Monatsarchiv: Juni 2011

Krugman zur modernen Ökonomik

Gestern habe ich ein wirklich (im Gegensatz zur Debatte um die Targetsalden) interessantes Interview von Olaf Storbeck mit Paul Krugman (wieder)entdeckt. Es ist kurz und insgesamt lesenswert, trotzdem zitiere ich meine persönlichen Highlights. Der Nobelpreisträger Krugman sagt:

“In der 1948 erschienenen ersten Auflage des Lehrbuchs von Paul Samuelson finden Sie mehr Sinnvolles, das auf unsere Krise passt, als im Großteil der wissenschaftlichen Literatur der vergangenen zehn Jahre. Es ist kein gutes Zeichen, dass Texte, die vor 60 Jahren geschrieben wurden, besser sind als die moderne Forschung.”

“Fakt ist, dass Samuelsons Arbeiten bei ihrer Veröffentlichung extrem mathematisch erschienen und aus heutiger Sicht nicht besonders anspruchsvoll wirken. Das ist keine positive Entwicklung.”

“Wer 30 Jahre eine bestimmte Art von Forschung gemacht hat, der wird sich nicht mehr ändern. Es gibt das Sprichwort, dass sich wissenschaftlicher Fortschritt vor allem durch Beerdigungen vollzieht – also erst wenn die alte Generation abtritt, ist der Weg für neue Erkenntnisse frei. Das gilt auch in unserem Fach. Ich setze vor allem auf junge Volkswirte. Die werden sich hoffentlich fragen, ob es wirklich sinnvoll ist, so vorzugehen, wie es bislang üblich war – nämlich einfach nachzumachen, was die vorherige Generation gemacht hat, und dies mit mehr Mathematik zu versehen. Das ist nicht der richtige Weg.”

“Ein Modell hilft dabei, die Gedanken zu fokussieren. Nur muss man aufpassen, dass die formalen Methoden kein Selbstzweck werden.”

Die Kernthese ist also, dass die moderne Ökonomik inzwischen zu formalisiert ist. Mathematik hat ihren Zweck, darf aber in der Ökonomik nicht Selbstzweck sein. Dann sollte man lieber gleich reine Mathematik betreiben. Die Ökonomik braucht mehr inhaltliche Ideen. Bei deren Richtung würde ich Krugman jedoch nicht zustimmen:

“Moderne Wirtschaftswissenschaft muss auf einer realistischen Beschreibung menschlichen Verhaltens basieren – nicht wie bislang auf der Annahme, dass wir alle rational agieren.”

Verhaltensmodelle und deren empirische Überprüfung sind ein oder gar der neue Trend in der Ökonomik. Doch meiner Ansicht nach handelt es sich bei “einer realistischen Beschreibung menschlichen Verhaltens” eigentlich um eine Aufgabe für Psychologen und Soziologen, nicht für Ökonomen. Die in den Schwesterdisziplinen gewonnen Erkenntnisse können und sollen Ökonomen natürlich nutzen (wie auch Mathematik), doch es gibt spezifische ökonomische Fragen, die sich nicht darauf zurückführen lassen. Ökonomen geht es z. B. um Knappheit und Anreize, aber auch um Selektion, um Strukturen und Systeme, Märkte und Organisationen, was alles ziemlich abstrakt ist, doch nicht immer gut mathematisch formalisierbar oder auf ‘einfaches’ Verhalten reduzierbar ist.

Wogegen demonstrieren die Griechen?

Nominell demonstrieren viele Griechen, z. T. gewaltsam, gegen ihre Regierung, deren Sparprogramm und Sozialabbau. Faktisch demonstrieren sie gegen die umfangreiche ausländische Hilfe. Denn wenn auch die Staats- und Sozialausgaben umfangreich gekürzt werden, so kann von Sparen keine Rede sein. Griechenland hat immer noch ein primäres Defizit, also noch vor Zinsen oder gar Tilgungen. Die Forderung, andere Länder, insbesondere Deutschland, sollten dauerhaft für Konsum und Soziales in Griechenland aufkommen, partiell über dem Niveau der Zahlmeister, wird nicht erfüllt werden.

