Gestern habe ich ein wirklich (im Gegensatz zur Debatte um die Targetsalden) interessantes Interview von Olaf Storbeck mit Paul Krugman (wieder)entdeckt. Es ist kurz und insgesamt lesenswert, trotzdem zitiere ich meine persönlichen Highlights. Der Nobelpreisträger Krugman sagt:
“In der 1948 erschienenen ersten Auflage des Lehrbuchs von Paul Samuelson finden Sie mehr Sinnvolles, das auf unsere Krise passt, als im Großteil der wissenschaftlichen Literatur der vergangenen zehn Jahre. Es ist kein gutes Zeichen, dass Texte, die vor 60 Jahren geschrieben wurden, besser sind als die moderne Forschung.”
“Fakt ist, dass Samuelsons Arbeiten bei ihrer Veröffentlichung extrem mathematisch erschienen und aus heutiger Sicht nicht besonders anspruchsvoll wirken. Das ist keine positive Entwicklung.”
“Wer 30 Jahre eine bestimmte Art von Forschung gemacht hat, der wird sich nicht mehr ändern. Es gibt das Sprichwort, dass sich wissenschaftlicher Fortschritt vor allem durch Beerdigungen vollzieht – also erst wenn die alte Generation abtritt, ist der Weg für neue Erkenntnisse frei. Das gilt auch in unserem Fach. Ich setze vor allem auf junge Volkswirte. Die werden sich hoffentlich fragen, ob es wirklich sinnvoll ist, so vorzugehen, wie es bislang üblich war – nämlich einfach nachzumachen, was die vorherige Generation gemacht hat, und dies mit mehr Mathematik zu versehen. Das ist nicht der richtige Weg.”
“Ein Modell hilft dabei, die Gedanken zu fokussieren. Nur muss man aufpassen, dass die formalen Methoden kein Selbstzweck werden.”
Die Kernthese ist also, dass die moderne Ökonomik inzwischen zu formalisiert ist. Mathematik hat ihren Zweck, darf aber in der Ökonomik nicht Selbstzweck sein. Dann sollte man lieber gleich reine Mathematik betreiben. Die Ökonomik braucht mehr inhaltliche Ideen. Bei deren Richtung würde ich Krugman jedoch nicht zustimmen:
“Moderne Wirtschaftswissenschaft muss auf einer realistischen Beschreibung menschlichen Verhaltens basieren – nicht wie bislang auf der Annahme, dass wir alle rational agieren.”
Verhaltensmodelle und deren empirische Überprüfung sind ein oder gar der neue Trend in der Ökonomik. Doch meiner Ansicht nach handelt es sich bei “einer realistischen Beschreibung menschlichen Verhaltens” eigentlich um eine Aufgabe für Psychologen und Soziologen, nicht für Ökonomen. Die in den Schwesterdisziplinen gewonnen Erkenntnisse können und sollen Ökonomen natürlich nutzen (wie auch Mathematik), doch es gibt spezifische ökonomische Fragen, die sich nicht darauf zurückführen lassen. Ökonomen geht es z. B. um Knappheit und Anreize, aber auch um Selektion, um Strukturen und Systeme, Märkte und Organisationen, was alles ziemlich abstrakt ist, doch nicht immer gut mathematisch formalisierbar oder auf ‘einfaches’ Verhalten reduzierbar ist.