Es gibt eine riesige Bewertungsliteratur mit ganz komplizierten Formeln. Keine Angst, die werde ich hier nicht vorstellen, zumal wesentliche Teile davon auf völlig unrealistischen Annahmen beruhen, z. B. bekannten Auszahlungswahrscheinlichkeiten oder normalverteilten Risiken. Hier will ich nur eine simple Idee vorstellen, wie (begrenzt) rationale Anleihenkäufer mit der Möglichkeit von Staatspleiten umgehen.
Zur Bewertung einer Aktie müssen im Prinzip alle denkbaren zukünftigen Entwicklungen abgeschätzt und in einem Erwartungswert verdichtet werden. Eine Anleihe, sei es von Unternehmen oder auch vom Staat, ist im Prinzip einfacher zu bewerten. Wenn sie mit Sicherheit vereinbarungsgemäß bedient wird, also alle versprochenen Zinszahlungen und am Ende der Laufzeit die Rückzahlung vollständig und pünktlich erfolgen, sind einfach all diese Zahlungen mit dem risikolosen Zinssatz abzudiskontieren. Anders ausgedrückt, diese per definitionem risikolose Anleihe bringt genau den risikolosen Zins. Wie dieser bestimmt wird, ist ein anderes Thema. Wer grundsätzlich gegen Zinsen ist, kann eigentlich auch nur diese risikolose Komponente meinen, da der Rest ein Risiko- oder Unsicherheitsaufschlag ist, ohne den man systematisch Geld verlieren würde beim Verleihen. Weiterhin gilt, dass sich reale Anleihen nicht in dieser risikolosen Komponente unterscheiden (höchstens noch in den Laufzeiten oder natürlich noch der Währung, die eine andere Form des Risikos darstellt, während die Rückzahlung in einer anderen als der vereinbarten Währung, z. B. in Drachmen statt Euro, einen Bruch des Zahlungsversprechens darstellt).
Worin sich reale Anleihen unterscheiden und warum sie unterschiedlich verzinst werden, ist die Wahrscheinlichkeit p oder, falls diese nicht definiert ist, die Unsicherheit, mit der die jeweilige Anleihe ausfällt, d. h. die vereinbarten Zahlungen nicht wie vereinbart erfolgen. Dabei ist es im Prinzip egal, in welcher Weise die Vereinbarungen gebrochen werden und ob Minderleistungen vielleicht ‘freiwillig’ heißen oder in gewisser Weise sogar ‘freiwillig’ sind, um einen noch größeren Kreditausfall abzuwenden.
Neben der Ausfallwahrscheinlichkeit bzw. -unsicherheit ist auch noch relevant, wie hoch dieser Ausfall ist. Ein Totalausfall, bei dem gar nichts gezahlt wird, ist möglich und bei Unternehmenspleiten gar nicht so selten. Ein minimaler Ausfall von z. B. einem Prozent der Forderungssumme ist ebenfalls möglich, aber ziemlich unwahrscheinlich, da er dann wegen bestimmter direkter Kosten des Ausfalls und auch des damit verbundenen Reputationsverlusts nach Möglichkeit ganz verhindert würde. Empirisch beobachtbare Ausfälle von Staatsanleihen bewegen sich in einer Größenordnung von 30 % und mehr bis hin zum Totalausfall. Die Abschätzung des Wertes einer Anleihe, wenn es zu einem Ausfall kommt, ist ähnlich schwierig wie stets bei einer Aktie, da hier dann auch alle möglichen Faktoren diesen Wert erhöhen oder senken können, während bei einer noch nicht ausgefallenen Forderung nur solche Ereignisse relevant sind, die ihre Ausfallwahrscheinlichkeit ändern.
Zur Vereinfachung nehme ich an, dass im Falle eines Ausfalls ein Anteil a von der Forderung nicht mehr erfüllt wird und (1-a) doch noch (ggf. ist a ein Erwartungs- bzw. Schätzwert; in einer komplexeren Analyse könnte auch mit verschiedenen Ausfallraten gearbeitet werden, die je ihre eigene Ausfallwahrscheinlichkeit bzw. -unsicherheit haben). Wenn z. B. 100 Euro Rückzahlung einschließlich Zinsen vereinbart wurden und zum festgesetzten Termin nur 50 Euro gezahlt werden (und später nichts weiter), liegt a bei 50 %.
