Wohl doch keine griechische Volksabstimmung

Gestern hieß es (auch) hier noch: “Papandreou lässt über Griechenland-Hilfen abstimmen”. Heute gilt das bereits nicht mehr. Letzte Woche stimmte der griechische Ministerpräsident noch den Hilfsmaßnahmen einschließlich den daran geknüpften Bedingungen zu, Montag fühlte er sich nicht mehr daran gebunden, sondern wollte darüber abstimmen lassen, um das heute wieder abzublasen und lieber erst seinen Rücktritt anzubieten, bis das auch nicht mehr galt. Wenn das nicht beweist, dass Politiker (oder zumindest dieser eine) zu viel bzw. alles überhaupt Mögliche versprechen, dann weiß ich auch nicht, was es beweisen könnte (siehe “Warum Politiker zu viel Versprechen” und die Zweifel in der Diskussion dort).

Die Motive des Mannes liegen, zumindest für mich, im Dunkeln. Vielleicht kann nur Irrationalität das erklären, obwohl sie eigentlich gar keine Erklärung ist. Möglicherweise ist das sprunghafte Verhalten rein innenpolitisch oder gar parteitatkisch motiviert (wohl ohne den erwünschten Erfolg der eigenen Machtsicherung). Schließlich könnte es der Versuch gewesen sein, für Griechenland einen günstigeren Deal herauszuholen. Wenn das die für einen griechischen Politiker immerhin nachvollziehbare Absicht war, dann ist sie allerdings völlig gescheitert. Frau Merkel und auch Herr Sarkozy haben unmissverständlich erklärt, dass Griechenland kein besseres Angebot bekommen wird. Eine Abstimmung zwischen dem bestehenden Angebot und gar keinem ist jedoch zugleich witzlos und zugleich gefährlich: Kein vernünftiger Mensch könnte dann gegen das viele Milliarden Euro umfassende Angebot stimmen, doch wütende Griechen täten es vielleicht trotzdem.

Die erstmals klare Haltung und Grenzziehung durch die deutsche Kanzlerin und den französischen Präsidenten sind das eigentlich Gute an dem sonstigen Chaos. Der traurige Ausblick von gestern ist überholt. Selbst Italien könnte jetzt einlenken. Wenn man die “Euro-Rettungsversuche als Chicken Game” interpretiert, wurde die Rolle des Chicken vertauscht. Griechenland hat zu hoch gepokert und die Mitspieler wollten die Karten sehen bzw. haben den Bluff aufgedeckt. Griechenland wird trotzdem geholfen, wenn es sich nicht doch noch dagegen entscheidet, aber erstmals ist der Boden des Fasses zu sehen.

20 Antworten zu Wohl doch keine griechische Volksabstimmung

  1. Ihre Einschaetzung ist natuerlich nicht richtig. Die Krise ist natuerlich kein bischen entschaerft, auch wenn man die Griechen von einem Referendum abgehalten haben mag – und das haette ja auch in die Hose gehen koennen. Merkozy sollen nicht mit der Zukunft Europas spekulieren, als waeren sie ein Hedgefond.

    Dadurch dass man gesagt hat, dass der Euro auch ohne Griechenland weiter gehen kann, hat man natuerlich die Bonitaet des ganzen Euroraums runtergezogen. Das ist ein hoher Preis, den Merkozy da zahlen. Griechenland bekam nicht mehr Geld, aber im Gegenzug kostet eine verschaerfte Krise natuerlich – durch weiteren Vertrauensverlust. Das kleine griechische Fass mag man mit einem Boden versehen haben, aber ein Leck in den Oeltanker hat man dabei geschlagen.

    Die Regierungskrise in Griechenland ist nciht beendet, die Griechen koennen immer noch aus dem Euro austreten und absolut keine Schulden mehr zurueckzahlen . Das waere, bei deren Riesenauslandverschuldung durchaus eine oekonomisch vernuenftige Loesung fuer Griechenland. Die Loesung spreche ich hier an:

    http://eurogate101.com/2011/11/03/merkozy-werfen-griechenland-aus-dem-euro/

    • Meiner Ansicht nach wurde die “Bonität des ganzen Euroraums” (was immer das sein mag) eher gestärkt als geschwächt. “Merkozy” haben doch keinerlei Hilfszusagen zurückgenommen, sondern zum ersten Mal deutlich darauf bestanden, dass Griechenland auch seinen Teil der Vereinbarungen erfüllen muss. Was Ihnen daran nicht gefällt, ist mir schleierhaft. Dass Griechenland einseitig alles hinschmeißen kann, wurde explizit anerkannt, ist aber gar nicht so attraktiv, wie Sie meinen (auf jeden Fall solange es Nettoempfänger ist).

