Monatsarchiv: August 2011

Ökonomische Prognosen

Martin Greive schreibt bei WELT ONLINE: “Die Ökonomie steckt in einer tiefen Sinnkrise”. In dem Artikel geht es vor allem darum, dass die Zunft der Ökonomen die aktuelle Krise nicht kommen sah und auch sonst bei ihren Prognosen oft daneben liegt. Ökonomen liegen “bei der Reputation meilenweit hinter anderen Berufsgruppen – und nur knapp vor Astrologen”.

Wenn es um Prognosen geht, halte ich das durchaus für gerechtfertigt! Astrologen behaupten (wie z. B. auch Theologen, die sich heutzutage jedoch bei Prognosen, z. B. über das Datum des Jüngsten Gerichts, zurückhalten), Wissen zu besitzen, welches sie nicht haben. Ihre Prognosen treffen rein zufällig zu oder eben auch nicht. Bei ökonomischen Prognosen ist das nicht viel anders (siehe auch “Agnotologie, die Lehre vom Nichtwissen”). Im Grunde werden Trends fortgeschrieben, um die die reale Entwicklung mehr oder weniger schwankt, wenn nicht exogene Schocks sehr große Veränderungen bringen. Die exogenen Schocks können Ökonomen eigentlich überhaupt nicht vorhersagen, aber auch endogene Trendbrecher und die normalen Schwankungen sind ein großes Problem.

Entsprechend wurde die aktuelle Krise nicht prognostiziert, konnte es aber meines Erachtens nach auch gar nicht. Dass einzelne Personen vorher schon von einer Krise sprachen, die irgendwann kommen würde, ändert daran nichts. Denn dass irgendwann einmal eine Krise kommt, ist sehr plausibel (während die Verkünder einer für immer krisenfreien Zukunft definitiv keine Ahnung hatten), während bei vielen nur geratenen Vorhersagen über den Zeitpunkt einige rein zufällig richtig sind. Entsprechend können auch Astrologen zufällig (bei konkreten Prognosen) oder systematisch (irgendein gutes oder schlechter Ereignis wird schon irgendwann eintreffen) recht haben.

Von daher halte ich ökonomische Prognosen, zumindest wenn sie als wissenschaftlich gesichert und nicht als reine Trendfortschreibung ohne jede Gewähr präsentiert werden, für grundsätzlich unseriös und unwissenschaftlich. Daran werden bessere Prognosemodelle auch nichts ändern. Bedeutet das nun, dass Ökonomen zu gar nichts zu gebrauchen sind? Nein, Ökonomik ist nur einfach keine prognostische Wissenschaft (wie auch Philosophie nicht), aber wir können Sachen erklären (leider meist erst ex post) , z. B. warum Prognosen nicht funktionieren. Denn das ist seinerseits kein Zufall oder ‘nur ‘eine langjährige Erfahrung, die morgen durch ein neues Prognosemodell überholt werden könnte (weshalb auch dauernd neue Modelle angepriesen werden).

Makroökonomische Prognosen könnten vielleicht sogar etwas besser werden (viel Luft nach oben besteht jedenfalls), doch (gewinnträchtige) Prognosen über den Börsenkurs sind aus endogenen Gründen unmöglich. Wenn alle wüssten, wie stark die Börse bis zum nächsten Jahr steigt, dann würde sie sofort auf fast dieses Niveau steigen und danach nur noch mit dem sicheren Zinssatz. Wenn nur Sie das wüssten, wäre die Anpassung nicht ganz so schnell, doch mit jedem Verdienst aus Ihrem Wissen würden Sie die Differenz verkleinern. Trotzdem verdienen Finanzberater, Fondsmanager, Banker, Journalisten, Buchautoren und sogar einige Wissenschaftler jedes Jahr zusammen viele Milliarden damit, dem Publikum unbrauchbare Börsentipps und Erfolgsstrategien zu verkaufen. Dagegen sind Astrologen wirklich harmlos, wenngleich auch sie gelegentlich Horoskope für Unternehmen und deren Aktien erstellen oder Börsenkurse wie Lottozahlen vorherzusagen versuchen.

