Monatsarchiv: Oktober 2011

7.000.000.000 Menschen

Nach offiziellen UN-Schätzungen leben ab heute sieben Milliarden Menschen auf der Erde (vgl. “Now we are seven billion” und “A tale of three islands” vom Economist). Das ist vielleicht kein Grund zum Feiern, aber auch kein Grund zur Panik, zumal die Wachstumsraten inzwischen gefallen sind und Hoffnung besteht, dass vielleicht bei zehn Milliarden Menschen ein Maximum erreicht wird. Selbst da könnte man als Utilitarist überlegen, ob es nicht noch mehr Menschen mit positivem Lebensglück geben könnte. Doch vielleicht sollte eher das durchschnittliche Glück gesteigert werden als die Gesamtsumme (was auch beim BSP sinnvoll erscheinen kann, wobei dann z. B. die geringen absoluten Wirtschaftswachstumsraten von Japan bei fallender Bevölkerungszahl gar nicht mehr so schlecht aussehen). Vor allem ist darauf zu achten, dass die Erde die vielen Menschen auch ernähren und mit allen übrigen Gütern versorgen kann. Dafür ist jedoch die Zahl an Menschen weniger entscheidend als ihr sehr ungleicher Verbrauch pro Kopf. Dabei geht es weniger um Einschränkungen im Konsum, sondern vor allem beim Ressourcenverbrauch, also intelligentes und qualitatives (Wirtschafts-)Wachstum. Siehe auch “Ist exponentielles Wachstum widernatürlich?”

Trennbankensystem light

Unter “Glass-Steagall Act” hatte ich gefordert, ein Trennbankensystem einzuführen, wie es die USA von 1933 bis 1999 mit diesem Act gesetzlich vorschrieben, während die deutschen Universalbanken früher im Investmentbanking viel weniger engagiert waren. Ein wichtiger Vorteil der Trennung des normalen Einlagen- und Kreditgeschäfts vom Investmentbanking mit vielen riskanten Finanzinnovationen ist es, dass die Kreditversorgung von Unternehmen und Haushalten nicht zur Geisel von Fehlspekulationen wird. Selbst die sinnvolle Erhöhung der Eigenkapitalquote von Banken wird nun kritisiert, weil sie zu einer Einschränkung der Kreditvergabe führen würde (was jedoch auch an der ungünstigen Ausgestaltung der Erhöhungsvorschriften liegt), was teilweise sogar von der vorgeschlagenen Trennung behauptet wird.

Das ist natürlich Unsinn (siehe auch den schönen Vorschlag von Wirtschaftswurm: “Muss Bankenrettung immer teuer sein? – Lösung ‘good bank’”). Trotzdem könnte es sein, dass die Trennung der Universalbanken in normale Kreditbanken einerseits und Investmentbanken andererseits zu lange dauert, politisch zu schwierig ist oder sogar ökonomisch doch nicht in jedem Fall zu wünschen wäre (falls zumindest einige Universalbanken doch wegen ‘Economies of Scope’ effizient sind und nicht nur von einer problematischen Risikoverteilung profitieren). Deshalb lohnt es sich, über ein umgekehrtes Vorgehen zur Vermeidung der die Realwirtschaft gefährdenden Kreditverknappung nachzudenken, also nicht Universalbanken zu verbieten, sondern Kreditanstalten ohne Investmentbanking zu fördern.

Zumindest in Deutschland haben wir mit Sparkassen und Genossenschaftsbanken Kreditinstitute, die kein Invstmentbanking (jedenfalls im großen Stil) betreiben und relativ unbeschadet durch die Krise gekommen sind. Das gilt nicht für die Landesbanken, die keinen rechten Zweck mehr hatten und sich deshalb als schlechte Investmentbanken hoffnungslos verspekulierten. Der Staat ist also keineswegs der bessere Banker, doch die Beschränkung auf die Kreditversorgung der Realwirtschaft hat große volkswirtschaftliche Vorteile. Diese Kreditvergabe ist natürlich ebenfalls mit Risiken verbunden, insbesondere wenn in einer Krise viele Kreditnehmer gleichzeitig ausfallen. Doch das Geschäft und die Risiken sind überschaubarer und ihnen stehen deutlich erkennbare Vorteile gegenüber, während viele Finanzinnovationen sich durch Intransparenz auszeichnen und zum Spekulieren auf exorbitante Gewinne einladen, während Verluste auf die Allgemeinheit abgewälzt werden sollen. Um dieses Geschäftsmodell zu zerstören, ist die Kreditversorgung der Realwirtschaft einschließlich privater Haushalte unabhängig davon sicherzustellen, was auf folgende Weise geht:

Reine Kreditanstalten sind bevorzugt mit Mitteln auszustatten, so dass gegebenenfalls sie allein Unternehmen und Haushalte hinreichend mit Krediten versorgen können. Die Bevorzugung kann auf vielerlei Weise erreicht werden, beispielsweise deutlich geringere Eigenkapitalanforderungen (weil ihr Risiko nicht zwingend geringer, doch auf jeden Fall überschaubarer und sinnvoll ist), staatliche Garantien und gegebenfalls staatliche Einlagen, bevorzugte Behandlung durch die EFSF oder sogar offene Subventionen (die sich aus einer Abgabe für Investmentbanking finanzieren ließen). Die Sparkassen und Genossenschaftsbanken kommen sofort in den Genuss dieser Förderung, aber sie steht auch jeder privaten Bank offen, die sich auf das normale Einlagen- und Kreditgeschäft beschränkt. Es bietet sich an, einen Katalog von förderungswürdigen Finanztransaktionen aufzustellen. Wer sich auf diese beschränkt, wird gefördert (statt diese Transaktionen, z. B. die Kreditvergabe an Unternehmen, direkt zu fördern, was ihre gefährliche Vermischung mit anderen Geschäften erlauben würde). Wenn sich Finanzinnovationen hinreichend bewährt haben und volkswirtschaftliche Vorteile versprechen, können sie neu in den Katalog aufgenommen werden. Ungeförderte Banken können dagegen machen, was sie wollen, werden dann aber schlimmstenfalls auch nicht gerettet. Es ist ein Trennbankensystem light, weil Universalbanken nicht verboten werden, doch die Regulierung und Förderung reine Kreditanstalten beim Kreditgeschäft begünstigt, während auch reine Investmentbanken wie beim strikten Trennbankensystem zulässig bleiben, jedoch ebenfalls weder gefördert noch im Insolvenzfall gerettet werden.

Eilige Frage zur Promotionsbenotung

Unter “Qualifizierte Promotion” hatte ich das formale Benotungsschema für Promotionen vorgestellt. Nun führte ich gestern ein Gespräch zur tatsächlichen Benotungspraxis, welches mir zu denken gab. Ein Kollege meinte, dass man eigentlich jedem Doktoranden die Höchstnote “summa cum laude” geben müsse (und er das zumindest als Erstgutachter auch tut), da viele andere Kollegen bei viel schlechteren Kandidaten so verfahren würden (um dann so zu tun, als hätten sie die besseren Doktoranden, weil sie selbst ihnen die Höchstnote gegeben haben) und wir doch ohnehin nur die Jahrgangsbesten zur Promotion zuließen.

Mir leuchtet das nicht so richtig ein. Dient die Promotionsnote nicht zur weiteren Differenzierung der in jedem Fall wissenschaftlich Befähigten, da Unfähige wie z. B. Plagiatoren gar nicht zu promovieren sind? Außerdem können durch eine differenzierte Notenvergabe auch die Besten noch zu Höchstleistungen angereizt werden, während sie sich sonst gegenüber anderen schlechter auszeichnen können. Schließlich wäre ein Wechsel zur alleinigen Vergabe der Höchstnote an alle unfair gegenüber denen, die sich dafür früher mehr anstrengen mussten bzw. für gleiche Leistungen eine nicht ganz so hervorragende Note bekamen. Richtigerweise sollte man dann für Promotionen Noten ganz abschaffen, wie es auch in Habilitationsverfahren keine Noten gibt (jedoch gegebenenfalls eine Einschränkung der Venia legendi).