  2. “Wenn das nicht beweist, dass Politiker (…) zu viel bzw. alles überhaupt Mögliche versprechen, dann weiß ich auch nicht, was es beweisen könnte …”

    Oh je, in jener Diskussion kommen wir offensichtlich nicht voran. Was, wenn nicht dieses Beispiel, zeigt überdeutlich, dass es hier nicht um einfache `Versprechen´, Pläne, Programme geht? Dass Politiker oft gar nicht in dem Sprechmodus agieren können, den der Wirtschaftsphilosoph und so große Teile des vox populi wohl gerne hätten.

    Papandreou ist offensichtlich ein Getriebener. Wie soll er denn, bitte schön, seinen Wunsch nach einem Referendum mitteilen? “Liebe Bürger, liebe Partner in der EU, ich stehe hier gerade kurz vor dem Kollaps. Die Bevölkerung, die Opposition und sogar Teile meiner eigenen Partei wollen keine Mitverantwortung für unser Schicksal übernehmen. Echte Reformen sind sehr schwierig in diesem Land und werden erst langsam wirken und nur, wenn es darüber einen gewissen Grundkonsens im Land gibt. Mir fällt im Moment nichts Besseres ein, als ein Referendum abzuhalten. Ich habe keine Ahnung, ob mir das gelingt, aber ich versuche es mal. Ich hoffe, dass die öffentliche Meinung sich drehen wird, wenn ernsthaft über die Alternativen diskutiert wird. Vielleicht sind aber die Widerstände in der eigenen Partei und von der EU aus zu groß. Ich probiere es trotzdem mal.” Das wäre eine ehrlichere Ankündigung gewesen. Sollen Politiker so reden? Get real!

    “Die Motive des Mannes liegen, zumindest für mich, im Dunkeln. Vielleicht kann nur Irrationalität das erklären, obwohl sie eigentlich gar keine Erklärung ist.”
    Es ist doch von Papandreou ganz offen gesagt worden, was er wollte. Obwohl ich persönlich teilweise skeptisch über Volksbefragungen bin, denke ich, dass dies genau der richtige historische Moment gewesen wäre. Ich finde, dass Papandreou äußert vernünftig handelt bzw. zu handeln versucht. Ein echter griechischer und europäischer Held. Allerdings ein tragischer.

    Der Wirtschaftsphilosoph verweigert sich einer Analyse der Funktionsweise von Politik. Wahrhaftigkeit kann nicht die zentrale Rolle spielen. Papandreou hat nichts versprochen, sondern etwas versucht. Da es in der Politik ganz zentral um Durchsetzung/Macht/faktische Probleme geht, hat er sich nicht deswegen beschädigt, weil er ein Versprechen nicht eingehalten hat, sondern weil er sich als zu schwach herausgestellt hat.

    Viele Linke und Liberale wollen sich am liebsten mit moralischen, juristischen und bestenfalls ökonomischen Fragen in der Politik herumschlagen, weil sie die `dunkleren´, härteren Seiten des menschlichen Daseins anrüchig finden. Früher wären doch solche Konflikte wie es sie zur Zeit in der EU gibt auf dem Schlachtfeld ausgetragen worden und jetzt laufen Macht- und Interessenkämpfe ziviler ab. Es sind aber trotzdem KÄMPFE und keine Diskussionsrunden oder juristische Spiegelfechtereien.

    (Der restlichen Analyse stimme ich zu: Merkel und Sarkozy haben genau das Richtige in diesem Moment gemacht. Wieso das die Bonität des Wirtschaftsraum runterziehen soll, verstehe ich auch nicht.)