Ein (anderer) Wirtschaftsphilosoph über die Grünen

Gerd Habermann schrieb für WELT ONLINE, wo er als ‘Wirtschaftsphilosoph’ bezeichnet wird, den Beitrag “Die Grünen sind antiliberale Gleichmacher”. Das ist eine gute Überschrift in dem Sinne, dass sie den Inhalt des Beitrags auf den Punkt bringt. Ob das eine gute wirtschaftsphilosophische oder auch politische Analyse darstellt, ist eine ganz andere Frage. Offensichtlich sind ‘Die Grünen’ nicht ‘Die Liberalen’. Doch wer hätte das ernsthaft erwartet?

Sowohl in der Lehre als auch bei diesem Blog stelle ich mir ständig die Frage, ob und wie ich meine eigene politische Position einbringen soll (siehe insbesondere meinen Beitrag “Werturteilsfeiheit und Werte”). Vermutlich ist es am besten, seine eigenen Werte nicht zu verschweigen, diese jedoch auch nicht als wissenschaftliche Wahrheit auszugeben, die sie nicht sind. Zugleich sind nicht alle Werte gleichermaßen gültig. Es gibt auch hier Argumente und begründete Entscheidungen, nur sind diese bei Werturteilen anders als bei Tatsachenfragen. Weiterhin sind logische Analysen möglich, z. B. was aus bestimmten Werten folgt und ob verschiedene Werte miteinander verträglich sind oder sich widersprechen.

Was nun die Parteipolitik angeht, so besteht die erste Erkenntnis wohl darin, dass Anspruch und Wirklichkeit nicht dasselbe sein müssen. ‘Die Liberalen’ sind gar nicht in allen Fragen liberal oder auch nur wegen ihres Namens zwingend die liberalste Partei. Zumindest theoretisch könnten das auch ‘Die Grünen’ oder ‘Die Linken’ sein. Von daher sind die Ausführungen dieses anderen Wirtschaftsphilosophen, dass sie es nicht sind, nicht völlig trivial. Aber ist das a) nur Zufall und b) schlimm?

Ad a): Alle (größeren) Parteien in Deutschland haben ein liberales Element, selbst DIE LINKEN. Ihr Ziel ist keineswegs ein reiner Kollektivismus, bei dem es auf Individuen nicht ankommt, sondern sie sehen eine Steigerung des Nutzens und sogar der Freiheit von Millionen Menschen durch Umverteilung (siehe auch “Lafontaine zum Liberalismus”). In dem Sinne, also ideell, wenn auch nicht unbedingt in der praktischen Politik, sind sie liberalen Positionen durchaus näher als eine wirklich ökologische Partei. Denn deren Ziel sind gar nicht Menschen oder spezielle deren Freiheit, sondern etwas anderes, die Natur. Das führt zu ganz anderen Werten, wobei die Natur ihrerseits nicht eine Einheit bildet, sondern viele Perspektiven darauf möglich sind (z. B. ob es um das Wohl einzelner Tiere geht oder mehr um Arten, ob gerade an einem Ort vorhandene Tiere und Pflanzen zu schützen sind oder dort ursprüngliche, ob die Natur unberührt gelassen oder gehegt werden soll etc.). Außerdem ist die Verknüpfung mit wissenschaftlichen Theorien und Tasachen noch viel stärker als bei einer Betonung der menschlichen Freiheit. Wenn z. B. Waldsterben oder Klimawandel gar nicht stattfinden, ist das unmittelbar relevant, wie auch die Abwägung bei der Energieerzeugung zwischen Kernkraft und Kohle viel stärker wissenschaftlich fundiert werden müsste. Weiterhin ist es eher eine Tatsachen- als eine ideologische Frage, ob sich eher durch staatliche oder marktliche Mechanismen mehr und besserer Umweltschutz verwirklichen lässt.