Nun ist das offensichtlich keine Frage, die jeder Gutachter ganz für sich allein entscheiden kann und sollte. Das formale Notenschema gibt es, während die Benotungspraxis anderer ein hinzunehmendes und zu berücksichtigendes Faktum ist. Allein davon stark abzuweichen, ist offensichtlich ein Problem, ein wenig für den Betreuer und ziemlich massiv für die betreuten Doktoranden. Deshalb meine Frage (die eilig ist, da mal wieder eine Begutachtung mit Notenvergabe ansteht): Wie schätzen Sie die Benotungspraxis ein und wie sollte sie Ihrer Ansicht nach sein (was offensichtlich nicht dasselbe sein muss)? Dabei interessieren mich die Meinungen aller denkbaren Gruppen, am besten mit Angabe der Gruppenzugehörigkeit, also von a) bereits Promovierten, b) gerade oder demnächst Promovierenden, c) Promotionsbetreuern sowie d) in die Thematik persönlich gar nicht verstrickten Personen.

Als kleinen Anreiz zum Antworten darf sich jeder, der noch diesen Monat antwortet, ein Thema wünschen, welches ich hier behandeln werde. Dasselbe gilt für meine aktuellen Facebook-Fans. Natürlich darf auch sonst jeder jederzeit zu Themen anregen (oder an schon in Aussicht gestellte Themen erinnern).

Warum Politiker zu viel versprechen

Erstmals befördere ich einen hoffentlich hinreichend interessanten Diskussionskommentar von mir (unter “Vorbemerkungen zur Spieltheorie”) zu einem Blog-Eintrag:

Eindeutig beobachten lässt sich, dass viele Zusagen bis hin zu Versprechen und Verträgen von Politikern schnell wieder gebrochen werden. Bei Wahlversprechen ist das sprichwörtlich, doch auch aktuell zeigt es sich ganz deutlich. Bei der inzwischen vorletzten Abstimmung zum Euro-Rettungsschirm sollte es definitiv keinen Hebel geben. Wer glaubt, dass die deutsche Haftungssumme nun definitiv und endgültig auf 211 Milliarden Euro begrenzt ist, muss schon sehr naiv sein und wird bald von den Ereignissen überrollt werden. Vielleicht sind Politiker so naiv und gutgläubig, dann wären sie immerhin nicht unredlich und würden nicht lügen, wenn sie ihre Versprechen abgeben, sondern nur sehr flexibel in ihrer Meinung und schwach an Gedächtnis. Viel plausibler ist jedoch, dass sie genau wissen, was sie tun, und ganz kalkuliert viel mehr versprechen, als sie halten können. Warum tun sie das? Weil sie sonst keine (Spitzen-)Politiker in einem sehr kompetitiven Umfeld mit enorm vielen Sachzwängen wären. Politiker handeln also nicht zufällig so und andere Personen in ihren Ämtern würden ähnlich handeln, aber deshalb sollte man nicht die Tatsachen verdrehen, nämlich dass Politiker die Tatsachen verdrehen und zu viel versprechen (müssen).

Politiker hätten gerne mehr Reputation, doch dabei handelt es sich um ein langfristiges Konzept: Man verzichtet kurzfristig auf opportunistische Vorteile, um langfristig den Ruf aufzubauen und zu erhalten, genau diesen Verzicht zu üben (also z. B. sein Wort zu halten, obwohl es mit Kosten verbunden ist). Wer jedoch von einer Krise in die nächste stolpert, seien es schwere Krisen für das Land und Europa oder nur solche für die eigene Partei und Karriere, kann sich diese langfristige Perspektive schlicht nicht leisten. Ohne kurzfristigen Opportunismus ist man als Spitzenpolitiker schnell alle Ämter los, so dass man vom langfristigen Ruf auch nicht viel bzw. wegen Bedeutungslosigkeit gar keinen Ruf mehr hätte. Dass Politiker sich immer wieder begegnen, nutzt hier also wenig, da sie jeweils den Augenblick meistern müssen, um beim nächsten Mal noch dabei zu sein.