    • Es geht nicht darum, wie Herr Papandreou die geplante Volksbefragung ankündigte (das weiß ich gar nicht), sondern dass er es ohne hinreichenden Grund (neue Fakten) getan hat, nachdem er selbst kurz zuvor den Rettungsmaßnahmen zustimmte. Vor dieser Zustimmung wäre die Ankündigung einer solchen Befragung gar kein (moralisches) Problem gewesen, bei einer auf eine solche Befragung bedingten Zustimmung auch nicht. So erinnert es aber an einen Mann (oder auch eine Frau), der gerade vor einer Woche heiratete und dabei ewige Liebe und Treue schwor (also wohl in der Kirche, da man das auf dem Standesamt nicht mehr macht), um nun ganz praktisch für freie Liebe einzutreten. Beides kam man machen, aber doch nicht beides zusammen.
      Vielleicht soll man Politik nicht zu sehr moralisieren, doch die hier von Karsten vertretene amoralische Position erinnert sehr an Machiavelli. Ethik hört nicht einfach auf, wenn es um die ganz großen Fragen geht und Kollektiv- statt Individualinteressen vertreten werden, sondern dann ist sie besonders wichtig. Wir sollten meiner Ansicht nach an Politiker eigentlich höhere moralische Maßstäbe anlegen als an Normalbürger. Viel zu hoch dürfen sie natürlich auch nicht sein, sondern müssen noch für normale Menschen erfüllbar bleiben, nicht nur für Engel oder Heilige. Politiker sind auch nicht so stark der Wahrheit verpflichtet wie Wissenschaftler und Philosophen, aber hier jede Verpflichtung und Hemmung über Bord zu werfen, macht die Welt nicht besser, sondern schlechter.

  3. @Karsten
    “Wieso das die Bonität des Wirtschaftsraum runterziehen soll, verstehe ich auch nicht.”

    Hat es aber – die Chinesen liessen gestern verlauten, sie wuerden nicht in den EFSF investieren, wenn ja tatsaechlich die Chance besteht, dass Eurolaender aus dem Euro aussteigen.

    • OK, da ist etwas dran.
      Mein Problem ist, dass ich die Finanzmärkte in Krisenzeiten für inhärent ineffizient halte und deshalb jegliche momentane Bonitätsaussage für entsprechend problematisch. Klar können die Chinesen das so sehen. Ist das aber vernünftig? Wenn Euroländer aus Prinzip niemals aussteigen könnten – egal wie krass die ökonomische und/oder politische Lage ist – dann wäre das für den Euro meiner Meinung nach viel schlimmer.
      Die Chinesen schleppen hier eher ihre eigenen Ängste bezüglich Nation/Volk/Staat mit sich herum und sind deshalb kaum gute Ratgeber.

  4. @wirtschaftsphilosoph
    “Ethik hört nicht einfach auf, wenn es um die ganz großen Fragen geht und Kollektiv- statt Individualinteressen vertreten werden, sondern dann ist sie besonders wichtig.”

    Papandreou hat sich nicht gegen seine Abmachung gehandelt – er hat natuerlich ethisch gehandelt. Er ist ja immer noch fuer die Vereinbarung, unter die er eine Unterschrift gesetzt hat. Aber er wollte halt auch sein Volk fragen. Das ist ethisch einwandfrei – auch wenn man sich da im Nachhinein fuer entscheidet. Denn was waere anders gekommen im Gipfel Ende Oktober, wenn die Absicht des Volksentscheids schon auf dem Tisch gelegen haette? Nichts.

    Die Griechen haetten die gleiche Loesung diktiert bekommen, von Merkozy und den IWF/EU Sparkomikern.

    • Es macht einen sehr großen Unterschied, ob jemand ohne oder mit Bedingungen zustimmt. Wir wissen nicht, was gewesen wäre, wenn er gleich gesagt hätte, dass er sein Volk fragen will. Vielleicht hätte es dann keine Vereinbarung gegeben, vielleicht sogar eine bessere, vielleicht hat er es sogar gesagt und damit einen besseren Deal ausgehandelt, den er dann noch einmal verbessern wollte. Was wir jedoch wissen, ist, dass er mit seinem Vorgehen völlig gescheitert ist. Machiavelli würde ihn nicht loben, aber vermutlich Merkel, die zumindest in dieser Angelegenheit auch die Moral auf ihrer Seite hat.