Ad b): Deshalb ist der gravierendere Vorwurf gegen Bündnis 90/Die Grünen (als ihre geringe Liberalität) aus meiner Sicht, dass sie ihrer eigenen Leitidee nicht hinreichend folgen. Die Ablehnung der Kernenergie ist für die Partei konstitutiv, aber nicht zwingend die beste Lösung für Natur und Umwelt (was zumindest offen diskutiert werden müsste). Wann ist es sinnvoll, gegen Projekte der Bahn oder zur Erzeugung erneuerbarer Energien zu protestieren? Was ist aus dem früher ebenfalls konstitutiven Wert des Friedens geworden, wenn führende Grüne seinerzeit den ersten Kriegseinsatz Deutschlands verantworteten und nun gegen die Enthaltung des amtierenden Außenministers zu Kampfeinsätzen in Libyen hetzen? Ist schließlich Nachhaltigkeit in der Finanz- und Sozialpolitik wirklich dasselbe wie Nachhaltigkeit in der Natur oder gibt es vielleicht zu ganz vielen Politikfeldern eigentlich gar keine originär grünen Ansätze?

Reiche für Reichensteuern

Multimilliardär Warren Buffett hat mit seiner Erklärung “Stop Coddling the Super-Rich” den Anfang gemacht, es folgten Erklärungen von Millionären in anderen Ländern, bis jetzt auch halbe Millionäre in Deutschland einen “Appell für eine Vermögensabgabe” veröffentlichten. Dabei gab es jedoch eine zweifelhafte Verschiebung in der Intention. Dem Anliegen von Warren Buffett kann ich mich als Wirtschaftsphilosoph im Grunde nur anschließen. Es ist nicht in Ordnung, dass Reiche und Superreiche (proportional) geringer belastet werden als Normalverdiener und Wohlhabende. Das Problem haben wir in Deutschland durchaus auch. Die geringere Besteuerung von Kapitalerträgen als von Arbeitseinkommen mag sich noch erklären lassen, doch gerade Topverdiener haben hier viel Spielraum, zwischen den Einkommenskategorien zu wechseln. Vor allem sind sie jedoch von den Sozialabgaben befreit, die für Normalverdiener eine höhere Belastung darstellen als Steuern und ihre Grenzbelastung auf weit über 50 % erhöhen. Hier gäbe es also durchaus sinnvollen Reformbedarf.

Der deutsche Appell will jedoch etwas ganz anderes. Es soll eine “Vermögensabgabe in Höhe von jeweils 5 Prozent” über zwei Jahre erhoben werden und sie “sollte danach in eine Vermögensteuer in Höhe von mindestens 1 Prozent überführt werden.” „Die Vermögensabgabe soll […] gezielt in den ökologischen Umbau der Wirtschaft, in Personal für Bildungs-, Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen sowie in die Erhöhung von Transfereinkommen investiert werden.“ „Mit der Krise ergibt sich die Chance für eine Wende zu einer anderen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.“ Dafür kann man natürlich sein, doch es ist etwas ganz anderes als die Forderung nach einem in sich fairen Steuersystem, bei dem die Aussetzung der Vermögensteuer wohl kaum das größte Problem ist, zumal es sich um eine Substanzsteuer handelt, bei der der Staat auch noch an rein nominal höheren Bewertungen verdienen würde.

