist und deshalb ein anderes Mal vertieft behandelt werden soll.

Damit komme ich zu meinem sechsten, letzten und wichtigsten Punkt, warum Geldgeschenke Sachgeschenken nicht überlegen sind. Geld hat die Eigenschaft, dass es sich direkt gegeneinander aufrechnen lässt. Wenn sich nun zwei Personen gegenseitig etwas schenken, zu Weihnachten gleichzeitig und zu Geburtstagen oder anderen Feiern zeitlich versetzt, dann kann dies sich entweder im Wert entsprechen oder nicht. Entspricht es sich im Wert, dann haben bei Sachgeschenken beide Seiten eine Sache (im Schrank oder genossen), bei Geldgeschenken hat jeder dasselbe wie vorher, weshalb solche Geldgeschenke völlig sinnlos sind und darauf verzichtet werden sollte. Wenn die gegenseitigen Geschenke nicht denselben Wert haben, wird ein kleinerer Geldbetrag komplett herausgekürzt und effektiv nur die Differenz vom größeren Schenker an den kleineren übertragen, was für beide unangenehm sein kann. Sachgeschenke können hingegen quantitativ reziprok sein, selbst wenn sie es wertmäßig nicht sind. Außerdem könnte das Mischungsverhältnis zwischen Kaufpreis und eigener Anstrengung bei ihnen unterschiedlich sein, was bei Geld nicht geht.

Sinnvoll sind Geldgeschenke also höchstens dann, wenn nur einseitig von einer Person an eine andere geschenkt und kein reziprokes Geschenk in die andere Richtung erwartet wird, also vielleicht am ehesten bei Geschenken von ferneren Verwandten oder Paten an Kinder (was entsprechende Befunde bei Herrn Waldfogel vielleicht besser erklärt als sein eigener Ansatz). Selbst viel ärmeren Freunden und Bekannten sollte man hingegen die Möglichkeit geben, ein reziprokes Geschenk zu geben, selbst wenn es nicht denselben materiellen Wert hat. Die Alternative ist der wechselseitige Verzicht auf Geschenke, der aber gar nicht so leicht wirksam verabredet werden kann. Selbst wenn es vor einer Geburtstagsparty heißt, niemand solle Geschenke mitbringen, möchte man dort nicht allein mit leeren Händen dastehen, oder gar bei der Weihnachtsfeier nur Geschenke empfangen und keine zurückgeben können.