Von daher könnte man aus deutscher Sicht fast auf einen Erfolg der Demonstranten hoffen. Denn wenn Griechenland gegen die geplanten Reformen und die damit verknüpfte Hilfe stimmen sollte, könnten sich die hiesigen Politiker leicht aus der Affäre ziehen. Schuld wären die Griechen. Sie wären allerdings auch die größten Opfer und das Land könnte im Chaos versinken. Das wollen tatsächlich einige der Demonstranten, doch die meisten müssen wohl von ihren verantwortlichen Politikern vor der Erfüllung ihrer naiven Wünsche geschützt werden. Damit sind aber auch die hiesigen Politiker weiter in der Pflicht, im Interesse der eigenen wie der griechischen Bevölkerung intelligentere Hilfspakete zu schnüren und eine nachhaltige Umschuldung auf den Weg zu bringen.

Determinismus und einzelne Determinanten

Ich hatte hier die kompatibilistische Position vertreten, dass Willensfreiheit und Determinismus durchaus vereinbar sind. Doch was ist, wenn ich unter Hypnose ein Verbrechen begehe? Dann bin nicht ich der Verbrecher, sondern es ist der Hypnotiseur, als dessen Werkzeug ich gehandelt habe. Nach der Hypnose ist dieser zu bestrafen. Während der Hypnose und Tat könnte jedoch durchaus auch gegen mich vorgegangen werden. Ähnlich verhält es sich, wenn ich nicht unter Hypnose, sondern Drogeneinfluss handle, insbesondere wenn mir diese gegen meinen Willen oder ohne mein Wissen eingeflößt wurden.

Was ist, wenn ein Gehirntumor meine Persönlichkeit verändert und ich deshalb schlechte Taten begehe, die ich sonst nie begangen hätte? Dann bin ich (partiell) ein anderer und als solcher für meine Taten verantwortlich. Falls sich jedoch durch eine Operation der Tumor beseitigen und meine alte Persönlichkeit wiederherstellen lässt, ist das besser als Strafe. Sollte es ein ‘Verbrechergen’ geben, dann ist dessen Träger im Falle von Verbrechen durchaus für diese verantwortlich, weil das Gen Teil von ihm ist. Allerdings ist hier eine Gentherapie als Alternative zur Strafe vorstellbar, wenn sie ihn so verändert, dass er kein Verbrecher mehr ist.

Wenn wir einzelne Determinanten des Handelns identifizieren können, dann sind diese für die Beurteilung der Tat durchaus relevant. Insbesondere wenn das Verhalten einer Person durch eine andere Person gesteuert wird (durch Hypnose, Drogen, aber auch Täuschung oder Drohung), geht die Verwantwortung auf diese andere Person über. Wenn eine einzelne unpersönliche Ursachen (z. B. Tumor, Gen oder Trauma) mein Verhalten bestimmt, dann bleibt die Verantwortung erst einmal bei mir, lässt sich jedoch gegebenenfalls zusammen mit der Ursache ablösen, wenn ich ohne sie sozusagen ein anderer Mensch bin bzw. wieder der Mensch werde, der ich ohne sie war.

Normalerweise ist ein ganzes Geflecht von Ursachen kausal für meine Taten und zugleich untrennbar mit meiner Person verknüpft. Dann bin allein ich für meine Taten verantwortlich und kann sie nicht auf das Bündel an Genen, Erziehung und späteren Erfahrungen schieben, die mich als Person konstituieren. Doch auch in diesem Fall könnte eine Therapie mich hinreichend ändern und besser als Strafe sein. Das ist jedoch selbst wieder eine (empirische) Frage der Wirkung.