Die FDP bzw. Volker Wissing meint zu dem Appell: “Statt Vermögensabgabe lieber Spende an den Staat”. Das wäre echte, freiwillige Solidarität, der sich andere natürlich entziehen könnten. Doch mir scheint es ohnehin seltsam, dass reichen oder auch nur wohlhabenden Menschen keine bessere Geldverwendung einfallen will, als ihr Geld dem Staat zu geben, sei es nun ganz freiwillig als Spende oder in Form einer selbst geforderten Steuer. Der Grenznutzen des privaten Konsums ist fallend und auch die Vermögensanhäufung um ihrer selbst willen ist nur begrenzt sinnvoll. Doch man könnte das Geld z. B. für gemeinnützige Zwecke spenden oder zumindest an Non-Profit Organisationen (NPOs) vererben. Eine Millionen im allgemeinen Staatshaushalt ist fast nichts (zumal damit eher Banken gerettet als die Ziele der Appellierenden befördert werden), doch konkrete soziale oder ökologische Projekte können damit stark unterstützt werden. Hier kommt es auch nicht einfach auf die Summen an, sondern vor allem auf deren wirtschaftlichen, d. h. effektiven und effizienten Einsatz. Denn Wirtschaftlichkeit ist kein rein kommerzielles Prinzip, so wie Freiheit nicht nur für Egoisten wertvoll ist. Auch hierbei ist übrigens Warren Buffett den hiesigen Vermögenden weit voraus. So wird er nicht nur den Großteil seines Vermögens der Bill & Melinda Gates Foundation vererben, sondern er überredete auch viele andere Milliardäre zu ähnlichen Zusagen.

Insolvenzgefahren für den Finanzsektor

Grundsätzlich bin ich dafür, dass nicht nur natürliche Personen und normale Unternehmen, sondern auch Staaten und Banken Insolvenz anmelden können. Das habe ich oft genug betont, am deutlichsten wohl unter “Wann ist ein Schuldenschnitt gut für alle Beteiligten?” Doch zumindest eine noch offene Frage waren die Auswirkungen auf den Finanzsektor. Sind Staaten und Banken z. B. einfach “too big to fail”, so dass man ihre Insolvenz nicht riskieren darf?

Größe ist offensichtlich nicht das Problem. Die Summe aller Verbindlichkeiten auf der Welt entspricht exakt der Summe aller Forderungen. Wenn man alle zugleich streichen würde, wäre niemand insolvent! Einige wären reicher, andere ärmer, doch das ist eine reine Umverteilung, deren reale Folgen vielleicht sogar zu begrüßen wären. Auch Banken wären dann nicht insolvent, allerdings ziemlich unnütz, da ihre Bilanzen als Finanzintermediäre radikal verkürzt würden. Sie leben vom Leihen und Verleihen und würden ohne Kredite nicht gebraucht. Danach könnten sie natürlich versuchen, neue Kredite zu vergeben (was dann tendenziell leichter wäre) und erneut Kundengelder einzusammeln. Letzteres wäre jedoch viel schwieriger bis unmöglich, da das Vertrauen in die Rückzahlung der Bankeinlagen massiv erschüttert wäre. Dagegen kann sich eine Bank nicht einfach dadurch schützen, dass sie ihre alten Verbindlichkeiten trotz des globalen Schuldenerlasses freiwillig bedient. In diesem (natürlich völlig unrealistischen) Szenario verlieren die Banken all ihre Foderungen, so dass sie nicht mehr viel zum Begleichen von Verbindlichkeiten hätten.