Was nun uns normale Menschen angeht, so sind die meisten durchaus ehrlicher und redlicher. Das bedeutet nicht, “im Alltag allen Menschen immer möglichst ehrlich und offen die Meinung zu sagen”. Zwischen Ehrlichkeit und Offenheit besteht ein Spannungsverhältnis. Nichts zu sagen oder gar zu versprechen, ist meistens die ehrlichere Variante. Dass ich hier unter Pseudonym schreibe, ist offensichtlich auch nicht die offenste, aber durchaus eine ehrliche Variante, die sogar den Aufbau einer eigenständigen Reputation für den Wirtschaftsphilosophen ermöglicht. Warum halten die Politiker dann nicht öfter die Klappe und hören auf, unhaltbare Versprechen zu machen? Im Medienzirkus wird der Lauteste am meisten gehört. Außerdem ist es ein Gleichgewicht, dass Politikerworte stark abdiskontiert werden (das gilt übrigens ähnlich auch in Arbeitszeugnissen und bei Vorstellungsgesprächen). Wenn dann einer gar nichts oder nur sehr wenig verspricht, muss man sich Sorgen machen, dass er noch viel weniger hält bzw. wirklich an gar nichts gebunden ist. Wer würde schließlich einen Politiker nur wegen seiner Ehrlichkeit wählen, mit der er eine ganz andere, vom eigenen Standpunkt abweichende Position vertritt?

Ist Merkels Triumph ein Pyrrhussieg?

Die Bundeskanzlerin konnte gestern (bzw. heute in der Nacht) den größten Triumph ihrer Kanzlerschaft feiern. Sie hat alles erreicht und durchgesetzt, was sie wollte. Der Euro-Rettungsschirm wird auf mindestens eine Billionen Euro gehebelt werden, während die direkte Haftung Deutschlands über die bereits zugesagten 211 Milliarden Euro nicht hinausgeht und die EZB sich zukünftig bei Anleihenkäufen zurückhalten soll. Die Banken verzichten ‘freiwillig’ auf die Hälfte ihrer Forderungen gegenüber Griechenland und die anderen Euro-Länder haben Reformen nach deutschem Vorbild zugesagt. Innenpolitisch ist die echte Opposition auf die Linkspartei und eine Handvoll versprengter Koalitionäre reduziert worden, während SPD und Grüne ihren Kurs stützen und in dieser wichtigen Frage keine ernsthafte Wahlalternative mehr bieten. Wenn alles gut (für sie) läuft, ist nicht nur der Euro gerettet, ohne dass die Garantien in Anspruch genommen werden, sondern die ganze Krise vorbei und die nächste Wahl so gut wie gewonnen.

Doch Frau Merkel gab gleich in ihrer Regierungserklärung zu, dass erhebliche Risiken bestehen. Es stehen nicht nur 211 Milliarden Euro im Risiko, sondern die Krise könnte weitergehen, insbesondere wenn andere Länder ihre Zusagen nicht einhalten. Ernsthafte Probleme z. B. in Italien würden mehr als eine Billionen Euro erfordern bzw. weitere Schuldenerlasse nötig machen. In der EZB sind erhebliche Risiken versteckt und auch Griechenland ist noch lange nicht über den Berg, wobei es zumindest zu begrüßen ist, dass das lange Leugnen, auch und gerade durch die Kanzlerin, der Notwendigkeit einer Umschuldung endlich vorbei ist. Die FDP könnte als künftiger Koalitionspartner ausfallen, weil sie entweder noch mehr Versprechen gebrochen haben wird und ihre Identität ganz verliert oder sich nach dem Mitgliederentscheid völlig zersteitet. Von daher könnte sich dieser Triumph als ungemein teuer und damit als Pyrrhussieg erweisen. Die anderen Länder haben jetzt jedenfalls nur zugestimmt, weil Deutschland den Großteil der Zeche zahlt. Wer zahlt, schafft an. Doch die Gegenleistungen stehen noch aus und sind unsicher.