Freiheit zur Freiheitsbeschränkung und Selbstbindung

Zu meinem Beitrag “Pro Sterbehilfe” hat sich eine umfangreiche Diskussion zwischen Morph und Tischer ergeben, was ich sehr begrüße. Dabei stehe ich inhaltlich auf der Seite von Tischer (auch wenn es kleine, anfangs diskutierte Differenzen gibt, die jedoch gegenüber der Position von Morph nicht ins Gewicht fallen). Ganz wichtig ist auch sein Hinweis, dass es in meinem Beitrag nur um passive Sterbehilfe geht, während Morph diese sowohl mit aktiver Sterbehilfe als auch Selbsttötung ohne jede Hilfe vermengt. Beides werde ich bei Gelegenheit noch aufgreifen, doch heute geht es mir um einen grundsätzlicheren Punkt, der auch über Morphs (ebenfalls noch zu diskutierendes) ‘Lebensprinzip’ hinausgeht.

Morph schreibt: “Freiheit kann nur dauerhaft bestehen, wenn die Freiheit, Freiheit aufzugeben, ausgeschlossen wird”. Tischer stimmt dem überraschenderweise zu, meint aber zugleich, als zweite Seite derselben Medaille: “Freiheit kann nur dauerhaft bestehen, wenn die Freiheit, Freiheit aufzugeben, nicht ausgeschlossen wird.” Ich halte das nicht für zwei gleichwertige Prinzipien, sondern nur das zweite für freiheitlich und das erste für freiheitsverneinend, wenn auch paradoxerweise im Namen der Freiheit.

Freiheit wird hier verstanden im Sinne von Handlungsfreiheit. Außerdem ist nur das Aufheben der je eigenen Freiheit zu diskutieren, das Aufheben der Freiheit von anderen ist selbstverständlich auszuschließen. Das erledigt einige der Beispiele von Morph. Die härteste Nuss bleibt wohl die ‘Selbstversklavung’, deren Diskussion ich auch auf ein anderes Mal verschieben möchte. Schwächere Formen davon sind jedoch der Arbeitsvertrag (freiwilllige Unterordnung unter den Willen des Arbeitsgebers, wenn auch zeitlich und sachlich begrenzt) oder die Ehe. Der eigene Tod, ob mit oder ohne fremde Hilfe, verhindert zukünftige freie Entscheidungen (aber auch zukünftige Unfreiheit, da Tote weder frei noch unfrei sind). Viele Alltagsentscheidungen bringen mich dem Tod ein wenig näher, z. B. Rauchen, fette Speisen, Autofahren oder einfach Bewegungsmanagel. Zigaretten, Alkohol und andere Drogen können süchtig machen und damit meinen zukünftigen Entscheidungsspielraum einschränken. Wenn ich mein Vermögen verschenke, reduziere ich vielleicht nicht meine Freiheit, aber viele zukünftige Entscheidungsmöglichkeiten, was damit graduell für jede Ausgabe und sogar unterlassene Einnahme gilt.

Zusammenfassend führt jede (echte) Entscheidung dazu, dass sich meine Möglichkeiten verändern. Dadurch kann sich meine Freiheit vergrößern oder verkleinern. Doch wenn ich immer den Weg der Vergrößerung wählen muss, dann habe ich kaum noch eine Wahl. Über den Erhalt und Ausbau des Freiheitspotentials geht meine Freiheit verloren. Es ist wie das Zwangsansparen eines materiellen Vermögens, welches nicht genutzt werden darf. Deshalb gilt: “Freiheit kann nur bestehen, wenn die Freiheit, Freiheit aufzugeben, nicht ausgeschlossen wird.”

Gelöscht habe ich hier den Ausdruck “dauerhaft”. Denn ich habe die Freiheit, sowohl auf Freiheit als auch auf Leben und Dauer zu verzichten. Letztlich geht es dabei um die Freiheit zur Selbstbindung (sei diese direkt gewollt oder Konsequenz des Gewollten). Wird mir diese genommen, bin ich viel weniger frei als mit der Möglichkeit zur Selbstbindung, auch wenn ich durch diese Bindung meine Freiheit einschränken kann und danach gebunden und weniger frei bin. Ein interessanter Fall, der in unserer Rechtsordnung wohl zu wenig Gewicht hat, ist dabei die spezielle Selbstbindung pro Freiheit. Es sollte also auch möglich sein, sich verbindlich gegen zukünftige, die Freiheit einschränkende Selbstbindungen auszusprechen.