  5. “…Merkel, die zumindest in dieser Angelegenheit auch die Moral auf ihrer Seite hat.”

    Nach einer langen Sitzung an einer langen Nacht unterschreibt Papandreou etwas, was ihm nicht gefaellt, er aber vertreten will – er will den Gipfel ja nicht platzen lassen. Alle anderen 17 Parteien tragen die Entscheidung ja mit.

    Am naechsten Morgen kommt ihm das alles etwas zweifelhaft vor. Und will nun mal lieber sein Volk fragen.

    Ich halte das fuer ein moralische und menschlich durchaus verstaendiche Entscheidung.

    Es gibt m.E. keine moralische eindeutige Bewertung der Sachlage.

    Das Merkel irgendwas moralisch richtig beurteilen kann, (Luegner im Kabinett, die sie verteidigt; Abschiessen von Bin Laden, dass sie freut; antidemokratische Einstellung nach dem Vorgehen Papandreou) halte ich fuer so gut wie ausgeschlossen. Erstaunlich fuer eine Pfarrerstochter. Das sie sich ab und zu auch mal zufaellig auf der moralisch richtigen Seite befinden koennte, ist natuerlich moeglich.

  6. Wieso “matt us” so extrem verächtlich über Merkel herzieht ist mir schleierhaft.
    Aber ich finde seine einfach Beschreibung, wie es sich möglicherweise bei Papandreou verhalten hat, vorbildlich. Nicht weil ich sicher bin, dass es tatsächlich so war (wir waren alle nicht dabei und kennen den Herrn P. nicht persönlich), sondern weil es ohne die moralischen Höhen des Wirtschaftsphilosophen und der meisten Kommentatoren auskommt:
    “Nach einer langen Sitzung an einer langen Nacht unterschreibt Papandreou etwas, was ihm nicht gefaellt, er aber vertreten will – er will den Gipfel ja nicht platzen lassen. … Am naechsten Morgen kommt ihm das alles etwas zweifelhaft vor. Und will nun mal lieber sein Volk fragen. Ich halte das fuer ein moralische und menschlich durchaus verstaendiche Entscheidung. ”
    Genau! Ein ganz normaler menschlicher und integrer Vorgang.

    Der Wirtschaftsphilosoph macht schon immer den Fehler, dass er jegliche Analyse der Rolle von Moral in der Politik, die notgedrungen mit Kontextualisierung, Relativierung, Typisierung, usw. zu tun hat, mit einer kompletten Aufgabe jeglicher Moral gleichsetzt (” … die hier von Karsten vertretene amoralische Position …”).

    Sein Beispiel (… einen Mann …, der … vor einer Woche heiratete und dabei ewige … Treue schwor …, um nun ganz praktisch für freie Liebe einzutreten) zeigt ein tiefes Missverständnis üblicher moralischer Dilemmata. Plötzlich für freie Liebe einzutreten wäre absurd und kommt auch wohl kaum je vor. Nach einer Woche geht auch kaum einer fremd. That’s not the problem! Unproblematisch ist das moralische Prinzip: „Du sollst nicht fremd gehen!“ Schwierig ist dagegen die Beurteilung der Schwere eines kleineren oder größeren Vergehens und die Einbettung der moralischen Urteile in die Alltagsstory des Lebens.

    Auf der Ebene der Politik kann man sehr vereinfachend sagen: Gute Politik muss immer ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Machiavelli, inhaltlicher Argumente/Prinzipien und Moral hinbekommen. Nein, Moral hört nicht einfach auf im Kollektivbereich, aber es wird viel komplizierter. Insbesondere weil Führungspersönlichkeiten ganz anders inspirieren, überzeugen, vereinfachen, beruhigen und vor allem taktieren müssen, als Einzelne dies im Alltag tun. Wer das übersieht neigt immer zum Populismus in seiner Kritik.

    • Wenn Papandreou integer ist, wer ist es dann nicht? Im Übrigen habe ich gar nicht mit der Moraldiskussion angefangen, sondern mit der Feststellung von Täuschungen. Ob diese manchmal oder sogar häufig legitim sind, weil z. B. selbst schuld ist, wer Politikern glaubt, ist dann erst die nächste Frage. Aber so zu tun, als wäre die Welt im Allgemeinen und die praktizierte Politik völlig ehrlich und in Ordnung, ist für mich als wahrheitsliebenden Philosophen schon ein starkes Stück.