Übertragen wir das auf das realistischere Szenario, dass z. B. ein Land wie Griechenland insolvent wird und seine Schulden nicht mehr bedient. Ob dies vollständig geschieht oder nur zu einem substanziellen Teil oder für eine längere Zeit, macht nur einen graduellen Unterschied (ein winziger Ausfall von nur einem Prozent würde dagegen vermutlich keine Bank in ernsthafte Schwierigkeiten bringen). Jedenfalls hat dann eine Bank, die eine größere Position griechischer Staatsanleihen hält, ein echtes Problem. Denn der Wert ihrer Forderungen bzw. Aktiva reduziert sich entsprechend, während die eigenen Verbindlichkeiten bzw. Passiva unverändert bleiben – zumindest bis sie selbst Insolvenz anmeldet. Dasselbe gilt, wenn eine Bank gar nicht selbst griechische Anleihen besitzt, dafür aber ihre Schuldner, die deshalb ihre Kredite nicht mehr bedienen können. Nun geben sich die Banken untereinander wechselseitig viel Kredit, so dass es schnell zu Ansteckungseffekten kommen kann. Wenn eine größere Bank insolvent geht, kann sie viele andere mit sich reißen. Dies liegt jedoch weniger an ihrer Größe, sondern an den ausgeprägten Kreditverflechtungen. Banken sind also vielleicht “too interconnected to fail” (wobei das normativ gemeint ist, während rein faktisch ohne Hilfe eher “too interconnected not to fail” gilt).

Was ist die Lösung? Müssen deshalb Staats- und Bankpleiten um jeden Preis durch Rettungsmaßnahmen noch solventer Staaten verhindert werden? Wäre umgekehrt das obige Szenario eines kompletten Erlasses aller Schulden besser (durch die es ebenfalls zu keinen Insolvenzen kommt)? Die Rettungsmaßnahmen lösen das Schuldenproblem jedoch nicht, sondern verlagern es nur räumlich und zeitlich. Der komplette Schuldenerlass ist vielleicht wirklich zu radikal (aber aus meiner Sicht trotzdem überlegenswert und schon in der Bibel alle ‘Jubeljahre’ vorgesehen). Ohne diese Optionen gibt es jedoch nicht mehr ‘die’ Lösung, sondern nur noch viele kleine Schritte zur Entschärfung der Problematik.

Von daher  war die Bankenrettung 2008 in der akuten Gefahr eines Zusammenbruchs des gesamten Finanzsektors vielleicht gar nicht falsch. Idealerweise hätte man es jedoch gar nicht erst zu einer solchen Situation kommen lassen, während seither viel zu wenig getan wurde, um eine Wiederholung zu vermeiden. Es kommt darauf an, die zu starken Verbindungen und Ansteckungseffekte zu reduzieren, sowohl zwischen Banken (und Staaten) als auch innerhalb der Banken zwischen schutzwürdigen und weniger schützenswerten Teilen. Es gibt dazu eine ganze Reihe von Möglichkeiten (die vielleicht einmal genauer besprochen werden sollten), z. B. höhere Eigenkapitalanteile (eine Bank ohne Fremdkapital könnte offensichtlich nicht pleite gehen, wäre aber auch nicht so richtig sinnvoll), nachrangiges Fremdkapital mit Umwandlungsoption in Eigenkapital, spezielle Insolvenzverfahren für Banken (von denen z. B. Kleinsparer oder Kreditnehmer ausgenommen werden), eine Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken, stärkere Haftung von Bankmanagern, keine Bevorzugung von Staatsanleihen (diese sind nicht wirklich sicher und vielleicht ohnehin nichts für Banken im Gegensatz zu Privatanlegern oder Pensionsfonds), das Verbot besonders riskanter Finanzmarktgeschäfte ohne erkennbaren realwirtschaftlichen Nutzen, Rettungsmaßnahmen nur gegen Gegenleistungen bis hin zur Verstaatlichung etc.

Mögliche Einstellungen zu Insolvenz und Sparen

“Hat die Linke doch recht?” Die Diskussion geht weiter, nun eher von linker Seite. So erklärt Mark Schieritz, “Warum Frank Schirrmacher immer noch kein Linker ist”. Kantoos kontert “als links-lastiger Ökonom”, “Warum Mark Schieritz kein Linker ist”. Die einzelnen Argumente finde ich lesenswert, die neue Richtung der Gesamtdiskussion, weg von den realen wirtschaftlichen und politischen Fragen, hin zum Labeling, was ‘links’ und ‘rechts’ heute noch bedeuten, eher nicht.

