Es ist mal wieder ein teurer Euro-Gipfel vorbei. Richtig glücklich machen die Ergebnisse wohl niemanden, doch umgekehrt ist auch für jeden etwas dabei. Die griechischen Schulden werden größtenteils vergemeinschaftet, aber auch die Privaten sind ein wenig beteiligt; ein offener Default wird vermieden, doch eine Mini-Umschuldung ist ebenfalls zu erkennen. Man gewinnt etwas Zeit, die jedoch vermutlich nicht genutzt wird (wofür auch?), so dass sich bereits der nächste Gipfel mit weiteren Rettungsmaßnahmen absehen lässt.
Egal, die Entscheidung ist erst einmal gefallen. Es hätte, zumindest aus ökonomischer Sicht, durchaus besser, aber auch viel schlechter laufen können. Unabhängig davon lässt sich das Gipfel-Ergebnis nicht mehr ändern (sondern höchstens irgendwann ein weiteres herbeiführen). Damit muss man es auch einmal gut sein lassen. Wahrscheinlich habe ich in letzter Zeit ohnehin zu viel zu diesem Thema gebloggt, insbesondere für einen Wirtschaftsphilosophen, der nicht tagesaktuelle Empfehlungen geben, sondern grundsätzliche Perspektiven bieten sollte. Also verallgemeinere ich hier die Erkenntnis des Tages:
Nicht nur für mich, sondern ganz allgemein dienen Entscheidungen nicht nur dem unmittelbaren Sachzweck, sondern auch der Befriedung. Herr Tischer und ich haben in einer sehr langen Diskussion unter Fehlen der intellektuellen Gegner zwei Bedeutungen von Akzeptanz herausgearbeitet. Inhaltlich ändert man kurz nach einer Entscheidung in der Regel nicht seine Meinung, sondern höchstens langfristig, wenn Erfahrungen mit den Folgen der Entscheidung vorliegen. Was ich gestern für falsch hielt, akzeptiere ich nicht plötzlich als richtig, nur weil eine Entscheidung gefallen ist. Doch ich akzeptiere die Entscheidung als solche und als eine Zäsur in der Diskussion. Gestern gab es zahlreiche Entscheidungsalternativen, heute gibt es nur noch die eine Entscheidung, während die Alternativen, zumindest vorläufig, irreal geworden sind.
Das gilt schon auf individueller Ebene. Vor einer (wichtigen) Entscheidung sollte man sich viele Gedanken machen, die Alternativen abwägen und Rat einholen. Dann trifft man die Entscheidung und hält nach Möglichkeit daran fest, zumindest solange sich nicht die Umstände grundlegend ändern oder ganz neue Evidenz auftaucht. Das hat etwas mit der Freiheit zur Freiheitsbeschränkung und Selbstbindung zu tun, gilt aber schon ohne jede echte Bindung. Wer keine Entscheidung wirklich treffen und immer alle Möglichkeiten offenhalten will, führt kein sehr glückliches Leben. Umgekehrt machen echte Entscheidungen den Kopf frei und befrieden die widerstreitenden Interessen schon innerhalb eines Individuums.
Das gilt noch stärker zwischen Individuen. In einer Demokratie, sei es auf (supra)nationaler Ebene oder im kleinsten Selbstverwaltungsgremium, wird erst diskutiert und dann abgestimmt. In der Abstimmung entscheidet die Mehrheit, doch danach schließt sich im Regelfall auch die Minderheit der Entscheidung an. Als Angehöriger der Minderheit kann und werde ich wahrscheinlich die Mehrheitsentscheidung inhaltlich immer noch für falsch oder zumindest meinen Interessen widersprechend halten, doch ich akzeptiere sie meistens (es gibt Ausnahmen) als Mehrheitsvotum, welches nun umzusetzen ist, vielleicht sogar mit meiner aktiven Unterstützung. So halte ich mich auch an Gesetze, deren Verabschiedung ich davor noch zu verhindern suchte. Man streitet vor Gericht, um dann das Urteil zu akzeptieren, auch wenn es gegen einen ausfällt. Man argumentiert vorher mit seinem Chef, um dann die von ihm getroffene Entscheidung zu akzeptieren und umzusetzen.
Wer immer weiter argumentiert, ist kein guter Mitarbeiter oder nach einer Abstimmung nicht sehr demokratisch, was im Zweifel auch nichts nutzt oder zu einer dauerhaften Spaltung (bis hin zum Bürgerkrieg) führt. Denn die Befriedungsfunktion wirkt in beide Richtungen. Wenn eine Entscheidung zu meinen Gunsten ausfällt, erwarte ich auch, dass alle anderen das akzeptieren, selbst wenn sie vorher dagegen waren und innerlich nicht völlig überzeugt wurden.
Erst mal Gratulation zum neuen Blog! Der angekündigte shutdown von wgn erweitert den Blick doch deutlich….
Zum Beitrag:
Klar, dass vieles einfach mal entschieden und dann auch umgesetzt werden muss.
Aber ist es mit der Akzeptanz wirklich so einfach? Wohl nur in einer heilen Welt: Der Chef hält sich “an die Regeln”, die Demokratie ist wirklich eine solche bzw. bricht nicht die Verfassung, der Rechtsstaat funktioniert (unabhängige Staatsanwälte?).
Was ist, wenn die ausgedachten und ursprünglich akzeptierten Regeln in entscheidenden Punkten nicht mehr durchgesetzt werden, sie sich konzeptionell als ungeeignet erweisen oder zu einer sozialen und wirtschaftlichen Situation führen, die von “der Mehrheit” nicht gewünscht ist, ohne dass es mittels Wahlzettel geändert werden kann?
Wie sollen mit Akzeptanz (auch die zweite Art) überkonzentrierte Machtpositionen und Verfilzungen zurückgedrängt werden? Die oben geschilderte Akzeptanz ist doch sehr deutsch und rückt sehr in die Nähe von Resignation (die setzt natürlich immerhin ein gewisses Bewußtsein voraus)….
Meine Ausführungen waren nicht resignativ gemeint. Man sollte sich nur überlegen, welche Schlachten man schlagen will. Die Schlachten der Vergangenheit bringen einen meist nicht weiter.