Fatalistischer Fehlschluss

Das Thema Willensfreiheit ist noch nicht ausdiskutiert. Zum Teil wird ein Zusammenhang zwischen Determinismus und Fatalismus gesehen: Wenn mein Wille determiniert ist, dann kommt es auf ihn nicht mehr an. Egal, was ich will oder tue, es steht ohnehin schon fest, was passiert.

Das ist offensichtlich falsch und ich will es ‘fatalistischen Fehlschluss’ nennen. Mein Wollen und Tun sind Glieder in Kausalketten. Wenn sie anders wären, würde (in vielen Fällen) etwas anderes passieren. Die Frage ist höchstens, ob sie anders hätten sein können (bzw. was diese kontrafaktische Annahme bedeutet). Doch dabei kommt es auf alle Motive und Gründe an. Wer den fatalistischen Fehlschluss zieht, handelt gegebenenfalls anders, als er bei Durchschauen desselben gehandelt hätte. Ex post könnten Sie einwenden, dass Sie auch das nicht vermeiden konnten, doch ex ante ist das keine überzeugende Ausrede.

Nehmen wir an, Sie können zwischen A und B entscheiden, wobei aus A C folgt und aus B D. Sie können sich z. B. vor einer Klausur anstrengen (A) oder bummeln (B), woraufhin Sie die ‘Clausur’ bestehen (C) bzw. durchfallen (D). Wenn Sie in dem einfachen Beispiel C wollen, müssen Sie A tun. Es kommt dabei überhaupt nicht darauf an, warum Sie C wollen, also ob es determiniert ist, z. B. durch Ihre Gene, Ihre Erziehung, Angst vor den Konsequenzen oder reine Vernunft, oder auch nicht determiniert ist, sondern sich zufällig so ergeben hat oder Ihrem völlig losgelösten, ‘absoluten’ Willen entspringt. Entscheidend ist hier allein die deterministische Verknüpfung von A mit C sowie B mit D.

Glauben Sie fatalistisch, dass es auf Ihre Entscheidung und Ihr Zutun gar nicht ankommt, dann müssen Sie trotzdem (annahmegemäß) A tun, um C zu erreichen. Wählen Sie hingegen B, weil das Ergebnis ohnehin feststehen würde und Sie sich deshalb jede Anstrengung sparen könnten, dann steht das Ergebnis tatsächlich fest, nämlich D.

Gerade wenn die Welt deterministisch ist, kommt es auf unser Wollen und Tun an. Dass diese dann ihrerseits determiniert sind, nimmt uns die Mühen des Entscheidens und Handelns keineswegs ab. Alles andere wäre ein fatalistischer Fehlschluss.

Drei interessante Nebengedanken mögen diesen Beitrag beschließen: a) Fatalismus muss nicht in Faulheit enden, sondern kann auch zu besonderen Risiken verleiten (z. B. bei islamischen Glaubenskriegern), was jedoch ebenso auf einem fatalistischen Fehlschluss beruht. b) Es kommt gar nicht auf den Determinismus an. Reiner Zufall kann auch zum Fatalismus führen. Selbst ein ‘logischer Fatalismus’ ist möglich (Aussagen über Ereignisse in der Zukunft sind danach wahr, damit aber auch schon jetzt  – was z. T. bestritten wird, mir jedoch unproblematisch erscheint, solange der fatalistische Fehlschluss vermieden wird). c) Fatalismus ist dann gerechtfertigt, wenn das Ergebnis unabhängig von unseren Entscheidungen und Handlungen ohnehin feststeht, also im Beispiel sowohl auf A als auch B D folgt. Denn dann haben wir gar nichts zu entscheiden und sind unsere Handlungen irrelevant (was für viele Ereignisse tatsächlich zutrifft, denn wir sind nicht allmächtig, allerdings auch nicht völlig ohnmächtig).