Ich möchte an einem erklärtermaßen vereinfachten Beispiel (es ist für einen Blog schon kompliziert genug und unten folgt ein Ausblick auf Erweiterungen) zeigen, wie in der aktuellen Krise ‘rechts’ und ‘links’ weder als Bezeichnungen passen noch als Kategorien ausreichen. Darüber hinaus soll das Beispiel verdeutlichen, dass es immer Alternativen gibt und die Entscheidung zwischen ihnen nicht so simpel ist, wie häufig suggeriert wird.

Für mein Beispiel greife ich zwei wichtige politische Fragen heraus und reduziere diese auf zwei mögliche Zustände (‘ja’ und ‘nein’). Erstens geht es um die Frage nach einer möglichen Insolvenz von Staaten oder auch Banken. Kantoos tut die ganze Frage mit einem Satz ab: “ich denke auch ein Schirrmacher oder Moore akzeptieren, dass man in Finanzkrisen – auf welche die Politik nicht im Geringsten vorbereitet war – als Staat nicht einfach ungeeignete Insolvenzverfahren walten lassen sollte.” Ob das die Position von Schirrmacher oder Moore richtig wiedergibt, möchte ich bezweifeln. Schieritz ist jedenfalls auch gegen Insolvenz (“Wer Pleite Banken einfach Pleite gehen lässt, der kommt bei 1933 raus.”), während ich mit meiner Befürwortung (natürlich sollen nicht immer alle insolvent gehen, doch wer es bereits ist wie z. B. Griechenland, sollte dies besser offen erklären) sicher nicht allein stehe. Der Zusammenhang zwischen “Freiheit und Insolvenz” bzw. Haftung ist jedenfalls ein, um mit Schieritz zu sprechen, “in konservativen und rechten Kreisen oft anzutreffender Topos”. Ob ‘rechts’ hier wirklich die richtige Bezeichnung ist, führt in die eher langweilige Label-Diskussion. (Meiner Ansicht nach haben wir in Deutschland kaum noch eine ‘richtige’, nationalistische ‘Rechte’, die wie die größtenteils auch nicht mehr kommunistische ‘Linke’ für viel Staatswirtschaft etc. wäre, so dass nun dezidiert marktwirtschaftliche und liberale Positionen als ‘rechts’ erscheinen.)

Gäbe es nur diese eine Frage, würde eine dichotome Unterscheidung zur Positionsbestimmung vermutlich ausreichen: Wer Insolvenzen auch von Staaten, Banken und Großkonzernen zulässt, ist ‘rechts’ (positiv gewendet für Verantwortung, negativ ausgedrückt hart und grausam), wer sie um jeden Preis verhindern will, ist ‘links’ (und damit je nach Standpunkt risikovermeidend und sozial oder Schulden sozialisierend und vermehrend).

Nun gibt es bereits in meinem kleinen Beispiel noch eine zweite Frage, nämlich die nach dem kollektiven bzw. staatlichen Sparen. Man kann die gegenwärtige Krise lösen und den hohen Schuldenstand dadurch abtragen wollen, dass man seine Ausgaben stark reduziert (und zugleich die Einnahmen erhöht oder zumindest weniger stark einbrechen lässt). Dies scheint die ‘rechte’ Einstellung zu sein. Umgekehrt lässt sich ‘Kaputtsparen’ als genau das falsche Rezept betrachten. Die staatlichen Ausgaben sollten demnach gerade in der Krise (aber vielleicht auch sonst) eher ausgeweitet und fehlende private Nachfrage ersetzt werden, was die ‘linke’ bzw. keynesianische Position darstellt.