      • Ich hatte an anderer Stelle versucht diese “nächste Frage”, nämlich das Thema: ist es überhaupt eine Täuschung, wenn der Adressat informiert ist? (z.B. Wähler nach der Wende bzgl. der Steuerlüge und Abgeordnete der Regierungskoalition bzgl. Thema Garantiesumme/Hebel), aber das hatte den Wirtschaftsphilosophen nicht wirklich interessiert. Er möchte immer bei dem spannenden tautologischen Satz bleiben „Täuschung ist Täuschung“ und meint damit hinreichende Einsicht ins politische Geschehen gefunden zu haben.

        Auf wen bezieht sich der Wirtschaftsphilosoph, wenn er schreibt “so zu tun, als wäre die Welt im Allgemeinen und die praktizierte Politik völlig ehrlich”? Da hat er sich einen tollen Pappkameraden ausgesucht, weil es bequemer ist mit so einem zu diskutieren. Gähn!

        Aber es freut mich außerordentlich zu hören, dass der Wirtschaftsphilosoph wahrheitsliebend ist!!!!!!!!!!!!! Prima, da kann ja in der Analyse nichts mehr schief gehen! Schon gar nicht, wenn die Gegner falschheitsliebend sind!

      • Mich würde schon interessieren, wie (und wozu) das gehen soll, dass ein Politiker die Unwahrheit erzählt, aber alle das wissen. Aber das wurde ja nicht beantwortet, sondern nur als angeblich schwere Frage in den Raum gestellt. Angenommen, es gibt schwarze Schimmel: Oh, ein reales Paradox existiert und niemand kann es erklären, so dass die Unterscheidung zwischen wahr und falsch nicht mehr gilt.

        Ja, “Täuschung ist Täuschung” ist eine Tautologie, das heißt immer wahr. Viel kann man daraus nicht über die Welt und die Politik lernen, aber doch immerhin so viel, dass diejenigen, die diese Tautologie leugnen, sich entweder irren oder ihrerseits aktiv täuschen wollen (also tatsächlich “falschheitsliebend” sind).

  7. Ich habe Beispiele genannt und auch schon ein kleines Modell dargestellt “Wie und wozu das gehen soll”, dass man in der Politik (und im Alltag) oft nicht ganz die Wahrheit sagt (oder im Extremfall vielleicht sogar ganz klar die Unwahrheit) und die Adressaten dies vermuten, es zumindest wissen könnten oder vielleicht sogar ganz klar wissen. (Das wird bei einer großen Menge von Adressaten natürlich bei jedem ein wenig anders sein.) Ich hatte auch auf psychische Mechanismen hingewiesen, die das begünstigen. Der Wirtschaftsphilosoph kann sich mit Thema beschäftigen oder es weiterhin ignorieren. Vielleicht sind wir auch beide einfach zu unwissend in diesem Bereich und sollten die Fragen eher anderen überlassen.

    Der abstrahierte Extermfall (ähnlich abstrahiert wie jedes ökonomisches Modell) wäre ein Politiker als reiner Schauspieler, der etwas aufführt, von dem die Zuschauer genau wissen, dass es nicht stimmt. So etwas gibt es natürlich in der Politik nicht (ähnlich wie den vollständig informierten Konsumenten, der ja auch nur ein „limiting case“ ist), aber eben doch Annäherungen. Mein Modell war ja, dass der Politiker sich in einer gewissen schizophrenen Lage befindet, nämlich einerseits den ernsthaften Problemlöser zu geben und andererseits den Schauspieler, wobei er als Schauspieler verschiedene Rollen spielt (Papa-König-Figur, Kumpel, netter Schwiegersohn, Besänftiger, Anführer, Motivator, usw.)
    Findet der Wirtschaftsphilosoph ein solches Modell schlicht nicht diskussionswürdig? Hat er Verbesserungsvorschläge? Gibt er wenigstens zu, dass wenn ein echter Schauspieler eine Aufführung macht, er keine Falschaussagen macht, auch wenn er wortwörtlich falsche Dinge sagt? Bestreitet er, dass ein Politiker diese Schauspielerrolle spielen darf/kann/muss? Meint er, dass die Abgeordneten der Regierungsfraktion diese Schauspielerrolle gar nicht/manchmal/meistens durchschauen? Und das Wahlvolk? Eine Antwort auf die eine oder andere Frage wäre ja schon mal ein Fortschritt, so dass es zu einer ernsthaften Diskussion kommen kann.