Das Produkt aus p und a stellt den insgesamt erwarteten Ausfall einer Anleihe dar. Bei einer sicheren Anleihe ist p null (oder auch a = 0). Wenn in einem Jahr der Nennwert N einschließlich vereinbarter Zinsen gezahlt wird, beträgt ihr Wert heute N/(1+i), wobei i den sicheren Zins bezeichnet. Wenn eine Anleihe sicher ausfällt (p = 1), erhält man nur (1-a) vom Nennwert, ihr heutiger Wert ist also höchstens (da gegebenenfalls a selbst risikobehaftet ist, wofür ein zusätzlicher Risikoabschlag beim heutigen Preis verlangt wird) (1-a)N/(1+i). Normalerweise liegt p irgendwo zwischen 0 und 1 (und meist deutlich näher an 0), so dass die maximale Bewertung heute bei pN/(1+i) + (1-p)(1-a)N/(1+i) liegt, worauf in Abhängigkeit von p und a sowie der eigenen Risikoneigung und gegebenenfalls beschränkten Rationalität noch ein Abschlag R(p, a) erfolgt.
Wie verhält es sich mit der angesprochenen echten Unsicherheit, bei der sich p nicht bestimmen lässt oder vielleicht sogar einfach unbestimmt ist? Nun kommt eine interessante Eigenschaft von Märkten ins Spiel, die bei “Eine Erklärung der Kursentwicklung und Implikationen” bereits erwähnt wurde: Märkte bewerten immer, zumindest solange überhaupt Kurse gestellt werden, und alles, woraus sich implizite Wahrscheinlichkeiten ergeben. Sind objektive Wahrscheinlichkeiten allgemein bekannt, werden sich diese in den Kursen widerspiegeln. Doch auch ohne sie entsteht ein Kurs, der eine intersubjektive Wahrscheinlichkeit ausdrückt. Jeder einzelne Marktakteur muss dabei ‘nur’ entscheiden, ob er zum gegebenen Kurs lieber kaufen, verkaufen oder gar nichts tun will.
Wenn viele Marktteilnehmer p und a höher einschätzen oder auch sonst vorsichtiger sind (höheres R) als vorher bzw. in einem Alternativszenario, dann wird auch der geforderte Zinszuschlag bzw. Spread höher und der resultierende Kurs niedriger sein. Das ist völlig vernünftig und hat nichts mit Marktpanik zu tun.
Es ist allerdings möglich, dass es eine verstärkende Rückkopplung zwischen den Zinsen einerseits und p sowie a andererseits gibt. Wenn ein Staat (oder auch Unternehmen) höhere Zinsen zahlen muss, nimmt er dazu vielleicht mehr Kredite auf (bzw. hat bei gleichem Kreditbetrag heute eine höher Zahlungsverpflichtung in der Zukunft), woraufhin die Wahrscheinlichkeit einer Insolvenz p und der Ausfall a in ihr steigen, was wiederum die Zinsen erhöhen kann. Das passiert allerdings nicht ganz von allein, sondern hat in der Regel Gründe. Außerdem beruht längst nicht jeder Zinsanstieg auf einer solchen Rückkopplung, bei welcher Zinssenkungen sich ebenfalls selbst verstärken würden und deshalb z. B. durch eine Zahlungsgarantie oder auch eine Kreditausfallversicherung, etwa in Form der viel geschmähten Credit Default Swaps, umkehren ließe.
Morgen wird eine wichtige politische Implikation aus diesem simplen Bewertungskalkül erläutert, nämlich dass (und warum) eine Entscheidung zwischen Insolvenz oder garantierter Zahlung am besten sofort getroffen wird und jede Verzögerung, wie wir sie schon seit vielen Monaten erleben, sehr teuer und (wenn es keinen überragenden Grund dafür gibt) ineffizient ist.