Bringen wir nun beide Fragen zusammen, dann wäre die durchgehend ‘rechte’ Position die, sowohl für (mögliche) Insolvenz als auch Sparen zu sein. Genauer ist Sparen die kluge Strategie zur Insolvenzvermeidung, während Verschwender mit einem harten Insolvenzverfahren bestraft werden. Wer nicht von sich aus spart, wird dazu gezwungen, was für Privatpersonen, Staaten und Banken gleichermaßen gilt bzw. gelten soll. Die durchgehend ‘linke’ Position lautet hingegen, dass Sparen genau der falsche Weg ist. Insolvenzen werden ebenso mit einer besonders brutalen Form des Sparens identifiziert, deshalb jedoch abgelehnt, zumal das Retten überschuldeter Entitäten selbst eine Form der Ausgabenpolitik ist und nötige Nachfrage schafft.

Doch schon bei den zwei hier betrachteten Fragen mit nur je zwei Antwortmöglichkeiten gibt es nicht nur hypothetisch, sondern ganz ernsthaft mehr Möglichkeiten als zwei (hier konkret vier). Was ist z. B. die gegenwärtige Politik der Bundesregierung, die von ‘links’ und ‘rechts’ abgelehnt wird? Zumindest in diesem Beispiel ist sie nicht inkonsistentes Durchwurschteln, sondern die Kombination Sparen ohne Insolvenz. Staats- und Bankinsolvenzen werden als viel zu gefährlich abgelehnt, doch gerade deshalb will man die Schulden nicht immer weiter wachsen lassen, sondern durch massive Sparprogramme reduzieren. Griechenland wird z. B. gerettet, doch nicht umsonst, sondern nur gegen harte Sparauflagen. (Warren Mosler identifiziert dies in den USA mit der vorherrschenden Position der Demokraten, die er als linker Ökonom ablehnt: “Modern Monetary Theory: The Last Progressive Left Standing”.)

Logisch gesehen gibt es noch eine vierte Möglichkeit. Vielleicht vertritt sie sonst niemand, doch wenn es nur diese zwei Fragen mit dichotomen Antwortmöglichkeiten gäbe, wäre ich definitiv für Insolvenz ohne Sparen. Mit dem Gegenteil von Sparen ist dabei natürlich nicht reine Verschwendung gemeint, sondern es geht um möglichst sinnvolle staatliche Ausgaben, im Idealfall echte Investitionen mit einer Rendite über dem Zinssatz. Jedenfalls sollten gerade in einer Krise die Staatsausgaben nicht prozyklisch reduziert werden. Insolvenzen sind ihrerseits nicht aktiv anzustreben, aber manchmal unvermeidlich und ein besseres Mittel zur Schuldenreduktion als ‘Kaputtsparen’. Im Idealfall führt die Insolvenz real nur zu einer Umverteilung (von tendenziell reicheren Gläubigern zu ärmeren Schuldnern), während nominal ohnehin nur uneinbringbare Forderungen gestrichen werden. Falsches Sparen belastet hingegen die Realwirtschaft und verringert den Wohlstand für alle. Ist diese Position nun ‘links’ oder ‘rechts’? Vermutlich wird sie von beiden Seiten abgelehnt, wobei in Einzelfragen Kompromisse möglich sind. Zugleich ist sie am weitesten von der aktuellen Politik entfernt, mit der die anderen Positionen jeweils wenigstens ein Teilziel gemeinsam haben.

Abschließend ist darauf hinzuweisen, dass sich das Beispiel um weitere wirtschaftspolitische Gebiete oder auch Abstufungen in den hier nur dichotomen Antworten erweitern ließe. Dies führt natürlich zu viel mehr denkbaren Kombinationen, von denen dann vielleicht nicht mehr alle konsistent vertreten werden können. Wer stramm ‘links’ (oder ‘rechts’ im hier verstandenen staatsfernen Sinne) ist, hat natürlich immer eine Antwort, z. B. pro (bzw. contra) Inflation und Steuern sowie Umverteilung und Regulierung. Dabei wären vielleicht andere Antworten bzw. Antwortkombinationen besser, wenngleich es zur Klärung dessen wiederum an einem übergeordneten Maßstab fehlen könnte.