    Die Tautologie ist langweilig und die Realität spannend. Präzise am Satz “Täuschung ist Täuschung” festgemacht: Die spannende Frage ist, auf welche Vorkommnisse der erste Ausdruck “Täuschung” eindeutig/nur teilweise zutrifft. Auf Schauspieler sicherlich nie. Wie ist es mit dem Liebenden / der Liebenden, die den Seufzer ausstößt “Ich werde dich immer lieben!”?

    Ach ja, die Ausdrücke „wahrheitsliebend“ und „falschheitsliebend“ finde ich so köstlich, dass ich sie gerne weiter verwenden möchte: Es tritt hier also der wahrheitsliebende gegen den falschheitsliebenden Philosophen an. Da sind die Rollen klar verteilt. Ich bin der Böse und/oder Dumme. Wonderful!

    • Die Beispiele hatte ich begründet als nicht den Tatsachen entsprechend zurückgewiesen, woraufhin sie als konstruiert bezeichnet wurden und nichts mehr zeigen. Ein “kleines Modell” habe ich nicht gesehen, was vielleicht auch am Modellbegriff liegt. Unabhängig davon ist mir gar nicht klar, was Sie überhaupt zeigen wollen. Machiavelli ist klar und in sich logisch (sowie ‘falschheitsliebend’, was nicht bedeutet, immer nur die Unwahrheit zu sagen bzw. dafür einzutreten, sondern genau dann, wenn es einem nutzt), der verwandte ökonomische Opportunimusbegriff ebenfalls. Das Gegenextrem ist Kant, gemäß dem man nie lügen darf, selbst wenn der Mörder nach dem Aufenthaltsort seines nächsten Opfers fragt. Das hat auch seine Logik. Ich würde nicht so weit gehen (irgendwann kommt hier noch die versprochene Auseinandersetzung mit Kants Grundideen), doch das ganze Spektrum von Machiavelli bis Kant ist sich und mit mir einig, dass es sich um Lügen bzw. Täuschungen und falsche Versprechen handelt, die bestimmten Zwecken dienen und deshalb entweder stets (Machiavellis Extremposition) oder nie (Kants Gegenextrem) gerechtfertigt sind.

      Der Schauspieler täuscht nicht, wenn alle wissen, dass es sich um ein Schauspiel handelt (während der Politiker doch gerade z. B. als Kumpel erscheinen will, nicht als jemand, der nur einen Kumpel spielt). Sendungen wie “Verstehen Sie Spaß?” täuschen hingegen sehr wohl, nur dass es hinterher aufgeklärt wird (und manche Leute den Spaß nicht verstehen). In der Antike gab es übrigens einen Philosophen, dessen Name mir leider entfallen ist, der nie auch nur zum Spaß etwas Unwahres sagte. Ironie ist schließlich nicht zuletzt deswegen so schwierig, weil nicht jeder den mangelnden Ernst erkennen muss (und ein Hinweisen darauf den Witz kostet). Dass es verschiedene Arten und Grade der Täuschung sowie verschieden starke Gründe dafür gibt, gestehe ich sofort zu. Hier könnte man gerne weiterdiskutieren, doch das scheint nicht Ihr Punkt zu sein, den ich einfach nicht sehe.

  8. Dass Beispiele, die nicht den historischen Tatsachen entsprechen automatisch nichts mehr zeigen, kann ja wohl gerade ein Philosoph nicht ernsthaft behaupten. Was für eine Rolle haben denn die Beispiele sonst in der Philosophie?

    Auch hatte ich die Beispiele gleich beim ersten Mal als `abstrahiert´ / vereinfacht präsentiert, also mussten sie nicht vom Wirtschaftsphilosophen als nicht den Tatsachen entsprechend zurückgewiesen werden.

    “Dass es verschiedene Arten und Grade der Täuschung sowie verschieden starke Gründe dafür gibt, gestehe ich sofort zu. Hier könnte man gerne weiterdiskutieren, doch das scheint nicht Ihr Punkt zu sein, den ich einfach nicht sehe.”
    Doch, das ist sehr wohl ein zentraler Aspekt meines Punktes, aber ich hatte ihn inzwischen weiter ausgeführt. Weiterdiskutiert wurde darüber aber leider bisher kaum. Was uns wohl unterscheidet ist, dass ich das (die genauere Rolle von Wahrheit und Täuschung) für ein besseres Verständnis der Aussagen im politischen Raum für äußerst relevant halte. Sind wir uns wenigstens einig, dass in der Politik weder reiner Machiavelli erstrebenswert noch möglichst große Wahrheitsliebe sinnvoll ist?

    “Mein Modell war ja, dass der Politiker sich in einer gewissen schizophrenen Lage befindet, nämlich einerseits den ernsthaften Problemlöser zu geben und andererseits den Schauspieler, wobei er als Schauspieler verschiedene Rollen spielt.” Wenn der Ausdruck “kleines Modell“ dafür zu hochgestochen ist, dann bitte ich einen anderen einzufügen.

    Egal, ob meine beiden Beispiele im historischen Sinne korrekt sind: ES GIBT DOCH SOLCH EINE ART SITUATION, ODER? Eine Situation, bei dem der Adressat von vorne herein den Wahrheitsgehalt einer Aussage des Sprechers auf eine bestimmte Art relativiert und der Sprecher auch weiß, dass der Adressat dies tun wird. Das ist ähnlich wie die Idee “der Wahrheitsgehalt wird abdiskontiert, weil man Politikern eh nicht glaubt“, aber eben doch etwas differenzierter. Denn mein Ansatz erlaubt es eher darüber zu urteilen, wie relevant der Wahrheitsgehalt in einer bestimmten Situation ist. Anders ausgedrückt: der Adressat sollte nicht immer abdiskontieren und der Redner kann nicht immer davon ausgehen, dass die Rezipienten abdiskontieren.

    3. Beispiel (vom Wirtschaftsphilosophen persönlich): “die vielen Friedensversprechen und -verträge von Herrn Hitler (die auch nicht dadurch weniger unwahr werden, dass er in „Mein Kampf“ etwas anderes schrieb)”. Es stimmt, sie werden nicht weniger unwahr, aber die Wahrheit wird wesentlich weniger relevant. Für seine Gegenspieler ist es sehr wohl (auch bei der moralischen Beurteilung ihrer Handlungen) wichtig, dass Hitler hier schon fast als reiner Schauspieler auftrat. Alle seine Pläne, seine Ideologie, usw. lagen offen auf dem Tisch und alle kannten sie oder hätten sie zumindest kennen können. Wenn jemand derart offen ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit an den Tag legt, dann kann er und die Rezipienten der Aussagen beide wissen, dass es auf die wortwörtlich Bedeutung der Aussagen nicht (kaum) mehr ankommt.

    4. Beispiel: Das gilt auch für Berlusconi bei bestimmten Aussagen. Wenn er Gesetze ändert, um Prozesse gegen sich selbst zu verhindern, dann bleiben seine Begründungen für diese Gesetze zwar (größtenteils) falsch/absurd, aber wird durch diese Aussagen tatsächlich noch irgendjemand getäuscht? Viele Befragungen unter seinen Anhängern zeigen, dass auch diese ihn zum großen Teil als Gauner und Macher cool finden.

    Ich finde Hitler und Berlusconi allerdings für meine Analyse nicht so wichtig. Mir geht es nicht hauptsächlich um unglaubwürdige Charaktere, sondern um bestimmte Situationen, in die auch integre Charaktere hineingeraten.

    All dies ist nicht irgendein Randphänomen, sondern ganz normal und wichtig in allen möglichen Kommunikationssituationen. Ich hätte mich gerne darüber ausgetauscht, ob das nicht in der Politik notgedrungen viel häufiger vorkommt als im Alltag.

    Auf einer tieferen / allgemeineren Ebene geht es um WahrheitsRELEVANZ in Abhängigkeit vom Kontext bei allen Aussagen. Auf dem einen Ende der Skala wäre, wie gesagt, die Schauspieler-Zuschauersituation (Relevanz von Wahrheit = 0), auf dem anderen Ende die Situation, wo ich meinen Sohn frage: “Wie viel Geld hast du aus meinem Portemonnaie genommen?” (Relevanz von Wahrheit ist maximal.)

    Inwiefern das dann alles ethisch relevant ist, kann man als getrennte Frage angehen.

    • Natürlich können vereinfachte und auch rein hypothetische Beispiele sehr hilfreich sein. Das hängt jedoch von ihrer Funktion ab. Als Widerlegung einer realen Gesetz- oder Regelmäßigkeit taugen sie nicht. Konkret hatte ich die These vertreten, dass Täuschungen (wie z. B. falsche Versprechungen, von denen jemand schon zum Äußerungszeitpunkt annimmt, dass er sie nicht einhalten will oder kann) zum Täuschen dienen. Das ist wirklich keine große Erkenntnis, aber offensichtlich leuchten selbst solche einfachen Zusammenhänge nicht jedem ein. Wenn jemand tatsächlich zeigen könnte, dass dieser Zusammenhang regelmäßig nicht besteht, wäre das durchaus eine Leistung oder würde zumindest zu eine substanziell neuen Erkenntnis bei mir führen. Prominente reale (Gegen-)Beispiele hätten also eine große Bedeutung, nach deren Erklärung dann ggf. hinterher noch gesucht werden könnte. Ein fiktives Beispiel bedarf hingegen einer genauen Erklärung. Die bloße Behauptung, man könne das einfach annehmen, ist keine Erklärung oder gar Widerlegung.

      Eine Täuschung muss nicht darin bestehen, dass jemand definitiv das Behauptete oder Versprochene glaubt. Es kann genügen, Verunsicherung zu erzeugen, z. B. ob das Versprechen nicht zumindest eingehalten werden könnte. Ganz perfide sind Täuschungen mit der Wahrheit. Z. B. hätte man “Mein Kampf” für fiktional halten können oder zumindest für nicht mehr aktuell, als Hitler sich als friedensliebender Staatsmann gab. Doch in jedem Fall geht es darum, Meinungen anderer zu manipulieren. Nur wer sich seiner Macht ganz sicher ist und auf die Meinungen anderer gar nicht mehr angewiesen ist (oder umgekehrt ganz ohnmächtig ist wie z. B. Philosophen), kann es sich leisten, ungeschminkt die Wahrheit zu sagen.

      Heute wollen die meisten Menschen übrigens eine einfache und ehrliche Antwort von den Politikern auf die Frage: “Wie viel Geld werdet ihr aus unseren Portemonnaies nehmen?”

      • Darauf kann es offensichtlich keine einfache Anwort geben, zumindest keine intelligente. Eine ehrliche Antwort wäre sehr, sehr, sehr lang und kompliziert, mit etlichen Wenns und Abers. “Die meisten Menschen” würden ungern so lange zuhören.

      • Diese Antwort war doch sehr kurz. Ehrliche Politiker könnten Entsprechendes sagen, z. B. dass sie die Antwort selbst nicht wissen oder zumindest nicht erklären können oder wollen. Das sagen sie aber bewusst nicht, sondern geben unhaltbare, häufig schon nach wenigen Tagen überholte Versprechen ab.

  9. Ich wollte hier über ein wichtiges Thema diskutieren, ein Phänomen, das im Alltag und in der Psychologie bekannt ist und für ein besseres Verständnis der Politik relevant sein könnte. Jetzt lese ich, dass es hier nur um Folgendes gehen soll:
    “Konkret hatte ich die These vertreten, dass Täuschungen … zum Täuschen dienen.”
    OK, akzeptiert.
    “Das ist wirklich keine große Erkenntnis, aber offensichtlich leuchten selbst solche einfachen Zusammenhänge nicht jedem ein.”
    Doch, doch. Ich bekenne mich: Es leuchtet inzwischen auch mir ein, dass Täuschungen zum Täuschen dienen. Belassen wir es am besten dabei.

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